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DES TEUFELS MUSTERSCHÜLER – Kurzgeschichte von Margret Schwekendiek

DES TEUFELS MUSTERSCHÜLER

Kurzgeschichte

von

Margret Schwekendiek

Grenzverletzung

Es war immer wieder ein erregendes Gefühl auf der Bühne zu stehen. Ich bin das, was man einen Star nennt, und ich genieße diesen Zustand, gibt er mir doch die Gelegenheit, meinen ganz speziellen Hunger zu stillen, ohne meinen Nahrungsquellen erst nachlaufen zu müssen. Noch während ich meine Songs sang und mit der speziellen Choreografie den perfekten Tanz vorführte, schweiften meine Blicke über das Publikum. O ja, da wäre genau die richtige Frau, dort vorne in der dritten Reihe der dicht gedrängten Personen, die sich wünschten, dass ich sie für einen winzigen Moment mit einem Blick beschenke. Einige hatten es sogar geschafft, kleine Plakate mit in die Halle zu bringen, sinnentleerte Wünsche standen darauf: „Ich liebe dich! – Ich will ein Kind von dir! – Du bist der Größte!“, und was der Nichtigkeiten mehr sind.

Das alles berührt mich nicht. Weder will ich eines dieser Geschöpfe heiraten, noch werde ich jemals auf diese rein menschliche Art ein Kind zeugen können. Ich habe nur eines im Sinn, wenn ich diese manchmal wild kreischenden Wesen vor mir sehe – eine frische Nahrungsquelle. Ich bin ein Vampir, und ich brauche Blut. Das erschreckt Sie? Aber nicht doch, wir Vampire sind gar nicht so unterschiedlich zu übrigen Menschen. Wir führen unser Leben, haben Erfolg im Beruf oder auch nicht, und schlagen uns mit dem Finanzamt herum, wie jeder andere auch. Nur unsere Nahrung ist etwas anders, wir brauchen nun mal Blut, um zu überleben. Nicht immer müssen die Opfer dabei auch sterben, aber in jedem Fall vergessen sie, was geschehen ist, dafür können wir sorgen.

Ich beendete mein Lied und schickte meiner Auserwählten für heute ein strahlendes Lächeln. Sie wirkte völlig verzaubert, genauso wollte ich sie haben. Nach dem Konzert gab ich Autogramme, beantwortete Unmengen sinnloser Fragen und zog mich schließlich aufatmend in meine Garderobe zurück. Mit einem Gedankenbefehl holte ich die Frau zu mir, niemand würde sie draußen aufhalten. Sie betrat meine Garderobe und streckte verlangend die Hände aus. Ich nahm sie in die Arme und küsste sie, berührte ihren Körper und trieb sie zur Ekstase, warum sollte sie nicht auch etwas Spaß haben? Sie reagierte in der gewohnten Weise, der Körper zog sich zusammen vor Lust, und doch war mit ihr etwas anders. Dafür habe ich ein untrügliches Gespür. Na ja, wer wollte schon das Gefühlsleben junger Frauen erforschen?

Erst jetzt zog ich sie so fest in meine Arme, dass eine Gegenwehr unmöglich wurde. Ich spürte, wie meine Fangzähne sich vorschoben, die Ader an ihrem Hals pulsierte heftig, mein Hunger war nicht mehr zu bezähmen, und ich schlug meine Fänge in ihren Hals.

Igitt, das Blut schmeckte gar nicht, doch ich trank und trank. Erst dann bemerkte ich die Veränderung bei der jungen Frau.

Obwohl sie noch in meinem Bann stand, versuchte sie, sich in einen Werwolf zu verwandeln. Verdammt, warum hatte ich nicht früher bemerkt, dass sie zu der anderen Seite gehörte? Es war nicht meine Art die Werwölfe aufzuscheuchen, sie haben ihre Bedürfnisse und Opfer, und ich die meinen. Aber nun war das Unglück passiert. Mir blieb nichts anderes übrig, als sie zu töten, wollte ich nicht, dass sie die Grenzverletzung weiter erzählte.

Obwohl das Blut einen ekelhaften Geschmack besaß, saugte ich die Frau aus. Ihre Hände hatten sich bereits zu Pfoten mit Krallen und Haaren verformt, die vorher kurzen Haare gingen über in sauberes Fell, und das Gesicht zog sich bereits in die Länge.

Ich war satt, die nächste Nahrung würde ich erst in einigen Tagen brauchen. Aber konnte ich dieses Wolfsblut überhaupt vertragen? Nun, ich würde es merken, hoffentlich wurde ich nicht krank davon.

