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DER PRIESTER – Leseprobe Teil 2 aus dem Roman: “Grave Mercy – Die Novizin des Todes” von Robin L. LaFevers

DER PRIESTER

Leseprobe Teil 2 aus dem Roman:

“Grave Mercy – Die Novizin des Todes”

von Robin L. LaFevers

Das Quietschen des Riegels, der angehoben wird, reißt mich aus dem Schlaf. Ich setze mich auf und presse mir die zerfetzten Überreste meines Leibchens an die Brust. Als die Tür sich öffnet, sehe ich zu meiner Überraschung den Dorfpfaffen, diesen Hasenfuß, der nur Stunden zuvor unsere Ehe gesegnet hat. Guillo ist nicht bei ihm, und meiner Meinung nach ist jeder Augenblick ohne meinen Vater oder Guillo ein glücklicher.

Der Priester wirft einen Blick hinter sich, dann bedeutet er mir, ihm zu folgen.

Ich stehe auf, und das Kellerloch dreht sich schwindelerregend. Ich lege eine Hand an die Wand und warte darauf, dass das Gefühl abebbt. Der Priester gestikuliert abermals, drängender. »Wir haben nicht viel Zeit, bis er zurückkommt.«

Seine Worte machen mir den Kopf klar, wie nichts anderes es kann. Wenn er ohne Guillos Wissen handelt, dann hilft er mir bestimmt. »Ich komme.« Ich stoße mich von der Wand ab, trete vorsichtig über einen Sack Zwiebeln und folge dem Geistichen in die Küche. Es ist dunkel; das einzige Licht kommt von den glimmenden Kohlen im Herd. Ich sollte mich fragen, wie der Priester mich gefunden hat, warum er mir hilft, aber es ist mir gleich. Ich kann an nichts anderes denken als daran, dass er nicht Guillo und nicht mein Vater ist. Der Rest spielt keine Rolle.

Er führt mich zur Hintertür, und an einem Tag voller Überraschungen entdecke ich eine weitere, als ich die alte Kräuterhexe aus unserem Dorf in der Nähe stehen sehe. Wenn ich mich nicht so sehr darauf konzentrieren müsste, einen Fuß vor den anderen zu setzen, würde ich sie fragen, was sie hier tut, aber ich habe schon Mühe, mich aufrecht zu halten und nicht der Länge nach in den Schmutz zu fallen.

Als ich in die Nacht hinaustrete, entfährt mir ein Seufzer der Erleichterung. Es ist dunkel draußen, und die Dunkelheit war immer meine Freundin. In der Nähe wartet ein Karren. Der Priester hilft mir auf die Ladefläche und berührt mich dabei so wenig wie möglich, bevor er zum Kutschbock eilt und sich hinaufschwingt. Er schaut mich über seine Schulter hinweg an, dann wendet er den Blick ab, als habe er sich verbrannt. »Da hinten ist eine Decke«, murmelt er, während er den Klepper auf den gepflasterten Weg lenkt. »Krieche darunter.«

Meine geschundenen Knochen scheuern schmerzhaft auf dem harten Holz des holprigen Karrens, und die fadenscheinige Decke kratzt und riecht nach Esel. Trotzdem wünschte ich, sie hätten eine zweite als Polster dazugelegt. »Wohin bringt Ihr mich?«

»Zum Boot.«

Ein Boot bedeutet Wasser, und die Überquerung von Wasser bedeutet, dass ich weit fort sein werde von meinem Vater und Guillo und der Kirche. »Und wohin bringt mich das Boot?«, frage ich, aber der Priester antwortet nicht. Erschöpfung überwältigt mich. Ich habe keine Kraft mehr, ihm weiter zuzusetzen; der Versuch, Antworten aus ihm herauszuholen, ist wie der Versuch, einem dornigen Busch saftige Beeren abzuringen. Ich strecke mich aus und überlasse mich dem Schaukeln des Karrens.

