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DSCHIHEADS – Leseprobe (Teil 2) aus dem gleichnamigen Science Fiction Roman von Wolfgang Jeschke

DSCHIHEADS

Leseprobe (Teil 2)

aus dem gleichnamigen Science Fiction Roman

von

Wolfgang Jeschke

(Zum 1. Teil)

»Ich … äh … wusste nicht …«

»Ja?«

»Nun, es ist das erste Mal, dass ich einen Flottenoffizier mit Vollbart und Pferdeschwanz sehe.«

Der Pilot gab keine Antwort. Er wandte sich wieder seinen Instrumenten zu.

Ailif starrte auf das dünne braune Schwänzchen, in dem das schüttere Haupthaar zusammengefasst war; es baumelte über den Stehkragen des hellblauen Flottenoveralls herab. Er öffnete den Mund und wollte offenbar noch etwas sagen, aber Maurya stieß ihn mit dem Ellbogen in die Seite und zischte: »Ailif, hör endlich auf! Lass ihn in Ruhe!«

Ailif hob beide Hände und sagte mit gedämpfter Stimme: »Oh, ich sehe das Grün in deinen Augen blitzen. Ich sag ja schon nichts mehr, meine Liebe, aber …«

»Lass gut sein, bitte.«

Ailif ließ missbilligend grunzend die Hände sinken. Eine Feuerechse schob sich gemächlich aus seiner Manschette und kroch auf den Handrücken. Maurya runzelte die Stirn und deutete mit einem Kopfnicken darauf.

»Verschwinde!«, knurrte er, schloss die Augen und atmete tief durch. Die Echse zog sich zögernd zurück und verschwand wieder im Ärmel.

Der Pilot gab Steuerkommandos ein. Die Gyros setzten sich leise surrend in Bewegung, das Shuttle löste sich aus der Andockbucht der Station und fiel langsam hinter sie zurück. Die Gyros drehten es in den gewünschten Eintrittswinkel.

»Könnten Sie die Schwerkraft an Bord etwas erhöhen, Leutnant?«

»Tut mir leid, Sir. In dieser Phase nicht mehr. Ich habe die Startsequenz eingeleitet.«

Als das Shuttle den Sicherheitsabstand erreicht hatte, zündete der Pilot für zwei Minuten das Triebwerk, und sie gingen auf Abstiegskurs. Die Sonne wanderte über das Kabinenfenster. Obwohl sich die Scheiben automatisch abdunkelten, stach ihr Lichtschein durch das Glas wie ein Schweißbrenner. Dann ging sie unter. Sie sanken in die nächtliche Dunkelheit hinein.

»Zu essen gibt es hier wohl nichts an Bord. Die Orbitalstation war sehr zurückhaltend, was einen Imbiss betrifft.«

»Es ist besser, Sie nehmen nichts zu sich, bis wir unten sind, Professor.«

»Und wie lange dauert das?«

»Von jetzt an noch zweiundfünfzig Minuten. Ich hoffe, Sie halten das aus.«

Nach zwanzig Minuten hatten sie die obersten Atmosphäreschichten erreicht, und kurz darauf waren sie in einen Mantel aus fließendem Feuer gehüllt.

Als das Aerobraking beendet war, steuerte der Pilot einen Polarkurs an. Sie überquerten den Südpol, und bald darauf stiegen rechts die Sicheln dreier Monde über dem östlichen Horizont auf. Unter ihnen erstreckten sich mächtige Wolkenlandschaften, aus denen Türme emporwuchsen, getaucht in kaltes Licht. Zuweilen waren in den Wolkenlücken steile Felszacken zu erkennen. Das Eis an ihren fast senkrechten Flanken glitzerte fahl wie die Reißzähne im Unterkiefer eines gewaltigen Raubtiers.

»Die Gipfel des Marunga-Massivs«, sagte Maurya.

»Fast vierzehntausend Meter hoch.«

Ailif nickte. Das Shuttle wurde jetzt von Turbulenzen geschüttelt, hochgehoben und wieder fallen gelassen.

