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DIE GEBURT DES SHAI’LANHAL (Teil 1) aus: “Shaans Bürde” – Fantasy-Roman von Susanne Gavénis

Erstellt von Detlef Hedderich am Donnerstag 3. Mai 2012

DIE GEBURT DES SHAI’LANHAL (Teil 1)

aus: “Shaans Bürde”

Fantasy-Roman

von

Susanne Gavénis

Gezackte Blitze spalteten den Himmel, leckten wie gierige Feuerzungen dem Boden entgegen und rissen das Land für Sekundenbruchteile aus der tiefen Finsternis, die es schon vor Tagen verschlungen hatte. Donner folgte ihnen dichtauf, hallte am Firmament wie von einer gewaltigen Kuppel wider und fand ein vielfältiges Echo an den Felsen und Berghängen rings um die Burg, die trutzig inmitten des Infernos aufragte. Und kaum war ein Donnerschlag verklungen, fuhr der nächste Blitz wie ein flammender Speer in die Erde und beschwor den Zorn der Luft erneut herauf.

Gefflan Geyseré zuckte bei jedem Grollen erschrocken zusammen, und längst hatte sich ein Schauder auf seine Haut gelegt, der nicht mehr weichen wollte. Dabei war er beileibe kein Kind mehr, sondern vierundzwanzig Jahre alt, alt genug also, um bei einem einfachen Gewitter nicht wie ein verängstigtes Kätzchen in Panik zu verfallen. Doch das Unwetter, das außerhalb der Burg seines Vaters, des Herzogs Garbass Geyseré, tobte, war weit mehr als das. Die Elemente selbst waren in einer Aufruhr begriffen, die er noch nie zuvor erlebt hatte.

Blitz und Donner wüteten seit einer Woche über den Bergen. Am Tage hingen die Wolken so tief und waren so dicht, dass kaum mehr als ein schummeriges Dämmerlicht den Boden erreichte, in der Nacht jedoch folgten die Blitze so schnell aufeinander, dass die Dunkelheit von ihrem fahlen, flackernden Schein heller erleuchtet wurde als der Tag.

Regen prasselte seit dem ersten Blitzschlag unaufhörlich auf die Erde nieder und hatte den kleinen Bach, der dicht neben der Burg vorbeifloss, längst in einen reißenden Strom verwandelt. Sein Rauschen mischte sich mit dem wüsten Trommeln der dicken Tropfen, die Metallkugeln gleich auf die Dächer der Gebäude und Turmhäuser trafen, sie zum Vibrieren brachten und inzwischen mehr als nur ein Loch gefunden hatten, um auch diese menschliche Zufluchtsstätte, die sich mit ihren wuchtigen Mauern den entfesselten Naturgewalten so trotzig entgegenstemmte, ein für allemal vom Gesicht der Erde zu tilgen. Wasser leckte allerorten durch die Ziegel und machte es nötig, dass die Bediensteten mit Eimern und Kannen herbeieilten, damit nicht auch auf den Fluren und Korridoren Rinnsale entstanden und das Mauerwerk von innen unterhöhlten.

Nur selten hatte der Regen in den letzten Tagen nachgelassen, und wenn er es getan hatte, war er gleich darauf als Eis niedergegangen. Hagelkörner so groß wie Taubeneier hatten bereits viele Fensterläden zerschmettert, Scheiben zertrümmert und es noch schwerer gemacht, das Unwetter aus den Räumen der Burg herauszuhalten.

Ein Knecht, der sich trotz des schlechten Wetters auf den Hof hinausgewagt hatte, weil ihm sein Hund in Panik davongelaufen und durch eine geborstene Scheibe ins Freie entwischt war, war von den Hagelkörnern beinahe erschlagen worden. Mit tiefen, blutenden Wunden war er ins Haus zurückgewankt. Den Hund hatte er nicht gefunden, und Gefflan glaubte nicht daran, dass das Tier noch lebte. Entweder war es ertrunken, vom Blitz getroffen oder vom Sturm ergriffen und gegen den Fels geschleudert worden. Nichts und niemand konnte bei einer derartigen Hölle im Freien überleben.

