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DIE GLÄSERNE STADT – Romanauszug (Teil 1) von Christa Kuczinski (sfb-Preisträger Platz 2 im Storywettbewerb 3/2012)

DIE GLÄSERNE STADT

Romanauszug

(Teil 1)

von

Christa Kuczinski

1.

Nora war an diesem Abend früh zu Bett gegangen, doch die Kopfschmerzen, die sie über den ganzen Tag hinweg begleitet hatten, ließen sie dennoch nicht zur Ruhe kommen.

Klack, Klack, Klack.

Das immer wiederkehrende Geräusch weckte sie aus ihrem Dämmerschlaf. Nur zögerlich stand sie auf und tappte barfuß zum Fenster hinüber.

Kühle Nachtluft wehte ihr beim Öffnen des Fensterflügels entgegen, ließ sie in ihrem dünnen T-Shirt frösteln und verstärkte das dumpfe Pochen hinter ihrer Stirn.

Wenige Meter unter sich entdeckte sie Josh, der in der Dunkelheit nur schemenhaft zu erkennen war. Er stand auf dem Weg, und war gerade im Begriff einen weiteren Stein in ihre Richtung zu werfen, als er sie bemerkte.

„Ich dachte du würdest schon schlafen.“

Seine Stimme klang merkwürdig gepresst und ließ sie aufhorchen. Um ihn besser sehen zu können, beugte sie sich weiter vor und überging den stechenden Schmerz, der durch ihren Kopf schoss.

„Zumindest lag ich schon im Bett. Was gibt es denn so Wichtiges, das nicht Zeit bis morgen hätte?“

„So wie es aussieht hatten wir beide Recht. Im Arbeiterviertel braut sich tatsächlich etwas zusammen.“

Nora verstand nicht, auf was er hinaus wollte. Was hatten sie mit den Lohnarbeitern zu schaffen und wieso wurde sie den Eindruck nicht los, dass sie darüber Bescheid wissen sollte?

Mit Kopfschmerzen einen Salto rückwärts zu schlagen und darüber nachzudenken, ob ihr in den letzten Tagen etwas entgangen sein könnte, war eine Disziplin in der sie nicht besonders gut war. Danach fragen konnte sie nicht mehr. Das ganze Grundstück wurde von einem gleißenden Licht überflutet.

Irgendwo in der Nähe fiel eine Tür ins Schloss. Hastig trat sie einen Schritt vom Fenster zurück.

„Okay, Zeit zu verschwinden, bevor dein Vater mit seiner Knarre vor meiner Nase herumfuchtelt. Ich werde dich später auf dem Handy anrufen. Pass auf dich auf!“

Für einen kurzen Moment konnte sie sein blasses Gesicht erkennen, der gehetzte Ausdruck in seinen Augen erschreckte sie zutiefst.

Mit gemischten Gefühlen beobachtete sie, wie Josh quer über den gepflegten Rasen rannte und in den Schatten der Hecken eintauchte, die das Anwesen wie eine Mauer umgaben. Behutsam verriegelte sie das Fenster und hoffte, dass ihr Vater nichts von dem nächtlichen Besuch mitbekommen hatte.

Er mochte Josh nicht besonders, schlimmer noch, er hielt ihren Freund für einen Taugenichts, der seine Tochter früher oder später in ernsthafte Schwierigkeiten bringen würde. Seine Ansicht, die jeglicher Grundlage entbehrte, hatte bereits des Öfteren zu einem heftigen Streit zwischen Nora und ihrem Vater geführt. Das Letzte was sie jetzt gebrauchen konnte, war eine weitere Konfrontation mit ihm.

Nora legte ihr eingeschaltetes Handy direkt neben sich auf das Kopfkissen. Doch sie wartete vergeblich auf Joshs Anruf.

Während der Nacht schreckte sie mehrmals aus dem Schlaf, und jedes Mal fühlte sie sich aus den dunklen Ecken ihres Zimmers heraus beobachtet. Irgendwann hielt sie es nicht mehr aus, schaltete die Nachttischlampe ein und ließ sie brennen.

*

Am nächsten Morgen waren ihre Kopfschmerzen zwar verschwunden, doch mit ihnen hatte sich auch die gerahmte Fotografie von Josh, die auf ihrem Nachtisch gestanden hatte, in Luft aufgelöst. Den Verlust bemerkte sie jedoch erst am späten Nachmittag.