Zehn Minuten später ging die Sonne auf.

Der Pilot hatte auf Automatik geschaltet – sie überflogen eine geschlossene graue Wolkendecke, die sich nun zunehmend aufhellte.

»Das Haar«, sagte der Pilot und deutete nach unten.

»Das was?«, fragte Ailif. »Meinen Sie Ihren Rauschebart?«

Leutnant Geddes ließ sich zu keiner Antwort herab.

Maurya sah zu Ailif und hob fragend die Schultern.

»Sie sind also beide Professoren«, sagte der Pilot nach einer Weile.

»Ja. Für Exobiologie und nichtmenschliche Zivilisationen «, erklärte Maurya sachlich.

»Nichtmenschliche Zivilisationen? Und Sie meinen, hier auf Paradise so etwas zu finden?«

»Allerdings«, erwiderte Ailif.

»Lächerlich. Und dafür sind Sie fünfhundert Millionen Kilometer weit geflogen?«

»Nun, Leutnant, das zu beurteilen dürfen Sie getrost uns überlassen«, schnaubte Ailif.

»Hat die Flotte Sie beauftragt?«

»Ja. Aber ich wüsste nicht, was Sie das angeht.«

Der Pilot zuckte mit den Achseln. »Das muss der verrückte Commander gewesen sein, der Sie angefordert hat.«

»Der verrückte Commander? Ist das Ihr Vorgesetzter?«

»Gott sei Dank nicht mehr.«

Sie flogen genau Richtung Süden. Die Sonne brannte aus einem fast schwarzen Himmel. Dann tauchte vor ihnen eine weite grau-gelbe Fläche auf, die sich wie ein Schild vom westlichen zum östlichen Horizont wölbte: der Glast, das riesige Sandmeer des Kontinents. Plötzlich endeten die Wolken wie mit einem Skalpell abgeschnitten, und unter der Kante strömte der mächtige Ontos hervor. Sein Tal erstreckte sich wie ein Meridian in Nord-Süd-Richtung durch die Wüste, teilte den Kontinent in zwei Hälften, bevor er weit im Süden, jenseits des breit gefächerten Deltas, ins polare Eismeer mündete. Entlang dieser Bruchlinie würde sich in den nächsten Jahrmillionen der Superkontinent von Hot Edge teilen und sich dem Meer öffnen, das schon jetzt bei Springfluten tief ins Delta strömte und den Fluss bis zu fünfhundert Kilometer weit zurückstaute.

Eine Viertelstunde später hatten sie den Äquator überquert, aber nirgends war ein Ende des Glast abzusehen.

Das Shuttle folgte der grünen Schnur des Flusses und ging tiefer, obwohl weit und breit keine Spuren von Ansiedlungen auszumachen waren. Am westlichen Horizont war Rauch zu sehen.

»Die Ölfelder von Tarkut«, erklärte der Pilot knapp.

»Dann muss früher hier ein Kontinentalsockel geendet haben und die Mündung eines Stromtals gewesen sein«, sagte Ailif mehr zu sich selbst und spähte durch die seitliche Luke. »Die Mündung des Ur-Ontos, bevor die Kontinentalplatten sich zusammenschoben und den Glast bildeten. Hier wird er auch wieder auseinanderbrechen.«

»Wie konnten Menschen auf die Idee kommen, sich in dieser schrecklichen Einöde niederzulassen?«, fragte Maurya.

»Die Ersten taten es nicht freiwillig«, erwiderte der Pilot. »Sie mussten hier notlanden, aber es gelang ihnen zu überleben. Es war nicht einfach, Madam, das können Sie mir glauben. Es kamen viele um.«

»Das war vor mehr als hundert Jahren.«

»Ziemlich genau.«

»Und die Menschen hatten lange keinen Kontakt zur Flotte.«

»Das ist richtig. Aber Gott hat die Hand über sie gehalten.«

»Frommes Arschloch«, murmelte Ailif.

