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DER STOFF, DER DIE GEDANKEN TRÄGT – Leseprobe aus dem Roman: “Die Papiermacherin” von Conny Walden.

Erstellt von Detlef Hedderich am Montag 19. März 2012

DER STOFF, DER DIE GEDANKEN TRÄGT

Leseprobe aus dem Roman: “Die Papiermacherin”

von Conny Walden

Alles kann durch Nicht-Handeln bewegt werden.
Lao-she

Li strich sich mit einer schnellen, nervösen Geste die einzelne blauschwarze Haarsträhne aus dem Gesicht, die sich aus ihrer Frisur herausgestohlen hatte. Die junge Frau hielt den Blick gesenkt und wirkte äußerlich vollkommen ruhig. Doch in ihrem Inneren herrschte ein Höchstmaß an Anspannung.

Es bringt nichts ein, wenn der Bauer versucht, die Regenwolken zu beschleunigen, um genug Wasser für den Reisanbau zu haben!, erinnerte sie sich an eine Weisheit aus einem der aus feinstem Seidenpapier zusammengehefteten Bücher, deren Seiten von kunstfertigen Kalligrafen mit den Worten ehrwürdiger Weisen beschrieben worden waren.

Manchmal gab es kleine Zeichnungen, die diese Sinnsprüche illustrierten. Bilder, die oft nur aus wenigen Strichen bestanden und auf den ersten Blick wie beiläufig dahingezeichnet aussahen. Doch ein zweiter Blick offenbarte stets das außerordentliche Können, das den Herstellern solcher Bücher eigen war. Kein Wunder, dass solche Schriften mit unter ein Vermögen kosteten, wenn man nicht gerade freundschaftlich oder verwandtschaftlich mit jemandem verbunden war, der die Kunst ihrer Herstellung beherrschte.

Li versuchte, ihren Atem ruhig und stetig werden zu lassen,um auf diese Weise ihrer inneren Unruhe besser beizukommen. Der Blick ihrer dunklen Mandelaugen in dem feingeschnittenen, ebenmäßigen Gesicht richtete sich auf einen ernst dreinblickenden Mann, dessen zu einem Zopf geflochtenes Haar bereits grau durchwirkt war.

Ihr Vater.

Sein Name war Wang und er galt als einer der besten Papiermacher weit und breit.

Kaum jemand verstand diese Kunst so wie er, kannte das Geheimnis, wie heftig die Stoffe zu Brei zerstampft werden mussten, bevor aus ihnen der Stoff des Geistes und der Schrift werden konnte – Papier! Das Schöpfsieb zu handhaben erforderte viel Übung und Geschick, und selbst wenn die Blätter dann gepresst wurden, konnte man beim Lösen der Drehpresse noch alles verderben.

Wang nahm eines der fertig getrockneten Blätter emporund hielt es gegen das durchs offene Fenster hereinscheinende Sonnenlicht. Schließlich nickte der Meister, und sein bisdahin sehr streng wirkendes Gesicht entspannte sich etwas. Wang drehte den Kopf und sah seine Tochter an.

»Du bist eine gelehrige Schülerin gewesen«, sagte er. »Ich kann dir nichts mehr beibringen. Alles, was du jetzt noch zu lernen hast, wird die Erfahrung der Jahre bringen.«

»Ich danke dir für deine Worte«, sagte Li – unendlich erleichtertdarüber, dass die Blätter, die sie angefertigt hatte, dem strengen Blick von Meister Wang standhielten.

Ein verhaltenes Lächeln spielte um ihre Lippen. Das Gesicht ihres Vaters aber blieb ernst. Der Blick wirkte in sich gekehrt.

Nach dem Lis Mutter vor Jahren der Seuche anheimgefallen war, die Seidenhändler aus Xingqing in die Gegend brachten, hatte Li ihren Vater nie wieder wirklich unbeschwert erlebt. Fast die Hälfte der Bevölkerung in der kleinen Stadt am äußersten westlichen Rand des Reichs Xi Xia hatte das Fieber hinweggerafft. Darunter auch zwei von Lis insgesamt drei Brüdern. Der dritte Bruder war dann bei dem Überfall einer uigurischen Räuberbande ums Leben gekommen.