Von den tobenden Gewalten zutiefst beunruhigt, ging Gefflan in seinem Studierzimmer, das hoch oben in einem der Turmhäuser der Burg lag, auf und ab. Manchmal trat er an die Scheibe, presste das Gesicht dagegen und versuchte, Einzelheiten in der dunklen Nacht zu erkennen. Natürlich waren die Läden vor allen Fenstern bereits zu Beginn des Gewitters verschlossen worden, doch viele von ihnen besaßen einen Spalt, der in dem massiven Holz ausgespart geblieben war und durch den man nach draußen sehen konnte.

Wann immer ein Blitz das gequälte Land in seinen grellen Schein tauchte, konnte Gefflan die Bäume erkennen, die sich am Rande des Burgbergs und auf benachbarten Kuppen erhoben. Sie bogen sich wie Schilfrohr in dem heftigen Sturm, der zusammen mit Blitz, Donner und Regen über die Berge hereingebrochen war. Manch einer von ihnen war bereits umgeknickt und wie von einer Riesenfaust zu Boden geschmettert worden, andere hatten mit ihren Wurzeln den Halt verloren, da die übermäßig angeschwollenen Gebirgsbäche jede Krume mit sich gerissen hatten, und die, die noch standen, fingen die Blitze ein und zerplatzten wie Glas unter der plötzlichen Hitze. Allein der wasserfallartige Regen verhinderte, dass die Haine rings um die Burg und an den gegenüberliegenden Felswänden in Flammen aufgingen, trotzdem war es abzusehen, dass kaum ein Baum das Ende des Gewitters erleben würde.

Auch die Burg selbst war in Gefahr. Orkanböen warfen sich mit unbändiger Macht gegen die Mauern, rissen an den Fensterläden und brachen die, die nur die geringste Schwäche aufwiesen, aus ihren Angeln, sie zerrten an den Dachziegeln, hoben die, die nicht fest mit dem First vernagelt waren, ab und schleuderten sie in den Hof hinunter, wo sie krachend zerbrachen.

Doch der Ton, der ihr Ende auf dem harten Stein verkündete, war kaum zu hören. Das Heulen des Windes war lauter als das eines Rudels Wölfe in mondheller Nacht, und der ohrenbetäubende Donner verschlang allemal die Laute, die nicht ihm selbst entsprangen.

Und als wäre es damit noch nicht genug, war auch die Erde in Wallung geraten. Seit der erste Blitz herniedergefahren war, bebte der sonst so feste Boden, vibrierte und zitterte, als wären die Feuerzungen Peitschenhiebe, die nacktes Fleisch trafen. Im ältesten Turmhaus der Burg hatten sich bereits Risse in den Mauern gebildet. Noch waren sie fein, doch sie liefen wie ein Abbild der Blitze in vielfach gezackter Bahn über die Wände, und an ihren Rändern bröckelte der Putz. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie breiter werden würden, so breit, dass wirklich Gefahr für den alten Gebäudetrakt bestand, und wenn die Natur sich nicht bald beruhigte, mochten auch die neueren, stabiler gebauten Bereiche der Burg in naher Zukunft ihren Gewalten erliegen.

Wieder einmal schlug der Regen in Hagel um. Gefflan wich erschrocken zurück, als das Eis krachend gegen die Fensterläden prasselte. Er stolperte beinahe, ruderte mit den Armen und fand an der Lehne eines riesenhaften, schweren Stuhls aus massivem Eichenholz Halt.

Mit zittrigen Knien ließ er sich darauf sinken und starrte nachdenklich auf die Tischplatte. Er konnte nicht zählen, wie oft er bereits hier gesessen und die Aufzeichnungen von den vorangegangenen Kämpfen – den Kämpfen jener Menschen, die auserwählt worden waren, für das Gleichgewicht der kosmischen Mächte zu fechten – studiert hatte. Es war seine Aufgabe, sie auf neues Papier zu übertragen, altertümliche Worte gegen neue, gebräuchliche auszutauschen und so dafür zu sorgen, dass die Berichte erhalten blieben, bis der nächste Kampf stattfand. Das hatte er getan, seit sein Vater ihn vor sechs Jahren in das große Geheimnis eingeweiht hatte, von dem außer ihm selbst und seinem ältesten Bruder niemand etwas ahnte. Sein Großvater hatte es ebenfalls gekannt, und vor ihm sein Vater und dessen Vorfahren.

Über unzählige Generationen hinweg, seit Anbeginn der Zeit, hatte seine Familie der Macht des Guten gedient, hatte die Überlieferung bewahrt und würde auch den Shai, den Beschützer und Kämpfer stellen, der an der Seite der Lanhal, der Inkarnation des Guten, für einen Erhalt der Welt ohne Magie und schwarzen Zauber eintrat.

