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DER WAL – Shortstory von Frank Hebben

DER WAL

Shortstory

von

Frank Hebben

Als dunkler Traum glitt das Raumschiff durchs Weltall, vorne und seitlich das Nichts, hinter ihm ein Strahl von Sternen. Die Außenhülle, blau irisierend wie Wasser und doch fest wie Stahl, war mit Pocken und Narben übersät – Spuren von Staub und Kometentrümmern, ähnlich der Haut eines uralten Wals.

Nostro, der unsterbliche Kapitän, stand vorne auf der Kommandobrücke und lauschte dem Knistern der Sonden, die in den Weiten des Alls nach Leben forschten, bislang erfolglos.

Selbst Nostro wusste nicht mehr, wie lange die Reise jetzt andauerte; irgendwann waren die Chronometer ausgefallen, und er hatte sich nicht die Mühe gemacht, neue Reparaturen vorzunehmen. Für ihn war die Zeit ohnehin bedeutungslos geworden.

Bedächtig nahm der Unsterbliche in seinem Ledersessel Platz und betrachtete sein Spiegelbild auf der Sichtscheibe, die grünen Augen, das graue Haar und die ungewöhnlich weiße Haut. Hatte er immer schon so ausgesehen, fragte er sich, oder veränderte er sich doch, unmerklich langsam über die Jahre, Jahrhunderte?

»Nein«, sagte er in die Stille hinein, »ich verfalle nicht wie der Rest dieses Schiffes. Ich bin das Einzige an Bord, das bleibt.« Kapitän Nostro schaute wieder hinaus ins All, auf einen Spiralnebel, der gerade an der Backbordseite verschwand. Dann stand er auf und ging auf die Tür zu; sie glitt lautlos nach oben, als er sich näherte.

Vor ihm lag jetzt das Rückgrat des Schiffes, ein dicker, halbdunkler Korridor, zu dessen Seiten filigranere Rippen abzweigten. Früher war diese Röhre hell erleuchtet gewesen, nun gab es nur noch wenige Lampen; matt strahlte ihr perlblaues Licht über Wände, den Boden.

Eine unheimliche Stille in den Schatten – Nostros Schritte warfen Echos voraus, während er den Gang hinab marschierte, an einer Abzweigung links abbog.

Hinter ihm schloss sich die Tür.

Nach kurzer Zeit betrat er eine Halle, die größer war als viele weitere des Schiffes. Unter der gewölbten Decke standen Tausende von Kriegsmaschinen: Flugzeuge, Panzer, Schiffe, Zeppeline und andere Geschütze, manche stählern, manche bronzen und reich verziert; doch ihr Zustand war schlecht: Rost blühte auf ihren Zahnkränzen, Kolben, Getrieben. Der Kapitän schritt durch die Überreste und prüfte den Grad ihres Verfalls: Bei einigen Kriegsgeräten konnte er kaum noch erkennen, welchem Zweck sie einst dienten, sie waren nur noch Klumpen aus Metall, an denen Reste von Goldfarbe prangte.

Wiederum andere waren funktionstüchtig und konnten mit etwas Mühe zu neuem Leben erweckt werden. Man müsste den Rost entfernen – ein neuer Anstrich, neues Öl, Schrauben, Gestänge und andere Einzelteile austauschen.

Doch wozu? Niemand konnte die Waffensysteme länger bedienen. Die Soldaten waren fort.

Der Unsterbliche verließ die Halle und steuerte das nächste Ziel seines Rundgangs an, ein ovaler Raum, der mit haushohen Regalen gefüllt war.

Millionen von Speichereinheiten standen hier – Kristallstäbe, auch Bücher, die sofort zu Staub zerfielen, sobald er nach ihnen griff.

Nostro kannte sie alle, seit Jahrhunderten las er in dieser Bibliothek. Wurde eines der Bücher brüchig oder vergilbt, verblasste allmählich seine Schrift, dann setzte er sich an eine der Schreibmaschinen und tippte seinen Inhalt ab, ganz egal, was in ihm geschrieben stand: Geschichten, Gedichte oder wissenschaftliche Abhandlungen speicherte er in leeren Kristallstäben ab. Nur die Abbildungen konnte er nicht retten, denn es gab keine Druckapparate an Bord oder Nostro konnte sie nicht finden.

