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Literatur-Blog

DIE EWIGEN STUDENTEN – Eine Kurzgeschichte von Irene Salzmann (sfb-Preisträger Platz 1 im Storywettbewerb 1/2013 – Geteilter Preis)

DIE EWIGEN STUDENTEN

Eine Kurzgeschichte
von
Irene Salzmann
(1998)

Als Anita die U-Bahn-Station verließ und die Vorhalle der LMU betrat, hatte sie ein flaues Gefühl in der Magengegend. Eigentlich war das idiotisch, denn weder hatte sie Prüfung noch musste sie ein Referat halten. Es lag an der Uni selbst, dabei war das Hauptgebäude natürlich nur ein ganz normales, altes Haus mit vielen Zimmern … Unzählig vielen Zimmern in mehreren Etagen und Seitenflügeln, in denen man sich verlaufen konnte, präzisierte ihre innere Stimme.

Tatsächlich zog Anita den Aufenthalt in den kleinen Instituten vor, wo die meisten Seminare stattfanden, die sie belegt hatte. Bloß diese eine unglücksselige Vorlesung musste ausgerechnet in dem blöden, blöden, blöden Hauptgebäude abgehalten werden – warum nur? Egal, wie oft Anita dort schon zu tun gehabt hatte, wie oft sie nach dem Weg gefragt oder sich anderen angeschlossen hatte – sie konnte sich nie merken, wo sich die bewussten Räumlichkeiten befanden. Jedes Mal schienen die Gänge anders auszusehen, als würde das Gemäuer sie necken wollen. Und als hätte sich der Prof auch noch gegen sie verschworen, wurde die Vorlesung nie im selben Zimmer gehalten, sondern einmal in einer freien Kammer im rechten Flügel, eine Woche später in einer anderen Etage, das nächste Mal wer weiß wo.

Anita ließ sich zunächst einige Schritte vom Strom der Studenten treiben, um nicht ständig angerempelt zu werden. An der Tafel stand: Prof. Vajda, Zimmer 223. Wo, zum Kuckuck, sollte das denn sein?! Vermutlich oben. Aber rechts oder links rauf? Oder …?

Sehnsüchtig hielt Anita nach jemandem Ausschau, den sie schon mal in der Vorlesung gesehen hatte und dem sie einfach nur hinterherlaufen musste. Bittebittebitte, lasst mich nicht im Stich, flehte sie.

Da! Die große Dunkelhaarige. Die hatte letzte Woche eine Reihe hinter Anita gesessen.

Die Dunkelhaarige wandte sich nach rechts und ging die breite Treppe hinauf. Anita schloss sich ihr, innerlich jubilierend, an. Wieder einmal geschafft!

Anita fing einen flüchtigen, erkennenden Blick auf, wurde aber nicht angesprochen. Die Dunkelhaarige lief zielstrebig links an der Wand entlang. Anita folgte mit geringem Abstand an der rechten Wand des Korridors. Noch eine Treppe rauf, den Flur nach links. Hier befanden sich jedoch keine Hörsäle, sondern die Arbeitsräume der Dekane und anderer hoher Uni-Tiere. Um die Ecke gab es Abstellkammern. Plötzlich wurden die Schritte vor Anita zögerlicher. Automatisch passte sie sich dem langsamer werdenden Gang ihrer Führerin an.

Plötzlich blieb die Dunkelhaarige stehen und drehte sich um. „Weißt du, wo 223 ist?“

„Nee, ich dachte, du wüsstest es. Ich bin einfach mitgelaufen.“

„Und ich dachte, du kennst den Weg, und ich könnte dir folgen.“

Sie lachten beide.

