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Literatur-Blog

Leseprobe: Wolfgang Kirschner: Die Nacht, in der ich verschwand.

Die Nacht, in der ich verschwand

Wenn Sie gestatten, möchte ich eine Geschichte loswerden – die Geschichte meines Verschwindens. Einige Leute werden sich nämlich fragen, wo ich in den letzten beiden Jahren abgeblieben bin. Ich kann es ihnen aus Gründen, die sie am Ende der Geschichte verstehen werden, leider nicht näher erläutern. Aber sie werden dann wenigstens wissen, weshalb ich verschwunden bin. Für alle anderen mag es eine Warnung sein, denn meine Art des Verschwindens fängt eher harmlos an. Und sie kann jedem widerfahren. So oder ähnlich, möglich ist alles…

Vielleicht haben Sie sich bisweilen auch schon mal gefragt, was wohl mit den Männern los sein mag, die zum Zigarettenholen aus dem Haus gehen und – sagen wir -: zwanzig Jahre später wieder auftauchen. Ich hatte mir diese Frage schon häufiger gestellt, und eines Tages sollte ich eine mögliche Erklärung dafür erhalten. Und die war nicht besonders lustig.

Es geschah, wie Sie schon ahnen, beim Zigarettenholen. Ein Päckchen Lucky Strike, um genau zu sein. Vielleicht war es der Name, der mir an diesem Nachmittag wie die Faust der Erkenntnis ins Bewusstsein knallte, obwohl er das unzählige Male nicht getan hatte. Lucky heißt glücklich und Strike bedeutet Streik. Aus welcher Fügung heraus ich mir auf der Bank neben dem Automaten zum ersten Mal Gedanken über die Bedeutung dieser beiden Worte machte und sie ausgerechnet in Zusammenhang mit meinem Leben brachte, ist mir bis heute schleierhaft. Möglich, dass es an meinem Geburtstag lag, meinem neununddreißigsten, und somit an der vertrackten Midlife-Crisis oder einfach nur an der Tatsache, dass die Zeit nun endlich reif für einschneidende Veränderungen war. Keine Ahnung, was schließlich der wahre Grund gewesen sein mochte. Vielleicht war es auch bloß Schicksal. Jedenfalls wurde mir urplötzlich bewusst, dass mich mein Leben in seiner Gleichförmigkeit zu ersticken drohte. Was für eine Erkenntnis, werden Sie spotten, so ergeht es den meisten von uns. Ja, antworte ich da, aber irgendwie muss man eben beginnen. Und ein Zipfel Selbsterkenntnis ist sicher nicht der schlechteste Anfang. Nur sollte man dann auch bereit sein weiterzugehen und ähnliche Erfahrungen zu machen, wie ich sie machte – und bis zum heutigen Tag machen muss. Warten Sie’s also lieber ab.

So richtig angefangen hatte es rückblickend wohl damit, dass Jenny meinen Geburtstag vergessen hatte. So etwas konnte mich zutiefst kränken. Jenny – ach ja, die Vergessliche. Sie ist meine Frau. Zumindest ist mir bis heute nichts Gegenteiliges bekannt. Sie vergaß ständig etwas, fast täglich, könnte man sagen. Meistens belanglose Dinge wie das Bügeleisen ausstellen, wenn sie sich mit der Nachbarin unterhielt, Waschpulver in die Maschine geben, den Braten rechtzeitig aus dem Ofen nehmen oder überhaupt für das Abendessen einkaufen. Wie gesagt, eher belanglose Dinge. Nur einmal hatte sie vergessen, im verstopften Waschbecken den Wasserhahn zuzudrehen, als ich vom Büro aus anrief, und das war weniger belanglos gewesen. Ich rief jeden Tag vom Büro aus an und erkundigte mich nach dem Befinden meiner Familie. Aus Interesse und aus Gewohnheit. An diesem Tag hätte ich es besser bleiben lassen. Jenny hätte vermutlich vergessen, dass mein Anruf ausblieb, aber so vergaß sie den Wasserhahn, und am Abend, als sie vom Frauenarzt kam, war die Wohnung überschwemmt und die darunter liegende feucht wie ein Sumpfgebiet. Der Wasserschaden ging bis ins Kellergeschoss und die Kosten in schwindelerregende Höhen. Seit damals hatten wir Schimmel in der Wohnung. Doch es blieb die einzige gravierende Folge von Jennys Vergesslichkeit. Und dabei ist es meines Erachtens nicht einmal echte Vergesslichkeit, eher ist es so eine Art Desinteresse an den alltäglichen Dingen des Lebens. Jenny ist eine Träumerin. Sie lebt mit ihrem Körper in der hiesigen Welt und mit ihren Gedanken in Bereichen, die mir bis heute verschlossen sind. Aber dafür fiel ich in eine Welt, die Jennys Fantasien bei weitem übertreffen dürfte…