Maurya warf ihm einen tadelnden Blick zu. Er hob die Schultern und lächelte gequält.

»Durch den Fluss haben sie überlebt«, sagte der Pilot.

»Er hat sie ernährt.«

»Und immer wieder werden die Siedler hier von diesen merkwürdigen Ungeheuern angegriffen?«, fragte Maurya.

Der Pilot nickte. »Ja. Das sind harte Prüfungen für die Gläubigen. Aber Gott gibt uns die Kraft durchzuhalten.«

»Was sind das für Ungeheuer? Wo kommen sie her?«, fragte Ailif.

»Das herauszufinden sind Sie doch hierhergekommen. Jedenfalls hat man mir das gesagt.«

»Unter anderem, ja. Wir wollen versuchen, mit den Eingeborenen Kontakt aufzunehmen und ihre Kultur zu studieren.«

»Kultur?« Der Pilot wandte den Kopf und lachte schnaubend. »Einen Dongo können Sie jagen, Professor. Sie können ihn essen, wenn Sie fettes, ranzig schmeckendes Fleisch mögen. Aber mit ihm Kontakt aufzunehmen, das dürfte etwas schwierig sein.«

»Ihr habt nach hundert Jahren noch immer keine Ahnung, was das für Ungeheuer sind, die nachts über die Siedlung herfallen? Das werden doch wohl kaum Dämonen sein, die sich unsichtbar machen, sondern mächtige Lebewesen. Eine Art Würmer oder Raupen, wie ich gehört habe. Turmhoch sollen sie sein, groß wie Saurier. Die müssen doch irgendwo leben, sich ernähren, fortpflanzen, Spuren hinterlassen.«

»Keine Ahnung, Professor. Riesenraupen aus dem Marunga-Massiv, sagen die einen. Sandwürmer aus dem Glast die anderen. Wieder andere behaupten, sie lebten auf dem Grund des Flusses. Der Großarchon sagt, Gott habe sie geschaffen, um uns zu züchtigen, um uns zu prüfen und die Frevler auszumerzen.«

»Frevler? Was haben die sich denn zu Schulden kommen lassen?«, fragte Ailif spöttisch.

»Das dürfen Sie nicht mich fragen, Professor. Gott allein blickt in die Herzen der Gläubigen und entscheidet, wessen Gebete er erhört und wessen nicht.«

»Aha!« Ailif verdrehte die Augen und blies die Backen auf. »Nicht zu fassen«, murmelte er kopfschüttelnd.

»Man hat nie eines von ihnen tot aufgefunden, nicht wahr?«, sagte Maurya. »Es wurde aber doch verschiedentlich auf sie geschossen. Wurde dabei nie eines getötet?«

»Sie scheinen sich in Luft aufzulösen wie ein Spuk. Geschöpfe des Teufels, wenn Sie mich fragen.«

»Sie sind hier auf Hot Edge geboren?«, fragte Ailif.

»Auf Paradise. Ja, Professor«, erwiderte Leutnant Geddes herablassend.

Sie flogen nun über dem westlichen Ufer des Flusses, gingen tiefer und setzten zur Landung an. Von der Bugkamera übertragen, war voraus auf ihrem Kurs eine dunkle Linie zu sehen, eine schmale Piste, an deren Ende die Flottenstation auszumachen war: ein vierstöckiges Gebäude, mit Keramik verkleidet, hellgrau, von den Stürmen aus der Wüste sandgestrahlt und vermutlich tief im Untergrund verankert, wo sich die Hangars und Werkstätten befanden.

Das Shuttle glitt auf seinem Antigravitationskissen über die Landebahn, wirbelte eine Sandwolke auf und flocht Zöpfe hinein.

Die Flottenstation hatte ein weit hervorkragendesDach nach Osten, zum Fluss hin. Sie sah aus wie eine keck nach hinten geschobene Baseballmütze mit einem überdimensionalen Schirm, der sich den heranbrandenden Sandmassen entgegenstemmte, sie teilte und zur Seite ableitete.

