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DSCHIHEADS – Leseprobe (Teil 1) aus dem gleichnamigen Science Fiction Roman von Wolfgang Jeschke (sfb-Preisträger “Beste Leseprobe Herbst 2013″ – geteilter Preis!)

DSCHIHEADS

Leseprobe (Teil 1)

aus dem gleichnamigen Science Fiction Roman

von

Wolfgang Jeschke

Der junge Morgen steigt herauf. Die Luft ist glasklar. Es ist absolut windstill. Zwei blasse Himmelsbarken reffen die Segel und verschwinden im unendlichen Blau.

Der Vorhang ist aufgezogen. Noch ist die Bühne leer.

Der Bann ist gebrochen. Das Auge, nächtlichen Täuschungen entronnen, findet zurück zu Ordnung und Maß.

Auf dem Fluss funkelt erster Widerschein, gibt Blinkzeichen neuer Zuversicht und Kraft nach dem läh menden Alb der schrecklichen Monde, dem Tanz der verrückten Apostel, den Heimsuchungen der Nacht.

Dann hebt der Tag an. Es dauert Stunden, bis ihr Auftritt beginnt, doch schließlich quillt ein gleißender Funke am Horizont auf. Dröhnend stemmt sich die Sonne aus den Dünen und peitscht das Land mit ihrem unerbittlichen Licht. Jähe Hitze bricht herab.

Die Luft beginnt zu flirren. Der Horizont gerät wabernd in Aufruhr, verliert seine Konturen. Schwebende Spiegelungen zeichnen sich ab, werden deutlicher, zerfallen wieder, lösen sich auf.

Das Leben flieht in die Schatten. Hier verläuft die innere Grenze des Bereichs, in dem es geduldet wird.

Der innere Rand von Goldilock. Hot Edge.

***

Fast alle Männer hatten sich auf dem Tempelplatz versammelt und bildeten ein Halbrund. In der Mitte Seine Heiligkeit, der Großarchon, in seiner Sänfte. Ich hatte mich nach vorne durchgedrängt, um bessere Sicht zu haben. Für uns Jungen war es ein prickelndes Ereignis, das ich immer wieder mit einer Mischung aus Faszination und Grausen verfolgte. Auf der Seite gegenüber erkannte ich meinen Freund Anzo. Ich winkte ihm zu, aber er reagierte nicht. Er wirkte nach innen gekehrt; sein Blick war starr.

Sie hatten den Dongo mit Stricken umwunden. Er musste sich in der Nacht in den Netzen am Flussufer verfangen haben. Die Fischer schleiften ihn mit großem Geschrei auf den Tempelplatz. Er war nicht groß, kaum einen Meter, sah aber mächtig aus und schwer.

Doch er war täppisch und voller Angst. Die gekrümmten plumpen Beine, die an Land nur einen grotesk watschelnden, wankenden Gang erlaubten, aber ideal geeignet waren, sich auf dem Grund des Flusses gegen die Strömung zu stemmen, waren grau und rissig wie die einer Schildkröte und endeten in drei kräftigen Zehen mit fingerlangen schwarzen Krallen.

Grote, der Schlachter, stand mit Gabriel und Michael, seinen beiden Gehilfen, bereit und hatte das Messer in der Hand. Plötzlich war ein gurgelnder Schrei zu hören.

Mein Freund Anzo hatte ihn ausgestoßen. Er fuchtelte aufgeregt mit den Händen. »Urg, urg, urg«, krächzte er und machte abwehrende Gesten.

Grote zögerte. »Was will er?«, fragte er irritiert.

»Er fleht um Gnade«, sagte ich, denn ich hatte gelernt, Anzos Gesten zu lesen. »Tut ihm nichts.«

Einige der Umstehenden sahen mich befremdet an.

»Wer fleht um Gnade?«, fragte der Großarchon streng.

