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DIE VERBOTENE WELT – Leseprobe Teil 3 aus dem gleichnamigen Roman: “Rettungskreuzer Ikarus 51 (Gamorrha-Trilogie 1)” von Irene Salzmann (sfb-Preisträger “Beste Leseprobe Winter 2013″)

DIE VERBOTENE WELT

Leseprobe Teil 3 aus dem gleichnamigen Roman:
“Rettungskreuzer Ikarus 51 (Gamorrha-Trilogie 1)”
von Irene Salzmann

(Zum vorigen Teil)

Nach dem Abendessen nahmen sich Cornelius und Pakcheon stets eine Stunde, um die Ereignisse des Tages und die Termine, die als nächste anstanden, zu besprechen.

Diesmal hatte es keine besonderen Vorkommnisse gegeben. Die Treffen mit knapp ein Dutzend Diplomaten waren Routine gewesen. Auch für morgen gab es keine Unterredung, die Probleme mit sich bringen mochte – von einem Meeting abgesehen. Allerdings konnte Cornelius dieses Gesuch nicht länger von Pakcheon fernhalten, so gern er dem Freund jenen Besucher erspart hätte.

Die Stimmung zwischen ihnen, die stets locker, manchmal mit knisternder Erotik aufgeladen war, wies mit einem Mal eine Spannung auf, die Cornelius als unangenehm empfand. Die …  frustrierende Distanziertheit seit der Sache mit dem Botschafter von Za’dakh war verständlich, nicht aber  …

Was?

„Was ist los, Pakcheon?“, formulierte Cornelius akustisch, was ihm auf der Seele lag.

Der Telepath musterte ihn nachdenklich, wobei er leicht das linke Auge zusammenkniff. „Das möchte ich von Ihnen wissen.“

„Wir kommen nicht weiter, wenn Sie meine Frage mit einer Gegenfrage beantworten.“

„Wir kommen auch nicht weiter, wenn Sie einer Antwort ausweichen.“

„Ich habe zuerst gefragt – und Sie sind zuerst ausgewichen.“

Pakcheon seufzte. „Na, schön. Dann verraten Sie mir, aus welchem Grund ich seit drei Tagen bloß noch Botschafterinnen empfange.“

„Nur Botschafterinnen?“, echote Cornelius. „Wirklich? Wenn dem so ist, dann ist das reiner Zufall.“

Schweigend schob Pakcheon das Memo-Pad mit dem Kalender über den Tisch.

Cornelius studierte die Einträge.

Es waren tatsächlich nur weibliche Besucher vorgelassen worden.

Von ihm.

Und es war ihm nicht aufgefallen. Schon gar nicht geplant gewesen.

Kurios!

„Ich bin wirklich froh“, sagte Pakcheon, „dass sie versuchen, meine Begegnungen mit unangenehmen Zeitgenossen auf ein Minimum zu reduzieren, aber das geht über einen solchen Freundschaftsdienst hinaus. Und da ich bezweifle, dass Sie mich von den Vorzügen nicht-vizianischer Frauen überzeugen wollen, kann ich mich bloß wundern: Was soll das?“

„Ich habe das nicht … absichtlich getan“, stammelte Cornelius. „Ich kann diesen … Zufall nicht erklären.“

„Sie sind enttäuscht von mir“, stellte Pakcheon fest und mied seinen Blick. „Weil ich mich zurückgezogen habe -“

„Das ist doch Unsinn“, unterbrach Cornelius ihn. „Sie müssen, was Sie erlebt haben, verarbeiten. Das braucht Zeit. Aber das eine hat nichts mit dem anderen zu tun. Auch dass ich mich für Frauen – und nicht für Männer! – interessiere, spielt keine Rolle. Es war wirklich reiner Zufall.“ Er verstummte. Ich rede Unsinn.

Pakcheons Miene verfinsterte sich. „Haben Sie vergessen, dass ich Ihre Emotionen spüre?“

„Sie haben kein Recht, meine Gedanken zu lesen.“

„Das brauche ich nicht. Das habe ich auch nicht. Ich spüre es, wenn meinen Bruder im Geist … starke Gefühle bewegen.“

„Was wollen Sie damit sagen?“

„Sagen Sie es mir. Ich dringe nicht ohne Aufforderung in die Gedanken anderer ein.“

Es entstand eine kurze Pause.