Zum Zeitpunkt ihrer Entdeckung machte sie sich bereits große Sorgen. Josh war weder zum Unterricht erschienen noch über sein Handy telefonisch zu erreichen. Nora hatte ihm unzählige Nachrichten auf seiner Mailbox hinterlassen und bei ihrem letzten Versuch meldete sich eine monotone Computerstimme, die ihr mitteilte, dass die Nummer niemanden zugeordnet werden konnte.

Sein Verhalten am Vorabend und die Tatsache, dass er plötzlich nicht mehr erreichbar war, versetzten sie in Unruhe.

Perplex starrte sie eine gefühlte Ewigkeit auf die leere Stelle neben ihrem Wecker.

Ihre erste Annahme, dass einer der Hausangestellten das Foto versehentlich an einen anderen Platz gestellt haben könnte, zerschlug sich, da ihr Zimmer aufgeräumt und somit überschaubar war. Als sie das Bild weder im Bücherregal noch auf dem Schreibtisch entdeckte, richtete sich ihr Verdacht gegen ihren Vater. Scheinbar war ihm das nächtliche Date doch nicht verborgen geblieben. Normalerweise war ihr Vater jemand, der offen aussprach, was ihn störte. Einen solch cleveren Schachzug, die Fotografie zu entwenden, nur um Nora auf diese Weise aus der Reserve zu locken, hätte sie ihm niemals zugetraut.

Selbst auf die Gefahr hin eine Diskussion auszulösen, blieb ihr nichts anderes übrig, als ihn zur Rede zu stellen.

Sie lief die gewundene Marmortreppe hinunter, übersprang die beiden letzten Stufen und rannte durch die lichtdurchflutete Empfangshalle. Eine Ledersitzgruppe, der dazugehörige Glastisch und ein dunkler Perserteppich, der einen Großteil des Steinbodens bedeckte, erweckte den Anschein von Gemütlichkeit.

Hinter einer der zahlreichen geschlossenen Türen erklang geschäftiges Klappern von Geschirr und die gedämpften Stimmen der Angestellten. Die Vorbereitungen für das Abendessen waren bereits im vollem Gange, doch Nora empfand alles andere als Hunger.

Sie hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, den Blick auf die Ahnengalerie zu meiden. Die eindrucksvollen Porträts ihrer Vorfahren, die mit zeitlosen, strengen Mienen den Saal bis in den letzten Winkel auszuspähen schienen, riefen in ihr seit jeher einen starken Widerwillen hervor.

Nora versuchte ihren Unmut zu unterdrücken und verlangsamte ihre Schritte.

Das Büro ihres Vaters lag der Treppe direkt gegenüber. Die Tür war wider erwarten geschlossen, obwohl zu dieser Zeit die offizielle Sprechstunde längst vorüber war.

Nach kurzem Anklopfen betrat sie den Raum und blieb direkt an der Tür stehen.

Wie immer saß ihr Vater hinter Stapeln von Aktenordnern, und blickte erst auf, als sie wiederholt ungeduldig hüstelte. An seinem Gesichtsausdruck konnte sie erkennen, dass er sich gestört fühlte. Sein halbherziges Lächeln erwiderte sie sehr verhalten.

„Hallo! Schön dich auch mal wieder zu Gesicht zu bekommen.“

Nora verstand die Welt nicht mehr.

Erst gestern hatte sie mit ihrem Vater zu Abend gegessen. Ihre gemeinsamen und überaus schweigsamen Mahlzeiten beschränkten sich ausschließlich auf die Abendstunden und selbst dann aß Nora oftmals alleine in der Küche.

War es möglich, dass der heftige Kopfschmerz des gestrigen Tages bei ihr zu einer vorübergehenden Amnesie geführt hatte?

Da sie sich nicht sicher war, ignorierte sie den fragenden Blick ihres Vaters und kam gleich zur Sache.

„Könnte es sein, dass du das Foto von Josh, das auf meinem Nachtisch stand, an dich genommen hast?“

Das ihrer Meinung nach passendere Wort entwendet, verkniff sie sich gerade noch rechtzeitig.

„Seit wann steht ein Bild auf deinem Nachtisch und wer ist Josh?“

Nora verschlug es die Sprache.