Ich warf also das Geld ein und zog am Automaten, aber es tat sich nichts. Das Fach mit den Lucky Strikes war frisch aufgefüllt, das konnte man sehen, doch das stählerne Schubfach wollte ums Verrecken nicht aufgehen. Es streikte ganz einfach. Es sperrte sich. Weiß der Himmel warum. Es wollte anscheinend nicht mehr das tun, was es schon tausendfach gemacht hatte. Alles Ziehen, Reißen, Rütteln und Hämmern nützte nichts, Lucky streikte, und das Geld blieb ebenfalls drin. Ich probierte es mit einer anderen Marke, und – siehe da – es klappte auf Anhieb. Eine Marke, die mir nie im Leben in den Sinn gekommen wäre, kam mir fast entgegengesprungen. Das gab mir zu denken. Ich setzte mich kopfschüttelnd auf die Bank an der Bushaltestelle zwei Meter neben dem Automaten und riss die Silberfolie der Packung auf. Die Kippe schmeckte nicht übel, nach dem ersten Zug. Nach dem zweiten schmeckte sie schon richtig gut und nach dem dritten fantastisch. Ich wurde leicht benommen. Es war stärkerer Tobak als der gewohnte, aber es brannte so herrlich angenehm auf der Lunge, dass mir zu meiner Schwindeligkeit ein wohliges Gefühl von Stärke in die morschen Glieder zu strömen schien. Ich kam mir plötzlich wie ein Siebzehnjähriger vor, dem der Strom des Frühlings durch die Adern schoss. Eine junge Frau stand neben dem metallenen Papierkorb beim Fahrplan und wartete auf den Bus. Sie sah auf den ersten Blick nicht überwältigend hübsch aus, aber am liebsten hätte ich sie angesprochen. Noch nie hatte ich eine Frau angesprochen. Nicht so. Nicht einmal Jenny. Das hatte sie besorgt, als sie noch häufiger im Diesseits weilte.

Ich sprach also die Frau nicht an. Dafür dachte ich über meine gewohnte Marke nach. Als Siebzehnjähriger hatte mich ein GI nach dem Weg gefragt. Ich hatte ihm den Weg erklärt, und zum Dank hatte er mir die Lucky Strike geschenkt. Danach hatte ich das Rauchen angefangen. Immer die gleiche Marke. Ich liebte diesen Namen. Lucky – klar, wer wollte kein Glück haben? Und Strike betonte die rebellische Komponente eines siebzehnjährigen Jungengemüts. Es war die perfekte Mischung. Dass es daneben noch etwas anderes geben könnte, kam mir nie in den Sinn. Ich liebte auch Jenny und meine Töchter Lena und Larissa. Die eine war fünfzehn und die andere elf. Jenny war fünfunddreißig – gerade geworden, vor vier Wochen. Ich hatte ihren Geburtstag nicht vergessen. Ich hatte auch den Geburtstag meiner Töchter nie vergessen. Doch als ich an diesem Tag nach Hause kam, war bis auf den Kanarienvogel alles ausgeflogen. Keine Geburtstagstorte empfing mich, kein Blumenstrauß oder wenigstens ein Küsschen von einer meiner »drei Frauen«. Es war Mittwoch. Jenny war mit Regula, der Frau aus dem Sumpfgebiet unter uns, beim Squash, immerhin, und Lena und Larissa waren weiß der Kuckuck wo. Ich stand alleine im Wohnzimmer und stellte fest, dass die Luckies aus waren. Also ging ich los und landete auf der Bank. So weit so gut. Aber das war ja noch nicht alles.

