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Literatur-Blog

DER ZAUBERER VOM MARS – eine Science-Fantasy-Geschichte von Leon Ferri

DER ZAUBERER VOM MARS

eine

Science-Fantasy-Geschichte

von

Leon Ferri


::Damit geht das diesjährige Welt Energie Symposium zu Ende. Fünf Tage lang wurden hier die neuesten Errungenschaften, Techniken und Methoden vorgestellt, wie in Zukunft Energie gewonnen werden kann. Denn eines ist klar: es ist längst an der Zeit, für unseren ständig wachsenden Energiebedarf dauerhafte Lösungen zu finden. Damit geben wir zurück ins Studio zu David Hammer.::

Der Durchgang zum großen Hörsaal im Hintergrund ist plötzlich stockdunkel. Im Vordergrund eine Menge sich drängender Journalisten, alle mit eigenen Angelegenheit beschäftigt. Dann dumpfes Grollen aus dem Hörsaal, tief wie ferner Donner. Helle Blitze lassen die weite Decke hinter dem Durchgang in allen Farben erglühen. Bewegung kommt in die Menge. Reporter, Kamerateams halten inne. Einige Leute recken die Hälse. Die hintersten drängen zum Saal mit hoch gehaltenen Kameras, Fotoapparaten und Mikrofonen.

::Marietta? Was ist da los? Da hinten scheint etwas im Gange zu sein.::

::Einen Moment, David:: Sie dreht sich um, versucht, ebenfalls auf Zehenspitzen, freien Blick aufs Podium zu bekommen. Umsonst. ::Len, die Kamera!::

Verwackelte Bilder als der Kameramann seinen Apparat in die Höhe hebt.  Aufgeregtes Gedränge. Köpfe, alle zum Podium hin gerichtet. Ausgestreckte Arme mit Aufnahmegeräten. Blitzlichtgewitter beleuchtet für kurze Zeit den Saal. Dann geht innen das Licht wieder an.

Aus dem Off::Im Augenblick, David, können wir nichts sehen. Das müsste einer der Gastredner sein … das ist …::

Len, der Kameramann::Al-Shafir. Kalid Al-Shafir.:: Das Bild wackelt als die Kamera nach unten kommt.

Marietta, einhändig in ihrem Pod blätternd, zwinkert ins Bild. ::Er hat ein fotografisches Gedächtnis. Sci-TVs wandelndes Lexikon. Danke, Len.:: Sie liest vor::Professor Doktor Kalid Al-Shafir von der Universität Kairo. Oha, ein Archäologe! Ein paar populärwissenschaftliche Publikationen, sonst … ein bisschen glücklos.:: Amüsiert hochgezogene Augenbrauen. ::Der Vortrag lautete: Der Mars als Quelle neuer Energien.:: In die Kamera, schmunzelnd, leicht spöttisch::Interessantes Thema für einen Archäologen und auch ein gelungener und ::(Lachen im Saal):: – wie es sich anhört – höchst vergnüglicher Abschluss der Energietagung.::

Sie befragt einen der Journalisten, die sich ihren Weg aus dem Hörsaal bahnen.

::Köstlich der Mann. Er will magische Energie auf dem Mars sammeln und dazu benutzen, um  unsere Energieprobleme zu lösen.:: Zeigt mit dem Daumen hinter sich zum Durchgang. ::Haben Sie seinen kleinen Budenzauber mitbekommen? Lasershow, Holos oder was weiß ich. Sagt, er hätte einen Geist beschworen. Zum Piepen. Das reicht jedenfalls für einen kleinen Einspalter.:: Geht kopfschüttelnd davon. ::Herrlich!::

Marietta, stirnrunzelnd::Einspalter?::

David lacht. ::War wohl ein bisschen vor ihrer Zeit.:: Sie wirkt leicht pikiert, gespielt, woraufhin er fortfährt::Nichts für ungut. Vielen Dank, Marietta – und Len – für Ihren aufschlussreichen Bericht.::

Interview im Studio. Im Hintergrund eine Büste, das Bild eines Mannes in den Fünfzigern. Wirres, graues Haar, ausgemergelte raue Haut, beschattet von hervorstehenden Wangenknochen, spitzes Kinn und geschwungener weißer Schnurrbart. Text darunter: Kalid Al-Shafir.