Ihr Vater saß in seinem maßgeschneiderten, schwarzen Anzug, der ebenso perfekt wirkte wie alles an ihm, völlig entspannt in seinem Bürosessel und benahm sich, als wüsste er tatsächlich nicht, was sie meinte. Schlimmer noch, als würde es Josh gar nicht geben.

Irritiert über sein merkwürdiges Verhalten strich sich Nora eine ihrer langen, roten Haarsträhnen hinter das Ohr und blinzelte hektisch.

„Ich bin mir darüber im Klaren, dass du ihn nicht magst, aber das geht nun wirklich zu weit. Könntest du deinen absonderlichen Humor für jemand anderen aufheben und mir meine Frage beantworten?“

Seine unerwartete Reaktion auf ihre Streitlust brachte sie vollends aus dem Konzept. Normalerweise wäre jetzt der Zeitpunkt gewesen, an dem ihr Vater sie barsch zurechtgewiesen hätte. Stattdessen warf er ihr einen langen, nachdenklichen Blick zu und forderte sie mit einer einladenden Geste auf, ihm gegenüber Platz zu nehmen. Gerade so, als sei sie eine seiner stinkreichen Klienten, die es zu beschwichtigen galt, und nicht seine Tochter, die wutschnaubend an der Tür stand und eine simple Antwort verlangte. Geflissentlich übersah sie sein fragwürdiges Angebot und blieb, wo sie war.

„Kind, ich weiß wirklich nicht, worüber du dich so aufregst. Geht es dir nicht gut? Vielleicht sollte ich Dr. Faller anrufen. Wie ich aus den Nachrichten erfahren habe, grassiert zurzeit ein hartnäckiger Virus …“

Entgeistert verfolgte sie, wie die Hand ihres Vaters zum Telefon ging. Das beklemmende Gefühl, das sie bereits den ganzen Tag begleitete, verstärkte sich zusehends.

„Äh, nein, lass nur. Ich bin nur müde und deshalb etwas durcheinander.“

Nora flüchtete zurück in die Empfangshalle. Das dringende Bedürfnis laut zu schreien schnürte ihr die Kehle zu.

Dr. Faller war doch tot! Erst vor drei Wochen hatte sie, wenn auch nur widerwillig, mit ihrem Vater an dessen Beerdigung teilgenommen.

Der Hysterie nahe hastete sie unter den strafenden Blicken ihrer Ahnen die Treppenstufen hinauf. Rannte durch den langen Flur in ihr Zimmer, und warf die Tür mit einem lauten Knall hinter sich zu.

Sie musste unbedingt wissen, ob ihre Befürchtung, die sich wie eine beängstigende Wand in ihrem Kopf aufbaute und ihr den nüchternen Blick auf die zurückliegenden Ereignisse versperrte, der Wahrheit entsprach.

Nachdem ihr Computer betriebsbereit war, öffnete sie die Bildergalerie, mit ihren persönlichen Fotos. Mit Entsetzen stellte Nora fest, dass alle Aufnahmen auf denen Josh zu sehen war, nicht nur aus der Sammlung verschwunden, sondern anscheinend von der Festplatte gelöscht worden waren. Tränen der Wut und der Ohnmacht pulsierten hinter ihren Augenlidern und nahmen ihr die Sicht.

Hektisch loggte sie sich ins Internet ein und suchte nach der Facebook-Seite ihres Freundes.

Wie befürchtet, war diese ebenfalls nicht mehr auffindbar.

Mittlerweile panisch, wechselte sie auf ihre eigene Seite, die glücklicherweise dort war, wo sie hingehörte. Mit fliegenden Fingern hämmerte sie auf die Tastatur ein, schrieb eine kurze Anfrage und schickte diese an ihre Freunde. Ihren Blick starr auf den Bildschirm gerichtet, wartete Nora auf die ersten Rückmeldungen, die ihre düsteren Vorahnungen bestätigten.

Wie es aussah hatte sich ihr Vater keinen makaberen Scherz mit ihr erlaubt. Nicht nur er, auch ihr kompletter Freundeskreis, der Josh ebenfalls bestens kannte, reagierte mit völligem Unverständnis auf ihre Frage, wann sie ihn das letzte Mal gesehen hatten. Nicht einer von ihnen ließ erkennen, dass es Josh jemals gegeben hatte. Niemand erinnerte sich an ihn!

War etwa sie diejenige, die langsam verrückt wurde?

