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DER LÖWE VON BURGUND – Leseprobe (Teil 3) Historischer Roman von Thomas Vaucher

DER LÖWE VON BURGUND

Leseprobe (Teil 3)

Historischer Roman

von

Thomas Vaucher

(zurück)

1475

Jougne, Herzogtum Savoyen

Otto Pulvers Vater war schon Scharfrichter in Bern gewesen, wie auch dessen Vater, Pulvers Großvater. Otto war keine Wahl geblieben. Das Amt musste vom Vater auf den Sohn übergehen, und so hatte er die Kunst des Scharfrichters von seinem Vater erlernen müssen. Das Amt des Henkers war im Volk verpönt, und er und seine Familie wurden deswegen oft wie Aussätzige behandelt. Er wurde verachtet und verspottet, doch dies war er sich mittlerweile gewohnt.

Pulver war nun schon seit dreizehn Jahren der Scharfrichter Berns. In dieser Zeit hatte er seine Kunst vervollkommnet. Viele hätten ihn ausgelacht, wenn er vom Enthaupten, und das war sein Spezialgebiet, als Kunst geredet hätte.

Doch das war es: eine Kunst.

Die Kunst bestand nicht darin, das Opfer zu töten. Dies vermochte jeder Trottel ohne Probleme, denn die Opfer wehrten sich ja nicht.

Nein, die Kunst in seinem Amt lag darin, den Gefangenen mit einem einzigen, wohlgezielten Schlag zu enthaupten und so die Schmerzen und Leiden der Sterbenden so gering wie möglich zu halten. Dafür waren nebst einem guten Auge, einer starken Hand und Erfahrung vor allem auch medizinische Kenntnisse vonnöten.

Pulver wusste genau, wie der menschliche Hals aufgebaut war. Er wusste, wo sich die Speiseröhre und die Luftröhre befanden, wo welche Halsmuskeln verliefen und wie das Knochengerüst im Hals aufgebaut war. Er wusste, wo wichtige Blutbahnen oder Nervenfasern verliefen, und vor allem wusste er genau, wo und in welchem Winkel man das Richtschwert ansetzen musste, um auf den kleinsten Widerstand zu treffen und so den Kopf in einem Schlag vom Nacken trennen zu können.

Pulver sah sich um. Das Volk war unruhig. Einige verfluchten Diesbach und die Schweizer, andere murrten leise oder versuchten gar die Blockaden zu durchbrechen, wurden aber brutal niedergeschlagen oder zurückgedrängt.

Die Ansprache Diesbachs, die eine reine Formsache gewesen war, hatte natürlich auf die wütenden Bürger Jougnes keine Wirkung gehabt. Sie waren zornig auf die Schweizer, die ihre Leute ohne Rücksicht dahingeschlachtet hatten.

Der erste Gefangene wurde von einem Wächter nach vorne gestoßen. Es war ein Mann mittleren Alters, dessen Haar an der Schläfe ergraut war. Um seinen Mund war noch jetzt ein stolzer Zug zu sehen, wenn er auch leicht zitterte, als er vor den Hackblock trat. Der Mann kniete nieder, sprach ein leises Gebet, richtete seine Augen flehend zum Himmel und legte dann sein Haupt auf den Hackblock.

Otto Pulver hob sein Richtschwert, nahm Maß und ließ es niedersausen. Die Waffe trennte den Kopf des Mannes mit einem gekonnten Hieb vom Hals. Ein Schwall Blut spritzte aus dem offenen Hals des Mannes und über die Kleider des Henkers.

Pulver seufzte erleichtert. Die erste Enthauptung war stets die Schwierigste. War diese einmal gut geglückt, so wie eben, war der Rest meist ein Kinderspiel.

Die Schweizer Hellebardiere stießen den nächsten Gefangenen vor den Hackblock, und Pulver verrichtete seine Arbeit. Der Kopf fiel nach einem Hieb zu Boden und ein weiterer roter Strahl ergoss sich über ihn.