Außer ihnen kannten nur die Erben jener Familie, die sich der Seite des Bösen verschrieben hatte, die Geschichte des kosmischen Ringens, hüteten die Regeln und bewahrten das Wissen darum, so wie er und sein Vater es taten. In ihren Reihen würde die Shai’yinyal geboren werden, die Beschützerin des Yinyal, der Inkarnation des Bösen. Wenn es an der Zeit war, würden die Lanhal und ihr Shai gegen den Yinyal und seine Shai antreten und das Schicksal der Welt erneut entscheiden, ohne dass der Rest der Menschheit davon auch nur das Geringste ahnte.

Im Moment allerdings waren das für Gefflan nicht mehr als hohle Worte, Buchstaben auf Papier, die er zwar sorgfältig zu übertragen und zu bewahren gedachte, die ansonsten für ihn und sein Leben jedoch nur wenig Bedeutung besaßen. Ein Blick zur drohenden Schwärze hinter dem Fenster ließ ihn sogar befürchten, dass, wenn Sturm, Regen, Blitze und Beben nicht bald ein Ende fanden, weder seine Familie noch irgendeine andere lange genug überleben würde, um sich in dem nächsten Kampf zwischen Gut und Böse gegenseitig an die Gurgel zu gehen. Die aufgebrachten Elemente legten tatsächlich den Schluss nahe, das Ende der Welt sei gekommen.

Gefflan schloss die Augen und ballte seine Hände zu Fäusten. Das durfte nicht sein! Sein Leben war noch jung, und ein anderes sollte erst noch beginnen. Sheena, seine Frau, würde bald ihr erstes Kind gebären. Sie lag seit Tagen in den Wehen. Als der erste Blitz den Himmel zerrissen hatte, hatte es angefangen, und seitdem war sie nicht mehr zur Ruhe gekommen, doch noch war das Kind nicht da.

Zornig presste er die Lippen aufeinander, als ein erneuter Donnerschlag die Wände der Burg erschütterte. Wie sollte sich eine Frau bei diesem Hundewetter auch auf eine Geburt konzentrieren können? Wie sollte sie all ihre Kraft darauf richten, wenn Erdbeben, Blitze, Donner und Sturm sie ängstigten und die bange Frage aufwarfen, ob ihr Baby noch ein Dach über dem Kopf haben würde, wenn es erst das Licht der Welt erblickt hatte?

Am liebsten wäre er zu Sheena geeilt und nicht von ihrer Seite gewichen, aber seine Mutter und die Hebamme hätten das nicht zugelassen. Sie glaubten, er würde es seiner Frau nur noch schwerer machen, wenn er wie ein aufgeregter Gockel um ihr Bett herumwackelte und mit seiner Nervosität alle ansteckte. Vielleicht hatten sie sogar recht damit, denn er war tatsächlich unruhig und überaus besorgt; andererseits glaubte er nicht, dass er die Bedingungen noch schlechter machen konnte, als sie ohnehin schon waren. Er wollte doch nur helfen, und die Untätigkeit wurde immer unerträglicher.

Grimmig entschlossen, sich nicht noch einmal abweisen zu lassen, lief er los. Er befand sich bereits auf halbem Weg zur Tür, als diese sich öffnete und Garbass Geyseré, sein Vater und Herzog über diesen Teil des Landes, eintrat. Er war ein großer, stattlicher Mann mit dichtem, braunem Haar, das noch keinen einzigen Schimmer Grau zeigte. Ein sorgsam gestutzter Vollbart bedeckte die untere Hälfte seines Gesichts und schuf einen auffälligen Kontrast zu seinen strahlenden grauen Augen, die stets mit großer Aufmerksamkeit, aber auch mit Güte und Wohlwollen das Treiben der Menschen um ihn herum beobachteten. Oft lag ein warmes, freundliches Lächeln auf seinen Lippen, doch heute war Garbass ernster als gewöhnlich. Als er sprach, klang seine Stimme dennoch ruhig und volltönend wie die eines geschulten Sängers.

„Ich dachte mir, dass ich dich hier finde.“

Gefflan hatte seinen Vater oft um seine Stimme, die jeden seiner Zuhörer augenblicklich in ihren Bann schlagen konnte, und ebenso um seine abgeklärte Art, von der er selbst meilenweit entfernt war und wohl auch immer bleiben würde, beneidet, heute aber achtete er nicht einmal darauf. Seine Aufregung ließ seine Worte wie das schäumende Wasser eines Gebirgsbaches über seine Lippen sprudeln.

