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DIE VERMÄHLUNG – Leseprobe Teil 1 aus dem Roman: „Grave Mercy – Die Novizin des Todes“ von Robin L. LaFevers (sfb-Preisträger “Beste Leseprobe Herbst 2012″ – Geteilter Preis)

DIE VERMÄHLUNG

Leseprobe Teil 1 aus dem Roman:

„Grave Mercy – Die Novizin des Todes“

von Robin L. LaFevers

Ich habe eine dunkelrote Narbe, die sich von meiner linken Schulter zu meiner rechten Hüfte zieht. Es ist die Spur, die das Gift der Kräuterhexe hinterlassen hat, mit dessen Hilfe meine Mutter versucht hat, mich aus ihrem Schoß zu vertreiben. Dass ich überlebte, ist nach Meinung der Kräuterhexe kein Wunder, sondern ein Zeichen dafür, dass ich vom Gott des Todes selbst gezeugt wurde.

Man hat mir erzählt, mein Vater habe einen Wutanfall bekommen und die Hand gegen meine Mutter erhoben, noch während sie schwach und blutend in den Nachwehen lag. Bis die Kräuterhexe ihn darauf hinwies, dass der Gott des Todes, wenn meine Mutter tatsächlich sein Lager geteilt habe, gewiss nicht untätig zusehen würde, wie mein Vater sie schlüge. Ich werfe einen Seitenblick auf Guillo, meinen zukünftigen Ehemann, und frage mich, ob mein Vater ihm von meiner Abstammung erzählt hat. Ich schätze, er hat es nicht getan, denn wer würde drei Silbermünzen für das bezahlen, was ich bin? Außerdem wirkt Guillo viel zu selbstzufrieden, als dass er von meinem wahren Wesen hätte Kenntnis haben können. Wenn mein Vater ihn überlistet hat, wird das nichts Gutes für unsere Verbindung bedeuten. Dass wir in Guillos Hütte vermählt werden statt in einer Kirche, verstärkt mein Unbehagen noch.

Ich spüre den bohrenden Blick meines Vaters auf mir ruhen und schaue auf. Der Triumph in seinen Augen macht mir Angst, denn wenn er triumphiert, dann habe ich gewiss auf irgendeine Weise verloren, die ich noch nicht verstehe. Trotzdem lächele ich, weil ich ihn davon überzeugen will, dass ich glücklich bin – denn nichts widerstrebt ihm mehr als mein Glück.

Aber während ich meinen Vater mühelos belügen kann, ist es schwerer, mir selbst etwas vorzumachen. Ich habe Angst, große Angst vor diesem Mann, dem ich jetzt gehören werde. Ich betrachte seine massigen, breiten Hände. Genau wie mein Vater hat er Dreckkrusten unter den Fingernägeln und Schmutz in den Falten seiner Haut. Wird die Ähnlichkeit da enden? Oder wird auch er diese Hände schwingen wie Knüppel?

Es ist ein neuer Anfang, versuche ich mir zu sagen, und trotz all meiner Befürchtungen kann ich einen winzigen Funken der Hoffnung nicht ersticken. Guillo will mich genug, um drei Silbermünzen zu zahlen. Wo Begehren ist, ist doch bestimmt auch Platz für Freundlichkeit? Das ist das eine, was meine Knie daran hindert gegeneinanderzuschlagen und meine Hände zu zittern. Das andere ist der Priester, der gekommen ist, um die Messe zu lesen. Denn obwohl er nicht mehr ist als ein Dorfpfaffe, lässt mich der verstohlene Blick, den er mir über sein Gebetsbuch hinweg zuwirft, glauben, dass er weiß, wer und was ich bin.

Während er die letzten Worte der Zeremonie murmelt, starre ich auf die Gebetsschnur aus grobem Hanf mit den neun Holzperlen, die ihn als einen Anhänger der alten Sitten ausweist. Selbst als er die Schnur um unsere Hände schlingt und unsere Vereinigung mit dem Segen Gottes und der neun alten Heiligen besiegelt, halte ich den Blick gesenkt, voller Angst, die Selbstgefälligkeit in den Augen meines Vaters zu sehen oder das, was das Gesicht meines Ehemannes vielleicht zeigt.

Als der Priester fertig ist, tappt er auf schmutzigen Füßen davon, und seine groben Ledersandalen klatschen laut auf dem Boden. Er nimmt sich nicht einmal die Zeit, um einen Humpen auf unsere Vereinigung zu trinken. Ebenso wenig tut es mein Vater. Bevor sich der Staub hinter seinem abfahrenden Karren gelegt hat, gibt mir mein neuer Ehemann einen Klaps auf den Hintern und zeigt grunzend Richtung Dachboden.