Pulver sah die Hinrichtungen als eine normale Arbeit an. Er machte sich nie groß Gedanken darüber, wer die Opfer waren oder warum sie hingerichtet wurden. Das war die Arbeit von anderen. Seine Arbeit bestand nur darin, den Gefangenen so wenig Schmerzen wie möglich zuzufügen und sie zu töten.

Eine Arbeit wie jede andere auch.

Als jedoch der dritte Gefangene vor den Hackblock gestoßen wurde, stutzte Pulver.

Der Gefangene war jung. Viel zu jung, um bereits das Mannesalter erreicht zu haben. Er war vielmehr noch ein bartloser Jüngling. Sein Hemd war zerrissen und die Augen vom vielen Weinen gerötet. Die blonden, langen Haare hingen ihm verschwitzt ins Gesicht, und er zitterte am ganzen Körper.

Zögernd sah Pulver zwischen Diesbach und dem Gefangenen hin und her.

Es war eine Sache, Erwachsene hinzurichten, die zumindest in den meisten Fällen auch schuldig waren. Selbst Frauen hatte Pulver schon viele hingerichtet. Doch an Kindern hatte er sich noch nie vergangen.

»Fahr fort«, rief Diesbach ihm zu und wedelte ungeduldig mit der Hand.

Pulver sah wieder zu dem Jungen hin, der nun vor dem roten Hackblock niedergekniet war und ihn aus flehenden Augen ansah. Er mochte kaum zwölf Jahre alt sein, schätzte Pulver.

Pulver hob das Schwert und schloss die Augen, doch vor seinem inneren Auge sah er wieder die flehenden Blicke des Jungen, und seine Arme fielen kraftlos herab.

»Herr«, stotterte Pulver und drehte sich zu Diesbach um. »Ich kann nicht. Das ist noch ein Junge. Lasst ihn frei, er kann nichts für die Sturheit der anderen.«

Diesbach, der auf einem Feldstuhl Platz genommen hatte, erhob sich zornig.

»Henker«, sagte er gefährlich leise, »verrichte deine Arbeit. Die Adligen werden dem Schicksal ihrer in den Tod geschickten Soldaten folgen. Alle«, fügte er leise hinzu, »ohne Ausnahme.«

Pulver seufzte und sah noch einmal zu dem Jungen hin. Er wusste, dass er eben seine dreizehnjährige Henkersarbeit in den Sand setzte und seine Zukunft wegwarf, doch er konnte den Tod dieses Jungen nicht verantworten.

»Ich werde es nicht tun«, sagte er schließlich mit fester Stimme und ließ das Schwert zu Boden fallen. »Wenn Ihr dies vor Gott verantworten könnt, solltet Ihr es selbst tun, denn ich kann es nicht.«

Pulver sah, wie Diesbach erbleichte und gleich darauf vor Zorn rot anlief.

»Dann sollst du ihr Schicksal teilen«, schrie er wütend und deutete auf die Gefangenen. Dann schritt er langsam auf die zum Tode Verurteilten zu.

»Einer von euch hat heute großes Glück«, sagte er schließlich laut, so dass alle auf dem Platz es hören konnten. »Denn ich schenke ihm das Leben im Tausch für das Leben unseres Henkers.« Diesbach machte eine kleine, dramatische Pause, ehe er fortfuhr: »Wer den Posten des Henkers übernimmt und seine Arbeit zu Ende führt, dem wird sein Leben geschenkt.«

Die Menge hielt den Atem an. Das war ungeheuerlich! Ein Adliger aus Jougne sollte seine eigenen Verwandten enthaupten!

Eine Weile lang war es still. Pulver dachte an seine Frau und seine beiden Söhne, die er nun wohl nie wieder sehen würde. Und trotz seinem bevorstehenden Tod, durch seine eigene Richtwaffe, mit der er Dutzende wenn nicht Hunderte Leute in den Tod geschickt hatte, überkam ihn plötzlich eine friedvolle Ruhe. Er wusste, dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte. Selbst wenn er nun sterben sollte, so konnte er doch mit einem reinen Gewissen vor seinen Schöpfer treten.

