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Literatur-Blog

DIE AKTE HARLEKIN (Kapitel 2 & 3) von Thomas Vaucher

Die Akte Harlekin

DIE AKTE HARLEKIN (Kapitel 2 + 3)

von

Thomas Vaucher

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Kapitel 2
Es dämmerte bereits, als Kathrin Bachmann Julianas Friseursalon verließ. Dieser befand sich in einem zweistöckigen Ziegelstein-Einfamilienhaus, gut fünf Kilometer östlich der regen Bremer Innenstadt im ländlichen und noblen Stadtbezirk Oberneuland. Die davorliegende Straße wurde von einer Allee gesäumt, die das Quartier zwar zu einem idyllischen Fleckchen machte, nun aber das Restlicht des Tages beinahe gänzlich ausschloss.»Der Schnitt steht Ihnen wirklich ausgezeichnet, Frau Bachmann, und die Farbe harmoniert gut mit Ihrem Hautton «, betonte Juliana freundlich und hielt ihr die Türe auf.»Danke, Frau Brandt, das finde ich auch«, erwiderte ihre Stammkundin und trat in die kalte Februarnacht hinaus.»Auf Wiedersehen und bis zum nächsten Mal.«»Gerne. Auf Wiedersehen, Frau Bachmann.«Kathrin Bachmann stieg die wenigen Stufen hinab, die vom Friseursalon auf den Vorplatz hinunterführten, überquerte diesen und ging zu ihrem Auto, das auf der gegenüberliegendenStraßenseite geparkt war. Sie hörte, wie Juliana ihren Salon abschloss, drehte sich noch einmal um und winkte fröhlich. Beim Auto angelangt, kramte sie eine Weile auf der Suche nach ihrem Autoschlüssel in ihrer Handtasche herum. Plötzlich fuhr sie erschrocken zusammen. Im Seitenfenster ihres Autos hatte sich für einen kurzen Moment eine Gestalt gespiegelt. Kathrin Bachmann fuhr herum, die Hände abwehrend erhoben.Doch da war nichts. Nur eine Reihe geparkter Autos.

»Was …?«

Sie kam sich plötzlich sehr dumm vor, zupfte ihre Jacke zurecht und sah zum Friseursalon hoch. ›Hoffentlich hat Juliana nicht gesehen, wie schreckhaft ich bin.‹

Sie musterte noch einmal die andere Straßenseite und tat dann ihre Befürchtung, jemand könnte ihr hinter einem der geparkten Wagen auflauern, mit einem nervösen Lächeln ab.

›Idiotisch!‹

Sie drehte sich wieder zu ihrem Auto um und setzte die Suche nach dem Autoschlüssel fort, nicht ohne zuvor noch einmal einen prüfenden und zugegeben etwas ängstlichen Blick ins Seitenfenster ihres Autos zu werfen. Aber da war nichts.

›Natürlich nicht.‹

Sie richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihre Handtasche.

Es war zum Verrücktwerden! Jedes Mal dasselbe Theater. Sie nahm sich einmal mehr vor, zuhause als Erstes ihre Handtasche zu entrümpeln, damit sie es das nächste Mal leichter haben würde, ihren Schlüssel zu finden. Etwas, was sie sich schon Hunderte Male vorgenommen

und versucht, doch nie geschafft hatte. Sie lächelte. Alle Dinge in ihrer Handtasche hatten ihre ganz eigene Daseinsberechtigung. Vom Autoschlüssel über die Taschentücher zum kleinen Reiseschminkset, von der Bürste bis hin zu ihrem kleinen Glücksbringer, dem Spiegelelefanten aus schwarzem Ton, der mit bunten Perlen und Spiegeln verziert war und den sie von ihrem Mann nach dessen Reise nach Indien geschenkt bekommen hatte.