Weiße Sandzungen leckten von Westen her über den schwarzen Asphalt. Dahinter ragten Dünen bis zu siebzig, achtzig Metern Höhe auf. Der Glast machte seinem Namen alle Ehre. Wie ein Sturm fegte das Licht über die Wüste hinweg, und auf den Graten der Dünen schienen die Photonen in den Sandkörnern eine Art Kettenreaktion auszulösen. Die Kanten zeichneten sich als gleißende Lichtlinien vor dem blassblauen Himmel ab, als würde Magnesium darauf abgebrannt, aber es waren die Sandkörner, deren Facetten wie winzige Spiegel wirkten.

Sie hielten auf die Station zu. Vor der Ostseite des Gebäudes erstreckte sich eine große Terrasse zum Fluss hin, die durch das steil aufragende Dach gegen Flugsand geschützt war. Sie kamen an drei Kehrrobotern vorbei, die den angewehten Sand vom Asphalt saugten und zurück in die Wüste schleuderten.

»Eine Sisyphusarbeit«, murmelte Ailif.

Der Pilot wandte den Kopf und sah ihn fragend an. »Eine was?«

»Ach, vergessen Sie’s!«

Das Shuttle sauste eine Rampe hinunter auf ein unterirdisches Tor zu, das sich erst öffnete, als sie schon fast dagegenknallten, und sich blitzschnell hinter ihnen wieder schloss.

Das Geräusch der Triebwerke ebbte ab und erstarb. Nach der Helligkeit draußen war es in dem Hangar stockdunkel, obwohl breite Leuchtbänder an der Decke entlangliefen. Erst allmählich wurden Einzelheiten sichtbar. Zwei weitere Shuttles standen in der Halle, an denen bärtige Mechaniker in ölfleckigen grauen Overalls Wartungsarbeiten durchführten. Die Männer nahmen keine Notiz von den Ankömmlingen, und Leutnant Geddes machte auch keinerlei Anstalten, sie vorzustellen.

Die Wände waren mit Postern bedeckt. Eines zeigte überlebensgroß einen Mann im Raumanzug mit Helm und dunklem Visier, der auf einer Art fliegendem Teppich stand, den er über schroffe Berggipfel hinweg durch Sturmwolken steuerte. AG-FLYER NO. 1 stand in dicken Buchstaben darüber.

»Willkommen im Glast!«

Ein breitschultriger sportlicher Typ von einem Mann, etwa fünfunddreißig oder vierzig Jahre alt, war aus einer Aufzugtür getreten und machte sich daran, seinen Hitzeschutzanzug, eine Art verspiegelte Burkha, abzulegen. Zwei der Mechaniker halfen ihm dabei.

Der Mann verströmte intensiven Schweißgeruch. Sandfarbene Bermudashorts entblößten muskulöse braungebrannte Beine. Er hatte einen dunkelblonden Bürstenhaarschnitt und einen Drei-Tage-Bart, der seine Wangen verschattete. An Stirn, Schläfen und im Nacken sah man in der Haut die Abdrücke, die das Netzwerk aus dünnen Kühlschläuchen seiner Burkha hinterlassen hatte. Er hatte dunkle, weit auseinanderstehende Augen, was seinem Gesicht etwas Koboldhaftes gab. Seine buschigen Brauen waren über der Nasenwurzel zusammengewachsen, bildeten eine Klammer, wie um die Augen an einem weiteren Auseinanderdriften zu hindern. Er grinste und entblößte breite Zähne. Wie ein Tier, das kräftig zubeißen und unerbittlich festhalten kann, dachte Maurya und lächelte zurück. Ein ansehnlicher Kropf quoll dem Mann aus dem Ausschnitt seines schweißfleckigen T-Shirts. Auch am Hals des Piloten war Maurya eine Verdickung aufgefallen – Struma schien hier endemisch zu sein.