Die Kristallstäbe hatten lange gehalten, nun lösten auch sie sich auf: Das Wissen verschwand mit jeder Null und jeder Eins, die das Lesegerät nicht länger erkennen konnte. Was hätte Nostro dafür getan, um das kostbare Wissen zu retten …

Er wandte sich ab und ging.

Bevor er auf seiner vorgeschriebenen Route den nächsten Raum betrat, gönnte er sich in der Schiffskombüse eine Tasse voll Konzentrat – zwei Schlucke trank er, ehe er den Metallbecher kurzerhand mitnahm.

Nostro wanderte an neuen Räumen vorbei, die mit weniger wichtigen Artefakten angefüllt waren, mit Gemälden alter Meister, Spielzeug und Luxusgütern, viele ebenfalls verrottet. Nachdenklich blieb er vor einem leeren Raum stehen. Legte die Stirn in Falten.

»Was war hier gesammelt worden?«, fragte er, und seine Stimme hallte den Korridor entlang. Oder war dieser Raum schon immer leer gewesen? Nostro versuchte, sich zu erinnern, ein früheres Bild heraufzubeschwören, doch es wollte ihm nicht gelingen. »Hilf mir«, bat er den Wal. »Mein Gedächtnis lässt nach.«

Schweigen. Und Stille.

Als der Kapitän das Arboretum betrat, wurde seine Stimmung schlagartig besser, fast heiter: Viele Kühlanlagen waren nach wie vor in Ordnung und brummten leise im Halbdunkeln. Tausende Glaszylinder standen hier, Reihe an Reihe – jeder von ihnen enthielt einen Baum oder eine Fülle von Sträuchern und Pflanzen, eingebettet in ewiges Eis.

Nostro schlenderte durch die Alleen, um die konservierte Vegetation zu betrachten: Auch im Arboretum gab es Verluste, doch keine großen: Bäume waren braun geworden oder verfault; wieder andere trotz der Eisschicht in mehrere Teile zerbrochen – manche Behälter schlossen nur noch Erde ein. Aber Nostro war zufrieden, der derzeitige Bestand würde ausreichen. Außerdem gab es zwei intakte Kammern mit Samen und Hyphen, sie konnten manche Lücke schließen.

Nostro wandte sich zur Tür, wechselte in eine weite Halle hinüber, in der ein Großteil der Tiere aufbewahrt wurde. Er zögerte, bevor er den blutroten Raum betrat, stets über den Anblick betrübt, die ihm die Frostkammern boten: Nur noch Knochen schwammen dort in Lösung, Skelette von Vögeln, von Fischen und Säugetieren. »Wie schade«, sagte Nostro, während er einen Behälter berührte. »Es hätte anders kommen sollen.«

 

Was hat man dich gelehrt, mein Alter?, schien plötzlich der Wal das Schweigen zu brechen. Erinnere dich: Je höher die Entwicklung der Körperstruktur, desto schwerer, sie zu bewahren. Also gräme dich nicht.

»Ich weiß«, flüsterte Nostro und nickte. »Und doch tut es weh.«

 

Es gibt Hoffnung. Noch gibt es sie!

Tatsächlich zeigten allein die Insekten keinerlei Anzeichen von Verwesung.

Heuschrecken, Bienen und Ameisen. Die anderen Tiere schienen verloren, trotz der Retortenlabore, vollgestopft mit Geräten, die für den künstlichen Erschaffungsprozess benötigt wurden. Aber die Forscher – sie gab es nicht mehr; das Wissen musste neu erlernt, verstanden werden.

So tröste dich. Man wird sie zurückholen, sobald eine neue Heimat gefunden ist, all die vielen tausend Arten!

In einem Zug trank der Unsterbliche sein Konzentrat leer und stellte die Tasse auf einer Konsole ab … Früher zeigte sie einmal Temperaturkurven an,

jetzt waren die Skalen unlesbar. Blindschwarz.