Zum ersten Mal kam ihr der schreckliche Gedanke, dass es durchaus im Bereich des Möglichen lag, dass sie sich, wie ihr Vater andeutete, einen grässlichen Virus eingefangen hatte. Die heftigen Kopfschmerzen ebenso wie ihre momentane Verwirrtheit könnten darauf hindeuten.

*

Sie stand kurz davor genau das zu glauben, doch ein zufälliger Blick auf das Bücherregal, änderte ihre Meinung.

Ihre Hand glitt die Reihen der Buchrücken entlang und stoppte bei einem schmalen, unscheinbaren Band. Seit jeher hatte sie ein Faible für die Architektur dieser Stadt. Josh wusste als Einziger von ihrer heimlichen Passion und hatte ihr erst vor einigen Monaten, dieses Buch zugesteckt. Ihre Handflächen wurden feucht, als sie das Buch aus dem Regal nahm und den Umschlag entfernte. In der oberen, rechten Ecke befanden sich die eingestanzten Initialen: N. und J.

Die Buchstaben verschwammen vor ihren Augen. Sie umklammerte den Bildband, als könnte er sich ebenfalls jeden Moment in Luft auflösen.

Endlich hatte sie den Beweis, dass mit ihr alles in bester Ordnung war und gleichzeitig die Gewissheit, dass etwas Schreckliches mit den Menschen in ihrer Umgebung passierte.

Ihr Freund, der seine Nase mit Vorliebe in Dinge steckte, die ihn nichts angingen, musste auf irgendeine Weise an bestimmte Informationen gekommen sein. Er hatte Nora warnen wollen und war seltsamerweise davon ausgegangen, dass sie darüber Bescheid wusste. Doch was genau war es, was sie scheinbar vergessen hatte?

Dass sie sich plötzlich nicht mehr daran erinnerte, bereitete ihr wahnsinnige Angst. Der einzige Hinweis über Joshs momentanen Aufenthaltsort, führte sie mitten in den fragwürdigsten Teil der Stadt.

2.

Zahlreiche Einwohner strömten wie ein Bienenschwarm aus ihren Wohneinheiten und schlossen sich stillschweigend einer wachsenden Menschentraube an. Offenbar bemühten sich die Menschen leise zu sein und nur ab und zu war ein Flüstern zu hören. Irgendwie fand es Nora gespenstisch, den stillen, fast apathisch wirkenden Menschen zu folgen. Als eine kleine Gruppe in eine Seitengasse abbog, schloss sie sich ihr an und achtete darauf, Abstand zu halten und niemandem zu nahe zu kommen. Zum ersten Mal befand sie sich in diesem heruntergekommenen Stadtviertel mitten unter namenlose Arbeitern, über die ihr Vater so abschätzig sprach.

Nora hatte seine Warnungen vor diesen fragwürdigen Gestalten stets beachtet und sich von diesem Bezirk ferngehalten. Es hatte für sie bisher auch keinen Grund gegeben sich mit diesem Gesindel abzugeben.

Doch nun war sie verzweifelt. Das plötzliche Verschwinden ihres Freundes Josh und die Tatsache, dass sich niemand mehr an ihn zu erinnern schien, ließen Noras Ängste gegenüber diesen Menschen in den Hintergrund treten.

Wie konnte jemand einfach so aus den Erinnerungen der ihm nahestehenden Personen verschwinden? Wie konnte er einfach weg sein und weshalb war sie die Einzige, die noch an ihn dachte?

Sie musste unbedingt herausfinden, was sich hinter all diesen Andeutungen und seltsamen Vorkommnissen verbarg. Und vor allem musste sie Josh wiederfinden!

Etwas streifte ihren Arm und riss Nora abrupt aus ihren trüben Gedanken. Automatisch wich sie aus, strauchelte und wäre fast mit jemandem zusammengestoßen.

Obwohl sie einen schlichten, dunklen Umhang trug und ihre roten Haare unter der Kapuze verbarg, hatte sie die Leute, die sich in ihrer unmittelbaren Nähe aufhielten, nicht lange täuschen können. Ihr blasser Teint und ihre zwei blau – grünen Augen verrieten eindeutig ihre Herkunft. Die überraschten und mitunter misstrauischen Blicke der Vorbeieilenden verstärkten Noras Drang, dieses düstere Stadtviertel so schnell wie möglich zu verlassen um in ihre gewohnte Umgebung zurückzukehren.