Sein Blähhals, der aus dem Kragen der lilafarbenen Soutane hervorwuchs wie ein zweiter, aus geäderter Haut geformter Kopf, hatte sich vor Aufregung gerötet und hüpfte hin und her.

»Der Dongo.« Ich wies mit einem Nicken auf meinen Freund. »Er kann ihn hören«, sagte ich und biss mir auf die Lippe.

Anzo sah mich mit seinen dunklen Augen entsetzt an, als wollte er sagen: ›Bist du verrückt geworden, Suk? Du verrätst unser Geheimnis.‹

»So ein Unfug!«, rief der Großarchon. »Dongos können nicht sprechen. Sie sind Tiere. Stich das Vieh schon ab!«, befahl er, an Grote gewandt. »Worauf wartest du noch?« Und als Grote noch immer zögerte, sprang Seine Heiligkeit von seinem Sessel auf, stieg aus der Sänfte, entwand ihm das Schlachtermesser und stieß es dem Dongo zwischen Kopfschild und Rückenpanzer in den Hals. Blut spritzte. Die Leute wichen zurück, und Anzo stieß einen weiteren gurgelnden Schrei aus, als hätte man ihm und nicht dem Dongo die tödliche Wunde zugefügt.

Der Großarchon strich sich mit dem Ärmel über das Gesicht und den Bart, fischte einen Augenlöffel aus den Falten seiner Soutane und stieß ihn dem Dongo in die linke Augenhöhle. Ich hörte das Knirschen der scharfen Löffelkante, mit der die Augäpfel herausgeschält wurden, erst der eine, dann der andere. Das Geräusch grub sich mir unter die Schulterblätter. Ich zog den Kopf ein, hielt die Luft an und krümmte mich zusammen.

Der Großarchon ließ die Augen in die hohle Hand gleiten und in seinem Gewand verschwinden. Der Dongo gab ein blubberndes Keuchen von sich.

»Nun macht schon!«, knurrte der Großarchon. Sein Blähhals wippte erregt. Er verzog das Gesicht zu einem Grinsen, gab Grote das Messer zurück und nahm wieder in der Sänfte Platz. Die beiden Gehilfen des Schlachters stießen Haken durch die Fersen des Dongos und zogen ihn am Gerüst vor der seitlichen Umfassungsmauer des Tempels hoch, dann machte sich Grote daran, mit tiefen Schnitten den Leib zu öffnen. Blaue Gedärme quollen hervor und sanken herab aufs Pflaster.

Das obere Herz am Hals hatte der Großarchon aufgestochen, die beiden kleineren an den Hüften schlugen noch kräftig. Grote schnitt sie heraus; sie platschten mit einem ekligen Geräusch zu Boden.

Die heiße Luft über dem Tempelplatz war gesättigt vom dumpfen Gestank aufgeschlitzter Gedärme. Aber selbst als die Leibeshöhle ausgeräumt war, machten die plumpen Hände des Dongos immer noch hilflos greifende Bewegungen, als wollte er sich an etwas festhalten, schwang er seinen Rüssel immer noch hin und her, hin und her, und seine leeren Augenhöhlen weinten Blut.

»Zähes Biest«, rief Seine Heiligkeit anerkennend. »Unbeseelt, aber von Dämonen bewohnt. Seht euch das an, meine Brüder. Sehen so Geschöpfe Gottes aus? Nimmer und niemals! Und die Wissenschaftler wollen uns weismachen, wir hätten es hier mit intelligenten Wesen zu tun.« Er lachte.

Einige der Umstehenden stimmten pflichtschuldigst in sein Lachen ein. »Unsere Vorfahren wussten es besser, Brüder, bei Gott! Als sie sich hier niederließen und bitteren Hunger litten, haben sie sich von ihnen ernährt.«

›Hat er tatsächlich um Gnade gebettelt?‹, fragte ich Anzo später in unserer Sprache.

Er war noch immer blass und atmete heftig. Dann schluckte er und nickte energisch.