Als sie lächelnd an all diese Dinge dachte, fiel ihr auf, dass sie eben diesen Spiegelelefanten ebenfalls nicht finden konnte. Stirnrunzelnd stellte sie die Handtasche auf die Motorhaube und entnahm ihr systematisch Stück für Stück, um sie neben der Tasche zu platzieren. Sie hatte schon fast alles ausgeräumt, als sie den Grund für das Fehlen des Schlüssels und des Elefanten erkannte: Am Saum der Tasche befand sich ein beinahe faustdicker Riss!

»Mist!«

Rasch räumte sie alles wieder in die Handtasche zurück. Zumindest der Autoschlüssel musste ihr entweder auf dem Weg vom Friseursalon zum Auto oder im Salon selbst aus der Tasche gefallen sein. Sie hoffte inständig, dass das Loch nicht schon länger Bestand hatte und dass auch der Elefant rasch wieder zum Vorschein kommen würde. Gerade hatte sie den letzten Pack Papiertaschentücher wieder in ihrer Handtasche verstaut, als der aufgehende

Mond einen dunklen Schatten auf ihr Auto warf. Aus den Augenwinkeln sah sie wieder eine Gestalt im Seitenfenster ihres Autos. Doch diesmal war sie näher, viel näher. Sie ließ die Handtasche fallen und drehte sich um, doch sie war nicht schnell genug. Etwas raste mit unheimlicher Geschwindigkeit auf sie zu und explodierte an ihrer Schläfe. Ein ungeheurer Schmerz raste durch ihren Kopf und raubte ihr das Bewusstsein, noch ehe sie auf der harten

Straße aufschlug. Blut vermischte sich mit dem Matsch der Schneeschmelze und verwandelte die eben frisierten Haare in eine breiige, grauenerregend rote Masse.

3.Kapitel

Winter schrak hoch und sah nach vorne. Er musste kurz eingenickt sein. Die Scheiben waren beschlagen. Er fuhr mit der rechten Hand über die Frontscheibe und machte sich ein Guckloch. Zu seiner Erleichterung stand der blaue Peugeot, dem er hierher gefolgt war, immer noch am selben Ort: direkt vor dem orangefarbenen Pub, dessen Eingang von einem grünen Lichtschlauch umgeben war und über dem die Büste einer blonden, leicht bekleideten Bardame thronte. Müde gähnte er und fuhr sich mit den Händen durch das kurz geschnittene, fettige Haar. Dann griff er sich seine verbliebene Flasche Whiskey, die auf dem Beifahrersitz lag, und genehmigte sich einen Schluck. Dazu musste er den Kopf schon bedenklich weit nach hinten kippen, was ihm ein Stirnrunzeln entlockte. Er hoffte, dass er Frau Köhler bald Ergebnisse liefern konnte, denn dann würde er endlich auch den zweiten Teil seines Honorars kriegen und hätte wieder Geld für sein Lebenselixier: Alkohol und Zigaretten. Bisher hatte er nichts Verdächtiges herausfinden können. Eine ganze Woche lang hatte er den Ehemann von Magdalena Köhler nun schon beschattet, und auch heute weilte dieser bisher genau dort, wo er laut seiner Frau sein sollte: In Werners Bierhaus, wo er sich mit einigen Kumpels das Fußballspiel von Werder ansah. Aber vielleicht würde Herr Köhler ja danach statt nach Hause zu seiner Geliebten fahren, und er hätte endlich den Beweis für dessen Untreue? Winter fröstelte. Da der Motor abgestellt war, lief auch die Heizung nicht und diese Februarnacht versprach, besonders kalt zu werden. Er zog seinen Mantel vorne enger zusammen und umfasste seine Schultern mit den Händen, doch es wollte sich keine Wärme einstellen.