»Sind Sie der Commander hier?«, erkundigte sich Ailif.

»Sehe ich so aus?«, fragte der Mann zurück und lachte. »Nein, Sir, entschuldigen Sie bitte. Ich bin Master Chief Petty Frank Jespersen. Früher hätte man mich wohl einen Bootsmann, Deckoffizier oder Proviantmeister genannt. Jedenfalls bin ich so eine Art Mädchen für alles hier. Unterbringung, Verpflegung, Kühlung. Vor allem Kühlung. Es geht ständig etwas kaputt in der Air Condition. Und dann wird’s hier schwierig, vor allem für Leute wie Sie, die von draußen kommen und nicht an unser Klima gewöhnt sind.«

»Kommt öfter jemand hierher, Mr. Jespersen?«, fragte Maurya.

Jespersen schüttelte den Kopf. »Eher selten, Madam. Es ist ziemlich einsam hier.«

»Scheint nicht der große Bahnhof für uns zu sein«, murmelte Ailif und deutete mit einem Nicken auf die Mechaniker, die nun den Frachtraum des Shuttles entluden.

»Ist der Kommandant des Stützpunkts anderweitig beschäftigt?«, fragte er laut.

Jespersen lachte keuchend. »Er wird noch unten im Kühlbunker sein. Wir hatten heute fast achtzig Grad, Sir. Und es sind zwei Schiffe im Orbit. Die mussten versorgt und eines davon startfertig gemacht werden. Es gab viel zu tun. Commander Cayley wird Sie später begrüßen. Wenn Sie sich frisch gemacht haben, kommen Sie doch einfach runter in die Cafeteria im Erdgeschoss.« Er deutete zum Aufzug. »Ich bringe Sie nach oben und zeige Ihnen Ihre Unterkünfte.« Er griff nach den Schlaufen des Reisecontainers, den die Mechaniker ausgeladen hatten. »Wow«, sagte er überrascht. »Der hat’s aber in sich!«

»Lassen Sie nur«, sagte Maurya. »Der kann selber gehen. Kommst du raus, Jonathan?« Aus dem Container war ein Schnauben zu hören, dann sprangen klickend die Verschlüsse am vorderen Ende auf. Zunächst erschien eine große schwarze Knubbelnase, die in einem weißen, auf beiden Seiten von einer dunkelbraunen Maske begrenzten Gesicht saß, aus dem kluge hellbraune Augen blickten.

Es folgte eine mächtige weiße Brust und weiße Vorderbeine, die in faustgroßen, mit perlfarbenen Krallen bewehrten Pfoten endeten. Ein hellbraunes Fell bedeckte den breiten Rücken wie ein Überwurf, dunkelbraune Schlappohren vervollständigten die Erscheinung.

Als er sich vollends aus dem Container gezwängt hatte, fiel es schwer, sich vorzustellen, wie der Hund in dem Gepäckstück hatte Platz finden können. »Hrrm«, machte er, schüttelte seine Wolle, schob die Pfoten weit vor, streckte sich, riss gähnend das Maul auf und entblößte ein furchterregendes Gebiss.

»Mein Gott, ist das ein Riesenvieh!«, sagte Jespersen mit geweiteten Augen und Bewunderung in der Stimme.

»Um das gleich von Anfang an klarzustellen, Mr. Jespersen«, sagte Maurya. »Sir Jonathan Swift ist kein Tier. Jo ist mein persönlicher Assistent. Und mein Freund.«

Jespersen starrte sie verblüfft an und hob beschwichtigend die Hände.

»Also doch, ein Hund!«, sagte Leutnant Geddes empört, der hinzugetreten war. »Sie haben mich irregeführt, Professor Avrams.« Er starrte Jonathan an, als wäre er etwas über die Maßen Unappetitliches, ja Scheußliches.