Der Reporter, links, beugt sich aufmerksam aus seinem Sessel. Über ihm prangt wie eine Sprechblase das Emblem von Sci-TV.

::Und Sie, als Leiterin des Instituts, haben ihn daraufhin in den entferntesten Winkel unserer Welt geschickt?::

Professor Aset Mansour, ihm gegenüber, rechts, hebt abwehrend die Hand; goldene Armreifen klingeln leise.

Er beeilt sich. ::Er hat viele Leute verärgert und ist auch sonst nicht gerade ein Aushängeschild für Ihr Institut.::

::Ich möchte Ihnen Ihre … Auslegung nicht vorhalten, aber diese Geschichte wird im Allgemeinen ganz falsch interpretiert. Es war schon lange der Wunsch Professor Al-Shafirs, auf dem Mars archäologische Studien zu betreiben.::

::Er wird also mundtot gemacht?::

Sie, unbeirrt::Dass er der erste ist und er – wie man es hierzulande ausdrückt – auf der grünen Wiese anfangen kann zu arbeiten, macht ihm nichts aus. Im Gegenteil, diese Arbeitsweise kommt ihm sehr entgegen. Er ist seit jeher jemand, der gerne Neuland betritt.:: Sie produziert ein gewinnendes Lächeln, einstudiert und vielfach erprobt. ::Und das jetzt nicht nur metaphorisch, nicht wahr?::

Der Reporter lächelt höflich, aber unbeeindruckt. Dann blickt er auf seine Notizen und fährt fort::Er hat einen Geist beschworen vor zwei Monaten während seines Vortrags in …::

::Sie glauben an Geister?:: Sie ist eindeutig belustigt. ::Es war wohl eher eine fein inszenierte Abschiedsvorstellung, seinem zugegebenermaßen eigenwilligen Sinn von Humor geschuldet und seiner zuweilen dramatischen Art.::

::Wir hätten Professor Al-Shafir dazu gerne selbst befragt. Nicht jeder teilt da Ihre … konservative Sicht der Dinge. Wurde er nicht nach seiner Vorlesung abgeführt?::

Sie, korrigierend::Er wurde nach seiner Vorführung zum Flughafen begleitet. Er sollte seinen Flug nicht verpassen.::

Er, mit schiefem Lächeln, lauernd:: … den er bereits gebucht hatte?::

Kurzes helles Lachen. ::Ich bitte Sie.::

::Nach Aussage einiger Kollegen war diese Beschwörung eines Geistes …::

„Dschinn. Es war ein Dschinn, um genau zu sein.“ Professor Al-Shafir hangelte sich umständlich durch die Öffnung in die Kabine hinein und klettete sich auf dem Platz hinter seinem Assistenten fest. Als dieser leicht irritiert und peinlich berührt die Sendung unterbrechen wollte, hielt ihn der Professor mit einem beiläufigen Winken davon ab.

„Schauen Sie sich das ruhig an, Tom.“ Er strich die kurze geschwungene Linie seines Schnurrbartes entlang. „Nett, wirklich nett. Aber mehr nicht. Wissen Sie, tatsächlich gibt es keine einzige Aufnahme von meiner kleinen … Vorführung.“ Es war das erste Mal, seit sie die Reise zum Mars angetreten hatten, dass der Professor in dieser leutseligen Art mit Tom redete – dass er überhaupt mit irgend jemandem mehr Worte wechselte als unbedingt nötig. Mit seiner kratzigen Stimme fuhr er unbekümmert fort: „Es gibt eben mehr Dinge im Universum, als sich diese Betonköpfe erträumen können.“