Doch ohne plausible Antworten auf all ihre Fragen, die ihr nur eine einzige Person geben konnte, würde sie nicht umkehren.

Endlich hatte sie das Ende der Gasse erreicht. Vor ihr breitete sich der Marktplatz aus, der trotz seiner beeindruckenden Größe überfüllt war. Erste schwache Sonnenstrahlen drangen durch die aufreißende Wolkendecke und dennoch lag eine bleierne Schwere über dem Platz.

Anstelle der von ihr erwarteten überladenen Obst- und Gemüsestände gab es vereinzelt, nachlässig zusammengeschobene Kisten, in denen nur wenige Frischwaren angeboten wurden. Einige der Holzkisten dienten sogar als Sitzgelegenheit, wie Nora überrascht feststellte.

Es musste einen weiteren Grund geben, warum die Menschen sich ausgerechnet an diesem trostlosen Ort eingefunden hatten.

Einige blieben vor den provisorischen Ständen stehen, andere formierten sich zu großen Gruppen. Und wie zuvor wurde nur geflüstert, als hätten die Menschen Angst ihre Meinungen frei zu äußern. Sie schlich zwischen ihnen umher und musterte sie so unauffällig wie möglich.

Je länger Nora jedoch ziellos umherstreifte, umso nervöser wurde sie.

Plötzlich bekam das Wort Paranoia eine völlig neue Bedeutung. Inzwischen glaubte sie unzählige, feindselige Blicke auf sich gerichtet zu spüren, die jede ihrer Bewegungen kontrollierten und nur darauf lauerten, dass sie einen Fehler beging.

Sie stand kurz davor ihre Suche abzubrechen und in eine der Seitengassen zu flüchten. Dass sie Josh innerhalb einer Ansammlung verwahrloster Gestalten erspähte, war reiner Zufall. Tränen der Erleichterung schossen ihr in die Augen, die sie nur mit Mühe zurückhalten konnte. Dem Gefühl der Befreiung folgte Verunsicherung.

Jetzt, da sie ihn endlich gefunden hatte, zögerte sie plötzlich, sich ihm gegenüber zu erkennen zu geben.

Josh wirkte verändert, er strahlte etwas Neues, Befremdliches aus. Ebenso wie die Anderen trug auch er schmutzige, zerschlissene Kleidung. Die ehemals gepflegten, schwarzen Haare standen ihm wirr vom Kopf ab und seine normalerweise gebräunte Haut wies einen ungesunden Grauton auf.

Unschlüssig verfolgte sie jede seiner Bewegungen, die ihr vertraut waren.

Während sich Josh seinen Weg zwischen den Menschen hindurch bahnte, bildeten die Leute fast schlafwandlerisch vor ihm eine schmale Gasse, die sich direkt hinter ihm wieder schloss. Niemand schien bewusst auf den jungen Mann zu reagieren oder ihn überhaupt wahrzunehmen.

Und plötzlich begriff sie. Niemand außer ihr konnte ihn sehen!

Schockiert über diese Erkenntnis, zog Nora die Kapuze vom Kopf, hielt inne bis sie sicher war, dass ihr Freund sie entdeckt hatte, und verschwand unauffällig im Schutz eines zurückgesetzten, düsteren Hauseingangs.

(wird fortgesetzt!)

Copyright (C) 2012 by Christa Kuczinski

Bildrechte: Coverillustration “Evolution. – Menschheitsgeschichten” (http://www.chaosrigger.org/pixel02/upload/2011/02/06/20110206232618-23a74ac6.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Cyborgs01-89-minus-114-minus54.jpg ” (Originaltitel: 20110206232618-23a74ac6.jpg) © 2011 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

Buchtipp der Redaktion:

Jänchen, Heidrun
Willkommen auf Aurora

Verlag :      Wurdack Verlag
ISBN :      978-3-938065-80-8
Einband :      Paperback
Preisinfo :      14,95 Eur[D] / 15,40 Eur[A]
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Seiten/Umfang :      320 S. – 21,5 x 13,5 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 01.02.2012
Gewicht :      393 g
Aus der Reihe :      SF-Reihe 16

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»Ist das ihr Sohn?« Der Zollbeamte deutete auf das Kinderbett.

Maria nickte.