Nostro seufzte.

Daraufhin verließ er den Raum.

Eine Kathedrale! – hier endete Nostros Rundgang. Hohe Säulen, halb im Dunkeln verborgen, und Mosaike an den Wänden, deren Steine Menschen aus acht Jahrtausenden abbildeten, Kaiser und Bauern, Priester, Philosophen, Händler, Grubenleute, Metallarbeiter und viele andere mehr.

Inmitten von ihnen standen die Särge. Bis auf wenige hundert waren sie dunkel und ohne Leben.

Nostro belebte ein Kontrollpult und rief die Diagnose auf: 2376, viel weniger als noch vor kurzem. Die Zeit drängte, schon bald sank ihre Anzahl unter die kritische Marke; die beste Technik hatte nicht ausgereicht, um mehr Menschen zu retten, auch wenn sie viel länger überdauert hatten als die Tiere. Nicht lange, und alles war verloren. Für immer.

Leise schloss sich die Tür hinter ihm, während Kapitän Nostro zur Brücke zurückkehrte. Dort setzte er sich in den Sessel und schaute in die ewige Nacht hinaus. »Nur Mut, wir werden es schaffen«, sagte er nach einer Weile. »Ich weiß, wir werden es schaffen.«

 

Vielleicht ist morgen der Tag.

Lautlos segelte der Wal durchs Weltall, vorne und seitlich das Nichts, hinter ihm ein Strahl von Sternen.

Die Jahre vergingen …

– ENDE –

Copyright Text © 2008 Frank Hebben, mit freundlicher Genehmigung.

Bildrechte: Coverillustration “Evolution. – Menschheitsgeschichten” (Evolution2.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de

Bildrechte: Besinnliche Momente und Reflexionen” (Besinnlich-die-zweite.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

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Herzlichen Dank auch im Namen aller unserer Autoren!

BUCHTIPP DER REDAKTION:

Der Algorithmus des Meeres (Gebunden)
von Hebben, Frank

.
Verlag:  Begedia
Medium:  Buch
Format:  Gebunden
Sprache:  Deutsch
Erschienen:  2015
Gewicht:  217 g
ISBN-10:  3957770491
ISBN-13:  9783957770493

 

Beschreibung
Und, was steht drin?, fragt Maro schließlich.
Eine der zwei Geschichten, erklärt die alte Lina: Ein Mann geht auf Reisen oder ein Fremder kommt in die Stadt.
Ihr Stövchen, ein Teelicht; die Kanne dampft. Draußen rauscht die Flut über den Sand.
Jetzt sag schon …
Junge trifft Mädchen? Licht gegen Schatten? Sie zwinkert, während sie eine Tasse aus dem Regal nimmt.
Ach, du bist doof.
Nein. Du hörst mir nicht zu!

Autor
Frank Hebben, 1975 in Neuss geboren. Neuromancer, Werbetexter, Magister der Germanistik/Philosophie. Hat jahrelang in Düsseldorf zwischen Kunst und Chaos gehaust, lebt nun friedlich und frei in Bielefeld.

Titel erhältlich bei Amazon.de
Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de
Titel erhältlich bei ebook.de

 

Kleiner Teaser:
VIOLETT IST das Meer, morgens; und abends, wenn die Dunkelheit fällt; mittags am Fenster so grell, dass der Schaum zerplatzt – weit unten kratzt es am Beton, wühlt zwischen Abfall und Tang, rollt gurgelnd ein Ölfass, das angeschwemmt wurde und stinkt. Dumpf, weil die Luft an der Haut klebt, hört er den Wellen zu, wie sie knistern und zischen, schlaflos, verloren, bis er die Augen öffnet: das Zimmer, sein Bett. Maro streift das Laken von seinen Füßen, zu heiß, und liegt nackt, lange Zeit. Mit zwei Fingern wischt er einen Tropfen von der Wand, schmeckt ihn: salzig; der ganze Bau schwitzt, die Tapeten sind blasig, gewellt; rechts die Regale mit Pflanzen, ein Windspiel aus Gabeln, das ihm Kassandra geschenkt hat, blinkt, und das Bad, mit einer Wasserpumpe; keine parfümierte Seife, keine bestickten Handtücher – wie es im Hotel üblich war, früher; meint die alte Lina.