»Ach, Scheiß drauf!«

Winter startete den Motor seines alten Nissan Micras, peinlich darauf bedacht, das Licht nicht einzuschalten, und ließ die Heizung auf vollen Touren laufen. Doch es kam nur kalte Luft aus den Schlitzen vor ihm. Winter stellte die Heizung fluchend wieder ab und wartete ein paar Minuten. Dann fuhr er sie wieder hoch und endlich blies ihm warme Luft entgegen. Er seufzte wohlig und nahm einen weiteren Schluck Whiskey zu sich, der ihn nun auch von innen wärmte. Dann zog er das Zigarettenpäckchen hervor, das er am Vorabend mit dem letzten Rest zusammengeklaubten Geldes gekauft hatte, und entnahm ihm eine Zigarette. Einen Moment noch zögerte er. Bei einer Observation zu rauchen, war so ungefähr das Dümmste, was man machen konnte. Der glimmende, rote Punkt war in der Nacht weithin sichtbar. Aber andererseits war Herr Köhler schon seit mehreren Stunden im Pub …

›Es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn er gerade jetzt rauskäme.‹

Winter zündete sich die Zigarette an, inhalierte den Rauch genüsslich und seufzte. ›So lässt es sich leben!‹ Er schloss die Augen, nahm einen weiteren Zug und genoss dabei die Wärme, die allmählich das Auto zu füllen begann. Beinahe wäre er wieder eingenickt. Er öffnete erschrocken die Augen.

›Fehlt nur noch, dass ich mich mit der Zigarette selbst in Brand stecke.‹ Winter grinste bei dem Gedanken und nahm einen weiteren tiefen Zug.

Jemand klopfte an die Scheibe neben seinem Kopf und Winter fuhr erschrocken zusammen. Gleich darauf wurde die Türe seines Autos unsanft aufgerissen und der Mann, den er nun eine ganze Woche lang beschattet hatte, stand vor ihm.

»Wer hat Sie geschickt?«

»Was? Wer … Wer sind Sie?«, stotterte Winter verblüfft.

Köhler, ein großer, glatt rasierter Mann in eleganter Kleidung, dessen Atem nach Bier roch, ließ seinen Blick durch Winters Auto schweifen. An der Flasche Western Gold blieb sein Blick kurz hängen, ehe er Winter verächtlich fixierte.

»Meine Frau wahrscheinlich, was?«

»Nein … Ich …«

»Nun geben Sie’s schon zu, sie Pfeife!«, fuhr ihn der Mann an. »Sie verfolgen mich schon seit einer Woche und dies derart auffällig, dass ich mich beinahe beleidigt fühle, dass meine Frau keinen fähigeren Mann geschickt hat.«

Er schüttelte wütend den Kopf. »Sind Sie Privatdetektiv?«

»Wie bitte? Nein, ich … ich warte auf einen Freund.«

Winter merkte selbst, wie dumm seine Ausrede war, doch ihm war auf die Schnelle nichts Besseres eingefallen.

»Seit vier Stunden?« Wieder schüttelte Herr Köhler den Kopf. Diesmal mitleidig. »Unfähig, alkoholsüchtig und auch noch dumm. Ich habe mir Ihr Kennzeichen notiert. Ich werde auch noch Ihren Namen rausfinden – und wenn ich einmal einen Privatdetektiv brauchen sollte, werde ich einen großen Bogen um Sie machen und jemanden engagieren, der die Bezeichnung Detektiv auch wirklich verdient.«

Der Mann knallte die Autotür zu und entfernte sich schnellen Schrittes.

»Scheiße!«

Winter schlug mit der Faust hart aufs Lenkrad und sahzu, wie Köhler in seinen dunkelblauen, stets peinlich auf Hochglanz polierten Peugeot 508 stieg und davonfuhr. Er hatte es verbockt. Den zweiten Teil seines Honorars konnte er sich nun wohl abschminken. Er unterließ es, dem Wagen weiter zu folgen, sondern fuhr stattdessen zurück zu seiner Wohnung. Aber er war noch nicht allzu weit gekommen, als sein Mobiltelefon klingelte.

