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DIE FEUER VON ERENOR – Fantasy-Roman – Leseprobe (Teil 3) von Stephan Lössl

Frühling 2016

DIE FEUER VON ERENOR

Fantasy-Roman

Leseprobe (Teil 3)

von

Stephan Lössl

Frühling 2016

(Zum vorherigen Teil)
Augenblicklich wurden alle still und wie immer, wenn Karas Name fiel, machte sich eine bittersüße Stimmung breit. Süß war die Erinnerung, doch bitter der Schmerz. Alexanders Mutter nickte bedächtig und ein trauriges Lächeln zeigte sich auf ihrem Gesicht. Ihr Blick schien in die Vergangenheit zu entschwinden.

»Ja, das hatte sie. Viele meiner Bücher wurden durch ihre Ideen irgendwie lebendiger, und immer wieder habe ich mich gefragt, woher sie all diese Einfälle hatte.« Susan schob den Teller von sich, Tränen glitzerten in ihren Augen. Sie lehnte sich zurück und seufzte. »Seit sie von uns gegangen ist, fällt mir das Schreiben schwer. Neue Ideen sind nur noch vage Schatten in meinem Kopf, die ich nicht greifen kann.«

Robert nickte zustimmend. »Sie hat in uns allen eine Leere hinterlassen, die zu füllen niemand im Stande ist.«

»Doch, Robert, ich habe diese Leere mit Erinnerungen an sie gefüllt«, entgegnete Susan und legte ihrem Mann eine Hand auf den Arm. »Jedes Mal, wenn sie nach Hause kam, wusste sie irgendwelche seltsamen Geschichten zu berichten, glaubte Elfen oder Kobolde gesehen zu haben.« Robert lachte plötzlich auf. »Als unser werter Nachbar Henkelmann seinen alten Apfelbaum umgesägt hatte, kam Kara ganz aufgeregt zurück und behauptete, die Elfen weinten und trauerten um den Baum.«

»Das war doch die Sache mit dem Hexenschuss, nicht wahr?«, warf Alexander ein.

»Richtig«, bestätigte Susan. »Kara sagte, sie habe den Elfen gesagt, sie sollen Herrn Henkelmann einen Pfeil in den Allerwertesten schießen.«

»Genau, und er hatte kurz darauf tatsächlich einen Hexenschuss.«

Susan nickte und Robert verschluckte sich beinahe an seinem letzten Bissen.

»Tatsächlich hieß der Hexenschuss in alter Zeit auch Albenschuss«, wusste Susan zu berichten. »Erwies man der Natur nicht den nötigen Respekt und fällte beispielsweise Bäume, die dem kleinen Volk als Behausung dienten, so schossen die Elfen den Bösewichtern ihre Pfeile in den Rücken.«

»Wie auch immer«, meinte Robert. »Auch wenn das Ammenmärchen sind, dem alten Henkelmann hätte ich sogar gerne persönlich einen Pfeil in den Hintern geschossen.«

Susan schüttelte betont langsam den Kopf. »Also, Robert, manchmal könnte man meinen, du wärst gerade erst 15.«

Robert schnitt eine Grimasse und füllte nun endlich seine Tasse mit heißem Wasser auf.

Susan deutete indes auf die Blätter, die Alexander mitgebracht hatte. »Jedes Mal, wenn Kara erzählte, mit dem Grünen Mann gesprochen zu haben, kam sie mit Blättern in den Haaren zurück, so wie du heute, Alex.«

Nachdenkliches Schweigen machte sich breit. Alexander runzelte nur die Stirn, sagte aber nichts und musste unwillkürlich an das Stundenglas denken. Vielleicht sollte er es mit nach Schottland nehmen, dachte er aus einem Impuls heraus. Er verwarf den Gedanken dann jedoch wieder und beendete sein Abendessen.

»Vergiss dein Gesicht nicht«, rief Susan, als Alexander sich gerade erheben wollte. Er runzelte die Stirn und sah seine Mutter fragend an. Die deutete jedoch nur auf die Blätter.

Als Alexanders Blick darauf fiel, wäre er beinahe zusammengezuckt. So wie das Laub da vor ihm auf dem Tisch lag, formte es doch tatsächlich ein Gesicht, und dieses Gesicht sah nicht einmal böse aus, nein, es wirkte durchaus fröhlich.

»Ja, mach ich«, gab er schnell zurück und pflückte das bunte Gesicht vom Tisch, um es schnell in seine Taschen zu stecken. Sein Vater hatte das Blättergesicht gar nicht erst bemerkt, aber ihm wäre es selbst dann nicht aufgefallen, wenn es direkt vor ihm gelegen hätte. Robert hätte eher noch eine trockene Aneinanderreihung irgendwelcher leblosen Finanzzahlen in den Blättern gesehen als irgendetwas nicht Alltägliches.

In seinem Zimmer angekommen, legte Alexander die Blätter in die Metalldose, in der sich auch das kleine Stundenglas befand. Warum er das tat, wusste er selbst nicht. Gerade als er die Dose zurück in die Schublade legte, klopfte es an der Tür.