»Was dachten Sie denn, was sich in dem Container befindet?«, fragte Ailif spöttisch. »Eine Mumie?«

»Die Frachtdaten wiesen den Inhalt als einen gewissen Sir Jonathan Swift aus. Was weiß ich, wer das ist.«

»Nun, da hätten Sie mit der Vermutung einer Mumie gar nicht so falsch gelegen … « (…)

Copyright © 2012 by Wolfgang Jeschke und dem Heyne Verlag (Abdruck mit freundlicher Genehmigung!)

Wolfgang Jeschke
Dschiheads

(sfbentry)
München: Verlagsgruppe Random House 2013
Heyne Taschenbuch 31491
Science Fiction
Umfang 367 Seiten
ISBN 978-3-453-31491-7
Titelbild: Nele Schütz Design, München

www.heyne.de

Titel erhältlich bei Amazon.de
Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de
Titel erhältlich bei ebook.de

Wolfgang Jeschke ist nicht nur jahrzehntelang einer der bedeutendsten Herausgeber einer Phantastikreihe in Deutschland gewesen (nämlich der Heyne Reihe), er ist zudem auch noch einer der profiliertesten und vor allem besten deutschen SF-Schriftsteller. Wenn also ein neues Werk von ihm erscheint, dann ist dies oft ein Grund zur Freude für Leser anspruchsvoller und trotzdem unterhaltsamer Science Fiction. Dies bestätigt sich bei seinem neuesten Roman wieder vollauf, denn erneut gelingt es dem Autor, eine spannende Geschichte zu erzählen, ohne dabei allzu sehr in Klischees zu verfallen oder Belanglosigkeiten aneinander zu reihen.

Zum Inhalt:

In der Zukunft, deutlich jenseits des 21. Jahrhunderts (eine genauere Zeitangabe lässt sich Jeschke nicht entlocken), ist es möglich, zu den Sternen zu reisen. Fremde Planeten wurden kolonisiert. So auch eine Welt, die man New Belfast genannt hat. Auf ihr hatten sich hauptsächlich religiöse Querköpfe angesiedelt, bis deren Konflikte untereinander dermaßen eskaliert waren, dass eine neue Ordnung eingerichtet werden musste. Extreme Religiosität wurde danach als eine Form von Geisteskrankheit betrachtet, der eine organische Ursache zugrunde lag: nämlich eine Hirnerkrankung mit Über- oder Fehlfunktion der Schläfenlappen. Dies wurde erkannt und die betroffenen Menschen mussten sich einer Zwangsbehandlung der Schläfenlappen unterziehen, was zur Folge hatte, dass deren Religiosität eingedämmt und dadurch deren intolerante Haltung abgebaut wurde. Einige wenige Bewohner verweigerten diese Behandlung jedoch und beschlossen eine erneute Emigration. Man floh auf eine tropisch heiße Welt, die offiziell Hot Spot genannt worden war, von den neuen Siedlern jedoch Paradiese genannt wird. Dort errichtete man eine neue, extrem religiöse Gesellschaft. Eines Tages werden zwei Forscher und ihr genetisch veränderter Assistent (ein kybernetisch aufgerüsteter Hund namens Jonathan Swift) von New Belfast entsandt, die erforschen sollen, ob auf Hot Spot intelligentes einheimisches Leben existiert, da man dort große Felszeichnungen gefunden hat. Dort gibt es mittlerweile auch eine Militärbasis, die jedoch hauptsächlich von Soldaten betrieben wird, die man auf diesem Planeten rekrutiert hat, was gewisse Probleme mit sich bringt. Der Kommandant der Station, der die Forscher eingeladen hatte, ist inzwischen auf dem Planeten verschollen, sein Stellvertreter steht den beiden Neuankömmlingen reserviert bis feindselig gegenüber, ist selbst scheinbar sehr religiös und ein verkniffener, freudloser Mann.