Schließlich erkundigte sich die Dunkelhaarige: „Wo sollen wir jetzt suchen?“

Anita war genauso ratlos. „Am besten gehen wir wieder zum Eingang und warten, dass jemand auftaucht, der sich auskennt, bevor wir hier herumirren.“

„Ja, das klingt vernünftig. Übrigens, ich heiße Sabine.“

„Ich bin die Anita.“

Anita und Sabine sprangen gemeinsam die Treppen hinunter, während sie feststellten, dass Anita im ersten und Sabine im dritten Semester war, ihre Heimatstädte gerade mal hundert Kilometer voneinander entfernt lagen – der Dialekt hatte doch gleich so vertraut geklungen – und sich ihre Unterkünfte nur an den jeweils entgegengesetzten Enden Münchens befanden.

Das komische Gefühl, das Anita immer noch nicht hatte gänzlich abschütteln können, ließ etwas nach. Wenigstens war sie nicht mehr allein auf der Suche nach dem Hörsaal, und – das tat wirklich gut! – Sabine outetete sich ebenfalls als zu dumm, um sich im Hauptgebäude zurechtzufinden. Endlich hatte Anita eine Leidensgenossin, die sich nicht über diese lästige Orientierungslosigkeit lustig machte.

Als sie sich am Eingang nach einem Kommilitonen umschauten, hasteten bloß drei verspätete Studenten an ihnen vorbei. Der Dünne mit der Brille sah aus wie ein Mathematiker, der Arrogante mit dem Schal wie ein Jurist, und der dickliche Asiate murmelte etwas Unverständliches vor sich hin. Kein vertrautes Gesicht. Kein Mensch, den sie fragen oder begleiten konnten. Scheiße!

„Die Vorlesung hat bereits begonnen“, stellte Sabine nach einem Blick auf die große Uhr am U-Bahn-Zugang fest. „Nun werden wir doch auf eigene Faust suchen müssen.“

Anita nickte zuversichtlich. Zu zweit würden sie es gewiss schaffen.

Im Erdgeschoß und in der ersten Etage gab es die gesuchte Zimmernummer nicht.

„Bleibt der zweite Stock.“ Sabine nickte zufrieden. „Bloß den richtigen Flügel müssen wir finden. Kann das wirklich so schwer sein?“

Eine Treppe höher standen sie vor 201, gingen den Flur entlang bis 205, um eine Biegung bis 212. Dann die Treppe hinab, die nächste hinauf, 213 bis 222, um eine Ecke, Treppe hinauf, noch eine hinauf, wieder hinunter – 114? Falsch, zu weit unten. Wieder zurück, um die Ecke, Treppe hinauf, 232 bis 224.

„Mist“, schimpfte Anita. „Warum hört der Gang ausgerechnet bei 224 auf? Wo ist 223?“

„Ein letzter Versuch noch“, meinte Sabine. „Wenn wir es dann nicht finden, gehen wir einen Kaffee trinken. Ich habe wirklich keine Lust mehr zu suchen.“

So rasch wollte Anita jedoch nicht aufgeben. „Ich möchte die Vorlesung ungern versäumen. Sie ist sehr interessant und außerdem eine Pflichtveranstaltung. Wir können aber nachher ins Café gehen und noch ein bisschen plaudern, falls du Zeit hast.“

„Es wäre peinlich, so spät noch in eine Vorlesung zu platzen“, beharrte Sabine. „Außerdem kannst du alles im Völkerkundehandbuch nachlesen. Der Vajda erzählt nur, was da drin steht. Er hat es ja selber geschrieben.“

„Wahrscheinlich hast du recht“, lenkte Anita ein. Bevor Sabine kehrt machte und sie im Labyrinth der Uni allein ließ, verzichtete sie lieber auf diese Stunde. „Lassen wir die Vorlesung eben sausen. Was machst du nachher?“

„Ich muss ein Referat schreiben – bäh! – über die Kolonialzeit Vietnams. Das einzige Buch, das nicht ausgeliehen ist, ist ausgerechnet Präsenzbibliothek und in Französisch. Ich hasse Französisch, und ich kann nach drei Jahren Wahlfach auch nicht die Bohne Französisch. Und mit dem dussligen Wälzer sitze ich dann bis zum Abend in der Stabi.“