Gold und Seide flossen seit langer Zeit die Seidenstraße entlang. Neuerdings war vor allem der Handel mit Pferden hinzugekommen, denn das Reich des im fernen Bian regierenden Kaisers wurde andauernd von Aufständen bedroht. Dem entsprechend groß war dort der Bedarf der widerstreitenden Mächte an Reittieren. Doch nach Pferden, Gold und Seide gierten viele. Der Handel an der Seidenstraße hatte auch dem Papiermacher Wang und seiner Familie Wohlstand gebracht. Wo Verträge geschlossen, Warenlisten aufgeschrieben und Wechselausgestellt wurden, brauchte man diesen besonderen Stoff fast so dringend wie die Handelsware selbst.

Papier trug die Verse der Weisen aus Tibet, die Suren des Korans oder die Heilige Schrift der Nestorianer, die den Glauben an Jesus Christus bis an die Grenzen des Reichs der Mitte gebracht hatten, genauso wie Zahlen und Liefertermine. Überall waren daher die Künste der Papiermacher nicht minder gefragt als jene von Schreibern und Übersetzern.

»Die Kunst, die ich dich gelehrt habe, ist mehr wert als ein Klumpen Gold oder ein großer Besitz«, sagte Wang an seine Tochter gewandt. »Besitz kann man dir nehmen, dein Wissenaber nicht. Die Zeiten sind unsicher und der Reichtum zieht die Räuber an wie das Licht die Motten. Aber niemand kann dir deine Fertigkeit in der Kunst des Papiermachens nehmen, die ich in deine Seele gepflanzt habe, so wie es mein Vater beimir getan hat. Denk immer daran: Wissen und Können sind nicht nur dein wertvollster Besitz, sondern wohl auch der einzige, den du mit Sicherheit behalten wirst, bis deine Seele zu den Ahnen geht. «

»Ich werde dieses Wissen immer in Ehren halten«, versprach Li.

»Du weißt, dass ich aus Erfahrung spreche«, fuhr Wang fort.

Der Respekt gegenüber ihrem Vater verbot es Li, darauf hinzuweisen, dass sie diese Geschichte schon dutzendfach zu hören bekommen und ihre Lektion gewiss längst daraus gelernt hatte.

»Du warst noch ein Säugling, als wir die Hauptstadt verlassen mussten«, fuhr Wang fort.

»Aber es kommt mir manchmal vor,als sei es erst gestern gewesen … Eine gutgehende Papierherstellung gehörte mir und ich ließ zwanzig Gesellen für mich arbeiten!«

Wenn Wang von der Hauptstadt sprach, dann meinte er keineswegs die Hauptstadt von Xi Xia, sondern das ferne Bian, wo die Söhne des Himmels das Reich der Mitte regierten.

»Der Kaiserhof und die Verwaltung hatten einen so hohen Bedarf an frischem Papier, dass man sich das hier, am Rand der zivilisierten Welt, gar nicht vorzustellen vermag«, erklärte Wang.

»Und es gab so viele abgelegte Seidengewänder, die man verwenden konnte – hier dagegen müssen wir ja oft genug allemöglichen Lumpen zerstampfen, und wie du weißt, mengen einige meiner weniger ehrenhaften Konkurrenten sogar getrocknetes Gesträuch, Holzspäne und Stroh in den Papierbrei,was man den Blättern später auch ansieht! Ja, manche Blätter riechen sogar nach Hühnermist, Kamelhaaren und Dingen, die so unrein sind, dass ich mir gar nicht erst vorzustellen versuche, wie unsere edle Kunst da im wahrsten Sinn des Wortes in den Schmutz gezogen wird.«

Wang machte eine wegwerfende Handbewegung und verzog angewidert das Gesicht. Alleinder Gedanke, dass auf solch unreines Papier womöglich heilige Gebete oder hohe Poesie geschrieben wurden, erschien ihm wohl wie eine unerträgliche Entweihung. Nie wurde er müde, sich über solchen Frevel am sauber ausgeführten Handwerk aufzuregen. Dann schüttelte er den Kopf, und sein Gesichtsausdruck bekam einen Zug von Melancholie.