Die beiden Forscher und ihr “Assistent” lassen sich jedoch nicht entmutigen und versuchen, dem Geheimnis des Planeten auf die Spur zur kommen und geraten dabei in Lebensgefahr… Zur gleichen Zeit wächst der junge Suk in einer religiös-intoleranten Diktatur auf dieser Welt heran. Der dortige Führer hat alle Macht eines Potentaten und nutzt diese weidlich aus. Suk und sein taubstummer Freund Anzo ecken hier immer wieder an, manchmal einfach nur durch Anzos Andersartigkeit oder beider fehlendem Enthusiasmus, dem religiösen Führer zu folgen. Als Anzo und seine Mutter nach einem Zwischenfall mit dem Potentaten spurlos verschwinden, weiß auch Suk, dass hier seine Zeit abgelaufen ist…

Dschiheads glänzt durch wunderbare Beschreibungen der exotischen Tier- und Pflanzenwelt auf Hot Spot/Paradise ebenso, wie durch ausgefeilte Charaktere (allerdings leider nur bezüglich einiger Figuren) und die packende Handlung. Natürlich begegnen sich Suk und die Wissenschaftler. Und auch wenn nicht alle Mysterien der fremden Welt in diesem Roman enthüllt werden können, dem Autor gelingt ein frappierenden Blick in eine fremde, exotische Welt. Zudem greift Jeschke ein sehr aktuelles Thema auf, beschreibt er doch den schwierigen Umgang mit religiös-intoleranten Fanatikern jeder Couleur. In der vorliegenden Geschichte gab es in der Zukunft eine Art neue Religion, die mit aggressiven Methoden versucht hatte, Menschen für sich anzuwerben und radikale Anschläge auf alle Mitglieder anderer Religionsgemeinschaften verüben ließ. Diese neue Gruppe wurde im 21. Jahrhundert gegründet und radikalisierte sich im 22. Jahrhundert (daher die Zeitangaben im Buch). Deren verquere Mitglieder besiedelten dereinst New Belfast, später dann deren radikalste Apologeten Hot Spot/Paradise. In deren Glauben finden sich Elemente aus allen Weltreligionen wieder und irgendwann werden diese Leute nur noch abfällig “Dschiheads” genannt, beginnen dann (wie so oft in der Historie), diese Beschimpfung für sich zu übernehmen und sich damit zu identifizieren, daher auch der Titel des Buchs.

Leider fehlt es bei diesem schwierigen Thema Jeschke manchmal noch etwas an Differenziertheit. So erweist sich eine einfache Hirnerkrankung als Auslöser verstärkter Religiosität bei den Menschen, ein hirnorganischer Eingriff heilt die dadurch ausgelöste Intoleranz deshalb ganz schnell. Wenn es doch in der Realität nur so einfach wäre! Dereinst vermuteten Forscher, dass Männer mit zusätzlichem Geschlechtschromosom per se aggressiver und delinquenter seien, denn tatsächlich fand man unter verurteilten Straftätern (vor allem unter Serientätern) mehrere, die ein oder mehrere Y-Chromosomen zu viel aufwiesen. Eine genauere Untersuchung ergab jedoch, dass nicht alle Schwerverbrecher diese Auffälligkeit aufwiesen und zudem, dass auch Menschen mit dieser Auffälligkeit existieren, die niemals zu Delinquenten geworden waren. Deshalb verwarf man diese Theorie wieder, erklärte sie doch nicht alleine alle Facetten menschlichen Denkens und Handelns, auch wenn bei Strafgefangenen (vor allem denen mit Aggressionsdelikten) Männer mit überzähligen Y-Chromosomen statistisch signifikant überrepräsentiert sind.