„Mir geht es genauso mit Latein“, gab Anita zu. „Vielleicht belege ich irgendwann einen Kurs. Du kannst doch in Französisch gehen. Das wirst du bestimmt noch öfters brauchen, und sei es im Urlaub.“

Sabine zuckte mit den Schultern. „Mir langt schon Chinesisch. Halt, da müssen wir runter zum Ausgang.“

„Du machst Chinesisch? Ich bin in Japanisch.“

„Ja, sogar Hauptfach. Das muss ich in einem Anfall geistiger Umnachtung gewählt haben.“

„Ich mache Völkerkunde im Hauptfach, Japanologie und Politikwissenschaften in den Nebenfächern. Sinologie hätte mich auch gereizt, aber zwei solche Sprachen wären mir echt zu viel gewesen. Außerdem überschneiden sich die Kurse zeitlich; das hätte also gar nicht geklappt.“

„Sei froh, dass du nicht in Chinesisch bist. Nach zwei Semestern moderne Sprache lernen wir nun die klassische Schriftsprache. Ich bringe immer alles durcheinander …“ Sabine seufzte. „Vielleicht stecke ich mein Studium nach dem Semester, wenn ich auf keinen grünen Zweig komme. Übrigens, du hast eine coole Jeans an. Wo hast du die denn gekauft?“

Anita schaute stolz auf ihre modischen Schlaghosen, die tief auf den Hüften saßen, so dass ein Streifen Haut zwischen Bund und T-Shirt blitzte. Um den Nabel trug sie ein kleines Tatoo, das allerdings nach einigen Tagen wieder weggewaschen sein würde. „In der Schellingstraße, da ist ein Jeans-Shop, der ganz nette Sachen hat. Ist nicht mal teuer dort. Deine Bluse ist aber auch echt geil.“

Sabine grinste und strich über das bestickte, weit geschnittene Crinkle-Hemdchen. „Erbstück von meiner Mama. Fand ich in einem alten Koffer auf dem Speicher. Kannst du dir deine Mutter als Hippy-Mädchen mit Blumen im Haar und vielleicht einem Joint zwischen den Lippen vorstellen?“

Plötzlich standen sie wieder vor Zimmer 213, und das Gelächter verstummte abrupt.

„Hier waren wir doch gerade“, bemerkte Anita. „Sind wir im Kreis gelaufen?“

„Das kommt vom vielen Reden.“

Die Treppe hinab, den Flur entlang, Zimmer 112, um die Ecke bis Zimmer 107, die Treppe hinauf, die Treppe hinab, wieder um eine Ecke, die Treppe hinauf, die Treppe hinab, den Flur entlang –

„224?“ Sabine schüttelte den Kopf. „Scheiß-Uni! Warum ist hier alles so verbaut?“

Also wieder runter, um die Ecke, die Flure entlang, noch weiter runter.

„Das nächste Mal nehme ich einen Pfadfinder mit“, keuchte Anita.

„Nur einen? Ich komme lieber mit einer ganzen Truppe.“

„Morgen habe ich bestimmt Muskelkater von diesen dämlichen Treppen.“

„Du hast wenigstens Turnschuhe an. Mir tun bereits die Füße weh von den Clogs mit den beschissenen Plateau-Sohlen.“

„Wer schön sein will, muss eben leiden.“ Anita grinste.

Den Flur bis zur Treppe, hinauf, hinunter, um die Ecke, den nächsten Gang entlang, hinunter und hinauf, hinauf und hinab, um die nächste Biegung, und weiter.

„Ich bin tot.“ Sabine lehnte sich an die Wand, schnappte nach Luft und rieb sich stöhnend die Oberschenkel. „So viele Treppen bin ich noch nie hinaufgestiegen.“

„Nicht schlapp machen! Gleich gibt es Kaffee.“

Hinunter, durch den Flur, um die Ecke, hinauf, hinunter und hinunter. Zimmer 113.