›Ich habe nichts gehört‹, gestand ich. ›Und die anderen scheinen auch nichts gehört zu haben.‹

Anzo sah mich mit seinen dunklen Augen traurig an und zuckte mit den Achseln. Dann sagte er in unserer Sprache: ›Ich glaube nicht, dass ich der Einzige bin, der sie hört. Vielleicht geben sie es nur nicht zu, weil sie Angst haben, sie könnten vom heiligen Abendmahl oder gar vom Gottesdienst ausgeschlossen werden.‹

›Und du fürchtest das nicht?‹

Er schüttelte den Kopf und machte eine entschiedene Geste mit der Hand.

›Nein.‹

***

In der darauffolgenden Nacht hörte auch ich die Dongos, doch sie sprachen nicht zu mir. Ich hörte ihr Winseln und Heulen flussaufwärts und flussabwärts. Es mussten Hunderte sein, die sich in Ufernähe versammelt hatten, um den gewaltsamen Tod eines der ihren zu beklagen. Ihr Wehgeschrei hallte über den Fluss bis zum Morgen.

Ich blickte lange aus dem Fenster. Die Nacht war hell. Lichter glitzerten auf dem Fluss und bildeten wechselnde Muster. War es der Widerschein der Monde, oder waren es Augen? Sie erloschen erst, als der Nebel kam.

Nur wenigen in der Gemeinde war es vergönnt gewesen, bei dem Geheul ein Auge zuzutun. Und als am frühen Morgen der Schlachter das Fleisch verteilte, stieß er auf Zurückhaltung und Ablehnung. Er musste es dem Großarchon berichtet haben, denn der grollte in seiner Morgenpredigt: »Brüder, hört zu! Hört mir gut zu! Es hat noch nie einem frommen Menschen geschadet, das Fleisch eines Dongos zu essen. Wenn es gut ausgeblutet und abgehangen ist, dann ist nichts Dämonisches mehr in ihm. Es ist gutes Fleisch, fett und nahrhaft, gesundes Fleisch. Unsere Vorfahren haben sich manchmal ausschließlich davon ernährt, wenn ihnen kein Fisch ins Netz ging, weil diese gepanzerten Scheusale sie vertrieben oder sie ihnen weggefressen haben. Ich habe es stets mit Genuss verzehrt – und das werde ich auch heute tun. Aber wenn es unter euch welche gibt, die sich nicht dazu überwinden können, davon zu essen, Gott steh mir bei, dann werft es zurück in den Fluss!«, fügte er wutentbrannt schnaufend hinzu und hob die Faust, als wollte er die versammelte Gemeinde züchtigen. Einige der Anwesenden duckten sich unwillkürlich vor seinem Zorn. Sein Blähhals leuchtete wie ein Lampion im Frühlicht, das durch das hintere Fenster des Altarraums hereinschien.

Es war brütend heiß in der Versammlungshalle des Tempels, obwohl es noch früh am Morgen war, und es roch nach abgestandenem Weihrauch und dem Bartöl der versammelten Brüder. Ich musste mich an der Kirchenbank festhalten, als alle aufstanden und sich auf die Knie niederließen, um den Segen entgegenzunehmen.

Ja, mir wurden die Knie weich, wenn ich daran dachte, wie der Großarchon Anzo und mich züchtigen würde, wenn wir ihm am späten Nachmittag in der Tempelschule Rede und Antwort zu stehen hatten über das, was sich bei der Schlachtung des Dongos zugetragen hatte.

***

»Hier ist es wenigstens warm«, sagte er, schob die Kapuze in den Nacken und zog den Reißverschluss seines Overalls ein Stück weit auf.

»Was bist du schlecht gelaunt, Ailif!«, sagte die junge Frau etwas genervt, die nach ihm den Passagierraum des Shuttles durch den Einstieg betrat.