Ein gedankenloses »Hmm« kam über seine Lippen und seine Mutter trat ein.

»Hier sieh mal, Alex«, sagte sie mit einem Lächeln und legte ein Buch auf seinen Schreibtisch. »Ich dachte, du könntest schon mal ein wenig darin schmökern«.

Alexander betrachtete das Buch und zog kritisch die Augenbrauen zusammen. Es war ein Reiseführer über Schottland, auf dessen Cover eine Herde von Schafen, die auf einer Heidelandschaft grasten, zu sehen war. Gelangweilt blätterte er in dem Buch herum und blieb an Landschaftsbildern hängen, die, wie er zugeben musste, durchaus beeindruckend waren.

»Sieht doch toll aus, oder?«, fragte seine Mutter und stupste ihn aufmunternd an. »Na komm schon, guck nicht so desinteressiert drein. Gib schon zu, dass das eine faszinierende Landschaft ist.«

»Hmm.«

»Aaaalex«, kam es genauso lang gezogen von Susan zurück.

»Na ja, dieser Felsen hier«, er deutete auf ein Bild, auf dem eine Felsnadel zu sehen war, die sich wie ein riesiger Finger vor einer Felswand erhob, »der sieht schon irgendwie cool aus.«

»Das ist der Old Man of Storr und der liegt auf der Isle of Skye. Genau dorthin werden wir fahren und zum Old Man werden wir dann ganz sicher auch hinaufwandern.«

»Mama, dieses Bild hier wurde im Sommer aufgenommen. Wir werden im Winter da sein«, erinnerte er seine Mutter, »Winter! Das ist die Jahreszeit mit Schnee und jede Menge Kalt, Kalt, Kalt!« Alexander untermalte seine Worte mit ausladenden Handbewegungen. Susan musste lachen und zog ihn am Ohr, was ihm natürlich gar nicht gefiel.

»Dafür haben wir ganz viel Jacke, Jacke, Jacke, mein Sohn! In Schottland gibt es kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung, und dagegen kann man etwas tun. Also«, Susan klopfte ihm auf die Schulter, »ein wenig mehr Begeisterung bitte. Es reicht schon, wenn dein Vater andauernd lamentiert und darauf besteht, in seiner buckligen Managerkiste in den Urlaub zu fahren.«

Susan setzte ein beinahe schon listiges Grinsen auf.

»Aber das Thema ist durch, wir werden im Land Rover durch die Highlands juckeln.«

»Aha«, entgegnete Alexander. »Wie hast du ihn denn überzeugen können?«

»Ach«, sie schürzte die Lippen, »als Frau hat man da so gewisse Möglichkeiten, aber da du ja noch nicht volljährig bist, geht dich das überhaupt nichts an« Susan lachte, loh dann aber in Richtung Zimmertür, denn Alexander war gerade im Begriff, den Reiseführer über Schottland als Wurfgeschoss zu missbrauchen, beließ es dann aber bei einer leeren Drohung.

»Ich werde kommenden März 18«, rief er, doch in diesem Augenblick schloss seine Mutter die Zimmertür hinter sich.

* * *

Die folgenden Tage verliefen eher unspektakulär. Weihnachten und damit auch die Verwandtschaftsbesuche rückten unaufhaltsam näher. Hatte er noch vor wenigen Jahren dem Geschenkerausch freudig entgegengefiebert, so empfand er mittlerweile die alljährlichen Pflichtbesuche als äußerst beschwerlich, ja sogar lästig. Glücklicherweise würden ihm durch die Abreise nach Schottland, die seine Eltern für den 26.12. geplant hatten, wenigstens einige Begegnungen der verwandtschaftlichen Art erspart bleiben. Dass sie überhaupt schon am zweiten Weihnachtsfeiertag fuhren, war einzig und allein seiner Mutter zu verdanken, denn während Robert die heiligen Tage im heimatlichen Kreise hatte verbringen wollen, hatte es Susan sehr gedrängt, dem ganzen Trubel möglichst rasch zu entliehen. Seine Mutter hatte gesagt, sie brauche die Stille des schottischen Hochlandes zum Entspannen, doch Alexander vermutete, dass sie Karas Tod noch immer nicht überwunden hatte, sofern einer von ihnen das überhaupt jemals konnte, und sie deshalb vor dem ganzen Trubel liehen wollte. Oft, wenn Alexander nachts wach lag, hörte er sie weinen.

Am ersten Weihnachtsfeiertag war es schließlich soweit und die unvermeidliche Hektik brach aus. Wanderausrüstung, Reiseproviant und Koffer mussten gepackt und in den Land Rover verfrachtet werden. Die Tickets für die Überfahrt mit der Fähre waren verschwunden und Alexander fand sie schließlich in einem Stapel Manuskripte seiner Mutter. Da sich Susan geweigert hatte, für die Überfahrt von Frankreich nach England den Tunnel zu benutzen, hatten sie sich für die Fähre entschieden. Diese wäre gemütlicher und man könne in Ruhe ein Guinness an Deck des Schiffes trinken, während sich die weißen Klippen von Dover langsam näherten. Das zumindest war Susans Argumentation gewesen. Robert hatte nur mit den Schultern gezuckt, ihm war es offensichtlich egal.