Tom raffte seinen Mut zusammen und stellte die Frage, die ihm auf den Lippen brannte: „Soll das heißen, dass der Geist – der Dschinn – echt war? Meinen Sie das mit der magischen Energie wirklich ernst?“

Al-Shafir blickte ihn einen Moment irritiert von der Seite an, so, als ob er jetzt erst bemerkt hätte, dass sich dort jemand befand. Dann schnaufte er geräuschvoll durch die Nase aus, sank beinahe resignierend in sich zusammen und antwortete mit einem gequälten Unterton: „Der Dschinn … nein, der war nicht echt. Dieser Reporter hatte recht, das war Budenzauber, wie er so respektlos bemerkte. Sie sollten sich allerdings überlegen, warum es keine Aufnahme davon gibt. Das, mein lieber Tom, war einer der letzten magischen Momente, die uns die schwindenden Ressourcen der magischen Energie auf der Erde beschert haben. Und ich bin …“, er hob theatralisch die Arme und rollte die schwarzen Augen. Eine Geste, die zusammen mit seiner dramatisch erhobenen Stimme tief beeindruckt hätte, wäre er nicht, wie alle Fluggäste an Bord, mit einem albernen Overall in leuchtendem Orange bekleidet gewesen. „… ich bin der einzige, der diese alte Kunst, die Beschwörung magischer Wesen und Kräfte noch beherrscht. Vor vielen hunderten von Jahren waren diese Rituale, das Wissen und der Umgang mit den magischen Kräften noch weit verbreitet. Dieses Wissen wurde von vielen Menschen benutzt, gerade so, wie die Leute heutzutage die moderne Technik verwenden. Die alten Sagen, Legenden und auch die Märchen der abendländischen Welt zeugen davon.“

„Diese magischen Energien wurden verbraucht?“

„Die Vorräte nahmen mehr und mehr ab, und damit einhergehend gerieten die Fähigkeiten und Kenntnisse, diese zu nutzen, immer mehr in Vergessenheit. Heutzutage gibt es auf der Erde daher kaum noch Quellen magischer Energie.“ Traurig blickte er auf die Hände in seinem Schoß.

„Und Sie meinen, auf dem Mars gibt es noch solche Energien?“

Ein Leuchten trat in seine Augen. „Davon bin ich überzeugt. Nach meiner Theorie ist die magische Energie nur eine andere Form von Energie, wie wir sie kennen oder wie sie in der Naturwissenschaft definiert wird. Diese spezielle Energieform ist zunächst an Materie gebunden bis sie freigesetzt wird.“

„Und da es keine Zauberer auf dem Mars gibt“, stellte Tom fest, „müssen die Quellen dort noch reichlich sprudeln.“

Al-Shafir wackelte mit seinem knöchernen Finger in Toms Richtung. „Exakt. Aber sagen wir besser: es gibt dort noch keine Zauberer.“

Wo war Tom da nur rein geraten, er, als angehender Archäologe? Ein wenig bestürzt blickte er auf die Tastatur vor sich, dann zum Professor. „Ich habe ein Stipendium, Professor. Ich soll Ihnen bei Ihren archäologischen Forschungen auf dem Mars helfen und meine eigenen Studien dazu betreiben. Darüber soll ich meine Doktorarbeit schreiben. Was soll damit passieren, wenn ich plötzlich anfange …“, er suchte händeringend nach einer Vokabel, die den Professor am wenigsten kränkte, „… Geister zu beschwören?“

„Ein Stipendium“, sinnierte Al-Shafir, die Augen im dunklen Schatten seiner buschigen Brauen verborgen, „denken Sie mal an. Eine beachtliche Leistung! Insbesondere wenn man an Ihren Notendurchschnitt denkt, der Sie nicht gerade für eine Karriere in der Archäologie prädestiniert. Das soll jetzt keine Beleidigung sein“, fuhr er schnell fort. Dann packte er Tom mit beiden Händen am Arm und sagte: „Tom, es gab vermutlich noch nie Leben auf dem Mars, geschweige denn Zivilisation. Wir sind auf dem Weg in die Abstellkammer der wissenschaftlichen Welt, wir sind abgeschrieben! Wollen Sie eine Arbeit schreiben über … die erfolglosen Versuche, auf dem Mars nach Scherben zu buddeln?“

Tom sah ihn entrüstet und zornig an, erwiderte jedoch kein Wort.