Zwei Tage später war ich sicher, dass ich keine bleibenden Schäden davongetragen hatte. Die Leiche der Werwölfin hatte ich verbrannt, niemand würde die Überreste finden. Ich konnte mein Leben wieder aufnehmen und würde in Zukunft vorsichtiger sein.

*

Rachegefühle

Wie konnte er es wagen? Wie konnte ein verdammter niederträchtiger Vampir meine Schwester nicht nur als Nahrung missbrauchen, sondern sie sogar töten? Oh, ich wusste Bescheid. Als meine Schwester Selinde nicht zurückgekommen war, hatte ich mich auf die Suche gemacht. Unser Clan besitzt einen sicheren Sinn für seine Mitglieder, und er führte mich zu den Überresten. Als ich ihre Knochen berührte, wusste ich die ganze Wahrheit.

Ein Vampir! Nach dieser gemeinen Grenzverletzung hatte er das Recht auf sein Überleben verwirkt.

Nun kann man einen Vampir nicht einfach töten, nicht einmal wir Werwölfe besitzen genügend Kraft dafür. Aber Selinde musste gerecht werden, ich hatte meine Schwester sehr geliebt, und der Verlust hinterließ eine dauerhafte Lücke in meinen Inneren. Ich grübelte einige Tage hin und her, aber ich fand keinen Weg, um meine Schwester zu rächen, und so suchte ich einige Tage später den Leitwolf unseres Rudels auf. Er residierte als Polizeichef an einer verdammt guten Stelle. Es lag in seiner Macht, uns alle zu schützen, aber er führte sein alltägliches Leben genauso wie wir alle, mochte es sich nun um Vampire oder Werwölfe handeln. Er brachte mich auf eine Idee, wie ich den Vampir vom Angesicht der Erde tilgen konnte. Im Grunde war es mir egal, auf welche Weise er seine Nahrung fand, solange er uns nicht in die Quere kam. Aber dieses Mal sollte ihn seine Art Opfer auszuwählen teuer zu stehen kommen. Es würde nicht leicht werden, da gab ich mich keinen Illusionen hin. Aber ohne Selinde war alles so leer, diese Lücke musste gefüllt werden.

*

Transformation

Auf der Bühne wirkte der Mann so charmant, dass nicht nur Frauen in Ekstase gerieten, auch einige Männer entwickelten Gefühle, die weit über die Freude an der Musik hinausgingen. Doch der Sänger und Tänzer mit dem ungeheuren Charisma bevorzugte Frauen – einen bestimmten Typ Frauen, um genau zu sein. Groß mussten sie sein, aber nicht zu schlank, sie sollten einen intelligenten Eindruck machen und nicht übertrieben geschminkt sein, rotbraun war die Haarfarbe, die ihm besonders gefiel.

Es gab an diesem Abend eine Frau, auf die alle diese Merkmale zutrafen. Wie viermal pro Woche üblich trat der Sänger auf, und es gab keine Unterschiede zu den sonstigen Darstellungen. Er gab Autogramme, scherzte mit seinen Fans und verschwand anschließend in seiner Garderobe. Kurze Zeit später folgte ihm die hübsche Frau mit den langen rotbraunen Haaren.

In der Umarmung des Mannes erlebte sie zuerst höchste Lust, und dann zeigte der Vampir sein wahres Gesicht. Das alles war schon oft so abgelaufen, und meist verließen die Frauen den Raum wieder, ohne sich an mehr erinnern zu können als das beste Sex-Abenteuer ihres Lebens.

Heute war das alles anders; die Frau erlag nicht den Verführungskünsten, sie war bei vollem Bewusstsein, als er ihr seine Zähne in den Hals schlug. Sie genoss es sogar und sah triumphierend, wie sich sein Gesicht veränderte.

Natürlich, ihr Blut schmeckte anders, er musste sofort wissen, dass sie ein Werwolf war. Doch sie hielt seinen Kopf fest, und der Blutrausch sorgte dafür, dass er nicht mit der Nahrungsaufnahme aufhörte.

Als sie spürte, dass das Leben aus ihr herausfloss, ließ sie ihn los. Er knurrte sie an, seine blutigen Fänge wirkten Furcht einflößend, und doch lachte sie.