„Ist es endlich soweit? Ist mein Kind geboren? Wie geht es Sheena? Ist sie wohlauf?“

Sein Herz klopfte heftig gegen seine Rippen und trieb das Blut rauschend durch seine Adern. Er wagte nicht zu blinzeln, damit ihm nicht die kleinste Regung im Gesicht seines Vaters entging.

„Die Wehen kommen jetzt in kürzeren Abständen, wie deine Mutter mir sagte, aber noch ist es nicht soweit. Du wirst dich gedulden müssen.“

„Aber das kann ich nicht! Ich warte schon so lange!“

Garbass legte ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter. „Die Geburt eines Kindes richtet sich nur selten nach den Wünschen des Vaters, mein Sohn, das kannst du mir glauben. Auf dich musste ich auch sehr lange warten. Vier Tage vergingen von der ersten Wehe bis zu deiner Ankunft.“

„Es sind bereits sieben Tage vergangen!“

„Ich weiß.“

Gefflan entzog sich seinem Vater und nahm seine unruhige Wanderung durch das Zimmer wieder auf. „Daran ist nur dieses verfluchte Wetter schuld!“, rief er zornig, als zwischen zwei Donnerschlägen kurzzeitig Stille einkehrte. „Bestimmt hat Sheena Angst. Ich sollte bei ihr sein!“

Der Herzog hob zweifelnd eine Augenbraue. „Damit du neben ihrem Bett wie ein gefangener Wolf auf und ab laufen kannst?“

Erst jetzt bemerkte Gefflan, wie wuchtig er seine Füße aufsetzte und wie heftig seine Bewegungen waren. Er fühlte sich wie eine Bogensehne kurz vor dem Schuss. Abrupt hielt er inne.

Sein Vater seufzte leise und warf einen langen Blick zum Fenster hinüber. Selbst durch den schmalen Spalt in den Läden waren die grellen Blitze gut zu erkennen.

Gefflan musste der Versuchung widerstehen, sich erneut in Bewegung zu setzen. Statt dessen ballte er die Hände zu Fäusten und grub seine Fingernägel tief in seine Handflächen. Bilder flackerten vor seinem inneren Auge auf, Bilder der Zukunft, die vor ihm lag. Sheena an seiner Seite und viele Kinder, mit denen er lachen und spielen konnte, so sollte es sein. Es waren schöne Phantasien. Früher waren sie stark, plastisch und voller Farben gewesen, doch je länger das Unwetter toste und je länger er auf die Geburt warten musste, desto mehr verblassten sie, verloren ihre Fülle, ihre Klarheit, ihr Leben. Sie wichen von ihm fort wie Wolken am Himmel, die vom Sturm erfasst und zum Horizont getragen wurden, ohne dass er sie aufhalten konnte.

Ein gequälter Laut entrang sich seiner Kehle. Wo er hergekommen war, wusste Gefflan nicht, er spürte nur, dass sich plötzlich eine eiserne Schelle um seinen Magen gelegt hatte, die sich enger und enger zusammenzog und danach trachtete, ihn gänzlich einzuschnüren.

„Habt ihr euch bereits einen Namen für euer Kind ausgedacht?“, fragte sein Vater unvermittelt.

Gefflan zuckte zusammen. „Das kommt darauf an, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird“, antwortete er dumpf.

Sein Vater setzte eine ernste Miene auf. „Es wird ein Junge.“

„Das kannst du nicht wissen.“

„Nimm einfach an, dass es so sein wird. Wie wollt ihr ihn nennen?“

„Shaan.“

Der Herzog nickte zufrieden. „Das ist ein guter Name.“

„Sheena hat ihn gewählt.“

„Das dachte ich mir.“

„Vater, was hat das zu bedeuten? Wieso bist du dir so sicher, dass mein Kind ein Junge wird?“

Der Herzog seufzte schon wieder. Gefflan bekam es langsam mit der Angst zu tun.