»Wir müssen ihn wegen Verstoßes gegen das Gesetz zum Schutze geistigen Eigentums beschlagnahmen. Er enthält die Gensequenz G93s4 und verstößt damit gegen das Patent WO 91174901. Über die eventuelle Vernichtung entscheidet der Patentinhaber.«

Sie sind Soldaten, Bergleute, Leihkörper, Piloten, Ärzte und Polizisten. Sie haben das Kleingedruckte nicht gelesen, verlieben sich zur Unzeit, verfügen über eine völlig unnütze Resistenz gegen Maiszünsler oder hören die Gedanken anderer Menschen. Sie stecken bis zum Hals in Ärger, und sie haben eines gemeinsam: Sie finden sich nicht damit ab.

In 17 Storys erzählt Kurd Laßwitz Preisträgerin Heidrun Jänchen, was aus der Welt werden könnte, wenn wir einfach so weitermachen – und was man dagegen tun kann.

Heidrun Jänchen wurde 1965 im Landkreis Karl-Marx-Stadt geboren. Sie studierte in Jena Physik und promovierte auf dem Gebiet der Dünnschichtoptik. Seither arbeitet sie als Optikentwicklerin.

Ihre erste Buchveröffentlichung hatte sie 1983 mit einem Gedicht. Nach einem Theaterstück und einem Krimi-Drehbuch folgten zwei Fantasy- und ein Science-Fiction-Roman. Science-Fiction-Storys erschienen seit 2003 bei Wurdack, Shayol, NOVA und in der Computerzeitschrift c’t.

Die Autorin arbeitete am futurologischen iknow-Projekt der EU mit, das sich mit Wild Cards, nicht sehr wahrscheinlichen, aber potenziell folgenschweren Ereignissen, beschäftigte.

Seit 2003 betreut sie mit Armin Rößler und Dieter Schmitt die Science Fiction-Reihe des Wurdack Verlags.

Kurd Laßwitz Preis für die beste Kurzgeschichte 2009, darüber hinaus achtzehn Nominierungen für den Deutschen Science Fiction Preis, Kurd Laßwitz Preis und Deutschen Phantastik Preis.

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22 Comments

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  1. Wer mag zu dieser tollen Geschichte was sagen?

  2. Jawoll, das (Textstück) hat Spaß gemacht und macht neugierig auf mehr … mehr … mehr!

    Wenn das zeitliche Durcheinander …
    „Am nächsten Morgen waren ihre Kopfschmerzen zwar verschwunden …“
    … und wenige Zeilen später …
    „Die Vorbereitungen für das Abendessen waren bereits im vollem Gange …“
    … beabsichtigter Bestandteil der Geschichte ist, ist es natürlich gut. Sollte es kein Detail des Geheimnisses sein, ist es ein leicht korrigierbarer Fehler.

    mgg
    galaxykarl 😉

  3. Christa Kuczinski

    galaxykarl,
    Zu Anfang war es nur eine nebulöse Idee in meinem Kopf. Inzwischen bin ich voll in die Story eingestiegen.* Da freut es mich natürlich, dass der „Text“ gefällt.
    Danke, für den Motivationskeks! 😉

    Lg Christa

  4. Besser Kekse als Kuchen, den nimand will. Ausserdem kann man wohl keinem auf den Kuchen gehen, auf den Leim schon eher. Am besten ist es aber immer, wenn man jemand auf den Keks gehen kann!

  5. galaxykarl,
    wenn ich vom Morgen ohne den späten Nachmittag zu beachten direkt zum Abendessen spränge, würde mir unwohl durcheinander.

    Christa,
    ich bin gespannt, was das alles mit Evolution zu tuen hat. Viel Erfolg mit den Folgen!

    Gruß
    Martin

  6. Christa Kuczinski

    galaxykarl,

    meinst du die zeitliche Abfolge?

    Am nächsten Morgen waren ihre Kopfschmerzen zwar verschwunden …
    Den Verlust bemerkte sie jedoch erst am späten Nachmittag.
    Die Vorbereitungen für das Abendessen waren bereits im vollem Gange …

    Lg Christa

  7. Liebe Christa,

    natürlich meine ich auch die zeitliche Abfolge, eher aber die dabei verstreichende Zeit.

    Nora erwacht, starrt lange Zeit an die Decke (die Einfügung „späten Nachmittag“ ist hier schon vorbei), betrachtet das Zimmer und hastet dann die Treppe hinunter … um dort nebenbei die Vorbereitungen für das Abendessen zu bemerken.