„Mansour wollte mich los werden. Mein kleines Faible für den Mars kam ihr da gerade recht und, wenn ich das so sagen darf, Sie ebenfalls. Wissen Sie, was sie mir angeboten hat? Falls meine Ausgrabungen Erfolg hätten, will sie mir ihren Platz im Institut abtreten. Natürlich weiß sie, dass auf dem Mars ebenso wenig Artefakte von Zivilisationen existieren wie Delfine in der Wüste. Sie wollte vor mir auf die Knie fallen – diese Demütigung“, knurrte er verbittert. Dann drückte er Toms Arm noch fester und zischte im ins Ohr: „Es gibt aber keinen Grund, zu verzagen, Tom. Dieses Weib wird dafür bezahlen! Sie wird vor mir auf die Knie fallen; alle werden sie vor mir im Staub kriechen und mich anflehen, sie an meinen Schätzen teilhaben zu lassen, ihnen Energie für ihre jämmerlichen Wissenschaften und ihre ganzen dekadenten Eskapaden zu geben. Und zu alldem brauche ich Sie, mein Lieber. Sie werden mein Faktotum sein, wenn ich mich der großen Kunst der Magie hingebe.“

Was soll ich sein?“ fragte Tom entgeistert.

Al-Shafir wedelte beschwichtigend in der Luft herum. „Sie werden an meinem Erfolg teilhaben, glauben Sie mir. Die Welt wird uns zu Füßen liegen.“

Seit Beginn des Terraforming-Prozesses vor vielen Jahrzehnten gab es auf dem Mars noch genügend Regionen, die nicht unter der ständigen Kontrolle der Terraforming Ingenieure standen, sogar im weiteren Umland von Bradbury, der einzigen Stadt auf dem Mars. Bradbury war nicht mehr als eine lose Ansammlung mittelgroßer Habitate, eine bunte Mischung wissenschaftlicher, industrieller und politischer Niederlassungen aus aller Herren Länder in den verschiedensten Stilrichtungen des Zeitalters der Raumfahrt.

In weniger als einer Viertelstunde brachte sie das Sphärenshuttle von der Andockstation auf Phobos nach B.Haven, einer großen Senke südwestlich von Bradbury. Ihr nördlicher Rand war gesäumt von drei Habitaten in den schrillen Farben einer postkubistischen Komposition, in denen die Abfertigungshalle, der Tower mit seinen abgesetzten Radarkuppeln, sowie die obligatorische Notunterkunft und eine medizinische Station untergebracht waren.

Die wichtigsten Stationen, die Tom Butler, des Professors erster guter Geist auf dem Mars, ansteuerte, waren das geologische Institut der Universität Zürich, dann das ägyptische Konsulat und zuletzt der Hangar von Mole Mars Mining, eines Grubenunternehmens, das mangels Aufträgen seinen kolossalen Fuhrpark und seine Expeditionsausrüstungen für Exkursionen und dergleichen vermietete.

Ein freundlicher Geologe der Uni Zürich, nicht viel älter als Tom selbst, versorgte ihn mit einer Sammlung Koordinaten der Formationen, die der Professor geheimnisvoll als potenziell bewohnt zu erkennen glaubte, was auch immer er damit meinte. Im Konsulat bescheinigte die wichtigste und zugleich einzige Amtsperson im Habitat, der Konsul höchst persönlich, mit ernster Miene, einer Batterie ritueller Stempel und einigen feierlichen und äußerst bedeutungsschwangeren Hinweisen die Grabungslizenz für eine der Regionen, die Professor Al-Shafir ausgewählt hatte. Schließlich verhandelte Tom, der zunehmend Spaß an der Sache gewann, geschickt mit einem gelangweilten Supervisor von Triple-M, und erwarb schließlich für wenig Geld einen Rover mit einem Tender aus Wasserstoffzellen, sowie ein kleines Habitat – Verpflegung für eine Woche inklusive.