„Es gibt einen Text, den ich dir bislang vorenthalten habe, mein Junge. Er beschreibt die Zeichen der Wiederkehr der Lanhal, des Yinyal und ihrer Beschützer. Du weißt, dass sie alle am gleichen Tag geboren werden?“

„Natürlich, aber was hat das mit Shaan zu tun?“

„Mehr als du ahnst. Die Zeit des Kampfes ist erneut gekommen.“

Erschrocken wich Gefflan einen Schritt vor seinem Vater zurück. „Das kann nicht sein!“

„Es ist so. Der Text, den ich dir nie zum Lesen gab, berichtet, dass die Natur sich erhebt, dass Sturm, Blitz, Donner, Regen und Beben die Welt erschüttern, wenn die Inkarnationen des Guten und des Bösen ihre Ankunft ankündigen. Aber selbst wenn es diese Zeichen nicht gäbe, wüsste ich doch, welche Aufgabe auf dich und deinen Sohn zukommt. Die Überlieferung besagt, dass in unserer Familie alle hundert Generationen der Shai’lanhal geboren wird.“ Sein Vater sah ihn bedeutungsschwanger an. „Du bist die neunundneunzigste Generation, Gefflan, Shaan die hundertste. Er ist der Shai’lanhal.“

Gefflan wankte. Kalter Schweiß stand plötzlich auf seiner Stirn. „Du musst dich irren! Das kann gar nicht sein. Es gibt keine magischen Kräfte! Niemand kann die Natur beherrschen, so wie die Aufzeichnungen es über den Shai’lanhal und die Shai’yinyal berichten.“

„Shaan wird es können. Die Elemente befinden sich allein deshalb in Aufruhr, weil sie an der Geburt der beiden Shais beteiligt sind. Sie geben ihren Teil hinzu und machen sie zu dem, was sie sein werden. Dachtest du, all das, was ich dir erzählt habe, sei nur ein Märchen?“

„Ich … ich weiß es nicht“, stammelte Gefflan erschüttert. „Ich habe schon daran geglaubt, aber ich hätte nie gedacht, dass die Zeit des Kampfes schon wieder gekommen ist. Wie soll ich damit umgehen? Wie soll ich Shaan darauf vorbereiten?“

Seine Gedanken wirbelten umher wie trockenes Herbstlaub im Sturm. „Vielleicht haben sich unsere Vorfahren verzählt! Vielleicht ist noch nicht die hundertste Generation seit dem letzten Kampf erreicht. Sheena könnte ein Mädchen gebären. Ja, ganz sicher sogar wird sie das. Ein Mädchen!“

Doch sein Vater schüttelte bedauernd den Kopf. „Du kannst weder mit deinen Worten noch mit deinen Wünschen, so stark und rein sie auch sein mögen, deine Bestimmung ändern. Seit unsere Blutlinie sich dem Guten verschrieben hat, waren immer wieder Väter gezwungen, ihre Söhne auszubilden und in den Kampf gegen das Böse zu schicken. Auch du kannst dem nicht entgehen. Du musst Shaans Lehrer sein, sein Sarn, so wie es vorherbestimmt ist. Denn wenn die Zeit des Kampfes gekommen ist, wird er sich aufmachen und die Lanhal suchen. Er wird an ihrer Seite stehen, ob du es willst oder nicht. Du kannst es nicht aufhalten, Gefflan, du kannst lediglich dafür sorgen, dass Shaan so gut wie möglich auf seine Aufgabe vorbereitet ist. Das ist deine Pflicht, dein Anteil an den bevorstehenden Ereignissen.“

„Aber ich will das nicht! Das ist nicht das Leben, das ich mir für Sheena, mein Kind und mich vorgestellt hatte. Wenn es wahr ist, was du sagst, wenn Shaan tatsächlich der Shai’lanhal ist und gegen die Shai’yinyal antreten muss, könnte er sterben! Ich kann mein Kind nicht in dem Wissen aufziehen, dass es, noch bevor es richtig erwachsen geworden ist, in eine Auseinandersetzung verwickelt wird, die es das Leben kosten kann und darüber hinaus über das Schicksal der nächsten hundert Generationen entscheidet!“

„Du hast keine Wahl, Gefflan. Wenn du Shaan nicht entsprechend seiner Aufgabe erziehst und ihn nicht so gut wie möglich auf den Kampf vorbereitest, wird er auf jeden Fall sterben, denn dann wird er der Shai’yinyal nicht gewachsen sein. Und nicht nur er wird dann den Tod finden, sondern auch die Lanhal, und über die Welt wird das dunkle Zeitalter des Bösen hereinbrechen. Willst du das riskieren? Kannst du es verantworten, die Menschheit hundert Generationen lang Angst und Schrecken und der Macht bösartiger Magier auszuliefern, nur weil du dich deinem Schicksal verweigerst?“