„Das ist meine Rache, Vampir. Ich habe mir Silbernitrat in die Adern gespritzt, es wird dich lähmen, und du wirst hier liegen bleiben, bis die Sonne aufgeht und dich verbrennt. Das ist meine Rache für Selinde, meine Schwester. Hast du wirklich geglaubt, niemand würde es merken, wenn du einen Werwolf tötest? – Nun, Vampir, spürst du schon, wie deine Glieder schwer werden? Versagen deine Beine schon den Dienst? Wirst es dumpf in deinem Kopf?“

Er blickte sie ganz ruhig an, weil er keine Anstalten machte sich zu bewegen, konnte sie nicht feststellen, ob das Silbernitrat bereits wirkte.

„Und du, Werwölfin, hast du geglaubt, ich wäre nicht in der Lage mich vorzubereiten? Ich kenne den Zusammenhalt in euren Clans, früher oder später musste einer von euch kommen. Es tut mir leid, denn es lag nicht in meiner Absicht, die Grenzen zwischen unseren Völkern zu verletzen. Aber es ist nun mal geschehen, und es wäre klüger gewesen, hättest du auf andere Weise Genugtuung gefordert. Denn auch ich habe mich vorbereitet, und während du so eifrig darauf bedacht warst, mich bei der Nahrungsaufnahme zu unterstützen, habe ich dich zum Vampir gemacht. Spürst du nun schon das Verlangen nach Blut, den Rausch, alles in dich aufzunehmen? Fühlst du die Veränderung deiner Sinne, das feine Gehör, das selbst den Pulsschlag des anderen wahrnimmt? Ich werde tot sein, nun ja, aber vorher werde ich meine Adern öffnen, und du wirst als Neuling gar nicht anders können als mein Blut zu trinken. Und dann – nun, dann bist du ebenfalls tot, dein Gift wirkt auch in dir. Ist es wirklich das, was du wolltest?“

Seine Stimme war langsam und immer konzentrierter geworden, das Gift wirkte in ihm. Aber auch die Werwölfin spürte, wie ein Blutrausch sie überkam.

„Ja, ja, ja“, keuchte sie. „Ohne meine Schwester bin ich nichts, diese Leere kann niemand füllen. Ja, ich werde sterben, Vampir, und es wird mir nicht einmal leid tun.“

Mit einem hässlichen Lachen riss er sich mit den Fängen die Adern an der Hand auf, das Blut sprudelte heraus, und die Werwölfin stürzte sich auf die so bereitwillig angebotene Nahrung.

Ende

Copyright (c) 2012 by Margret Schwekendiek

Bildrechte: LYKANTHROPIE – Werwolfgeschichten aus dem sfbasar” (werwolfgeschichten.jpg) © 2013 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

Bildrechte: Coverillustration “Fremdwesen01” (TN-20110131041632-4c05fc6e.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Fremdwesen01-100-minus158-100.jpg” (Originaltitel: TN-20110131041632-4c05fc6e.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

Buchtipp der Autorin/Redaktion:

Koch, Boris / Plaschka, Oliver / Ludwigs, Sabine / Grashoff, David / Schwekendiek, Margret / Larf, Rena / Thomas, Gabi / Siegmund, Fabienne / Weiand, Inken / Pauly, Gisa / Dresen, Andreas / Walter, K. Peter / Fulczyk, Thomas / Glomp, Ingrid / Stone, Melanie / Niebios, Markus / Hüsgen, Angela
Chill & Thrill

Anthologie

Herausgegeben von Bionda, Alisha / Carpenter, Tanya. Illustriert von Martyna, Andrä
Verlag :      Fabylon
ISBN :      978-3-927071-50-6
Einband :      Paperback
Preisinfo :      14,90 Eur[D] / 15,40 Eur[A]
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 12.10.2011
Seiten/Umfang :      ca. 200 S.
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 10.2011
Aus der Reihe :      SEVEN FANCY 4

CHILL & THRILL – das ist prickelnde Entspannung mit einem Augenzwinkern. 18 Autoren unterhalten Sie auf kurzweilige und sehr abwechslungsreiche Weise. Andrä Martyna hat jede Story zudem mit einer Entry-Grafik versehen. In den vorliegenden Erzählungen landet schon mal ein Detektiv zuerst mit der Nase zwischen den Brüsten seiner Mandantin, statt in einem neuen Fall. Ein wackerer Bauer muss auf kreative Weise seinen Nachbarschaftsstreit beenden. Während es in der neuen Wohnung einer Studentin nicht mit rechten Dingen zugeht. Und am Ende stellt sich dem Leser auch noch die eigenartige Frage: Existiert Bielefeld tatsächlich – oder doch nicht? Der Startschuss ist gefallen: Wir wünschen Ihnen angenehmes CHILLEN und THRILLEN!

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