Und so beginnt meine Reise quer durch die Bretagne. Ich werde wie eine verbotene Fracht geschmuggelt, versteckt zwischen Rüben oder im Heu auf der Ladefläche von Wagen, geweckt von verstohlenen Stimmen und tastenden Händen, während ich von Priestern zu Kräuterfrauen weitergereicht werde, eine verborgene Kette jener, die in Übereinstimmung mit den alten Heiligen leben und entschlossen sind, mich nicht der Kirche zu überlassen. Die Priester mit ihren unbeholfenen Bewegungen und ihren modrigen, abgetragenen Roben sind durchaus freundlich, aber, was meinen geschundenen Körper anbetrifft, ungeübt in Sanftheit oder Mitgefühl. Die Kräuterhexen mag ich lieber; ihre rissigen, abgearbeiteten Hände sind weich wie Lammwolle, und der scharfe, würzige Duft von hundert verschiedenen Kräutern haftet ihnen an wie ein wohlriechendes Parfum. Die meisten verabreichen mir eine Mohntinktur gegen meine Verletzungen, während die Priester mir lediglich ihr Mitleid aussprechen, und einige tun auch dies nur widerstrebend.

Als ich aufwache – ich schätze, es ist die fünfte Nacht mei ner Reise –, rieche ich den salzigen Geruch des Meeres und erinnere mich an das Versprechen, auf ein Boot gebracht zu werden. Ich mühe mich in eine aufrechte Position und stelle erfreut fest, dass meine Prellungen schon viel weniger schmerzen und meine Wunden nicht mehr brennen. Wir passieren ein kleines Fischerdorf. Gegen die Kälte ziehe ich die Decke dicht um mich und bin gespannt darauf, was als Nächstes geschehen wird.

Ganz am Rand des Dorfes steht eine steinerne Kirche. Dorthin lenkt der letzte Priester unseren Karren, und ich bin erleichtert, am Tor der Kirche den Anker des heiligen Mer zu sehen, eines der alten Heiligen. Der Priester zügelt sein Pferd. »Steig aus.«

Ich kann nicht sagen, ob es Müdigkeit oder Geringschätzung ist, was ich in seiner Stimme höre, aber so oder so, meine Reise mit ihm ist fast zu Ende, also ignoriere ich es und steige aus dem Karren, wobei ich die Decke fest um mich geschlungen halte, damit ich sein Gefühl für Schicklichkeit nicht verletze.

Sobald er das Pferd angebunden hat, führt er mich zum Strand, wo ein einsames Boot wartet. Der tintenschwarze Ozean breitet sich aus, so weit das Auge reicht, und lässt das Boot sehr klein erscheinen.

Ein alter Seemann sitzt vornübergebeugt im Bug. An einer Schnur um seinen Hals hängt eine knochenweiß gebleichte Muschel, was ihn als einen Anhänger des heiligen Mer ausweist. Ich frage mich, was er davon hält, mitten in der Nacht geweckt zu werden und Fremde auf das dunkle Meer hinausrudern zu müssen.

Die blassblauen Augen des Seemanns wandern über mich hinweg. Er nickt. »Steigt ein. Wir haben nicht die ganze Nacht Zeit.« Er schiebt mir ein Ruder hinüber, und ich ergreife es, um mich daran festzuhalten, während ich in das Boot steige.

Das kleine Boot schwankt und schaukelt, und für einen Moment fürchte ich, dass es mich in das eisige Wasser werfen wird. Aber es richtet sich wieder auf, und dann steigt der Priester ein, sodass der Rumpf noch tiefer ins Wasser sinkt.

Der alte Seemann brummt etwas Unverständliches, dann steckt er den Riemen zurück in die Dolle und beginnt zu rudern.

Wir erreichen die kleine Insel, gerade als die Morgendämmerung den Horizont im Osten rosig färbt. Die Insel sieht in dem frühen, spärlichen Licht karg aus. Als wir näher kommen, sehe ich eine Steinstele neben einer Kirche und begreife, dass wir zu einer der alten Gebetsstätten fahren.