»Ich mache es!«

Die Stimme eines jungen Adligen riss ihn in die Gegenwart zurück. Der Mann war aus der Reihe vorgetreten und hatte die Hand erhoben.

»Ich tue es«, wiederholte er.

»Bist du verrückt?« und »Verräter!« zischten die anderen und einige bespuckten ihn oder flehten ihn an, er solle es bleiben lassen, bis sie mit einigen unsanften Stößen von den Wachen zur Ruhe gebracht wurden.

Der Mann war wohl knappe dreißig Jahre alt, schätzte Pulver. Seine verdreckten Leinenhosen waren im Schritt ganz dunkel und nass. Offenbar hatte er sich vor Angst in die Hosen gemacht. Sein Blick war zu Boden gerichtet, und er versuchte den flehenden Blicken der anderen Adligen auszuweichen.

»Wenn Ihr die Arbeit des Henkers zu Ende führt, dann sollt Ihr leben«, versprach Diesbach und bedeutete ihm, vorzutreten, das Schwert aufzuheben und fortzufahren.

Es war furchtbar.

Der Mann war kein Kämpfer, das sah man ihm an. Selbst einem Krieger wäre es schwer gefallen, das Haupt eines Wehrlosen mit einem oder mit zwei Hieben vom Rumpf zu trennen. Doch dieser Mann brauchte schon beim Jungen fünf Hiebe, ehe der Kopf zu Boden fiel. Die ganze Zeit über schrie der Junge vor Schmerz wie am Spieß. Erst beim vierten Hieb wurde er ruhig und regte sich nicht mehr.

Pulver schloss die Augen und fragte sich, ob er sich nicht doch falsch entschieden hatte. Nicht weil er nun sterben würde, sondern weil er dem Jungen und all den anderen ihre Qualen hätte ersparen können.

Beim nächsten Gefangenen brauchte der Henker sechs Streiche, ehe der Kopf zu Boden kullerte. Die Menge stöhnte entsetzt auf, und die meisten Leute verließen angeekelt den Platz. Diesbach beobachtete das schreckliche Geschehen ohne irgendwelche Gefühlsregungen zu zeigen.

Pulver kam als Letzter an die Reihe.

Vergib mir, Gott, dachte er, als das Schwert ihn das erste Mal traf. Und dann war da nur noch Schmerz und Pein. Es dauerte unendlich lange, bis sich endlich ewige Dunkelheit um seinen Geist legte.
.

(weiter)

Copyright © 2010 by Thomas Vaucher

Vaucher, Thomas – Autorenporträt

Bildrechte: “Waffentod – Im Meer der Zeiten” (Waffentod41.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

STIMMEN UND BESTELLMÖGLICHKEITEN ZUM VORLIEGENDEN ROMAN:

Der Löwe von Burgund

Historischer Roman von T. Vaucher
Hardcover mit Schutzumschlag, 360 Seiten
Erschienen bei Stämpfli Verlag, August 2010
ISBN 978-3-7272-1304-5

Signiertes Exemplar direkt beim Autor bestellen

Titel erhältlich bei Amazon.de
Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de
Titel erhältlich bei Libri.de
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STIMMEN ZUM VORLIEGENDEN ROMAN:

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www.hysterika.de

Zu den jungen Schweizer Autoren gehört auch der 1980 geborene Thomas Vaucher, der hauptberuflich als Lehrer tätig ist, sich aber der Musik, dem Theater und seit kurzem auch der Literatur widmet. Seine Kurzgeschichte „Tyrions Wacht“ erreichte den 2. Platz in der Kategorie Beste Deutschsprachige Kurzgeschichte beim Deutschen Phantastik Preis 2009.
Der gebürtige Freiburger legt nun nach der Publikation mehrerer Kurzgeschichten und Heftromanen im Bereich Fantasy/SF mit „Der Löwe von Burgund“ seinen ersten historischen Roman vor und zeigt damit, dass auch die Schweiz über historische Stoffe verfügt, die sich durchaus für einen Film eignen würden:
Als der junge Adrian von Bubenberg dem Grafen Karl von Charolais am burgundischen Hof das Leben rettet, legt er dabei den Grundstein für eine ewige Freundschaft. Doch durch widrige Umstände stehen sich die beiden dreißig Jahre später bei Murten auf dem Schlachtfeld gegenüber. Während der Stern Karls des Kühnen unaufhaltsam sinkt, beginnt die glorreiche Zeit der Eidgenossen, denn Adrian von Bubenberg ist gewillt sein Leben für deren Freiheit aufs Spiel zu setzen…
„Der Löwe von Burgund“ erzählt die Geschichte vom Aufstieg und Niedergang des burgundischen Reiches unter Karl dem Kühnen im 15. Jahrhundert. Doch es ist auch die Geschichte von Rudolf Stalder und Georg Wyler, zwei Berner Soldaten, die in die Wirren der Burgunderkriege geraten und letztendlich das Schicksal ganz Europas mit verändern.
In szenenartigen Ausschnitten aus dem Leben der Hauptfiguren fügt sich für den Leser nach und nach das Bild einer Epoche zusammen. Baustein um Baustein baut Vaucher die Intrige auf, welche mit dem Gegenüberstehen des Grafen Adrian von Bubenberg und Karl dem Kühnen ihren Höhepunkt erreicht. Dabei geht der Autor sehr vorsichtig vor, orientiert sich immerzu an gut recherchierten, historischen Begebenheiten, welche er in die Geschichte einzufließen weiß ohne dass sie der Erzählung in irgendeiner Form schaden. Auch in den eingewobenen, erfundenen Handlungssträngen wie zum Beispiel dem Duell zwischen Friedrich und Karl um dessen Aufnahme in den Orden des Goldenen Vlieses, beweist der Autor sehr viel Fingerspitzengefühl und Liebe zum Detail. „Der Löwe von Burgund“ ist eine der guten Überraschungen in diesem Herbst und trumpft durch einen erfrischenden Schreibstil und einem gut durchdachten Aufbau der Handlung.

Das gebundene Buch wird durch Schlachtpläne, Namensverzeichnis, Ortsverzeichnis, Worterklärungen und Literaturhinweisen sehr gut ergänzt. Einzige Beanstandung trifft in meinen Augen der hohe Preis ( 28 €/ CHF 44.– ), welcher mir in Anbetracht der gerade mal 360 Seiten unangebracht erscheint.

Fazit: Es handelt sich um eine historische und abwechslungsreiche Geschichte, welche sich wie ein guter Roman lesen lässt. Wer sich für diese Epoche interessiert, wird wohl nicht um dieses Buch herum kommen. Ich freue mich bereits, den Autor auch im Fantasy Bereich lesen zu dürfen. Laut meiner Anfrage hat er bereits so seine kleine Idee, was als nächstes kommen wird. Für all diejenigen, welche mehr über ihn erfahren möchten, verweise ich auf seine Homepage http://www.thomasvaucher.ch/

4.Oktober 2010 Jean-Pascal Ansermoz

www.leser-welt.de

Die Grundidee der Handlung
Die Geschichte Karls „des Kühnen“, des letzten großen Herzogs von Burgund, ist eine Geschichte von Kriegen, Blut und Tränen, die der übergroße Ehrgeiz dieses Fürsten über halb Europa gebracht hat. Den Traum seiner Vorfahren, das alte Königreich der Burgunder wieder zu errichten, versuchte er zu verwirklichen, indem er buchstäblich über Leichen ging. Dass er letztendlich scheiterte, ist der Tapferkeit der „Eidgenossen“ zu verdanken, die sich ihm entgegenstellten und mit unglaublichem Einsatz um ihr Vaterland und ihre Freiheit kämpften.
Der Autor, als Angehöriger dieses Volkes, stellt den heldenhaften Kampf seiner Landsleute in den Mittelpunkt dieses Buches. Sehr genau recherchiert und hervorragend erzählt, breitet er vor dem faszinierten Leser einen bunten Bilderbogen des 15ten Jahrhunderts aus.