Drei Tage waren vergangen seit sie auf dem Mars gelandet waren. Drei Tage, in denen der Professor das Labor des Habitats nicht verlassen und wiederum kaum ein Wort mit Tom gewechselt hatte. Die Frage, ob sich sein Assistent um ein paar Arbeiter für die anstehenden Ausgrabungen bemühen sollte, wischte Al-Shafir beiseite mit der Bemerkung, dass er sich darum selbst kümmern wollte. Tom sollte sich um Verpflegung und medizinische Versorgung bemühen und vor allem dafür sorgen, dass er hier ungestört arbeiten konnte.

„Meinetwegen lassen Sie sich Angebote machen für Arbeiter, Fahrzeuge, Werkzeuge, Bodensondierungen – solche Sachen. Nur halten Sie sie mir vom Leib. Ich möchte nicht, dass hier Fremde herum schnüffeln.“ Mit diesen Worten schickte Al-Shafir seinen Assistenten nach Bradbury.

Als Tom wieder zurück kam, dämmerte bereits der Abend. Soweit hatte sein Ablenkungsmanöver Erfolg gehabt, allerdings hatte ihm der Konsul mitgeteilt, dass er ihrem Wunsch nach Abgeschiedenheit nur bis zur kommenden Woche entsprechen könnte. Aset Mansour, die Leiterin des archäologischen Instituts, war an Bord der nächsten Fähre, und im Begriff, die Fortschritte Professor Al-Shafirs zu begutachten.

Tom stieg aus dem Rover und besah sich die eigenartigen Lichtspiele des Himmels. Zarte Pastellfarben waren durchzogen von Sprenkeln türkisgrünen Lichts, eingebettet in ein wachsendes Meer golden glitzernder Sterne. Direkt über ihm entstanden urplötzlich Wolken. Sie verdichteten sich zu einem riesigen Wirbel, aus dessen Mitte ein unstet umher tanzender sich widerspenstig krümmender Schlauch herab fuhr, wild umkreist von dünnen Wolkenschlieren.

Instinktiv duckte er sich und wurde im nächsten Moment niedergeworfen, als ein Beben den Untergrund erschütterte, begleitet von einem Grollen tief unter der Oberfläche. Und Tom meinte, dieses eigenartige Geräusch schon einmal gehört zu haben.

Als er sich aufgerappelt hatte, war der Wolkenwirbel verschwunden, und in der Nähe waren keine sichtbaren Spuren einer Verwüstung oder eines Einschlags zu erkennen. Nur das Habitat war von einer hellen Aura umgeben. Tom stürzte in die Schleuse, wo er sich hastig aus seinem Thermoanzug schälte. An der Wand des kleinen Aufenthaltsraums, den sie zum Labor umfunktioniert hatten, kniete der Professor. Vor ihm stand in wirbelnde Flammen gehüllt eine entfernt menschliche Gestalt, grau und blau wie frische Tonerde, grobschlächtig und unfertig wie der Entwurf eines Riesen, beinahe vier Meter groß, größer als die Höhe des Raumes es zuließ und dennoch vollständig präsent in ihren gewaltigen Ausmaßen. Al-Shafir hatte einen leibhaftigen Golem erschaffen!