Die Frau neben dem Papierkorb sprach mich an. Ganz direkt und ohne zu zögern.

»Ganz schön spät dran, würde ich sagen – was meinst du?«

Sie duzte mich, das war in Ordnung, weil es bedeutete, dass sie mich nicht als Gruftie einstufte. Andererseits, die Bezeichnung Gruftie war meines Wissens auch schon wieder veraltet oder zumindest ziemlich uncool. Aber ich verstand sowieso nicht, was sie meinte.

»Ähm, bitte was? Spät dran? Was meinen Sie damit?«

Sie blickte mich an, als ob sich mein Kopf gerade rechteckig verforme, sagte aber nichts weiter. Stattdessen verzog sie das Gesicht und starrte wieder die Straße hinunter.

Spät dran? Allerdings war ich spät dran. Neununddreißig war siebzehn plus zweiundzwanzig. Jahre wohlgemerkt. Sie war vielleicht zweiundzwanzig, es trennten uns also immer noch siebzehn Jahre. Ein Klassenkamerad von mir hatte mit siebzehn seine sechzehnjährige Freundin geschwängert. Sie hätte also rein theoretisch meine Tochter sein können. Aber lassen wir die Rechnerei, war sowieso nie meine Stärke.

Ich schaute sie mir genauer an. Sie trug extrem hohe schwarze Plateauschuhe mit Sohlen, die dick wie Matratzen waren. Das war gerade mal wieder modern. Aber die wenigsten wussten wahrscheinlich, dass Robert Crumb, der amerikanische Undergroundzeichner, schon in den Sechzigern solche Monsterdinger gezeichnet hatte. Crumb war übrigens mein Vorbild. Immer schon. Ich war nämlich ebenfalls Zeichner. Eigentlich. Wegen Lena und Larissa hatte ich meine Künstlerpläne verschoben und bei Tiefdruck Tiegel & Scheuermann als Retuscheur angefangen. Und dabei war es geblieben. Bis heute. Crumb zeichnete weiter dralle Szenen aus dem Leben, während ich für die Schmuddelheftchen in den oberen Regalreihen schwarze Höschen über die dunklen Dreiecke gespreizter Schenkel retuschierte. Was für ein Job für einen Künstler! Insbesondere wenn man bedenkt, dass die handwerkliche Seite meines Berufes ohnehin schon weitgehend vom Computer verdrängt war. Tja, der Computer. Er wird unser aller Leben verändern, und sei es noch so erbärmlich.

Über den Plateauschuhen trug sie eine enge schwarze Hose, Stretch oder so etwas. Ein fantastischer runder Hintern zeichnete sich darin ab. Ein Hintern, der das pralle Leben versprach. Prollmann, bist du blöd, was soll das…?

Ach ja, Prollmann, das bin ich. Peter Prollmann. Von Freunden auch Piet Proll genannt. Piet Proll ist außerdem mein Künstlername – für die Zeit, da Lena und Larissa aus dem Haus sein werden.

Prollmann, sagte ich wieder im Stillen, was soll das? Du betrachtest den Hintern eines Mädchens, das deine Tochter sein könnte. Das war doch nicht in Ordnung, oder? Ich meine, so was tat man einfach nicht. Dann wieder ein anderer Zensor, der Miesmacher diesmal: Gott, Proll – Piet Proll (haha!), was glaubst du, würde Crumb machen? Du bist viel zu verklemmt, um ihm das Wasser reichen zu können. Deine „Aquarelle“ sonntagnachmittags sind ja ganz nett, aber ein Crumb wird aus dir nie… Ja, das ahnte ich auch schon. Und das Mädchen ahnte wohl, dass ich es beobachtete. Sie wechselte ungeduldig die Beinstellung, so dass ihre Pobacken in der engen Hose in Bewegung kamen. Crumb hätte seine Freude daran gehabt. Er liebte Hinterteile.