Stil und Sprache
Dieses Buch handelt in erster Linie von Kampf und Tod. An Blut, Wunden und Sterben gibt es nichts zu beschönigen und so erzählt Thomas Vaucher sehr authentisch und detailliert, aber ohne Effekthascherei von den Schlachten seines Volkes gegen den scheinbar übermächtigen Eroberer und Eindringling Karl von Burgund. Man steht naturgemäss auf der Seite der – vermeintlich – Schwachen und fiebert mit den „Eidgenossen“ bei ihrem Kampf um Heimat und Freiheit mit.
Obwohl der Ausgang dem historisch bewanderten Leser bekannt ist, schafft es der Autor dennoch, den Spannungsbogen so hoch zu halten, dass einem die Schilderungen an manchen Stellen schier unerträglich erscheinen. Die Sprache ist sehr plastisch und bildhaft, manche Situationen hat man buchstäblich vor Augen und wendet sich dann auch mitunter schaudernd ab. Bezüglich einiger Redewendungen muss man allerdings berücksichtigen, dass dieses Buch von einem Schweizer geschrieben wurde und von daher manche Begriffe im Deutschen wohl etwas anders ausgedrückt worden wären.

Die Handlung ist in Prolog, Epilog und vier Teile unterteilt, deren erster über einen Zeitraum von fast 30 Jahren einen Einblick in Karls Leben bietet. Die übrigen Teile umfassen zusammen die beiden letzten Lebensjahre des Herrschers und schildern seine größten Niederlagen auf dem Schlachtfeld und seinen Untergang und Tod.

Figuren
Die meisten der Hauptfiguren sind historisch belegt und haben auch so oder ähnlich gehandelt, wie Thomas Vaucher es schildert. Eventuelle Abweichungen sind im Nachwort erklärt und begründet.
Im Mittelpunkt steht natürlich Karl der Kühne, Herzog von Burgund und Herrscher über eine Vielzahl von weiteren Ländereien, die aber immer noch nicht ausreichen, seinen unersättlichen Ehrgeiz zu befriedigen. Seinem Ziel, einer eigenen Königskrone, ordnet er sein ganzes Streben unter und opfert sogar sein Familienleben dafür. Frau und Tochter spielen nur eine untergeordnete Rolle, lediglich sein Halbbruder Antoine ist ihm nah, da er selbst Soldat ist und seinen Bruder und Fürsten auf seinen Feldzügen begleitet. Karls wirkliche „Familie“ sind die Ritter vom Goldenen Vlies, seine Gefährten und Beschützer in den vielen Schlachten, die ihn aber am Ende nicht vor Verrat und Tod bewahren können.
Über Karls Gegner, den französischen König Ludwig XI. ist sicher einiges bekannt. Auch er ist sehr gut beschrieben. Die Anführer der Schweizer „Eidgenossen“ werden hier aber endlich auch einmal beim Namen genannt, bekommen Gesichter und Geschichten, allen voran Adrian von Bubenberg, der Verteidiger von Murten. Thomas Vaucher schildert die Situation seiner Landsleute zur damaligen Zeit sehr eindringlich und ihre Motive und Gefühle wirklich nachvollziehbar.

Aufmachung des Buches
Das dunkelblaue Hardcover zeigt auf den beiden Innenseiten einen detaillierten Kartenausschnitt der Ländereien Karls des Kühnen von Burgund und seiner Nachbarn. Über die gesamte Breite des Schutzumschlages erstreckt sich ein Gemälde des Panoramas der Schlacht von Murten von Louis Braun (von 1893), auf dem vorne in großen roten Buchstaben der Titel prangt. Der umfangreiche Anhang enthält eine Danksagung des Autors, mehrere Schlachtenpläne, ein Namens- und ein Ortsverzeichnis, ein Glossar sowie Literaturhinweise und eine sehr detaillierte Inhaltsangabe. Diese wirklich gelungene Aufmachung lässt den doch recht „üppigen“ Preis des Buches in einem etwas besseren Licht erscheinen.