»Du weißt, wie ich es hasse zu frieren, Maurya. Kälte macht mich zornig und aggressiv. Seit zwölf Stunden sitzen wir in dieser eisigen Station herum und warten darauf, dass sich dieses Shuttle endlich bequemt, hier anzulegen, um uns runterzubringen.«

»Jetzt ist es ja da. Also beruhige dich. Und halte deine Heerscharen im Zaum. Du scheinst sie angesteckt zu haben mit deiner Nervosität. Sie schauen zum Hals heraus und an deinen Handgelenken.«

Er blickte auf die Hände hinab. Tatsächlich waren seine Moving Tattoos vorgerückt und aus den Ärmeln gekrochen, fingergroße farbige Eidechsen, die träge auf seinen Handrücken Stellung bezogen hatten. Eine hatte sich aus dem Kragen seines Overalls hervorgewagt und bewegte sich unterhalb seines Ohrs. Er strich sie mit den Fingerspitzen unter seine Kleidung zurück und schnaubte grollend.

Der Pilot war ein junger Mann in hellblauem Fliegeroverall mit dünnem braunem Haar, das er zu einem strähnigen Zopf geflochten hatte, und einem schütteren Vollbart, der ihm bis zum Gürtel herabhing.

Ailif musterte ihn grimmig und mit sichtlichem Missfallen.

»Ich bin Leutnant Jerome Geddes. Ich habe den Auftrag, Sie abzuholen und in den Glast hinunterzubringen.«

»Und warum haben Sie sich so viel Zeit gelassen, Leutnant? Das Shuttle aus dem Ontos-Delta war schon vor sieben Stunden da und ist vor sechs Stunden wieder abgeflogen. Uns haben Sie hier in der Eiseskälte der Station ausharren lassen.«

»Es wird Ihnen bald wärmer werden, als Ihnen lieb ist, Sir.«

»Das ist keine Antwort auf meine Frage, Leutnant.«

Der Pilot ging nicht darauf ein. Er warf einen Blick auf seinen Personal Assistant am Handgelenk.

»Sie sind Professor Ailif Avrams von der James Joyce University auf New Belfast.«

»Allerdings«, erwiderte Ailif hoheitsvoll und zwirbelte seinen gewaltigen Schnauzbart.

»Und Sie, Madam, sind Professor Maurya Fitzpatrick von derselben Universität.«

»Korrekt.«

Der Pilot deutete eine Verbeugung an. »Es freut mich, Sie an Bord begrüßen zu dürfen.«

»Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet«, insistierte Ailif.

»Wissen Sie über Shuttle-Flüge Bescheid, Professor Avrams?«

»Allerdings. Während meiner Militärzeit bin ich wiederholt mit einem Shuttle im Orbit gewesen.«

Maurya musterte Ailif überrascht von der Seite und lächelte spöttisch.

»Dann wissen Sie auch, dass man von einem äquatornahen Startplatz wie der Glast-Station weit weniger Startfenster hat als von einem polnahen wie dem Ontos-Delta. Nämlich nur zwei pro Tag.«

»Sind wir die einzigen Passagiere, die in den Glast wollen?«, fragte Maurya, um dem müßigen Disput ein Ende zu machen.

»Wir haben selten Besuch«, erwiderte der Pilot. »Die Station im Glast ist kein Ferienparadies, Madam, das kann ich Ihnen versichern.« Er blickte erneut auf seinen PA. »Es fehlt noch ein weiterer Passagier. Ein Sir Jonathan Swift, ebenfalls von der James Joyce University.« Maurya drehte sich um und erklärte lächelnd: »Oh, der ist längst an Bord, Leutnant. Er ruht in seinem Spezialabteil.«

Der Pilot sah irritiert nach hinten und fasste den Reisecontainer aus Hartplastik ins Auge, der auf den rückwärtigen Sitzen im Passagierabteil festgelascht war. »Was ist da drin? Ein Tier?«

»Wie kommen Sie auf so etwas?«, fragte Ailif.