„Sie sind wütend, seit Botschafterin Guarani bei Ihnen war.“ Cornelius zuckte mit den Schultern. „Darf ich nicht einmal mehr mit einer Frau sprechen? Und ist es mir verboten, eine Frau schön zu finden? Sind Sie deshalb verärgert? Dass Sie mir nicht geben können, was ich mir wünsche?“ Kaum hatte er die heftigen Worte ausgesprochen, tat es ihm leid.

Pakcheon erhob sich. „Ich gehe zu Bett. Morgen treffe ich sechs Frauen. Das wird ein harter Tag.“

„Pakcheon …“

„Gute Nacht!“ Seine geistige Stimme klirrte vor Eis.

Eine Weile blieb Cornelius im Aufenthaltsraum der Suite sitzen, wütend auf Pakcheon, der das Gespräch einfach abgebrochen hatte, mehr aber noch auf sich selbst, weil er Dinge gesagt hatte, die er gar nicht so meinte. Mehrmals ließ er die Unterhaltung Revue passieren. Er begriff nicht, warum er seinem Freund so vor den Kopf gestoßen hatte. Und weshalb dieser nicht bereit gewesen war, den Zufall als Erklärung zu akzeptieren.

Leider stimmte es: Nur Botschafterinnen hatten zuletzt einen der begehrten Termine erhalten. Wieso habe ich das getan? Cornelius musste unbedingt die anderen Anfragen durchsehen, wer sonst noch um eine Unterredung gebeten hatte. Waren es bloß Leute gewesen, die Pakcheon den letzten Nerv geraubt hätten? Oder …? Dass er manipuliert worden war, konnte er sich nicht vorstellen.

Und was seine Emotionen betraf, nun, er war auf einige Flirt-Versuche eingegangen, aber sonst war nicht passiert.

Obwohl er sich in einigen Fällen mehr ausgemalt hatte.

Starke Emotionen.

Scheiße!

***

Der schwierige Fall war buchstäblich eingetreten: Day Yaleste, Botschafterin des kleinen Imperiums Lansta1.

Weder Cornelius noch Pakcheon brachten der intriganten Diplomatin, die keinerlei Skrupel kannte, andere Reiche gegeneinander auszuspielen, selbst wenn für Lansta kein Vorteil dabei heraussprang, Sympathien entgegen. Auch im Reigen der anderen Mächte stand der Verbund isoliert da und profitierte hauptsächlich von den Querelen, die zwischen den übrigen Imperien herrschten.

Die Gesandte war groß und extrem fettleibig, was selbst ihr locker sitzender, unförmiger Anzug nicht verbergen konnte. Das kurze mausbraune Haar und der Bartansatz ließen viele auf den ersten Blick hin glauben, ein Mann stünde ihnen gegenüber, aber die glockenhelle Stimme, die überhaupt nicht zu ihrer Erscheinung passen wollte, belehrte jeden eines Besseren. Ihre riesigen Füße, die in Stiefeln mit Plateausohlen steckten, deren Grün sich mit dem Orange ihres Hosenanzugs biss, ließen den Boden vibrieren.

Bei Sondergrößen darf man wohl nicht wählerisch sein …

Cornelius konnte gerade noch seinen Stift auffangen, der aufgrund der Schwingungen beinahe vom Schreibtisch gekullert wäre. Alle anderen Utensilien hatten sich um drei oder vier Millimeter zur Seite bewegt.

Einen Seufzer unterdrückend erhob er sich. Day Yaleste das Schott persönlich zu öffnen, wäre in seinen Augen zu viel der Ehre gewesen. Allerdings war er zu sehr Profi, um sich seine Abneigung anmerken zu lassen.

„Botschafterin Yaleste.“

Sie musterte ihn aus winzigen grüngrauen Äuglein, die fast komplett zwischen enormen Speckwülsten verschwanden. Ihr teigiges, gelblich-blasses Gesicht verzog sich zu einer Miene, der deutlich abzulesen war, dass sie Cornelius für einen gescheiterten Emporkömmling und ein lästiges Hindernis zwischen ihr und Pakcheon hielt. Sie schnaubte.