„Dass die Uni so riesig ist.“ Unbehaglich zog Anita die Schultern hoch. „Wo ist bloß der Ausgang?“

Die Treppe hinab, um eine Biegung, noch eine Treppe, die nächste Tür: 113?

„Standen wir nicht vor wenigen Minuten hier?“, wunderte sich Anita. „Gerade eben – das war Zimmer 113. Wir sind runter gegangen. Wir können also gar nicht schon wieder vor 113 stehen.“

„Wahrscheinlich waren wir vorhin vor 213. Es sieht alles so gleich aus, und so genau haben wir wohl nicht hingeschaut. Wir sind schon so oft rauf und runter gerannt, ich weiß bald wirklich nicht mehr, ob ich oben, unten oder wer weiß wo bin.“ Die heiteren Worte Sabines konnten eine gewisse Anspannung nicht verbergen.

Es ging rauf, dann wieder runter, durch einen Flur, nochmal runter, vorbei an etlichen Zimmern unterschiedlicher Nummer – bloß der Ausgang blieb ebenso unauffindbar wie Raum 223.

„Das kann doch nicht sein!“ Verzweiflung schwang in Sabines Stimme. „Wohin wir auch laufen, wir kommen einfach nicht ans Ziel. Das ist doch …“

„Verrückt“, ergänzte Anita, die über ihre eigene Ruhe staunte. War sie nur deshalb gelassen, weil sie nicht allein war und wenigstens eine von ihnen zuversichtlich bleiben musste? Wenn sie beide hysterisch wurden und heulend im Gang standen, was würden sie für ein Bild abgeben, wenn nach Vorlesungsende die Studenten aus den Sälen stürmten? Und der Ausgang befand sich wahrscheinlich genau vor ihrer Nase … Nein, das wollte sie nicht zulassen! „Weißt du was?“ kam ihr eine Idee. „Wir setzen uns hier auf die Treppe und warten, bis die Vorlesungen zu Ende sind. Dann gehen wir einfach mit den anderen runter.“

Sabine stimmte zu. „Aber komisch ist das schon. Wir können doch nicht beide zu dumm sein, um den Ausgang zu finden. Oder zumindest einen Seitenausgang. Langsam glaube ich, wir sind in einem Horror-Film gelandet und befinden uns in einem Gebäude, das uns gefangen halten will. Kennst du -“

Über Horror-Filme mochte Anita nicht reden und fiel Sabine eilig ins Wort. „Vielleicht sind wir schon so genervt vom langen Suchen, dass wir einfach am Ausgang vorbeirennen. Als ich letztens mit einer Freundin unten im Bahnhof war, sind wir auch zweimal im Kreis gelaufen, weil wir vor lauter Erzählen den richtigen Ausgang verpassten.“ Doch Sabine hatte recht. Es war sonderbar, und das komische Gefühl ließ Anita schwitzen. Ja, es war wie in einem Horror-Film. Nein, nicht dran denken … Immer, wenn sie ‘Nightmare on Elm-Street’, ‘Hellraiser’, ‘Shining’ oder einen anderen dieser grauenhaften Streifen geschaut hatte, traute sie sich nachts kaum von ihrem Zimmer aufs Klo, denn vielleicht lauerte Freddy Krüger oder der verrückte Jack Nickolson in einer Nische. Nicht dran denken, bloß nicht!

Einen Moment schwiegen sie.