»Eine Maschine?«

»Teils, teils. Wir kommen der Sache näher.«

»Hören Sie, Professor. Ich muss wissen, was ich an Bord habe.«

»Das ist der ehrenwerte Sir Jonathan Swift, wie er in Ihren Unterlagen verzeichnet ist.«

»Geht von ihm irgendeine Gefahr aus?«

»Keine Spur!«, sagte Maurya. »Er ist mein Forschungsassistent.«

»Weshalb reist er in einem Container?«

»Ach, wissen Sie, Leutnant, er tut sich etwas schwer mit dem Festhalten.«

»Ist er behindert?«

Aus dem Container war ein dumpfes Grollen zu hören.

»Keineswegs. Er hat nur keine Hände.«

Der Pilot starrte sie verblüfft an. »Aha«, sagte er dann und nahm in seinem Pilotensessel Platz.

»Ist alles okay, Jo?«, erkundigte sich Maurya über die Schulter.

»Bisschen eng«, kam es aus dem Container. »Aber es geht schon.«

»Schnallen Sie sich bitte an«, sagte der Pilot. »Wir starten in wenigen Minuten.«

»Ja, höchste Zeit, dass wir von dieser Gefriertruhe hier wegkommen«, murrte Ailif. »Hot Edge. Der heißeste Ort im System …«

»Fang doch nicht wieder an, Ailif«, mahnte Maurya seufzend. »Lass endlich gut sein.«

»Nicht Hot Edge«, sagte der Pilot. »Sie meinen Paradise.«

»Ich meine Hot Edge«, erwiderte Ailif. »Goldilocks Hot Edge.«

»Goldilocks?«

»War im Lehrkranz für Astronomie, den man Ihnen aufgesetzt hat, offenbar nicht enthalten.«

»Was soll das heißen?«

»Kennen Sie nicht das Märchen von Goldlöckchen?

Dem kleinen Mädchen, das zu einer Hütte kommt, in der drei Bären wohnen. Sie findet drei Schüsseln mit Porridge vor. Der Brei in der einen ist zu kalt, der in der anderen zu heiß, aber der in der Mitte ist genau richtig … Zwischen Cold Edge und Hot Edge erstreckt sich jeweils die habitable Zone um eine Sonne. Eine Zone, in der es Wasser in flüssiger Form geben kann. Voraussetzung für die Existenz von biologischen Lebensformen.«

»Was soll das? Sie brauchen mir keine Kindermärchen zu erzählen, Professor. Ich weiß, wo wir uns befinden.«

»Nun, dies ist das Hot Edge dieses Systems, der heißeste Planet hier, aber in seiner Orbitalstation herrscht eine Temperatur wie ein Lichtjahr weiter draußen.«

»Der Planet unter uns heißt Paradise«, beharrte der Pilot.

»Nennen Sie ihn, wie Sie wollen, junger Mann. Ich werde mich mit Ihnen nicht streiten. Die Astronauten, die dieses System erkundeten, nannten ihn Hot Edge.«

Ailif fuhr sich mit der Hand missgelaunt über den frisch rasierten Schädel.

»Das ist eine Weile her, Sir.«

»Hm. Das kann man wohl sagen.«

»Was regst du dich auf, Ailif?«, sagte Maurya. »Paradise klingt doch viel schöner.«

»Wir wollen uns doch an die Tatsachen halten.« Ailif zerrte schnaubend an den Gurten, die seinen mächtigen Oberkörper einschnürten. Plötzlich hielt er inne, beugte sich vor und tippte dem Piloten auf den Rücken.

»Ist was, Sir?«, fragte Leutnant Geddes und drehte sich um.

(…)

(Zum nächsten Teil)

Copyright © 2012 by Wolfgang Jeschke und dem Heyne Verlag (Abdruck mit freundlicher Genehmigung!)