Fazit
Thomas Vaucher ist ein sehr gut recherchiertes, spannendes Buch gelungen, das dem historisch interessierten Leser einen sehr guten Einblick in die Zeit des ausgehenden Mittelalters und der letzten Ritter bietet.

Wertung: 4.5/5

Rotraud Tomaske

www.literatopia.de

Historische Fakten in eine Romanform zu pressen ist immer ein gewagtes Unternehmen. Der Stoff kann schnell trocken werden, manchmal gibt es nicht genügend Informationen, so dass die dichterische Freiheit eine Rahmenhandlung benötigt. In einem ausführlichen Nachwort belegt Thomas Vaucher die historischen Fakten und erläutert, was er dazu erfunden hat. Man ist erstaunt, denn eigentlich hätte sich alles genauso abspielen können, wie er es beschreibt. Historisch belegt und in einen angenehmen Stil gepackt liegt die Lebensgeschichte von Karl dem Kühnen vor uns, des späteren Herzogs von Burgund. Seinen Beinamen bekommt er aufgrund eines Duells, welches er im Alter von 14 Jahren herausfordert. Er lässt seinen Gegner und sich ein Jahr Zeit, ein Jahr, um kämpfen und das Ritterhandwerk zu erlernen. Dazu engagiert sein Vater den zu dieser Zeit besten Ausbilder, den er finden kann, den Ritter Jacques de Lalaing. Dieser wird nicht nur Karls Ausbilder, sondern steht ihm auch im weiteren Leben treu zur Seite. Karl gewinnt das Duell und weil er so kühn war, einen wesentlich älteren und erfahrenen Ritter herauszufordern, hieß er fortan nun Karl der Kühne.
Natürlich gibt es viel Krieg zu dieser Zeit. Herzöge, Könige und Kaiser gieren nach Macht und Anerkennung, nur wer viele Länder regiert, ist wirklich einflussreich. Zu dieser Zeit wurde auf dem Schlachtfeld noch Mann gegen Mann eingesetzt, die ersten Kanonen traten allerdings da schon ihren verheerenden Siegeszug an. Zum Glück ergießt sich der Autor nicht in endlosen Beschreibungen der einzelnen Schlachten, aber man bekommt viel von Taktik und Vorbereitung mit. Das Verständnis für einzelne Handlungsweisen wird immer größer, Machtinhaber werden in Korsette gepresst, die bestimmte Konsequenzen nach sich ziehen. Eindringlich wird beschrieben, wie Karl so manche Befehle geben muss, die er lieber nicht erteilt hätte. Auch er ist der Gruppendynamik ausgesetzt, zwar bestraft er kategorisch die Soldaten, die sich im widersetzten, der Schaden ist dann schon angerichtet. Schlechte Nachrichten verbreiten sich nachhaltiger als Gute, will Karl seine Macht erhalten, muss er unermüdlich agieren, reagieren und sich neue Taktiken ausdenken. Er wird verraten und hintergangen, mancher Freund entpuppt sich im Nachhinein als Feind. Nichts Ungewöhnliches allerdings in diesen Regierungskreisen, wer hier ganz oben steht, ist einsam und äußerst wachsam. Wahre Freunde sind selten, umso erfreulicher, dass wir hier auch die Geschichten einiger Männer erfahren, die Karl ihr Leben lang begleitet haben. Der Mensch Karl steht eindeutig im Vordergrund, seine Gedanken und Gefühle wirken authentisch.
Thomas Vaucher gelingt es immer wieder, den doch manchmal drögen Stoff durch kleine Anekdoten aufzulockern. Wegbegleiter und Widersacher Karls werden vorgestellt, ihre Gedanken und Handlungen erzählen Geschichten hinter der Geschichte. Manche begleiten Karl nur kurz, andere wiederum ihr Leben lang. Romantische Gefühlsaufwallungen sucht man hier allerdings vergebens, Karls Liebe zu seiner verstorbenen Frau steht nie außer Frage, leider erfährt man recht wenig von zwischenmenschlichen Beziehungen. Vielleicht haben Eheleute zu dieser Zeit sowieso recht wenig geredet, Frauen in den höchsten Kreisen wurden politisch verheiratet, Gefühle durften sie sich nicht erlauben. Man merkt dem Autor seine Fachkenntnis an, seine Schreiblust und sein Talent, Fiktives mit Realem zu vermischen und eine höchst interessante Beschreibung über das Leben eines realen Menschen abzugeben. Ein Stück Geschichte wird hier hervorragend aufgearbeitet, leicht zu lesen für Interessierte. Allerdings sollte man sich vorher im Klaren sein, dass es viel Kriegsgeschehen gibt, viel Leid, Tod, Blut und Gräueltaten. Das Buch selbst ist von hervorragender Qualität, es ist großformatiger als andere Hardcover und eng bedruckt, versehen mit Karten, Schlachtplänen, Namen- und Ortsverzeichnis. Das geschmackvolle Cover ergänzt das Gesamtbild vortrefflich, man merkt die Liebe zum Detail. Lediglich der Preis erschlägt ein bisschen.