»Ich hätte in Bian mein Lebtag ein gutes Auskommen haben können, und wahrscheinlich hätte ich am Ende meiner Tage jedem meiner Söhne eine eigene Papiermanufaktur vererbt und jeder meiner Töchter eine reichliche Mitgift hinterlassen …« Wang ersparte es Li, sich das Verhängnis ein weiteres Mal in aller Ausführlichkeit berichten zu lassen. Ein Verhängnis, das mit der Machtergreifung eines Militärgouverneurs begann, der sich zum Kaiser aufgeschwungen hatte. Durch die Denunziation eines Konkurrenten war Wang auf eine Liste unliebsamer Personen gekommen. Nur die rasche Flucht hatte ihm und seiner Familiedas Leben gerettet.  Sein ehemaliger Besitz war in die Hände des Staates gelangt. Alles hatte er zurückgelassen und hier, im äußersten Westen, neu angefangen.

Xi Xia gehörte von Rechts wegen zwar noch zum Reich des Himmelssohnes, aber faktisch war das Gebiet unabhängig. Hier hatte sich Wang eine sichere Zukunft für seine Familieerhofft. Doch diese Hoffnung hatte sich nicht erfüllt. Seine Frau und seine Söhne waren tot – und in der Manufaktur, die Wang betrieb, arbeiteten nur drei angestellte Gesellen. Zweimal hatte Wang sie wieder aufbauen müssen. Einmal nach einem großen Feuer und ein anderes Mal nach dem Überfall von Steppenräubern.

»Am Ende mit leeren Händen vor die Ahnen zu treten – das wünsche ich niemandem!«, murmelte Wang vor sich hin.

Li wusste, dass er in diesem Augenblick mehr zu sich selbst als zu ihr sprach. Von draußen waren jetzt aufgeregte Stimmen zu hören. Einer der Gesellen aus der Manufaktur stürzte herein. »Reiter kommen! Es sind viele! Sie tragen Fackeln!«

»Bei allen Göttern«, murmelte Wang, und das Gesicht des Papiermachers wurde bleich.

»Verschließt Fenster und Türen!«, rief er und fasste dann den Gesellen bei den Schultern. »Sind die Türen und Läden der Werkstatt verschlossen, Gao?«

»Es wird uns nichts nützen!«, fürchtete der Geselle.

Li eilte zu einem der Fenster und schob den schweren Vorhangzur Seite. Das Donnern der Hufe war bereits unüberhörbar. Schreie gellten. Es waren von heiseren Männerstimmen ausgestoßene Befehle, und Li verstand zumindest ein paar Bruchstücke davon.

»Uiguren!«, stieß sie hervor.

In Xi Xia lebten Tanguten, Uiguren und Angehörige des Han-Volks aus dem Reich der Mitte seit jeher mehr oder weniger friedlich zusammen.

Auf den Märkten dominierten diese drei Sprachen zusammen mit dem Persischen, und Li war daher von klein auf mit dem Uigurischen in Berührung gekommen, viele der Händler und Karawanenführer sprachen einen der uigurischen Dialekte und man sagte, dass es fast unmöglich war, ein Pferd oder ein Kamel zu einem gerechten Preis zu erhandeln, wenn man diese Sprache nicht beherrschte. Li hatte immerhin genug davon aufgeschnappt, um sich einigermaßen verständigen zu können, so wie sie auch etwas Persisch verstand. Andernfalls hätte sie auf dem Markt keinen Handel abschließen können, denn kaum einer der Händler konnte sich gut genug in der Zunge des Han-Volks ausdrücken.

Mindestens hundert Reiter preschten die Hauptstraße entlang, in der sich fast alle Häuser des Ortes und die Stallungen der Karawansereien wie an einer Perlenkette aufreihten. Eine Schutzmauer aus angespitzten Palisaden umschloss zumindestden inneren Bereich der Siedlung, die um eine Wasserstelle herum angelegt worden war.

Meister Wangs Haus lag ebenso wie die Manufaktur außerhalbdieses geschützten Bereichs. Normalerweise zog man sich bei Gefahr hinter die Palisaden zurück – doch dazu war es längst zu spät. Die ersten Häuser brannten bereits. Die Angreifer schleuderten ihre pechgetränkten Fackeln auf die Dächer,die sofort Feuer fingen.

Die tangutischen Wächter warenvöllig unvorbereitet. Sie wurden schnell niedergekämpft. IhreTodesschreie mischten sich mit dem Prasseln der Flammen und dem panischen Stimmengewirr derer, die verzweifelt gegen die Lücke in den Palisaden drängten. Doch dort versuchte man gerade, die Tore zu schließen.