Ich balle die Fäuste, um das Zittern meiner Hände zu verbergen, und gehe durch den Raum zu der wackeligen Treppe hinüber. Während Guillo sich mit einem letzten Humpen Bier stärkt, steige ich zum Dachboden hinauf und zu dem Bett, das ich jetzt mit ihm teilen werde. Ich vermisse meine Mutter schmerzlich, denn obwohl sie Angst vor mir hatte, hätte sie mir doch für meine Hochzeitsnacht gewiss einen weiblichen Rat gegeben. Aber sowohl sie als auch meine Schwester waren vor langer Zeit geflohen – eine zurück in die Arme des Todes und die andere in die Arme eines wandernden Kesselflickers.

Ich weiß natürlich, was zwischen einem Mann und einer Frau geschieht. Unsere Hütte ist klein und mein Vater laut. Es gab so manche Nacht, in der rhythmische Bewegungen, begleitet von Stöhnen, unsere dunkle Hütte erfüllten. Am nächsten Tag wirkte mein Vater immer eine Spur weniger übellaunig, meine Mutter dafür umso mehr. Ich versuche mir einzureden, dass das Ehebett, wie abscheulich es auch sein mag, gewiss nicht schlimmer sein kann als das grobe Temperament und die harten Fäuste meines Vaters.

Der Dachboden ist ein enger, muffiger Raum, der so riecht, als würden die rauen Fensterläden an der Stirnseite nie geöffnet. Ein Bettgestell aus Holz und Seil trägt eine Matratze aus Stroh. Davon abgesehen gibt es nur einige Haken, um Kleider aufzuhängen, und eine schlichte Truhe am Fußende des Bettes.

Ich setze mich auf die Kante der Truhe und warte. Es dauert nicht lange. Ein schweres Knarren der Treppe warnt mich, dass Guillo auf dem Weg ist. Mein Mund wird trocken und Übelkeit steigt in mir auf. Da ich ihm nicht den Vorteil der überlegenen Größe geben will, stehe ich auf.

Als er den Raum erreicht, zwinge ich mich, ihm ins Gesicht zu sehen. Seine Schweinsaugen weiden sich an meinem Körper und wandern von meiner Stirn hinunter zu meinen Knöcheln und dann zurück zu meinen Brüsten. Die beharrliche Forderung meines Vaters, mein Gewand ganz eng zu schnüren, erfüllt ihren Zweck, da Guillo kaum etwas anderes ansehen kann. Er deutet mit seinem Humpen auf mein Mieder, und Bier schwappt über den Rand und tropft auf den Boden. »Zieh es aus.« Seine Stimme ist belegt von Begehren.

Ich starre auf die Wand hinter ihm, und meine Finger zittern, als ich die Bänder zu lösen versuche. Aber ich bin nicht schnell genug. Unmöglich, schnell genug zu sein. Er macht drei riesige Schritte in meine Richtung und schlägt mich heftig auf die Wange. »Sofort!«, brüllt er, als mein Kopf zurückzuckt.

Galle steigt mir in die Kehle, und ich fürchte, dass ich mich übergeben werde. So wird es also zwischen uns sein. Das war der Grund, warum er bereit war, drei Silbermünzen zu zahlen.

Meine Bänder sind endlich offen, und ich lege mein Mieder ab, sodass ich in Rock und Leibchen vor ihm stehe. Die abgestandene Luft, die noch Sekunden zuvor zu warm war, streift jetzt kalt meine Haut.

»Dein Rock«, blafft er schwer atmend.

Ich löse die Bänder und trete aus meinem Rock. Als ich mich umdrehe, um ihn auf die nahe Truhe zu legen, greift Guillo nach mir. Er ist überraschend schnell für einen so massigen und dummen Menschen, aber ich bin schneller. Ich habe jahrelange Übung darin, den Wutanfällen meines Vaters zu entfliehen.

Ich zucke zurück, wirbele aus seiner Reichweite und erzürne ihn damit. Dabei denke ich gar nicht darüber nach, wohin ich laufen könnte, sondern wünsche mir nur, das Unausweichliche noch ein Weilchen länger hinauszuschieben.

Ein lautes Krachen ertönt, als Guillos halbleerer Humpen die Wand hinter mir trifft, und Bier spritzt durch den Raum. Guillo knurrt und macht einen Satz, aber irgendetwas in mir will – kann – es ihm nicht so leicht machen. Ich hechte aus seiner Reichweite.

Aber nicht weit genug. Ich spüre ein Ziehen, dann höre ich ein Reißen von Stoff, als er mein dünnes, abgetragenes Leibchen zerfetzt.