Wolfgang Jeschke
Dschiheads

(sfbentry)
München: Verlagsgruppe Random House 2013
Heyne Taschenbuch 31491
Science Fiction
Umfang 367 Seiten
ISBN 978-3-453-31491-7
Titelbild: Nele Schütz Design, München

www.heyne.de

Titel erhältlich bei Amazon.de
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Titel erhältlich bei Booklooker.de
Titel erhältlich bei ebook.de

Wolfgang Jeschke ist nicht nur jahrzehntelang einer der bedeutendsten Herausgeber einer Phantastikreihe in Deutschland gewesen (nämlich der Heyne Reihe), er ist zudem auch noch einer der profiliertesten und vor allem besten deutschen SF-Schriftsteller. Wenn also ein neues Werk von ihm erscheint, dann ist dies oft ein Grund zur Freude für Leser anspruchsvoller und trotzdem unterhaltsamer Science Fiction. Dies bestätigt sich bei seinem neuesten Roman wieder vollauf, denn erneut gelingt es dem Autor, eine spannende Geschichte zu erzählen, ohne dabei allzu sehr in Klischees zu verfallen oder Belanglosigkeiten aneinander zu reihen.

Zum Inhalt:

In der Zukunft, deutlich jenseits des 21. Jahrhunderts (eine genauere Zeitangabe lässt sich Jeschke nicht entlocken), ist es möglich, zu den Sternen zu reisen. Fremde Planeten wurden kolonisiert. So auch eine Welt, die man New Belfast genannt hat. Auf ihr hatten sich hauptsächlich religiöse Querköpfe angesiedelt, bis deren Konflikte untereinander dermaßen eskaliert waren, dass eine neue Ordnung eingerichtet werden musste. Extreme Religiosität wurde danach als eine Form von Geisteskrankheit betrachtet, der eine organische Ursache zugrunde lag: nämlich eine Hirnerkrankung mit Über- oder Fehlfunktion der Schläfenlappen. Dies wurde erkannt und die betroffenen Menschen mussten sich einer Zwangsbehandlung der Schläfenlappen unterziehen, was zur Folge hatte, dass deren Religiosität eingedämmt und dadurch deren intolerante Haltung abgebaut wurde. Einige wenige Bewohner verweigerten diese Behandlung jedoch und beschlossen eine erneute Emigration. Man floh auf eine tropisch heiße Welt, die offiziell Hot Spot genannt worden war, von den neuen Siedlern jedoch Paradiese genannt wird. Dort errichtete man eine neue, extrem religiöse Gesellschaft. Eines Tages werden zwei Forscher und ihr genetisch veränderter Assistent (ein kybernetisch aufgerüsteter Hund namens Jonathan Swift) von New Belfast entsandt, die erforschen sollen, ob auf Hot Spot intelligentes einheimisches Leben existiert, da man dort große Felszeichnungen gefunden hat. Dort gibt es mittlerweile auch eine Militärbasis, die jedoch hauptsächlich von Soldaten betrieben wird, die man auf diesem Planeten rekrutiert hat, was gewisse Probleme mit sich bringt. Der Kommandant der Station, der die Forscher eingeladen hatte, ist inzwischen auf dem Planeten verschollen, sein Stellvertreter steht den beiden Neuankömmlingen reserviert bis feindselig gegenüber, ist selbst scheinbar sehr religiös und ein verkniffener, freudloser Mann.

Die beiden Forscher und ihr “Assistent” lassen sich jedoch nicht entmutigen und versuchen, dem Geheimnis des Planeten auf die Spur zur kommen und geraten dabei in Lebensgefahr… Zur gleichen Zeit wächst der junge Suk in einer religiös-intoleranten Diktatur auf dieser Welt heran. Der dortige Führer hat alle Macht eines Potentaten und nutzt diese weidlich aus. Suk und sein taubstummer Freund Anzo ecken hier immer wieder an, manchmal einfach nur durch Anzos Andersartigkeit oder beider fehlendem Enthusiasmus, dem religiösen Führer zu folgen. Als Anzo und seine Mutter nach einem Zwischenfall mit dem Potentaten spurlos verschwinden, weiß auch Suk, dass hier seine Zeit abgelaufen ist…