Von den Brustwehren aus empfing die Angreifer ein Pfeilhagel. Einige der Uiguren wurden aus dem Sattel geholt, aber noch ehe die tangutischen Bogenschützen ihren zweiten oder dritten Pfeil eingelegt hatten, kämpften die ersten Angreifer bereits die Wächter am Tor nieder und preschten in den inneren Bereich. Die ersten Uiguren hatten auch das Haus von Meister Wang erreicht. Im Vorbeijagen warf einer von ihnen eine Fackel durch das Fenster, ehe Li alle Läden schließen konnte. Die Fackel rollte über den Boden. Flammen erfassten einen Vorhang und papierenen Wandschmuck. Der Inhalt einer Öllampe entzündete sich, und es dauerte nur Augenblicke, bis dichter Qualm entstand.

»Hinaus!«, hörte sie den heiseren, hustenden Ruf ihres Vaters.

Sie sah seine Gestalt durch den beißenden Rauch taumeln, dann eine zweite – den Gesellen Gao.

Das ist ihr Ziel, durchfuhr es Li mit bitterer Wut im Herzen. Sie wollen uns ins Freie treiben … uns und das Vieh!

Der Qualm biss Li in den Augen. Zusammen mit ihrem Vater und Gao stürzte sie wenige Augenblicke später zur Tür hinaus ins Freie, wo sie die Uiguren bereits in Empfang nahmen.

»Los, schneller!«, rief einer von ihnen in schlechtem, akzentschwerem Chinesisch, um dann allerdings gleich in einen Uigurendialekt zu wechseln.

»Raus mit euch! Oder wir schneiden euch gleich die Kehle durch!« Das Gesicht des Uigurenwar durch eine Narbe gezeichnet, die sich von der linken Augenbraue diagonal über das gesamte Gesicht bis zumrechten Mundwinkel zog.

Ein Schwertstreich musste ihn aufdiese Weise entstellt haben. Er trug einen Helm, dem man noch ansehen konnte, dass das Falken-Abzeichen des Herrschers von Xi Xia grob entfernt worden war – ein Abzeichen, wie es die Außenposten und Kundschafter trugen, deren Aufgabe es war, rechtzeitig vor einem Überfall zu warnen.

Doch dazu waren jene Männer wohl einfach nicht mehr gekommen. Mochten die Götter wissen, wo jetzt die Aasfresseran ihren Gebeinen nagten. Ihre Ausrüstung hatten die Uiguren offenbar unter sich aufgeteilt.

Wang stieß unvermittelt einen Schrei des Entsetzens aus, als er sah, dass seine Werkstatt in hellen Flammen stand. Einer der Männer war ins Innere eingedrungen und kehrte jetzt mit einem Schöpfsieb zurück, bei dem er sich wohl nicht so recht im Klaren war, ob es irgend einen Wert besaß. Er warf es schließlich achtlos in den Staub, als ein Reiter heranpreschte und ihm etwas zurief. Li verstand die Worte sinngemäß. Offenbar hatten die Uiguren es geschafft, den Stadtkommandanten gefangen zu nehmen. Die Männer hoben die Arme hoch und stießen wilde Freudenschreie aus.

»Das gibt ein hohes Lösegeld«, rief der Mann mit der Narbe.

Li atmete tief durch. Darum ging es dieser Bande also in erster Linie: Lösegeld.

Wer reich oder mächtig oder noch besser beides gleichzeitig war, für dessen Freiheit würde viel Silber gezahlt werden und er hatte gute Aussichten, bald schon unversehrt zurückzukehren. Das Schicksal der anderen war dagegen völlig ungewiss. Für uns wird niemand zahlen!, dachte Li resignierend.

Die Kämpfe innerhalb der Befestigung waren abgeflaut. Hierund da war noch das Wimmern von verletzten Tanguten zuhören. Die Uiguren erstachen sie, um ihnen ungestört Waffen, Stiefel und Brustharnische abnehmen zu können. Zusammen mit den Pferden wurden Li, ihr Vater und der Geselle Gao auf den Platz vor dem Palisadentor getrieben.

Rinder und Hühner liefen dort herum, und einer der Uigurenkrieger regte sich darüber auf, dass auch unreine und für Muslime ungenießbare Schweine sich hier tummelten. Der Narbengesichtige trat auf Li zu, packte sie am Handgelenk und entriss ihr Armreifen und Kette. Beides ließ er nach kurzer Begutachtung in den Taschen seines Lederwamses verschwinden. Dann fasste er Li grob am Kinn, bog ihren Kopf zur Seite. Durch den Druck seiner Finger auf ihre Wangen zwang er sie, den Mund zu öffnen, so dass er ihre Zähne sehen konnte.