Anita suchte krampfhaft nach einem Gesprächsthema, mit dem sie sich ablenken konnten. „Du hast vorhin gesagt, dass du eventuell das Studium aufgeben willst? Was möchtest du dann anfangen?“

„Am liebsten etwas ganz anderes. Informatik würde mich interessieren. Oder Kunst. Sinologie habe ich nur genommen, weil da kein NC drauf ist. Mein Abi war nicht so toll, so dass ich keine großen Wahlmöglichkeiten hatte.“ Da Anita nicht gleich eine Antwort einfiel und Sabine das Gespräch ebenfalls nicht abreißen lassen wollte, stellte sie die Gegenfrage: „Und wie bist du auf deine Fächer gekommen?“

„Die Kulturen anderer Völker haben mich schon immer interessiert, vor allem die der Asiaten.“

Anita hätte dazu noch viel zu erzählen gehabt, aber Sabine schien das Thema zu langweilen. Sie schaute die Treppe hinunter, als würde es dort etwas besonders Interessantes zu sehen geben und sagte:„Es ist bestimmt schon bald Mittag. Was es wohl in der Mensa gibt?“

„Der Student geht so lange in die Mensa, bis er bricht. Wie wäre es stattdessen mit dem McDonald’s daneben? Miesberger ist immer noch besser als der Freitags-Eintopf aus den Resten der ganzen Woche.“

„Gern“, erwiderte Sabine, „wenn wir nur endlich aus unserem Gefängnis herauskämen.“

Nun war es wieder in ihren Köpfen. Sie saßen fest und wussten nicht, wo sich der Ausgang befand. Irgendwie war das unmöglich, und doch …

„Eigentlich müssten die Vorlesungen gleich vorbei sein“, überlegte Anita. „Hast du eine Uhr?“

„Schon, aber sie ist mit heute früh runter gefallen und stehen geblieben. Hast du keine?“

„Habe ich zu Hause vergessen.“

Das Warten zerrte an den Nerven.

Sabine trommelte unruhig mit einem Clog auf den Boden. „Lass uns weitersuchen. Wenn wir ausgerechnet vor einem uralten Archiv hocken, in dem bloß einmal im Jahr die Spinnen aufgescheucht werden, können wir ewig warten, bis uns jemand begegnet.“

„Ich weiß etwas Besseres: Wir setzen uns ganz einfach in den nächstbesten Hörsaal, und wenn die Vorlesung zu Ende ist, gehen wir mit den anderen raus.“

Anita und Sabine stiegen die Treppen hinab, um die Ecke und zur nächsten Tür.

„223!“ Sabine griff sich an den Kopf. „Jetzt, wo wir den Ausgang suchen, finden wir endlich unseren Hörsaal. Und du kommst doch noch in den Genuss deines wichtigen Vortrags.“

Anita drückte lautlos die Klinke nieder. Die Tür gab nach und schwang nach innen. Drinnen herrschte Stille. Mit hochrotem Kopf, weil wohl Prof. Vajda seinen Vortrag ihretwegen unterbrochen hatte, lugte Anita hinein. Aber nein, dar Zimmer war leer – bis auf einen Studenten mit langen, schwarzen Haaren und einem ulkigen Bärtchen. Er saß allein in einer Bank über einem Buch und machte sich Notizen. Als er die beiden bemerkte, blickte er auf.

„Äh …“, Anita war ganz verlegen. „Wir wollen nicht stören.“ Was sollte sie nur sagen, damit der Student sie nicht für dumme Gänse hielt?

Sabine war es nicht minder peinlich. „Wir … wir besuchen die Vorlesung, die hier gleich stattfindet.“

Der Student nickte nur und vertiefte sich wieder in seine Lektüre.

Leise glitten Anita und Sabine auf zwei Sitzplätze in der hintersten Reihe und schauten sich an.

„Was nun?“ fragte Anita kaum hörbar. „Offenbar sind wir länger herumgelaufen, als gedacht. Die Veranstaltung ist schon eine Weile vorbei. Den da habe ich noch nie gesehen.“ Wieso hatten sie dann nicht den Lärm der Studenten gehört, die in andere Räume eilten? Weshalb war ihnen niemand in den Gängen begegnet?