„Hör auf damit!“, schrie Gefflan erstickt. Tränen bahnten sich ihren Weg und rannen über seine Wangen. „Ich wollte doch nur ein normales Leben führen! Ich wollte mit Sheena und meiner Familie glücklich sein!“

„Das kannst du auch jetzt noch. Ganz sicher wird Sheena dir noch viele weitere Kinder gebären. Sie werden ganz normale Mädchen und Jungen sein, und es spricht nichts dagegen, dass du sie und Shaan gemeinsam aufziehst. Die Magie der Elemente, die er zu beherrschen lernen muss, ist nicht das einzige, was für ihn wichtig sein wird. Alles weitere kannst du ihm beibringen, ohne von den anderen getrennt zu sein. Lediglich wenn du ihn mit der Magie üben lässt, sollte das im Geheimen geschehen, damit niemand davon erfährt.“

Gefflan rang um seine Beherrschung. Er wollte den Worten seines Vaters so gern Glauben schenken, aber es gelang ihm nicht. Sein Traum konnte sich nicht erfüllen, wenn Shaan tatsächlich der Shai’lanhal war. Sein Leben, Sheenas Leben und das aller Kinder, die sie noch haben mochten, würde unwiderruflich von dem bevorstehenden Kampf überschattet sein, überschattet von der Sichel des Todes, die jederzeit auf sie niedersausen und sie alle vernichten konnte.

Er zitterte so heftig wie der Boden, der wieder einmal unter seinen Füßen vibrierte. Blitze und Donner folgten jetzt noch schneller aufeinander, und der Sturm war so laut geworden, dass sein Vater die letzten Worte hatte schreien müssen. Der Aufruhr der Natur strebte einem neuen Höhepunkt zu, und Gefflan ahnte, dass die Geburt seines Sohnes unmittelbar bevorstand. Und damit auch die der Lanhal, des Yinyal und der Shai’yinyal. Sie alle würden in dieser grauenvollen Nacht zur Welt kommen, die keine Hoffnung versprach, sondern lediglich einen Vorgeschmack auf die Schlacht lieferte, die die Inkarnationen von Gut und Böse ausfechten würden. Doch bis es soweit war, konnten nur die Shais die Elemente beherrschen – nur Shaan und seine Gegenspielerin.

„Warum er?“, schluchzte Gefflan gequält. „Warum mein Sohn?“

Aber er fand kein Mitleid, sondern nur Ernst in den Augen seines Vaters. „Du solltest diese Frage nicht stellen, Gefflan, denn du wirst keine Antwort darauf finden. Akzeptiere dein Schicksal. Du kannst von dem Weg, der dir vorherbestimmt ist, ebenso wenig abweichen wie Shaan. Und vergiss nicht: Die Bürde, die dein Sohn tragen muss, ist weitaus größer als deine.“
(…)

(Zum nächsten Teil)

Copyright (c) 2008/2012 by Susanne Gavénis

Bildrechte: Dynastien.jpg” (Dynastien2x.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Anmerkung der Redaktion: Da es sich bei diesem Textauszug um eine ergänzte Version handeln wird, wenn der Roman fertig ist, läuft dieser Beitrag im Storywettbewerb. Wenn die ergänzte Ausgabe, die dann alle drei Teile beinhalten wird, erschienen ist, wird das Ganze dann umziehen zu den Leseproben. Bis dahin aber soll der Beitrag im Storywettbewerb mitlaufen. Wer wissen möchte, wie es weitergeht, der kann versuchen ein Exemplar des eigentlich vergriffenen Vorläufers zu ergattern. Wenn nicht, muß man eben warten, ob die Autorin hier weitere Teile platziert oder das Gesamtwerk neu erscheint, ein Versuch könnte sich lohnen. Bestellmöglichkeiten über die Bestellinks:

Gavénis, Susanne
Shaans Bürde

Im Buch blättern

Maler: Schuurman, Nelleke. Umschlaggestaltung von Ende, Katharina
Verlag :      Schweitzerhaus Verlag
ISBN :      978-3-939475-35-4
Einband :      gebunden
Preisinfo :      24,90 Eur[D] UVP / 25,60 Eur[A] UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Seiten/Umfang :      DC S. – 13,4 x 21,0 cm
Produktform :      B: Einband – fest (Hardcover)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 30.09.2008
Gewicht :      854 g

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Als Enkel eines Herzogs geboren, wächst Shaan in völliger Abgeschiedenheit auf, denn ihm ist ein besonderes Schicksal bestimmt: Mit der Magie des Wassers und des Windes soll er die Lanhal, die Inkarnation des Guten, beschützen. Sollte Shaan jedoch versagen, wird nicht nur die Lanhal sterben, sondern die ganze Welt für hundert Generationen in Dunkelheit versinken.