»Du siehst hübsch aus«, sagte er. »Mit etwas Glück können wir dich gut verkaufen.« Dann stieß er sie so schroff vorwärts, dass sie zu Boden fiel.

Ihr Vater wollte ihr helfen und machte ein paar schnelle, entschlossene Schritte auf den Narbigen zu, als wollte er sich auf ihn stürzen. Aber ein anderer Uigure hielt ihm die Spitzes eines Schwertes an die Kehle.

»Vorsicht«, stieß der Uigure grimmig hervor. »Ich werde dich Respekt lehren!« Er hob sein Schwert und holte aus.

»Lass ihn!«, gebot ihm die Stimme des Narbigen. Irritiert senkte der andere Uigure die Klinge.

»Wieso hast du Mitleid mit einem wie dem? Er hat dich doch angreifenwollen!«

»Mein Vater wollte mich nur schützen!«, mischte Li sichein.

Der Mann mit der Narbe achtete jedoch nicht weiter auf die junge Frau. Er deutete auf die Werkstatt, aus deren Fenstern jetzt dunkle Rauchsäulen quollen. »Gehört dir die Werkstatt?«, fragte er in barbarischem Chinesisch.

»Ja.«

»Also bist du einer, der den Stoff macht, auf dem die gemalten Worte stehen!«

»Ja, so ist es.«

»Gepriesen sei Allah!«, stieß er hervor und sandte dabei einen Blick in Richtung des Himmels. Er deutete auf das Schöpfsieb, das zuvor achtlos in den Staub geworfen worden war. »Dann gehört dir das?«

»Ja«, nickte Wang.

»Beim Propheten, ich habe deinesgleichen schon dabei zugesehen, wie ihr das Papier schöpft, auch wenn ich nicht verstanden habe, was man eigentlich dazu tun muss. Aber egal, so einen wie dich brauche ich!« Der Mann mit der Narbe ergriff das Sieb und warf es Wang zu. Dieser fing es auf.

»Mag sein, dass du die Worte des Propheten nicht zu lesen vermagst, aber Allah wird sehen, dass ich dabei geholfen habe, sein Buch zu verbreiten, in dem ich dich schlitzäugigen Heiden gefangen nahm! Wir nehmen alle mit, die zu dir gehören, Mann! Und dein Sieb behalte bei dir – denn du wirst schon sehr bald beweisen müssen, dass du die Wahrheit gesprochen und mich nicht angelogen hast!« Er bedachte Wang mit einem abschätzigen Blick und wandte sich anschließend an jenen Krieger, der Wang gerade noch den Kopf hatte abschlagen wollen. »Pass auf diesen Mann besonders gut auf und krümme ihm und allen, die für ihn arbeiten, kein Haar, Mahmut!«

»Wie du befiehlst, Herr!«, gab Mahmut etwas irritiert zurück. Der Mann mit der Narbe klopfte ihm heftig auf die Schulter. »In Samarkand und Buchara schreiben persische Gelehrte angeblich jeden Tag ein Buch! Sie diktieren ganzen Heerscharen von Kalligrafen ihre Weisheiten und füllen Bibliotheken, die so unsagbar groß sind, dass Allah es einem einfachen Mann wie mir nicht gestattet, sich das wirklich vorstellen zu können! Man braucht dort so dringend Papier wie das Wasser zum Trinken, und ich habe gehört, dass man einen guten Preis für einen Papiermacher erzielen kann, der sein Handwerk versteht!«

»Allah hat dir Weisheit gegeben, Herr!«, meinte Mahmut unterwürfig. Offenbar gehörte er zu der noch kleinen, aber immer zahlreicher werdenden Gruppe unter den Uiguren, die den Worten des Korans folgten, während gemein hin der Glaube an Mani und an einen immer währenden Kampf zwischen dem Licht und der Dunkelheit unter den Uiguren am meisten verbreitet war.

Mahmuts Haltung straffte sich. Er hob den Blick und sah abwartend zu seinem Anführer.