Ich schaute fasziniert hin. Ich war sicher, sie machte es extra für mich. Sie spürte, dass ich ein dankbarer Zuschauer war. Rein beruflich natürlich. Im Geiste zog ich sie nämlich schon mal aus und überlegte, welches Höschen ich ihr überretuschieren könnte. Es gab da eine ganze Kollektion von Dessous, die ich mittlerweile draufhatte. Bei Jenny hatte ich schon lange nichts mehr überretuschiert. Das war auch nicht nötig, sie retuschierte sich selber. Sie trug lange Röcke, meistens schrecklich bunte, und Gesundheitssandalen an den langen hellen Füßen. Seit zehn Jahren schaute ich nicht mehr hin. Mindestens.

Das Mädchen trug ein enges schwarzes Oberteil, das die Brust betonte und den Bauchnabel wie ein drittes Auge neugierig in die Welt blicken ließ. Busen musste ich übrigens nie retuschieren, die waren salonfähig. Bauchnabel ebenfalls. Ich schaute also in ihr Gesicht. Es war auffällig geschminkt, vor allem der kirschrote Mund, aber es war, wie gesagt, nicht übermäßig hübsch, nicht auf den ersten Blick. Doch es hatte etwas. Etwas Träumerisches. Oder besser etwas Traumhaftes. Nicht so wie bei Jenny, nicht dieser ewige Blick in die Ferne. Dieses Gesicht hier hatte etwas Träumerisches für die Nähe. Für die nahe Zukunft. Es versprach einem traumhafte Blicke, ein traumhaftes Lächeln, traumhafte Küsse, traumhafte Einfälle… Sie wissen schon.

Ihre schwarzen Haare waren vermutlich echt. Sie waren kinnlang, zum Kinn hin leicht gekringelt, durch einen braven Seitenscheitel geteilt und von einem schwarzen Spängchen gehalten. Alles an ihr war schwarz, bis auf ihre Haut. Sie hätte eine schwarze Witwe sein können, wenn sie nicht so jung gewesen wäre. Vielleicht war sie eine schwarze Waise. Jedenfalls stand ihre kindliche Frisur im krassen Gegensatz zu ihrer Figur. Und die sprach eher für eine Mädchenfrau. Eine Märchenfrau. Eine Traumfrau. Für Enddreißiger.

Sie lächelte mir zu. Bildete ich mir jedenfalls ein. Aber ich weiß, dass Mann sich da ganz schön täuschen kann. Dann kam der Bus. Der Bus, der mich aus meinem Leben mit Jenny, mit Lena und Larissa entführen würde. Ich ahnte es bereits dunkel.

Der eckige gelbe Stadtbus fuhr fast geräuschlos vor, die hydraulischen Türen gingen mit einem leichten Zischen auf. Das Mädchen trat aufs Trittbrett vorne beim Fahrer und drehte sich um.

»Was ist«, rief sie mir zu, einen Haarkringel aus dem Gesicht streichend, »willst du noch später ankommen, wo immer du hin willst?«

Das traf meinen Nerv. Ich stand auf, fragen Sie mich nicht warum, schnippte die Kippe von mir und ging auf den Bus zu. Ungefähr mit neunzehn hatte ich zum letzten Mal eine Kippe weggeschnippt. Danach hatte ich sie ausgetreten. Ordentlich mit dem Schuh. Jenny hasste es, wenn man Kippen wegschnippte.

Ich löste einen Fahrschein beim Fahrer und setzte mich ganz hinten im Bus auf den roten Kunststoffsitzen dem Mädchen gegenüber. Sie schlug die schlanken Beine übereinander und lächelte mich wieder an. Sie musste mich meinen, da war ich mir diesmal sicher: wir waren die einzigen Fahrgäste. Ich hatte keinen Schimmer, wohin der Bus fuhr. Ich wusste nur, dass ich im Begriff war, etwas zu tun, was ich normalerweise nie tat. Aber ich wusste nicht, ob es richtig war. Ich weiß es bis heute nicht. …

Die Nacht, in der ich verschwand
Autor: Wolfgang Kirschner
C. M. Brendle Verlag
ISBN 978-3-9810329-6-3
9,90

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Die Nacht, in der ich verschwand

Updated: 30. Juni 2009 — 22:59

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