Kies knirscht unter dem Rumpf des Bootes, als der alte Seemann es direkt auf den Strand rudert. Er macht eine ruckartige Kopfbewegung in Richtung des steinernen Bollwerks. »Nun steigt aus. Die Äbtissin von St. Mortain erwartet Euch.«

Der heilige Mortain? Der Schutzpatron des Todes. Ein Beben des Unbehagens überkommt mich. Ich betrachte den Priester, der den Blick abwendet, als sei es eine zu große fleischliche Versuchung, mich anzusehen.

Ich ziehe die Decke noch fester um mich, klettere unbeholfen aus dem Boot und trete in das flache Wasser. Hin und her gerissen zwischen Dankbarkeit und Ärger mache ich einen kleinen Knicks und lasse dabei die Decke für den Bruchteil einer Sekunde vorsätzlich von meiner Schulter gleiten.

Das hat gereicht. Befriedigt über das Aufkeuchen des Priesters und das Zungenschnalzen des alten Seemanns drehe ich mich um und wate durch das kalte Wasser zum Strand. Ich habe bisher nicht einmal einen Knöchel sehen lassen, wirklich nicht, aber es verärgert mich zutiefst, in meinem zerschundenen Zustand wie eine böse Versuchung behandelt zu werden.

Als ich das Gras erreiche, das spärlich zwischen den Steinen wächst, schaue ich zu dem Boot zurück, aber es fährt bereits wieder aufs Meer hinaus. Ich drehe mich um und gehe auf das Kloster zu, gespannt darauf zu sehen, was jene, die dem Tod huldigen, von mir wollen. (…)

Copyright (c) 2012 by Robin L. LaFevers – Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlages.

Bildrechte: Magie – Verwandlungs-, Hexerei- & Zaubergeschichten” (Magie neuer Hrsg und heller.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Magie – Verwandlungs-, Hexerei- & Zaubergeschichten” (MAGIE – Verwandlungs-, Hexerei- und Zauber-Geschichten-100-60-50.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

Anmerkung der Redaktion: Wer wissen möchte, wie es weitergeht, der erfährt es in diesem Buch der Autorin, Bestellmöglichkeiten über die Bestellinks:

Robin L. LaFevers
Grave Mercy – Die Novizin des Todes

Übersetzt von Link, Michaela
Verlag :      cbj
ISBN :      978-3-570-40156-9
Einband :      Paperback
Preisinfo :      14,99 Eur[D] / 15,50 Eur[A] / 21,90 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 11.09.2012
Seiten/Umfang :      544 S. – 20,6 x 13,5 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      10.09.2012

Auftragsmörderin mit Herz:

Die 17-jährige Ismae flüchtet vor einer Zwangsheirat und findet Zuflucht im Kloster von St. Mortain, wo die Schwestern noch den alten Gottheiten dienen. Doch um selbst ein neues Leben beginnen zu können, muss sie das Leben anderer zerstören: Der Gott des Todes hat ein Schicksal als Auftragsmörderin für sie vorgesehen …

Ismaes erster Auftrag führt sie an den Hof der bretonischen Herzogin, wo sie mit einem unlösbaren Gewissenskonflikt konfrontiert wird: Wie kann sie den Auftrag des Todes ausführen, wenn das Opfer ihr Herz gestohlen hat?

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Updated: 6. Dezember 2012 — 21:15

4 Comments

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  1. Bin gespannt auf Euer Urteil, wie der zweite Teil der Leseprobe bei Euch wegkommt? Als Gewinner des Leseproben-Awards mit der Leseprobe Teil 1 sind alle weitere Leseproben-Teile dieses Werkes von zukünftigen Teilnahmen an unseren Lesproben-Awards ausgeschlossen. Dennoch bleibt es spannend, zu verfolgen, wie es der Protagonistin ergeht auf ihrem Lebensweg… – Ich bitte um Meinungen!

  2. war echt super

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