„Jetzt warten wir eben auf die nächste Vorlesung“, wisperte Sabine zurück. „Das macht der auch.“

„Ob wir ihn fragen …?“

„Ich frage ihn nicht. Der hält uns doch für bescheuert.“

Anita musterte ihn. Er trug ein schreiend buntes Hemd und perlenverzierte Schlaghosen, die sie ganz toll fand, dazu ein paar klimpernde Kettchen und Jesus-Latschen. Neben ihm lagen eine alte, zerschrammte Aktentasche und ein Stapel Bücher, dessen oberstes auf dem Titelbild irgendein Gesicht zeigte. War doch wurst, was der von ihnen dachte; wahrscheinlich liefen sie sich kein zweites Mal mehr über den Weg oder würden sich gar nicht wiedererkennen. Nach einer Weile drehte sich der Student verstohlen nach ihnen um, und beide blickten schnell weg.

„Es macht euch doch sicher nichts aus, wenn ich eine rauche, oder?“ erkundigte er sich höflich.

Igitt, ein Raucher. Damit sank sein Ansehen in Anitas Augen. Außerdem war Rauchen in den Hörsälen verboten!

„Nee“, sagte Sabine.

Mit geschickten Fingern drehte er sich eine zerknautschte Zigarette und inhalierte zwei tiefe Züge, nach denen er sich deutlich entspannte. „Wollt ihr auch?“

Anita schüttelte sofort den Kopf. Das Zeug stank widerlich. Sie musste ein Husten unterdrücken. Bestimmt würden ihre Augen gleich zu tränen beginnen.

Sabine starrte ihn an. „Du … rauchst Gras?“

„Ist doch nichts dabei. Jeder raucht Gras. Du fühlst dich gut. Das ist alles. Willst du mal ziehen? He, ihr beiden habt es wohl noch nie probiert?“

„Nein, danke!“ sagte Sabine.

Anita bemerkte, dass sie bei dem Gespräch nur noch Zuhörerin war. Sabine war wesentlich selbstbewusster und hatte die Aufmerksamkeit gleich auf sich gezogen. Ihre Begleiterin schien sie ganz vergessen zu haben. Anita wusste nicht, ob sie sich darüber ärgern oder erleichtert sein sollte. Ein Haschbruder. Auf dessen Aufmerksamkeit konnte sie ganz gut verzichten. Hatte der keine Angst, dass er Schwierigkeiten bekam? Aber dass Sabine sie wegen dem Typen plötzlich wie Luft behandelte …

„Ich heiße Frank“, stellte er sich vor.

„Oh, wie Frank Zappa“, meinte Sabine. „Du siehst auch so aus. Ich bin Sabine …“, leiser, „… und das ist Anita.“

Eine dümmliche Konversation, fand Anita gehässig.

„Ja, wie Frank Zappa.“ Frank grinste breit. „Seine Songs sind absolut tierisch. Kennst du sein Album ‘Hot Rats’?“ Er sprang auf, wiegte sich in den Knien, simulierte ein Gitarrensolo und schmetterte lauthals einige Zeilen, aber da Anita die Lieder nicht kannte, konnte sie nicht beurteilen, wie gut er die Show hinbekam.

Sabine klatschte Beifall. „Nee, ich kenne nur ‘Bobby Brown’ von ihm, weil sie das ab und zu im Radio spielen, meist an seinem Todestag.“

„‘Bobby Brown’? Todestag? – Da hast du dich sicher verhört. Ich kenne so ziemlich alles von ihm, aber dieser Titel ist nicht dabei. Und Zappa lebt.“

„Quatsch, der ist vor ein paar Jahren an Krebs gestorben. Aber vor lauter Studium kriegt man nicht immer alles mit. Geht mir auch oft so.“