Tom erstarrte in der geöffneten Tür, während der Professor mit erhobenen Händen leise wie in Trance vor sich hin murmelte. Mit einem Mal begannen die Wände des Habitats zu schwingen, bis die Fugen quietschten. Das Wesen sprach mit quälender Behäbigkeit in seinem fast unhörbar tiefen Bass: „Meister, was ist Euer Begehr!“

Die Antwort des Professors war nicht zu verstehen, sein Zustand unverändert in  sich gekehrt. Nach wenigen Augenblicken erzitterten die Wände erneut: „Ja, Meister.“ Sand rieselte aus der Höhe vom Kopf des Golems auf Al-Shafirs Haupt, als sich das Ungetüm verbeugte. Dann verflüchtigten sich seine Umrisse, und zurück blieb nichts als der erstickend erdige Geruch. Der Raum war jetzt wieder so groß wie zuvor.

„… das war anstrengender … als ich gedacht hatte …“

Mit glasigen Augen, zitternd und sichtlich unter Schmerzen erhob sich Professor Doktor Kalid Al-Shafir, Archäologe und erster Zauberer auf dem Mars, und kotzte Tom vor die Füße.

Von Tag zu Tag überstand Al-Shafir die Beschwörungen besser, obwohl Tom ihn immer noch mit hohen Dosen von Endorphinen versorgen musste, die er in der medizinischen Ausrüstung fand. Der Golem hatte inzwischen eine ganze Schar kleiner Dschinnies und Felsengeister rekrutiert, mit deren Hilfe er aus dem Felsmassiv gewaltige Brocken herausschlug, um sie zu den nahtlosen Mauern eines riesigen Palastes zusammenzufügen.

Das Bauwerk entstand hinter dem Habitat, verhüllt von einer Wolke aus Sandstaub und den knackenden Blitzen der Entladungen reiner magischer Energie; rumpelnd und donnernd, sodass Tom bereits fürchtete, ihr Habitat bräche zusammen und die vielen hundert Tonnen umher fliegender Bausteine würden sie begraben. Aber außer den gestörten Nachtruhen trugen sie keinen Schaden davon.

Mit dem Palast wuchs auch die Wolke, und immer mehr mussten die Geister den Berg abtragen, aus dem sie Baumaterial gewannen und in dessen Schatten die Mauern und Kuppeln des Palastes empor wuchsen.

Doch Al-Shafir, der Zauberer vom Mars, kannte keine Grenzen. War sein Palast schon über die Maßen groß mit gewaltigen Bögen und über und über bedeckt von fein gearbeiteten Kacheln mit glasig gebrannter Oberfläche, so hatte er immer neue und größere Ideen.

„… ein großer Harem, bewohnt von fünf Dutzend Frauen … und Eunuchen zu ihrem Schutz … zwanzig Säle mit hohen Fenstern … Springbrunnen und Teiche … blühende Gärten und Vögel mit schillerndem Gefieder … Palastwachen in glänzenden Rüstungen und Bedienstete …“

„Meister“, donnerte der Golem, und wieder rieselte Sand und fielen ein paar kleinere Brocken Gestein von Kopf und Schultern. „Was Ihr verlangt ist unmöglich.“

Al-Shafir horchte auf und hob dann langsam den Kopf, um seinem Geist in die Augen zu blicken, da er meinte, ihn nicht richtig verstanden zu haben.

„Meister“, noch mehr Brocken fielen Al-Shafir vor die Füße und Sand und Staub bedeckten seine Haare mit einer rötlichen Schicht. Die Arme des Golems berührten beinahe den Boden, als er sich demütig vor seinem Herrn beugte. „Wir können nur das beschaffen, was auch existiert. Es gibt kaum Wasser; und die Pflanzen und Tiere, die Ihr wünscht, gibt es nur auf der Erde, aber nicht hier. Wir haben keine Farben und keine Stoffe, mit denen wir den Palast schmücken könnten, kein Metall für Rüstungen, Beschläge, Werkzeuge und Waffen.“ Er machte eine Pause, in der Al-Shafir wie versteinert dastand und ihn anglotzte. „Menschen, die wir bezaubern könnten, gibt es nur in der Siedlung“, er deutete in Richtung Bradbury.