Stille erfüllt den Dachboden – lähmende Schockstille, selbst Guillos erregtes Atmen setzt aus. Ich spüre, wie sein Blick meinen Rücken hinunterwandert und er die roten Schwielen und Narben sieht, die das Gift hinterlassen hat. Ich schaue über die Schulter und sehe, dass sein Gesicht kreidebleich geworden ist und seine Augen sich geweitet haben. Als unsere Blicke sich treffen, weiß er, dass er übertölpelt wurde. Dann brüllt er, ein langer, tiefer Laut des Zorns, in dem sich zu gleichen Teilen Wut und Furcht mischen.

Einen Augenblick später kracht seine grobe Hand gegen meinen Schädel, und ich falle auf die Knie. Der Schmerz sterbender Hoffnung ist schlimmer als Guillos Fäuste und Stiefel.

Als sein Zorn verraucht ist, bückt er sich und packt mich am Haar. »Jetzt werde ich einen richtigen Priester holen. Er wird dich verbrennen oder dich ertränken. Vielleicht beides.« Er schleift mich die Treppe hinunter, und meine Knie schlagen schmerzhaft gegeneinander. Er zerrt mich weiter durch die Küche, dann stößt er mich hinunter auf die gestampfte Erde des kleinen Kellers, schlägt die Tür zu und verschließt sie.

Mit blauen Flecken und möglicherweise gebrochenen Knochen liege ich auf dem Boden, meine zerschundene Wange in den kühlen Dreck gepresst. Außerstande, mich daran zu hindern, lächele ich.

Ich bin dem Schicksal entgangen, dass mein Vater für mich geplant hatte. Am Ende bin ich diejenige, die gewonnen hat, nicht er. (…)

(Zur Fortsetzung)

Copyright (c) 2012 by Robin L. LaFevers – Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlages.

Bildrechte: Magie – Verwandlungs-, Hexerei- & Zaubergeschichten” (Magie neuer Hrsg und heller.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

Anmerkung der Redaktion: Wer wissen möchte, wie es weitergeht, der erfährt es in diesem Buch der Autorin, Bestellmöglichkeiten über die Bestellinks:

Robin L. LaFevers
Grave Mercy – Die Novizin des Todes

Übersetzt von Link, Michaela
Verlag :      cbj
ISBN :      978-3-570-40156-9
Einband :      Paperback
Preisinfo :      14,99 Eur[D] / 15,50 Eur[A] / 21,90 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 11.09.2012
Seiten/Umfang :      544 S. – 20,6 x 13,5 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      10.09.2012

Auftragsmörderin mit Herz:

Die 17-jährige Ismae flüchtet vor einer Zwangsheirat und findet Zuflucht im Kloster von St. Mortain, wo die Schwestern noch den alten Gottheiten dienen. Doch um selbst ein neues Leben beginnen zu können, muss sie das Leben anderer zerstören: Der Gott des Todes hat ein Schicksal als Auftragsmörderin für sie vorgesehen …

Ismaes erster Auftrag führt sie an den Hof der bretonischen Herzogin, wo sie mit einem unlösbaren Gewissenskonflikt konfrontiert wird: Wie kann sie den Auftrag des Todes ausführen, wenn das Opfer ihr Herz gestohlen hat?

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Updated: 5. März 2013 — 14:04

11 Comments

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  1. Ismae, ich liebe dich! Für mich DER Favorit für den nächsten Leseprobenaward. 🙂 🙂 🙂

  2. Saugut! Man glaubt es kaum, aber ich lese diesen Titel gerade! 🙂

  3. Ist das nicht eher was für Kids?

  4. Ein tolles Cover* Detlef, ich möchte dann gerne wissen, ob dir die Story gefallen hat!

  5. Also du meinst jetzt Grave Mercy? Das war so: cbj hat mir eine Leseversion des Buch gesendet, da habe ich dann den Fehler gemacht und mal reingelesen. Da war es dann um mich geschehen. Das Buch, zumindest der Anfang, hat mich richtig gefesselt, ich konnte nicht mehr aufhören. Plötzlich hatte ich 100 Seiten gelesen. Das Buch hat 544 Seiten. Es wird daher noch ein bisschen dauern, bis ich es fertig habe, denn ich lese auch noch an fünf anderen Romanen und immer abwechselnd. Normalerweise ist das Thema eines, dass ich nicht mit der Beisszange anfasse, aber der Anfang war so gut geschrieben, wie ich finde, dass ich damit angefangen habe. Das hat mich auf die Idee gebracht, beim Verlag anzufragen, ob wir das für den Leseproben-Award bei uns reinstellen wollen. cbj fand die Idee gut und so haben sie mir eine Leseprobe gesendet. Die habe ich in zwei Teile portioniert, der zweite Teile ist schon im System und erscheint bei uns am 1. Dezember.

  6. HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH AN DIE AUTORIN UN DEN VERLAG FÜR GEWINN DES LESEPROBEN-AWARDS!

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