Dschiheads glänzt durch wunderbare Beschreibungen der exotischen Tier- und Pflanzenwelt auf Hot Spot/Paradise ebenso, wie durch ausgefeilte Charaktere (allerdings leider nur bezüglich einiger Figuren) und die packende Handlung. Natürlich begegnen sich Suk und die Wissenschaftler. Und auch wenn nicht alle Mysterien der fremden Welt in diesem Roman enthüllt werden können, dem Autor gelingt ein frappierenden Blick in eine fremde, exotische Welt. Zudem greift Jeschke ein sehr aktuelles Thema auf, beschreibt er doch den schwierigen Umgang mit religiös-intoleranten Fanatikern jeder Couleur. In der vorliegenden Geschichte gab es in der Zukunft eine Art neue Religion, die mit aggressiven Methoden versucht hatte, Menschen für sich anzuwerben und radikale Anschläge auf alle Mitglieder anderer Religionsgemeinschaften verüben ließ. Diese neue Gruppe wurde im 21. Jahrhundert gegründet und radikalisierte sich im 22. Jahrhundert (daher die Zeitangaben im Buch). Deren verquere Mitglieder besiedelten dereinst New Belfast, später dann deren radikalste Apologeten Hot Spot/Paradise. In deren Glauben finden sich Elemente aus allen Weltreligionen wieder und irgendwann werden diese Leute nur noch abfällig “Dschiheads” genannt, beginnen dann (wie so oft in der Historie), diese Beschimpfung für sich zu übernehmen und sich damit zu identifizieren, daher auch der Titel des Buchs.

Leider fehlt es bei diesem schwierigen Thema Jeschke manchmal noch etwas an Differenziertheit. So erweist sich eine einfache Hirnerkrankung als Auslöser verstärkter Religiosität bei den Menschen, ein hirnorganischer Eingriff heilt die dadurch ausgelöste Intoleranz deshalb ganz schnell. Wenn es doch in der Realität nur so einfach wäre! Dereinst vermuteten Forscher, dass Männer mit zusätzlichem Geschlechtschromosom per se aggressiver und delinquenter seien, denn tatsächlich fand man unter verurteilten Straftätern (vor allem unter Serientätern) mehrere, die ein oder mehrere Y-Chromosomen zu viel aufwiesen. Eine genauere Untersuchung ergab jedoch, dass nicht alle Schwerverbrecher diese Auffälligkeit aufwiesen und zudem, dass auch Menschen mit dieser Auffälligkeit existieren, die niemals zu Delinquenten geworden waren. Deshalb verwarf man diese Theorie wieder, erklärte sie doch nicht alleine alle Facetten menschlichen Denkens und Handelns, auch wenn bei Strafgefangenen (vor allem denen mit Aggressionsdelikten) Männer mit überzähligen Y-Chromosomen statistisch signifikant überrepräsentiert sind.