Der Professor blickte ihn mit leeren Augen an. Dann besann er sich und sagte schnell: „Nein, nein. Nur das nicht. Beim Propheten, wir wären verloren, wenn Bradbury und der Hafen nicht mehr besetzt wären.“

„Den Palast haben wir erschaffen, gebaut aus der Kruste dieser Welt. Und jetzt …“ Mehr und mehr Brocken fielen von ihm ab, sodass Al-Shafir einen vorsichtigen Schritt zurück machte. „… jetzt sind wir müde, Meister.“ Er fiel donnernd auf die Knie, worauf Al-Shafir umgestoßen wurde und rücklings im Staub landete.

„Was soll das heißen?“ rief er.

„Wir werden ruhen. Unsere Kräfte schwinden. Es gibt nicht genug magische Energie auf dieser Welt.“ Damit fiel der Golem in sich zusammen, zu einem leblosen Haufen feuchten Tons. Vereinzelte Blitze zuckten noch knisternd über seine Oberfläche, bis er vollends vergangen war.

Draußen erhob sich plötzlich ein ohrenbetäubender Lärm. Als der Professor gefolgt von Tom ins Freie kam, packte ihn dieser am Arm und zerrte ihn zum Rover. Hinter ihnen rutschte ein Teil des Berges ab und begrub den Palast und das Habitat unter sich.

Aus sicherer Entfernung beobachteten sie die Katastrophe. Das war also das Ende ihrer Karriere und das Ende des ersten und einzigen Zauberers auf dem Mars.

„Wie ich sehe, haben Sie sich mächtig ins Zeug gelegt … was das Rumbuddeln betrifft“, lachte Aset Mansour, als sie zwischen den Steintrümmern des Felsabbruchs hindurch ging. „Bravo, bravo. Ich hatte ja keine Ahnung, dass Archäologie auch mit Sprengstoff betrieben wird. Aber sagen Sie, weshalb haben Sie Ihr Habitat gleich mit in Schutt und Asche gelegt? Wissen Sie nicht was so was kostet?“ Sie sah ihn mit einem tadelnden Blick aus der Ferne an.

Al-Shafir stand nur stumm da, schickte noch ein Stoßgebet zu den Mächten, die er beschworen hatte … Lasst sie büßen für ihren Hochmut! … und wartete ergeben darauf, dass sie ihn zurück ließ auf seinem einsamen Posten am Ende der Welt. Hier würde er bleiben den Rest seiner Tage.

Aber plötzlich stand sie vor ihm (Sie überragte seine gramgebeugte Gestalt fast um einen Kopf) und starrte ihn böse an. Al-Shafir brachte es nicht über sich, ihr ins Gesicht zu blicken – bis sie vor ihm auf die Knie ging. Sie warf ihm ärgerlich einen Gesteinsbrocken vor die Füße.

„Sie Hund“, stieß sie giftig hervor. „Ich weiß nicht woher, aber Sie haben schon immer gewusst, dass es hier etwas zu finden gibt, nicht wahr? Geben Sie’s zu!“

Al-Shafir blickte verwirrt auf den Boden zu seinen Füßen. Dort lag das Bruchstück einer Kachel. Die filigran geritzten Ornamente unter der verglasten Oberfläche glitzerten wie Katzengold in der hochstehenden Sonne.

ENDE

Copyright (c) 2011 by Leon Ferri

Bildrechte: Coverillustration “Märchen.jpg” (Originaltitel: nixe01.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Märchen-62-minus120-0.jpg” (Originaltitel: nixe01.jpg) © 2011 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

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Unbekannte Zivilisationen, eine neue Form von Flora und Fauna, Flüsse und Meere – seit im 17. Jahrhundert die ersten Fernrohre auf den Mars gerichtet worden waren, hatte seine Oberflächenstruktur Rätsel aufgegeben und Spekulationen genährt. Inzwischen nach der Landung zahlreicher Raumsonden und Landeinheiten – gehört er nach der Erde zum bestuntersuchtesten Himmelskörper. Es gibt eine Fülle von Messdaten und Bildern, unser Wissen über den Mars ist geradezu explodiert: Oberflächenbeschaffenheit, Temperatur, Topographie und Mineralogie des Planeten sind vermessen und überprüft. Doch was sagen uns all diese Daten? Welche Hinweise, z.B. über mögliches Leben auf dem Mars, lassen sie zu?