Der Narbengesichtige machte eine ausholende Geste und rief den in der Nähe wartenden Männern zu: »Es muss noch mehr Papiermacher hier geben. Findet sie alle! Man wird uns ihr Gewicht in Silber aufwiegen!«

»Wir sollten allerdings trotzdem so schnell wie möglich von hier verschwinden, Toruk!«, meinte Mahmut. »Der Kaiser von Xi Xia wird Jagd auf uns machen, bis wir die Grenzen seiner Herrschaft hinter uns gelassen haben!«

Toruk, der Narbengesichtige, lachte heiser auf. »Der Kaiservon Xi Xia ist ein armseliger Narr, der anscheinend glaubt, dass er sich nur denselben Titel zu geben braucht wie der Herr des Reichs der Mitte. Aber bei der Weisheit des Propheten Mani! Ein Sohn des Himmels wird dieser tangutische Emporkömmling nie werden – und vor seiner armseligen Macht braucht auch niemand zu zittern!«

Toruk wandte sich noch einmal Wang zu. »Zeig uns, mit wem du dein Handwerk verrichtest!«, forderte er. »Na los!«

Wang deutete auf Gao. »Das ist mein Geselle, und meine Tochter Li habe ich auch in die Geheimnisse dieser Kunst eingewiesen. Sie hat den Grad meisterlicher Vollkommenheit bereits erreicht.«

Toruks Blick wanderte zu der jungen Frau. Li gefiel die Art und Weise nicht, wie der Uigure sie ansah. Sein Gesicht verzogsich.

»Bist du noch Jungfrau?«, fragte er.

»Ja, Herr«, antwortete sie.

»Auch dafür ließe sich ein guter Preis erzielen! Wir werden sehen, für welches deiner Talente das Gebot höher ist!« …

(UNVERKÄUFLICHE LESEPROBE)

Copyright 2011 by Conny Walden

Autorin: Conny Walden ist das Pseudonym für das Autorenduo Alfred und Silke Bekker. (Im sfbasar.de als Pseudonym von Silke Bekker gelistet!) Alfred Bekker schreibt Fantasy, historische Romane, Kinder- und Jugendbücher. Seine Frau Silke Bekker veröffentlicht vor allem Humoresken und Erzählungen. Unter dem Pseudonym Conny Walden schreiben sie gemeinsam historische Romane. Weitere Romane des Autorenduos sind bei Goldmann in Vorbereitung. Zusätzliche Informationen unter www.alfredbekker.de

Bildrechte: “Waffentod – Im Meer der Zeiten” (Waffentod41.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Waffentod-74-minus-110-98.png(Waffentod41.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

Die Fortsetzung – für alle die neugierig geworden sind wie es weitergeht – findet sich in dem Roman:

Conny Walden
Die Papiermacherin
Roman

Verlag :      Goldmann Verlag
ISBN :      978-3-442-47315-1
Einband :      Paperback
Preisinfo :      ca. 9,95 Eur[D] / ca. 10,30 Eur[A] / ca. 18,90 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung.
Seiten/Umfang :      ca. 464 S. – 18,7 x 11,8 cm
Erscheinungsdatum :      14.03.2011

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Titel bei Libri.de

Vorbestellbar ist bereits “Die Papiermacherin”, der zweite historische Mittelalter-Roman von Conny Walden, dessen Erscheinen der Verlag in gleicher Ausstattung für den März 2011 ankündigt.

“Eine leidenschaftliche Liebesgeschichte zwischen zwei Welten”, so die Verlagswerbung.

Um 1000 nach Christus in West-China: Eine Gruppe Papiermacher wird von Uiguren verschleppt und Richtung Westen gebracht. Unter ihnen sind auch Meister Wang und seine hübsche Tochter Li. In Samarkand lernt Li den sächsischen Ritter Arnulf von Ellingen kennen, der von der Papiermacherin sogleich fasziniert ist. Zwischen den beiden entfaltet sich eine leidenschaftliche Liebe. Doch als Arnulf Opfer einer Intrige wird, müssen beide fliehen, und eine abenteuerliche Reise über Venedig bis nach Magdeburg beginnt …

Näheres hier

Wer ist Conny Walden?
Conny Walden ist das Pseudonym für das Autorenduo Alfred und Silke Bekker. Alfred Bekker schreibt Fantasy, historische Romane, Kinder- und Jugendbücher. Seine Frau Silke Bekker veröffentlicht vor allem Humoresken und Erzählungen. Unter dem Pseudonym Conny Walden schreiben sie gemeinsam historische Romane. Weitere historische Romane des Autorenduos sind bei Goldmann in Vorbereitung.