Allerdings merkt auch der Autor selbst kritisch an (und relativiert damit zum Glück selbst diese Position), dass der Vater der Professorin nach einem solchen Eingriff nur noch ein schwacher Schatten seines früheren Selbst ist, und seine Lebendigkeit und sein Elan für immer verschwunden sind. Den Bewohnern von New Belfast erscheint dieser hirnorganische Eingriff jedoch als perfekte Lösung und er sorgt für die erhofften Resultate, was natürlich in der Realität äußerst zweifelhaft erscheinen darf. (Intoleranz als Ausfluß einer hirnorganischen Abnormität? Wenn das Leben nur so eindimensional wäre, dann könnte man viele Dinge durch kleinste Veränderungen schnell in den Griff bekommen). Abgesehen von dieser Schwäche gelingt Jeschke jedoch ein wunderbarer Abenteuerroman, der an die großen Schriftsteller des SF-Genres erinnert. Ähnlich wie bei Jack Vance, einem begnadeten Soziologen und Meister schrulliger Sekten und Sektierer, in dessen Büchern haufenweise intolerante Religionsgründer vorkommen, die auf fremden Planeten eigene Kolonien gegründet haben, um ihren Spleen bis zum Exzess ausleben zu können, oder auch bei Michael G. Coney, in dessen Romanen Hello Summer, Good Bye (dt. u. a. als Der Sommer geht) und Syzygy (dt. Flut) ebenfalls fremde Welten mitreißend porträtiert werden, sind es fast immer junge Leute, die aus dem starren moralischen Käfig der Älteren auszubrechen versuchen, wenn ihnen dieser zu eng wird. Dies ist auch eines der Hauptthemen einiger toller Romane von Jack Vance wie z. B. Emphyrio, dt. unter dem gleichen Titel oder The Blue World, dt. als u. a. Der azurne Planet.

Fremde Besucher (wie in diesem Fall die beiden Wissenschaftler) sind der andere Gegenpol zu den in Dogmen erstarrten und von Machtmissbrauch gezeichneten Systemen (bei Vance vor allem in den beiden Romanen um den sogenannten “Big Planet”, auf dem sich unzählige Sekten angesiedelt haben und ihren Ritualen frönen, also Showboatworld, dt. als Showbootwelt und Big Planet, dt. als Planet der Ausgestoßenen). Da wo Vance schräge Stutzertypen der Lächerlichkeit preis gibt und deren Machtmissbrauch geiselt, leiden die Figuren bei Jeschke jedoch etwas unter ihrer Eindimensionalität. So ist der örtliche Potentat natürlich die größte vorstellbare Drecksau (vergewaltigt Frauen, lässt sich von einem Jungen immer wieder durch Oralverkehr befriedigen etc.) und seine Helfershelfer perverse, gewaltbereite, homosexuelle Analverkehrer.

Leider wird auch die Figur des jungen Suk nicht so recht lebendig (im Gegensatz zu den ausdrucksstark entworfenen Charakteren der beiden Wissenschaftler). Erst gegen Ende erfährt man von dessen fehlender Bildung (klar, denn rigide Systeme profitieren von Unwissen essentiell, es ist geradezu deren Fundament und im Gegensatz zu Gehirnerkrankungen eine viel zentralere Brutstätte für menschliches Elend, und gerade religiös orthodoxe Diktaturen, die Intoleranz predigen, sind völlig darauf angewiesen, ihre Anhänger in Unwissen zu halten, denn sonst könnten Zweifel aufkommen an deren gottgewollter Machtausübung), was sich aber scheinbar nicht negativ auf die Weltsicht des Jungen auswirkt. Ein bisschen Aberglaube oder Glaube an das Übernatürliche sollten bei dem Jungen schon da sein, aber Suk erscheint hierfür einfach zu rational und abgeklärt, was unnatürlich anmutet. Er könnte aus unserer westlichen Welt stammen, was dann doch etwas unrealistisch wirkt. Trotz dieser kleineren Schwächen ist Dschiheads aber insgesamt ein wunderbar zu lesendes, spannendes und dabei doch niveauvolles Buch, mit überzeugender Atmosphäre und teilweise gut entwickelten Charakteren. Abenteuer-SF mit Anspruch auf der Höhe der Zeit.

Copyright © 2013 by Gunther Barnewald

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Updated: 9. Dezember 2013 — 16:21

3 Comments

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  1. Gibt es hier andere Meinungen als die des Rezensenten. Ich selbst war ja jahrelang für Wolfgang Jeschke und sein SF-JAHR tätig, daher bin ich vielleicht ein wenig parteilich, aber wie sehr ihr die Arbeiten dieses Autoren, vornehmlich diese Leseprobe von seinem letzten Werk?

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