Frank zuckte mit den Schultern. Über sowas brauchte man nicht zu streiten. Er nahm wieder einen Zug von seinem Joint. „Kommt ihr nachher mit auf die Demo? Ich wollte mich mit ein paar Kumpels treffen, aber irgendwie haben wir uns verpasst. Erst habe ich sie nicht gefunden, und dann waren sie schon weg. Nächstes Mal bin ich schlauer und verabrede mich am Eingang und nicht in einem beknackten Zimmer, das man ewig suchen muss. Na ja. Nun warte ich halt, bis es draußen los geht.“

„Was für eine Demo?“

„Na, wegen dem neuen Gesetz, das den Verkauf von harmlosem Stoff verbietet. Bei Heroin und so finde ich das okay, aber Gras ist doch total harmlos. Stattdessen sollten sie besser Alkohol verbieten. Dass die Leute hiervon genauso süchtig werden wie von Heroin, interessiert jedoch keinen.“

Anita schüttelte kaum merklich den Kopf. Weder hatte sie von solch einem Gesetz noch von einer Demo gehört. War nicht mal im Gespräch gewesen, den Kauf von Softdrogen zu legalisieren, um auf diese Weise der Kriminalität entgegenzuwirken, die immer schlimmere Auswüchse annahm, da die Abhängigen gezwungen waren, sich durch Raub, Prostitution und ähnlichem die horrenden Summen für das Zeug zu beschaffen? Von ihr aus konnte alles verboten werden, was schädlich war: Drogen, Alkohol, Zigaretten …

Während Sabine mit Frank flirtete, betrachtete Anita die Bücher, die er las. Das oberste zeigte das Gesicht eines bärtigen Mannes, der ihr vage bekannt vorkam. Sie las den Titel: Ernesto Guevara – ‘Guerilla – Theorie und Methode’. Dann schaute sie das nächste Buch an. Es hatte denselben Verfasser; ‘Bolivianisches Tagebuch’. Darunter wieder der gleiche Autor; ‘Venceremos! Wir werden siegen!’ Guevara? Von einem Che Guevara hatte Anita einmal gehört. Das war ein Revolutionär gewesen, den man ermordet hatte. Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger war er eine Art Kultfigur der Studentenbewegung gewesen. Ob Ernesto ein Bruder von Che Guevara war?

„Das sind ganz neue Bücher“, erklärte Frank erfreut, als er Anitas Interesse bemerkte. „Wenn du willst, leihe ich sie dir gern. Diese Schweine haben ihn umgebracht.“ Politik war offenbar Franks Lieblingsthema.

Anita fühlte sich tatsächlich ein wenig geschmeichelt, dass sich Frank nun an sie wandte, da Sabines Smalltalk alles andere als intellektuell war. „Es gab mal einen Che Guevara“, bemühte sie sich, nicht gänzlich unwissend zu wirken. „Hat der etwas mit dem Autor zu tun?“

Frank betrachtete sie mit einem Gesichtsausdruck, als käme Anita von einem anderen Planeten. „Ernesto ‘Che’ Guevara. Sag mal, seid ihr beiden vom Dorf, wo es keine Zeitung, keine Fernseher und keine Klos mit Wasserspülung gibt?“

„Der Typ war vor meiner Zeit“, gab Anita kratzbürstig zurück, „und er ist genauso tot wie Zappa. Vielleicht kommst du aus einem Ort, wo es keine Zeitung, keinen Fernseher und keine Toiletten gibt. Oder du kiffst zu viel.“

„Dann bist du wohl gerade erst aus dem Ei geschlüpft und wie eine Stubenfliege gealtert?“ Frank japste vor Lachen. „Das ist echt heiß. Vor meiner Zeit … Ihr seid schon zwei urige Bienen.“ Beschwichtigend hob er die Hände. „Schon gut. Make love und peace, not war.“

Blödmann, dachte Anita, leck mich. Sie trat ans Fenster und blickte hinunter in den leeren Innenhof.