»Hallo?«, meldete er sich vorsichtig, nachdem er sich die Nummer des Anrufers besehen hatte.

»Sie verdammter Idiot! Was haben Sie sich eigentlich dabei gedacht? Wissen Sie, was für Probleme ich jetzt am Hals habe?«

»Frau Köhler? Ich … Hat Ihr Mann Sie angerufen?«

»Ja, verdammt noch mal, das hat er. Und er war stinksauer, was ich ihm nicht einmal verübeln kann.«

»Tut mir leid, Frau Köhler. Ich habe ihn nun eine ganzeWoche lang beobachtet und stets war er an den Orten, die er Ihnen genannt hatte.«

»Natürlich war er das! Da er Sie bemerkt hat, hat er sich natürlich ganz unauffällig verhalten. Und jetzt, da er gewarnt ist, wird er noch stärker auf der Hut sein. Ich dachte, Sie waren früher Kriminalpolizist!«

»Ja, das war ich, Frau Köhler. Um genau zu sein, haben die mich sogar angefragt, wieder für sie zu arbeiten.«

»Ach ja? Nun, ich kann Sie nicht weiterempfehlen. Ihretwegen habe ich nun eine Ehekrise am Hals und …«

»Ich dachte, die hätten Sie schon?«

»Was erlauben Sie sich?«

»Tut mir leid, so habe ich das nicht gemeint. Wie sieht es mit dem zweiten Teil meines Honorars aus?«

»Sind Sie verrückt? Das können Sie sich sonst wohin stecken.«

Magdalena Köhler legte auf.

Winter hatte es geahnt. Er warf einen traurigen Blick auf die Whiskeyflasche auf seinem Beifahrersitz. Die gelbe Flüssigkeit bedeckte gerade noch den Boden. Er seufzte.

›Wo bekomme ich nun Geld her für Alkohol und Zigaretten?‹

(zum nächsten Teil)

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Copyright © 2016 by Thomas Vaucher, mit freundlicher Genehmigung des Riverfield Verlags

Die Akte Harlekin (Gebunden)
von Vaucher, Thomas

Verlag: Riverfield Verlag
Medium:  Buch
Seiten:  351
Format:  Gebunden
Sprache:  Deutsch
Erschienen:  September 2016
Maße:  216 x 139 mm
Gewicht:  531 g
ISBN-10:  3952464007
ISBN-13:  9783952464007

Die Akte Harlekin

Beschreibung
Ein Serienkiller, der seine Opfer sämtlicher Körperflüssigkeiten beraubt, versetzt die Bevölkerung in der Hansestadt Bremen in Angst und Schrecken. Die Angehörigen der Ermordeten begehen wenige Tage nach den Verbrechen Selbstmord, nachdem sie angegeben haben, ihnen seien die Getöteten als Geister erschienen. Die Polizei tappt im Dunkeln und engagiert den ehemaligen Kommissar und Experten für Okkultes, Richard Winter, als externen Ermittler für den Fall. Im Laufe seiner Nachforschungen macht Winter eine grauenvolle Entdeckung, die ihn jedoch bald selbst ins Visier des Killers geraten lässt …

Kommissar Winters erster Fall.

Autor
Thomas Vaucher (35) arbeitet als Autor und Lehrer. Er ist zudem als Schauspieler und Musiker tätig. Vaucher hat schon mehrere historische Romane geschrieben, die im renommierten Schweizer Stämpfli Verlag veröffentlicht wurden. »Die Akte Harlekin« ist sein erster Thriller und spielt, da dem Autor die schöne Hansestadt sehr am Herzen liegt, in Bremen. Vaucher ist verheiratet und lebt mit seiner Frau in der Nähe von Freiburg (CH).

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oder natürlich auch in meinem Shop (auch als signiertes Exemplar erhältlich). Alle Infos zum Roman findet Ihr hier.

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