„Ich habe einen Termin“, sagte sie barsch.

„Pakcheon wird Ihnen in wenigen Minuten zur Verfügung stehen“, erwiderte Cornelius und deutete in Richtung der Sitzmöbel. „Wenn Sie bitte dort Platz nehmen wollen.“ Ohne einen der Sessel zu beschädigen.

Während er dem Vizianer die Nachricht zukommen ließ, dass sein unangenehmer Gast eingetroffen war – das Dossier hatte Pakcheon schon am Vorabend gelesen -, begann die Botschafterin zu schimpfen, wie unhöflich es sei, sie warten zu lassen, dass es sich um eine Schikane von Cornelius handle und sie dafür sorgen würde, dass elende Speichellecker wie er dahin geschickt würden, wo sie hin gehörten.

Cornelius ignorierte die Tirade und sandte Pakcheon eine zweite Nachricht: Lassen Sie sie ruhig noch etwas schmoren, bis sie ihr Gift verspritzt hat. Natürlich hätte er seine Empfehlung auch gedanklich formulieren können, aber er war sich nicht sicher, ob Pakcheon ihn hören wollte.

Schließlich hatte der Vizianer die Suite bereits verlassen gehabt, bevor Cornelius, der fast immer der erste war, der aufstand, wach geworden war. Entweder hatte Pakcheon ihm Zeit geben wollen, sich über die Vorwürfe Gedanken zu machen, oder er war beleidigt und wollte erst später reden. Vermutlich beides.

Nach wie vor fand Cornelius keine Erklärung dafür, wieso die weiblichen Diplomaten begünstigt worden waren. Auch etliche Kollegen hatten um einen Termin gebeten, und es gab keine plausiblen Gründe, weshalb ihren Anfragen eine zweitrangige Behandlung zuteil geworden war.

Dass Pakcheon dies auffallen würde, war kein Wunder. Trotzdem eine neue Distanziertheit zwischen ihnen herrschte, war er unverändert besitzergreifend und eifersüchtig. Aber was erwartete er? Cornelius hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass er Frauen mochte. Für seine … vorübergehende Abstinenz … gab es … keine nachvollziehbare … Begründung.

Es hatte sich einfach so ergeben.

Genauso wie die Terminverteilung.

Na, und?

Natürlich hätte er sich Pakcheon gegenüber versöhnlicher verhalten können. Stattdessen hatte ein Wort zum anderen geführt und eine unnötige Dissonanz herauf beschworen. Dies bedauerte Cornelius. Umgekehrt hätte sich Pakcheon aber auch gesprächsbereit zeigen können, hatte jedoch die Flucht vorgezogen. Oder wie sollte man dieses Ausweichen sonst nennen?

Ein schrilles Kreischen riss ihn aus seinen Grübeleien.

„Ich rede mit Ihnen!“

Verwirrt blickte Cornelius auf.

Das Gesicht von Day Yaleste hatte eine purpurne Färbung angenommen und hing vor ihm wie eine Sonne, die sich aufblähte, bevor sie zur Nova wurde. „Sie hören mir überhaupt nicht zu, Sie … Sie …“

„Möchten Sie ein Glas Wasser?“

Die nüchterne Frage lieferte den berüchtigten Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

Day Yaleste hievte ihre Massen auf den Schreibtisch, der erbärmlich ächzte. Etwas knirschte. Das unschuldige Memo-Pad? Sie beugte sich vor, zog Cornelius die Brille von der Nase und brachte ihr Gesicht noch näher an seines, so dass sich ihre Nasenspitzen beinahe berührten. Er konnte ihren süßlichen Atem – ein zuckriger Softdrink und irgendein Knabberzeug mit Honig – riechen, der ihn fast würgen ließ.

„Sie sind eifersüchtig“, plärrte Day Yaleste so laut, dass es in Cornelius‘ Ohren klickte, „weil Sie ihm nicht geben können, was ihm nur eine Frau bieten kann.“ Ihre mächtige Oberweite drohte, ihn zu ohrfeigen.