Plötzlich klopfte es an der Tür.

Alle drehten sich um und starrten den Neuankömmling an, der ebenso erstaunt zurückguckte. Er trug einen dunklen Anzug, dazu ein weißes Hemd mit steifem Kragen und eine Fliege. Sein Haar war kurz und lag glatt am Kopf an. Er erinnerte Anita an die alten Schwarz-Weiß-Fotos ihrer Urgroßeltern. Im ersten Moment schien er augenblicklich wieder die Tür schließen zu wollen, doch dann gab er sich einen Ruck.

„Verzeihung, meine Herren … und …“, er stutzte, „… Damen …? Ich suche seit geraumer Weile Zimmer 223, wo eine Lesung über Darwins neues Buch ‘Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl’ stattfinden soll. Offensichtlich bin ich viel zu spät gekommen, und die Veranstaltung ist längst vorbei. Ich möchte Sie auch nicht lange stören. Modernes Theater, nicht wahr? Doch hätte jemand von Ihnen die Freundlichkeit, mir den Ausgang zu zeigen? Es ist mir höchst peinlich, dies zuzugeben, aber ich habe mich tatsächlich verlaufen.“

Sabine fing hysterisch zu lachen an.

„Ich will hier raus“, murmelte Anita.

Frank blinzelte verständnislos.

ENDE

Copyright (C) 1998 by Irene Salzmann

Bildrechte: “Zeitlinien – manchmal gehen Uhren anders (Zeitlinien5.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildrechte: “Alltagsgeschichten (en gros)” (Alltag3.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Alltag-100-minus10-0.jpg” (Originaltitel: Alltag3.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.


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11 Comments

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  1. Hand aufs Herz: wer hat diese Geschichte wirklich verstanden? Freiwillige vor! 🙂

  2. Oh Mann, Irene!!!
    Das ist wahrlich schwere Kost.
    Studenten aus verschiedenen Zeitepochen treffen sich in einem Hörsaal nachdem sie lange herumgeirrt sind.
    Also Teil 1 war ein wenig lang und endete mit Unwohlsein und Gänsehaut.
    Fazit: Geniale Idee
    Bin gespannt auf die Fortsetzung!!!
    🙂

  3. Gibt es davon wirklich eine Fortsetzung?

  4. Wie gefällt denn mein Buchtipp? 😉

  5. Herrliche Geschichte, die ist ganz genau nach meinem Geschmack :-).

    Ich finde sie auch an keiner Stelle unverständlich oder zu lang. Eine Fortsetzung braucht sie meiner Meinung nach auch nicht, die Story ist komplett und fix und fertig so wie sie ist.
    Sehr schön 🙂

  6. Braucht man heutzutage beim Studium wirklich einen „Survival Guide“? Mir scheint, das Buch ist der Beschreibung nach nicht ironisch gemeint.

    Ist oder war bis vor Kurzem jemand von euch (Autoren, Besucher etc.) noch Studi?

  7. Also ich habe es auch ohne Survival-Guide geschafft. Kenne aber durchaus auch Studenten die ohne Hilfe vollkommen orientierungslos sind. Wundert mich aber nicht. Schließlich geht man heute schon mit 17 Jahren zur Uni. Flexibele Einschulungszeitpunkte und G8 machen es möglich.

  8. Einige meiner Kommilitonen, die auf Lehramt studierten, haben ein bisschen gestöhnt. Einerseits wegen der organisatorischen Herausforderungen (durch die ganze Stadt hechten, um einmal irgendwelche Sprachen zu hören und dann wieder Naturwissenschaften), andererseits wegen der Vielzahl unterschiedlicher Bereiche, die sie abdecken mussten. Kam da nicht noch Pädagogik dazu?

    Die hatten nicht das Glück, alles zentral auf dem Campus hören zu können ;-).

    Aber ob da noch Zeitmanagement hilft, halte ich für höchst fraglich.

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