Irgendwann hatten sie endlich alles gepackt, wenigsten glaubten sie das, und der Land Rover stand im Hof bereit. Alexander ging zu Bett. Obwohl ihn dieser Tag sehr müde gemacht hatte, konnte er nicht einschlafen. Wie wild gewordene Hornissen, nein, eher wie vom Wind aufgewirbelte Blätter, kreisten ihm die Gedanken durch seinen Kopf. Weihnachten war diesmal nicht besinnlich, sondern äußerst turbulent gewesen, und sämtliche Tanten und Onkel hatten ihm und seinen Eltern Ratschläge erteilt, wie der Schottlandurlaub am erträglichsten werden würde. Ja, einige hatten gänzlich davon abgeraten, in ein derart verregnetes und kaltes Land zu fahren. Tante Augusta war gar der unumstößlichen Meinung gewesen, in Schottland gäbe es nur strohgedeckte Hütten. Als Susan dann auch noch erklärt hatte, die Schotten würden mittlerweile Schafskacke verwenden, um daraus Dachziegeln zu machen, war die resolute alte Dame schnaubend davon gestapft. Auch Susans Beteuerungen, dies sei nur ein Witz gewesen, hatten die Stimmung nicht mehr retten können.

Ein Grinsen überzog Alexanders Gesicht, als er darüber nachdachte, wie Augusta reagieren würde, wenn sie wüsste, dass seine Eltern eine strohgedeckte Hütten als ihr Feriendomizil ausgesucht hatten, oder wenn Augusta gar selbst unter einem mit diesen speziellen Ziegeln à la Susan gedeckten Dach nächtigen müsste.

Dann musste er an den Spaziergang denken, den er an Karas Todestag vor wenigen Wochen unternommen hatte, und unwillkürlich kam ihm das Stundenglas in den Sinn. Er tastete nach der Schublade in seinem Nachttischkästchen, öffnete diese und zog andächtig das Stundenglas aus der Metalldose. Wieder einmal betrachtete er den fein gearbeiteten Gegenstand, und da fiel ihm etwas auf, was er bislang noch gar nicht bemerkt hatte.

»Das sieht ja gar nicht nach feinem Sand aus, sondern eher wie feuchte Erde«, murmelte er vor sich hin. »Seltsam. Ein Wunder, dass da überhaupt was rieselt.«

Alexander blickte auf ein Bild seiner Schwester, welches auf seinem Schreibtisch an der gegenüberliegenden Wand stand.

»Tja, Kara. Du hattest recht. Die kleine Sanduhr muss tatsächlich etwas Besonderes sein.«

Eine außergewöhnliche, aber zufriedene Müdigkeit überkam ihn plötzlich, und er legte das Stundenglas auf den Nachttisch. Da er bald einschlief, bemerkte er nicht, dass das kleine Stundenglas über den Rand des Nachttischkästchens rollte und direkt in seinen Rucksack fiel, den er am nächsten Tag mit auf die Reise nach Schottland nehmen würde. (…)

Copyright © 2014 by Stephan Lössl

Bildrechte: “Alltagsgeschichten (en gros)” (Alltag3.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

Bildrechte: Dynastien.jpg” (Dynastien2x.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

Zum Buch:

Frühling 2016


Frühling 2016

Die Feuer von Erenor (EPUB)
Fantasy
von Lössl, Stephan
eBook

Verlag:  Gmeiner Verlag
Medium:  eBook
Seiten:  unbekannt
Format:  EPUB
Sprache:  Deutsch
Erschienen:  August 2015
ISBN-10:  3734993180
ISBN-13:  9783734993183

Beschreibung
Die beiden Jugendlichen Alexander und Anna begegnen auf einer Wanderung der geheimnisvollen Askaya und damit ihrem eigenen Schicksal. Die Suche nach vier gestohlenen Stundengläsern verschlug die Kriegerin aus ihrer Welt Esmarillion nach Schottland. Denn nur wenn alle sieben »Gläser der Elemente« wieder vereint sind, kann ihre Parallelwelt gerettet werden, die von den bösartigen Einaren bedroht ist. Zu dritt machen sie sich auf eine Reise, die vom mythischen Herz der Highlands bis in das fantastische Universum Askayas führt. Teil eins des zweiteiligen Fantasyromans.

Autor
Stephan Lössl wurde 1969 in Erlangen geboren und wuchs in Kunreuth, einem kleinen Ort in der fränkischen Schweiz, auf. Schon früh entwickelte er eine Leidenschaft für Schottland und fantastische Literatur, was sich beides in »Die Feuer von Erenor« vereint. Die Freude am Schreiben teilt er mit seiner Frau, mit der zusammen er den Fantasy-Roman »Der Kampf der Halblinge« veröffentlichte. Zuletzt erschien von ihm die Novelle »Jäger im Zwielicht«.

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2 Comments

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  1. Herzliches Beileid zum Tod deiner Frau, lieber Stephan! 🙁 🙁 🙁

  2. Auch von mir HERZLICHES BEILEID an alle Hinterbliebenen! 🙁

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