Das Schicksal der Welt ruht auf den Schultern eines Einzelnen.Seit Anbeginn der Zeit tobt auf der Erde die Schlacht zwischen den Mächten des Lichtes und der Finsternis. Shaan, Enkel eines Herzogs, wird von seinem Vater in der Einsamkeit der Berge mit grausamer Härte auf seine vom Schicksal bestimmte Aufgabe vorbereitet: Er ist der Beschützer der Lanhal, der Inkarnation des Guten, die alle hundert Generationen in Gestalt eines gewöhnlichen Mädchens wiedergeboren wird, um in einem mörderischen Aufeinandertreffen mit dem Yinyal, der Verkörperung des Bösen, um die Zukunft der Menschheit zu kämpfen. Ausgestattet einzig mit der Fähigkeit, Wind und Wasser zu beherrschen, muss sich Shaan einer Bedrohung stellen, die alles Vorstellbare übersteigt, denn die Mächte das Bösen entsenden eine schreckliche Gegenspielerin, die ebenfalls über zwei Elemente gebietet Feuer und Erde. Und Shaan weiß: Sollte er versagen, wird nicht nur die Lanhal sterben, sondern die ganze Welt für hundert Generationen in Dunkelheit versinken.

Susanne Gavénis wurde 1970 in Celle geboren. Nach dem Studium und Referendariat widmete sie sich zehn Jahre lang beinahe ausschließlich der Schriftstellerei, bevor sie 2008 in ihren gelernten Beruf zurückkehrte. Seitdem unterrichtet sie die Fächer Biologie und Chemie an einem Gymnasium in der Nähe von Frankfurt/M.

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6 Kommentare zu “DIE GEBURT DES SHAI’LANHAL (Teil 1) aus: “Shaans Bürde” – Fantasy-Roman von Susanne Gavénis”

  1. Detlef Hedderich sagt:

    Hallo Leute, wir haben eine neue Autorin! Bitte mal Feedback, was ihr davon haltet!

  2. Christa Kuczinski sagt:

    Herzlich Willkommen Susanne*

    Diese Leseprobe gefällt mir sehr gut, genau nach meinem Geschmack. ;-)

  3. Irene Schmidt sagt:

    Da kann ich mich nur anschliessen. Ich bin begeistert. Schade dass ich sowas bisher nicht gefunden habe in dem Wust an Fantasy, die so angeboten wird. Der Stil ist hier nicht so fantasylastig und tritt ziemlich in den Hintergrund, was mir sehr gut gefällt. Vielleicht werde ich mir den Band zulegen, mal sehen, ob ich hier noch mehr davon lesen darf.

  4. Susanne Gavenis sagt:

    Hallo!
    Es freut mich, dass euch die Geschichte und mein Schreibstil gefallen. Ich finde es interessant, dass du den Stil eher unauffällig findest, da ich von vielen Probelesern und auch von einigen Rezensenten genau das Gegenteil gehört habe. Die meinten, der Stil wäre sehr dominant, was die Beschreibungen und die Bildersprache angeht. Erstaunlich, wie unterschiedlich die Wahrnehmung und der Geschmack der Leser sein kann.

  5. sfbasar.de » Blog Archiv » DIE GEBURT DES SHAI’LANHAL (Teil 2) aus: “Shaans Bürde” – Fantasy-Roman von Susanne Gavénis sagt:

    [...] (Zum vorherigen Teil) [...]

  6. sfbasar.de » Blog Archiv » SFBASAR.DE-ANTHOLOGIE (mit Themenschwerpunkt): “Dynastien – Klan- und Familiengeschichten” sagt:

    [...] DIE GEBURT DES SHAI’LANHAL (Teil 1)  aus: “Shaans Bürde” – Fantasy-Roman von Susanne Gavé… [...]

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