Ulf von Rauchhaupt, geb. 1964, studierte Physik und Philosophie und war von 1992 bis 1998 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Extraterrestrische Physik in Garching. Nach zwei Jahren als Research Fellow am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Museum in München. Seit 2001 ist er Redakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Im Jahr 2002 erhielt er den Georg von Holtzbrinck Preis für Wissenschaftsjournalismus.

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Updated: 30. Dezember 2016 — 16:40

17 Comments

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  1. Buchvorschlag eingebaut, Überschrift und Unterschrift und Kopf nochmal überarbeitet, bitte mal nachschauen, ob alles so stimmt, auch der vorgeschlagene Titel…

  2. Danke, alles perfekt 🙂

  3. Witzige Geschichte, gefällt mir :-).

    Am Anfang des 3.Kapitels (kann man so sagen?) hätte man ein paar Sachen weglassen können, die nicht unbedingt was mit der Story zu tun haben. Allerdings: Bradbury war gut 😉

  4. Das wird anstrengend und zeitaufwändig, wenn ich nächsten Monat alle Wettbewerbsbeiträge lesen und voten muss.

  5. Und Urlaub nehmen als Freiberufler ist sicherlich auch ein bisschen kontraproduktiv.

  6. Das wäre nicht das Problem. Nur ist es im Moment so, dass ich selbständig, freibereuflich und angestellt bin. Diese Dreifachbelastung habe ich aber ehrlicherweise unterschätzt. Das Beschäftigungsverhältnis ist aber zeitlich begrenzt. Danach mache ich dann wieder nur meine Sachen und weiss das dann auch zu schätzen, dass ich wieder voll selbstbestimmt leben kann. Aber ich habe halt einen zeitlich begrenzten Arbeitsvertrag unterschrieben, denn muß ich dann auch erfüllen… Was tut man nicht alles dafür sich irgendwann eine Eigentumswohnung oder ein schönes Loft leisten zu können! 😉

  7. @Micha
    Danke für die Rückmeldung. Aber Kapitel 3? Bin mir nicht sicher, was du meinst. Ich hätte eher auf’s nächste Kapitel getippt, da hab ich mich ein „klein wenig“ hinreißen lassen *g*

  8. Stimmt, ich habe das vierte gemeint als sie auf dem Mars ankommen 😉

  9. Dazu fällt mir ein: Horch was kommt von draußen rein!

  10. Felis Breitendorf

    Ich weiss ja nicht ob das vom Autor so beabsichtigt war, aber ich habe einfach Tränen gelacht bei dieser Story. Hoffe der Autor (oder Autorin?) verzeiht es mir?

  11. Waaaas? Die war todernst gemeint!!
    Nee, quatsch 😉 Freut mich, dass sie dir gefallen hat.
    Übrigens, Autor ist richtig.

  12. Etwa Leonardo der Künstler? Oder Leon der Profi?

  13. Eher da Pinschi. Weil der Profi jedesmal abkratzt, wenn ich den Film anschaue. (Erinnert mich an Galaxykarls bemitleidenswerte Protagonistin im „Krokodil“.)

    Oder auch Leonardo DiCaprio, obwohl mein Auto ein festes Verdeck hat 🙂

  14. Aber das Kind hat überlebt und das Mädchen auch.

    Was lernen wir daraus?

    Männer opfern sich für Frauen und Kinder!

  15. Zumindest, wenn sich’s – höchst dramatisch verpackt – gut verkaufen lässt, wie bei Luc Besson.

  16. Felis Breitendorf

    Oder auch auf der Titanic!

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