Eine flache Hand auf dem Bauch, den er reibt, an Härchen zupft und sich selbst anfassen will, als ein Vogel keift, sodass er den Arm zurückzieht, still wartet, dann hustend aufsteht, nur um wieder am Tisch zu sitzen, Kopf unten, sein Nacken glänzt. So starrt Maro die Skizzen an: Flügel auf Papier. Er greift nach dem Bleistift, zeichnet eine Feder nach, seufzt. Diese Hitze. In einer Brise weht schlechter Atem herein; das Besteck klimpert. Die Sonne steigt auf. Maro wartet, mit brennenden Augen, während er zum Horizont schaut, die Tränen wegblinzelt. Wie das Meer heute blendet – ein Spiegel, und kaum Schaum; erst bei der Treppe werden die Wogen kraus, bevor sie über Miesmuscheln lecken, am Plastik ziehen: Trinkflaschen und strähnige Tüten, zu Fetzen zerschnitten. Ich weiß nicht, sagt Maro. Etwas ist anders.

Ihr Glöckchen am Halsband, es funkelt und schellt, als seine Katze aufs Fenstersims springt: Loreley – sie legt die Pfote ans Glas, maunzt; und er öffnet spaltbreit, damit sie auf den Tisch klettern kann, wo sie moosige Tatzen auf dem Papier hinterlässt. Maro beugt sich vor, steckt seine Nase ins Fell, das nach Sand und Tabak riecht: Die Katze ist bei ihr gewesen; und zur Begrüßung leckt sie ihm das Salz von den Fingern, streift vorbei, plumpst in sein Bett, wie jeden Tag, und rollt sich ein und döst – ein Umriss an der Wand, die Ohren sind zwei Zacken.

Frank Hebben, 1975 in Neuss geboren. Neuromancer, Werbetexter, Magister der Germanistik/Philosophie. Hatte jahrelang in Düsseldorf zwischen Kunst und Chaos gehaust, lebt nun friedlich und frei in Bielefeld. Erste Veröffentlichung einer Science-Fiction-Geschichte 1998 im Magazin „Neuss Literarisch“. Danach stille Jahre des Stilfeilens. Von 2004 bis 2009 als Moderator für SF bei kg.de tätig.

Von 2008 bis 2012 Mitherausgeber bei NOVA, verantwortlich für Website und Grafik-Redaktion. 2013 hat er „Fieberglasträume. Kybernetische Kurzgeschichten“ mit André Skora herausgegeben.

Diverse Veröffentlichungen in der C’T, in NOVA, EXODUS, Space View, phantastisch!, ALIEN CONTACT und weiteren Anthologien, vorrangig im WURDACK-Verlag.

Nominierungen:

▪2009 Doppel-Nominierung für den DSFP für die Geschichten „Imperium Germanicum“ und „Côte Noir“

▪2009 erste Nominierung für den „Kurt-Laßwitz-Preis“, ebenso für den „Deutschen-Phantastik-Preis“, Story: „Côte Noir“

▪2007 „Das Fest des Hammers ist der Schlag“ für den „DSFP“

▪2006 „Memories“ für den „Deutschen Science Fiction Preis“

▪Zweifacher Gewinner des CAPco.de, 2005 und 2006.

Erste Story-Sammlung „Prothesengötter“ im April 2008 bei Wurdack erschienen. Der Folgeband „Maschinenkinder“ 2012 bei Shayol. Seit März 2013 ist „Das Lied der Grammophonbäume“ bei Begedia erhältlich. 2014 erschien dort auch sein Gedichtsband „Oubliette“; im September 2015 seine erste, längere Erzählung: „Der Algorithmus des Meeres“.

Die Website zum ersten Buch: prothesengoetter.de

Updated: 3. April 2017 — 15:09

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