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EIN BLINDER HELD – DIE LIEBE DES OTTO WEIDT (1) – Fortsetzungsnovelle von Ottmar Holdersen, Martina und Marianna Müller

EIN BLINDER HELD – DIE LIEBE DES OTTO WEIDT (1)

Eine Novelle in Fortsetzung

von

Ottmar Holdersen, Martina und Marianna Müller

Nach dem Drehbuch von Heike Brückner von Grumbkow und Jochen von Grumbkow

Mit freundlicher Genehmigung. Erzählt von  Inge Deutschkron

Zwischen den Holzplanken des fahrenden, geschlossenen Güterzugs schiebt die jungen Frau die Postkarte hindurch, in der Hoffnung, dass sie jemand findet und in einen Briefkasten der Reichspost einwirft. Tatsächlich findet ein junger Soldat, der mit Rucksack auf seinem Fahrrad unterwegs ist, die Karte und wirft sie in den nächsten Postkasten.

Als die Karte seinen Empfänger erreicht, beschließt dieser, der Versenderin nach Auschwitz zu folgen, dort würde man sie hinbringen …

BERLIN
Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt

Ich war ein sehr behütetes Kind und hatte mit Blinden und Taubstummen kaum Kontakt gehabt …

INGE DEUTSCHKRON
arbeitete 1941 – 1943 bei Otto Weidt

Ich bin sehr zögerlich dahingegangen. Ich war 19 Jahre alt. Wenn treffe ich da? Ich hatte immer das Gefühl, er guckt mich durchdringend an. Seine Augen … Er hatte sehr blaue Augen. Ich habe das überhaupt nicht gemerkt, dass er blind ist …

BLINDENWERKSTATT 1941

„Das soll ein Besen sein? Das ist doch Ausschuss, total verschnitten. Materialverschwendung …“  Dabei wirft er die Besenbürste aus der Hand, die klappernd auf dem Tisch landet. Dann staucht er seinen Mitarbeiter zusammen: „Jetzt reiß dich mal zusammen …“

Der NSDAP-Beamte fragt daraufhin einen seiner untergebenen, die alle in langen dunklen Ledermänteln und Schwarzem Hüten herumlaufen: „Wer ist das?“

Doch stattdessen antwortet der Leiter der Blindenwerkstatt, Otto Weidt: „Horn. Halm Israel Horn, kennen Sie vom letzten Mal, ist eigentlich ein guter Mann …“

Darauf antwortet der Beamte: „Ich weiß, dass Sie immer noch die Hoffnung haben, dass aus Ihren Juden irgendwann brauchbare Arbeiter werden …“

Otto Weidt: „Wenn ich schon nicht an die Front kann, sollen die Kameraden an der Front wenigstens einwandfreies Material kriegen …“

Offenbar besänftigt verlässt der Beamte die Werkstatt und erinnert Otto Weidt noch einmal daran, dass er für seine nächste Feier noch Einiges an Spirituosen benötigen würde.

Als die Männer die Werkstatt verlassen haben, spricht ihn eine junge Frau an: „Sind Sie Herr Weidt?“

Er antwortet. „Wer ist da?“

Sie kommt auf ihn zu: „Ich soll mich hier vorstellen, mein Name ist Alice Licht …“

Er bittet Sie ihm zu folgen.

Sie war vier Jahre älter als ich. Ich war Neunzehn und sie war Dreiundzwanzig. Wir lernten uns schon kennen in der Fabrik, in die wir geschickt worden waren, IG Farben. Und dann fanden wir uns wieder bei Otto Weidt.

Der Leiter der Blindenwerkstatt führt die junge Frau in sein Büro und bittet sie vor seinem Schreibtisch platz zu nehmen: „Sie suchen also Arbeit?“

„Ja.“

„Hat das Arbeitsamt für Juden Sie hergeschickt?“

„Nein, Frau Brukovnik von der Jüdischen Gemeinde hat mich hergeschickt. Sie meinte, Sie könnten vielleicht etwas für mich tun. Ich habe eine Ausbildung gemacht als Sekretärin.“

„Hhmm, als Sekretärin darf ich sie leider nicht einstellen …“

„Zuletzt war ich bei der AZETTA. In der Spinnerei von Fallschirmseide.“

Als Otto Weidt zufällig ein Glas vor ihm auf seinem Schreibtisch umwirft, springt sie auf und ergreift das Glas und auch seine Hand und streicht darüber. Worauf Weidt meint: “Musikerhände?“ Jetzt ergreift er ihre Hand und fragt Sie: „Haben Sie Klavier gespielt?“

„Früher einmal. Jetzt haben wir keins mehr.“

Nachdem Alice für sie beide Wasser eingeschenkt hat und sie trinken, fragt er sie: „Und warum hat die AZETTA Sie gehen lassen?“

Sie druckst ein wenig herum und meint dann halb lächelnd: „Magengeschwür.“

Otto antwort daraufhin lapidar: „Wer hat das heutzutage nicht?“

(wird fortgesetzt!)

-ENDE-

Copyright (C) 2015 by Martina und Marianna Müller und Ottmar Holdersen (Nach dem Drehbuch von Heike Brückner von Grumbkow und Jochen von Grumbkow. Mit freundlicher Genehmigung. Erzählt von Inge Deutschkron)

Bildrechte: “Paradigmenwechsel – Storys vom Anderssein und neuen Sichtweisen” (Zeichnung-Paradigmenwechsel-684×1024.jpg) © 2014 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

Bildrechte: “Alltagsgeschichten (en gros)” (Alltag3.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

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BUCHTIPP DES ROMANS VON INGE DEUTSCHKORN:

Blindenwerkstatt Otto Weidt (Kartoniert)
Ein Ort der Menschlichkeit im Dritten Reich
von Deutschkron, Inge

.
Verlag:  Butzon U. Bercker GmbH
Medium:  Buch
Seiten:  96
Format:  Kartoniert
Sprache:  Deutsch
Sonstiges:  ab 12 J.
Maße:  182 x 120 mm
Gewicht:  141 g
ISBN-10:  3766612220
ISBN-13:  9783766612229

Beschreibung
Anfang der 1940er Jahre eröffnete der Kleinfabrikant Otto Weidt eine Besen- und Bürstenbinderei,
in der er überwiegend blinde und gehörlose Juden beschäftigte. In den unmenschlichen Zeiten des Nazi-Regimes war auch diese Zuflucht ständig bedroht, doch immer wieder gelang es Papa Weidt, Mitarbeiter vor Verfolgung und Deportation zu schützen. Einer seiner Schützlinge war Inge Deutschkron, die hier noch einmal für jugendliche Leser von ihrer Begegnung mit Otto Weidt und von anderen jüdischen Schicksalen erzählt.

Autoren
Inge Deutschkron, geboren 1922 in Finsterwalde, ist Journalistin. Sie erwarb 1966 die israelische Staatsbürgerschaft und lebt seit 1972 abwechselnd in Israel und Deutschland. 1994 wurde sie mit dem Moses-Mendelssohn-Preis ausgezeichnet und 2008 mit dem Carl-von-Ossietzky-Preis für Zeitgeschichte und Politik.
Lukas Ruegenberg, geb. in Berlin, war Schüler von Karl Schmidt- Rottluff und studierte Kirchenmalerei. Er ist Ordensbruder der Benediktinerabtei Maria Laach. Neben seiner Tätigkeit als Künstler und Bilderbuchillustrator ist er auch sehr aktiv in der Sozialarbeit.

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