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www.AlfredBekker.de

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11 Kommentare zu “DER STOFF, DER DIE GEDANKEN TRÄGT – Leseprobe aus dem Roman: “Die Papiermacherin” von Conny Walden.”

  1. sfbasar.de » Blog Archiv » SFBASAR.DE-ANTHOLOGIE (mit Themenschwerpunkt): “Waffentod – Im Meer der Zeiten” sagt:

    [...] NEU = DER STOFF, DER DIE GEDANKEN TRÄGT – Leseprobe aus dem Roman: “Die Papiermacherin” von Conny W… [...]

  2. Detlef Hedderich sagt:

    Wie gefällt Euch diese Leseprobe? Soll ich mal bei Alfred Bekker nach Verlosungsexemplaren mit persönlicher Widmung fragen oder besteht da kein Interesse?

  3. Martin Ott sagt:

    Ähm … ist Conny Walden sein Pseudonym?

  4. Helmut Brenner sagt:

    Conny Walden ist das Pseudonym für das Autorenduo Alfred und Silke Bekker. So weit ich weiß im sfbasar als Pseudonym von Silke Bekker gelistet.

  5. Galaxykarl sagt:

    Korrekt.

    Das bringt mich – wie schon einige Male zuvor – auf eine Frage, natürlich eher an die Verlage als an diese Community: Wenn Autoren ihr Pseudonym mehr oder weniger leicht auffindbar gestalten, wozu dann eigentlich noch eines benutzen? Scheinbar sind (wir) Leser doch toleranter als die Verlage selbst. Wir akzeptieren es, wenn ein guter Autor in verschiedenen Genre publiziert. Einzig der Punkt, dass ein Verlag sich mit dem Namen eines erfolgreichen Autors schmücken will und andere sich eben mit einem Pseudonym begnügen (und dieses mit Werbeausgaben erst mal aufbauen müssen), ergäbe noch einen Sinn PRO Pseudonym.

    mgg
    galaxykarl ;-)

  6. Detlef Hedderich sagt:

    Die Wege des …äh Herrn sind unergründlich.

  7. KG sagt:

    Die Sache mit den Pseudonymen habe ich nie verstanden. Vielleicht ein bisschen Show? ;)

  8. Martin Ott sagt:

    Diese Woche online gelesen, dass Verlage Pseudonyme wie einen Markennamen aufbauen. Der Autor bzw die Autoren können diesen Markennamen quasi nicht mitnehmen. Falls ich noch mal drüber stolpere reiche ich die Quelle nach.

  9. Detlef Hedderich sagt:

    Habe ich auch letztens irgendwo gehört, dass die Pseudos beim Verlag verbleiben und die das Copyright darauf behalten. Finde ich ziemlich denkwürdig, erinnert ein bisschen an Fußballspieler, die verkauft werden, was widerum an Sklavenahlteung erinnert, oder?

  10. Galaxykarl sagt:

    Und wieder wird im Grunde der Leser, also der Kunde, belogen. Hinter dem Pseudonym versteckt sich eben nicht ein – möglicherweise guter – Autor, sondern eben verschiedene. Und dann wundert sich der Leser, warum ein Buch von dem Pseudonym-Träger super war und alle anderen … äh, anders. Vielleicht sogar auch nicht schlecht, das will ich gar nicht unterstellen, aber es bleibt eine Täuschung. Der Käufer greift zum nächsten Titel und bekommt einen anderen Autor untergejubelt.

    Ich hab sogar schon gehört – und ich darf hier logischerweise leider nicht Ross und Reiter nennen – dass manche (alle?) Verlage sogar den Namen eines renommierten Autors benutzen und in Wahrheit eine Reihe anderer (billigerer?) Autoren die Reihe weiterschreiben.

    Ich merke zunehmend bei aller Fantasterei innerhalb meiner Schreiberei, dass ich in vielen Dingen stinkkonservativ bin (leider hat diese positive Einstellung längst einen negativen Beigeschmack und Dinosaurier-Nimbus erhalten, was ich sehr schade finde).

    Trotzdem sage ich: Ehrlichkeit währt am längsten.

    mgg
    galaxykarl ;-)

  11. Martina Möchel sagt:

    Für die Verlage, die sowas machen ertragreich, die können die erwartungsvollen Leser dann noch mal so richtig mit miesen Ware melken, bis die es merken haben die längst ihr Geld verschleudert für ganz üblen Mist!

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