„Wie bitte?“ Cornelius verstand absolut nicht, was gerade passierte.

„Muss ich erst Sie in mein Bett lassen, bevor ich mit Pakcheon sprechen darf? Sie begehren mich, nicht wahr? So wie alle Männer.“

…?

„Ist es ein flotter Dreier, den Sie wollen? Aber so leicht bin ich nicht zu haben. Insbesondere für einen wie Sie werde ich immer ein Traum bleiben.“

Ein Albtraum. Cornelius bemühte sich, seine überbordende Phantasie im Zaum zu halten, denn schon der Vorschlag an sich ließ ihn schaudern. Prompt erwachte sein Zorn. Spontan dachte er: Warum gehen Sie nicht in die Kantine und fressen, bis Sie platzen, statt mich hier zu belästigen?

Was auch immer Day Yaleste auf der Zunge gelegen hatte, sie schloss den Mund und rutschte schwerfällig vom Tisch, das zerbrochene Memo-Pad mit sich reißend. Cornelius‘ Brille entglitt ihren Fingern und fiel mit einem leisen Klirren auf den Boden.

„Ich gehe“, schnarrte die Botschafterin. „Ich habe Wichtigeres zu tun.“

Leise schloss sich das Schott hinter ihr.

Cornelius schlug die Hände vors Gesicht und versuchte, die aufsteigende Übelkeit zu unterdrücken. Am liebsten hätte er sich übergeben. Widerlich! So widerlich! Wobei er nicht wusste, ob er die Botschafterin meinte … oder sich selbst.

Er ließ seine Hände erst sinken, als er eine Berührung an seiner Schulter spürte.

Pakcheon hielt ihm die Brille hin.

„Was haben Sie getan?“

***

Die Phoenix schwenkte in den Orbit um Gamorrha III. Was die Crew des Rettungskreuzers auf den Monitoren zu sehen bekam, entsprach exakt den Beschreibungen, die die Datenbank geliefert hatte.

Der automatische Notruf wurde nach wie vor gesendet, doch reagierte die Besatzung jenes Schiffes nicht auf Anfragen. Entweder funktionierte die Funkanlage nicht mehr richtig, die Leute waren zu krank, um zu antworten – oder schlimmer.

Kroil Wenga kannte den Spruch des Raumers bereits auswendig:

„Dies ist ein Notruf des Explorers Yaunde von der Xavanthischen Liga. Wer auch immer diesen Spruch empfängt, bitte helfen Sie uns. Unsere Koordinaten …“  (…)

Copyright (C) 2012/13 by Irene Salzmann, Abdruck mit freundlicher Genehmigung.

Wer wissen möchte, was vorher passierte und wie es weitergeht, kann das Nachlesen in (Bestellmöglichkeit der Printausgabe direkt beim Verlag mit Klick auf das Cover):


Autor: Irene Salzmann
Preis: 2,99 EUR inkl. Mwst.
Erschienen: Atlantis Verlag 2013, ca. 106 Seiten *
Kategorie: Rettungskreuzer Ikarus
Format:
ebook für den Mobipocket-Reader Mobipocket (ohne DRM) 381.67 KB
eBook im ePub Format (ohne DRM) 291.35 KB
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Format: Kindle Edition
Dateigröße: 390 KB
Seitenzahl der Print-Ausgabe: 125 Seiten
Gleichzeitige Verwendung von Geräten: Keine Einschränkung
Verlag: Atlantis Verlag Guido Latz (16. April 2013)
Verkauf durch: Amazon Media EU S.à r.l.
Sprache: Deutsch
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Die Wanderlustseuche wurde besiegt, aber es wird noch lange dauern, bis die Galaxis sich von den Folgen erholt hat. Der Rettungskreuzer Phoenix ist eines der Schiffe, die auf die Notrufe Bedürftiger antworten und Hilfe zu bringen versuchen. Ein Funkspruch führt die Crew der Phoenix zu einem havarierten Raumer; dessen Besatzung hat eine verbotene Welt besucht und das Grauen mit an Bord gebracht …

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