Allerdings merkt auch der Autor selbst kritisch an (und relativiert damit zum Glück selbst diese Position), dass der Vater der Professorin nach einem solchen Eingriff nur noch ein schwacher Schatten seines früheren Selbst ist, und seine Lebendigkeit und sein Elan für immer verschwunden sind. Den Bewohnern von New Belfast erscheint dieser hirnorganische Eingriff jedoch als perfekte Lösung und er sorgt für die erhofften Resultate, was natürlich in der Realität äußerst zweifelhaft erscheinen darf. (Intoleranz als Ausfluß einer hirnorganischen Abnormität? Wenn das Leben nur so eindimensional wäre, dann könnte man viele Dinge durch kleinste Veränderungen schnell in den Griff bekommen). Abgesehen von dieser Schwäche gelingt Jeschke jedoch ein wunderbarer Abenteuerroman, der an die großen Schriftsteller des SF-Genres erinnert. Ähnlich wie bei Jack Vance, einem begnadeten Soziologen und Meister schrulliger Sekten und Sektierer, in dessen Büchern haufenweise intolerante Religionsgründer vorkommen, die auf fremden Planeten eigene Kolonien gegründet haben, um ihren Spleen bis zum Exzess ausleben zu können, oder auch bei Michael G. Coney, in dessen Romanen Hello Summer, Good Bye (dt. u. a. als Der Sommer geht) und Syzygy (dt. Flut) ebenfalls fremde Welten mitreißend porträtiert werden, sind es fast immer junge Leute, die aus dem starren moralischen Käfig der Älteren auszubrechen versuchen, wenn ihnen dieser zu eng wird. Dies ist auch eines der Hauptthemen einiger toller Romane von Jack Vance wie z. B. Emphyrio, dt. unter dem gleichen Titel oder The Blue World, dt. als u. a. Der azurne Planet.

Fremde Besucher (wie in diesem Fall die beiden Wissenschaftler) sind der andere Gegenpol zu den in Dogmen erstarrten und von Machtmissbrauch gezeichneten Systemen (bei Vance vor allem in den beiden Romanen um den sogenannten “Big Planet”, auf dem sich unzählige Sekten angesiedelt haben und ihren Ritualen frönen, also Showboatworld, dt. als Showbootwelt und Big Planet, dt. als Planet der Ausgestoßenen). Da wo Vance schräge Stutzertypen der Lächerlichkeit preis gibt und deren Machtmissbrauch geiselt, leiden die Figuren bei Jeschke jedoch etwas unter ihrer Eindimensionalität. So ist der örtliche Potentat natürlich die größte vorstellbare Drecksau (vergewaltigt Frauen, lässt sich von einem Jungen immer wieder durch Oralverkehr befriedigen etc.) und seine Helfershelfer perverse, gewaltbereite, homosexuelle Analverkehrer.

Leider wird auch die Figur des jungen Suk nicht so recht lebendig (im Gegensatz zu den ausdrucksstark entworfenen Charakteren der beiden Wissenschaftler). Erst gegen Ende erfährt man von dessen fehlender Bildung (klar, denn rigide Systeme profitieren von Unwissen essentiell, es ist geradezu deren Fundament und im Gegensatz zu Gehirnerkrankungen eine viel zentralere Brutstätte für menschliches Elend, und gerade religiös orthodoxe Diktaturen, die Intoleranz predigen, sind völlig darauf angewiesen, ihre Anhänger in Unwissen zu halten, denn sonst könnten Zweifel aufkommen an deren gottgewollter Machtausübung), was sich aber scheinbar nicht negativ auf die Weltsicht des Jungen auswirkt. Ein bisschen Aberglaube oder Glaube an das Übernatürliche sollten bei dem Jungen schon da sein, aber Suk erscheint hierfür einfach zu rational und abgeklärt, was unnatürlich anmutet. Er könnte aus unserer westlichen Welt stammen, was dann doch etwas unrealistisch wirkt. Trotz dieser kleineren Schwächen ist Dschiheads aber insgesamt ein wunderbar zu lesendes, spannendes und dabei doch niveauvolles Buch, mit überzeugender Atmosphäre und teilweise gut entwickelten Charakteren. Abenteuer-SF mit Anspruch auf der Höhe der Zeit.

Copyright © 2013 by Gunther Barnewald

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Updated: 9. Dezember 2013 — 16:23

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