    Entweder ist sie a. Langschläferin, b. Tagträumerin (und es ist in ihrer Familie üblich und akzeptiert, dass sie erst kurz vor dem Abendessen auftaucht) oder c. das Abendessen ist ein großes Ereignis, dass schon umfangreiche vormittägliche Vorbereitungen erfordert.

    Verstehst du, was ich meine? Die Reihenfolge ist völlig OK, die dabei vermittelte verstreichende Zeit ist verwirrend.

    mgg
    galaxykarl 😉

    P.S. Meine Lektorin hat mich erst auf solche Belange aufmerksam gemacht und ich pflüge gerade durch die beiden ersten Spiegelkrieger-Romane als Selbstlektor (soweit das bei Selbstverliebtheit und Textblindheit überhaupt geht) und stelle fest, dass mein zweiter Band deutlich weniger solche Auffälligkeiten hat.

  8. Christa Kuczinski

    Hi galaxykarl,

    alles klar. Danke für deine Erklärung!!! 😉

    Lg Christa

  9. Christa, Änderungen an deinem Text sind von dir jederzeit möglich!

  10. Martin, auch dystopische Veränderungen gehöen zu Evolution. Diese ist immer wertfrei. Da mir Christa am Telefon mitgeteilt hat, in welche Richtung das Ganze gehen soll, habe ich es Felis für diese Anthologie vorgeschlagen. Ausserdem soll die Geschichte letztlich entscheidene Veränderungen für die Menschheitsgeschichte haben, soweit ich Christa richtig verstanden habe. Lassen wir uns einfach überraschen. Verschieben können wir die Teile ja notfalls immer noch.

  11. Worauf dürfen wir uns eigentlich aus deiner Feder für diesen Wettbewerb freuen? 🙂

  12. Detlef,
    Dystopien gehören zu meinen Lieblingsgerichten. Jetzt, da Du es verraten hast, freue ich mich um so mehr auf die Fortsetzung.

    Meinst Du mit Deiner Frage um 13:44 Uhr mich? Ich habe dieses Quartal nichts. Eine Geschichte ist zum Druck angenommen. Nach Erscheinen würde es wohl passen. Wegen Mehrarbeit vor und nach dem Urlaub im August komme ich diesmal auch nicht zum Abstimmen.

    Gruß
    Martin

  13. Dann nominiere doch wenigstens deine alten Sachen nochmal, einfach aus Solidarität zu uns anderen.

  14. Irene,
    ich bin der Neue. Ich habe keine alten Sachen.
    Oder meinst Du die Geschichte, mit der ich im ersten Quartal exklusiv den letzten Platz belegt habe? 😉

  15. Hoppsa, das wäre wohl nicht angebracht, da gebe ich dir recht. Hatte ich nicht dran gedacht, dass du damit so schlecht abgeschnitten hast. Tipp doch einfach eine von deinen Microstorys schnell ein, das hat man doch in 10 Minuten erledigt, oder? 😉

  16. So eine Microstory ist lange harte Arbeit. Ich habe keine andere. Aber Deine Beharrlichkeit erinnerte mich an einen Text, der vor vier Jahren gedruckt und anschließend zerrissen wurde. Allenfalls tauglich für das Bonusmaterial eines Ebooks. Vielleicht noch um das Sommerloch zu stopfen und sich nach dem Deasaster im zweiten Quartal wieder den exklusiven letzten Platz zurück zu erobern … 😉 Ich denke drüber nach.

    Auweia, jetzt haben wir recht viel Geschrieben, das nichts mit Christas Gläserner Stadt zu tuen hat. Um den Bogen zurück zu bekommen ein Buchtipp zu gläsernen Städten und gläsernen Bürgern: Der Roman „Wir“ von Jewgenij Samjatin. Und mein alter Text ist ebenfalls dystopisch.

  17. Christa Kuczinski

    Danke für den Buchtipp, Martin.

    Ich werde das Buch erst nach Fertigstellung meines Projekts lesen können. Nicht, dass ich mich da in irgendeiner Weise beeinflussen lasse. Das halte ich immer so 😉

    Lg Christa

  18. “Wir” von Jewgenij Samjatin haben wir damals in der Schule gelesen. 🙂

  19. Gratulation zum 2. Platz! Bitte mail mir deine Bankverbindung, damit ich dir das Geld überweisen kann!

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