Fazit

Mit viel Liebe zum Detail hat sich Thomas Vaucher ein Stück Geschichte herausgesucht, welches er anhand des Lebens einer Person mit einer gelungene Mischung von Realität und dichterischer Freiheit aufleben lässt. Bildhaft gewaltige Sprache, vermischt mit realistischen Schilderungen des Alltags im 15. Jahrhundert lassen eine Zeit auferstehen, in der Gewalt und Tod zum alltäglichen Wahnsinn gehören. Kriege wurden noch per Hand ausgetragen, derjenige, der seine zur Verfügung stehenden Streitkräfte gewitzter einsetzen konnte, gewann, sofern er nicht durch Verrat hintergangen wurde.

Pro und Contra

+ angenehmer Schreibstil
+ gelungene Mischung aus Fiktion und Realität
+ stimmige Atmosphäre
+ hervorragend recherchiert
+ bekannte Charaktere
+ Geschichte zum Anfassen

o viel Kriegsgeschehen
o wenig Zwischenmenschliches

– zum Schluß ein bisschen zuviel Krieg
– hoher Preis
– ein Fitzelchen mehr Romantik wäre schön gewesen

Wertung: 4/5

Handlung: 4/5
Charaktere: 4/5
Lesespaß: 4/5
Preis/Leistung: 3/5

Patricia Twellmann, 26. März 2011

www.buecherperron.ch

Thomas Vaucher erzählt in Episoden von prägenden und geschichtsträchtigen Ereignissen aus dem Leben Karl des Kühnen, dem Herzog von Burgund. Wir lernen Karl als Herrscher kennen, der immer versucht, moralisch richtig zu handeln, dabei aber, auch auf Grund seiner temperamentvollen Art, oftmals kläglich scheitert. Bereits im ersten Kapitel treffen wir auf Adrian von Bubenberg aus Spiez, der einen Teil seiner Jugend am Burgundischen Hof verbringt. Später begegnen wir König Ludwig von Frankreich und weiteren wichtige Personen aus der Zeit zwischen 1446 bis 1477. Bald kommen auch die Eidgenossen ins Spiel, indem sie brutal in die Waadt einfallen, fordern sie Karl heraus. Dieser erscheint mit einem riesigen Heer vor den Toren Grandsons, danach nimmt die Geschichte ihren Lauf. Wir Leser erleben ab hier die weiteren Geschehnisse hautnah aus der Sicht von zwei Oberländer Soldaten mit.

«Bei Grandson das Gut, bei Murten den Mut und bei Nancy das Blut», wir alle haben es gelernt, doch noch nie war Schweizer Geschichte so spannend wie in diesem Roman. Obwohl die Brutalität der vielen Schlachten beim Lesen oftmals nur schwer zu ertragen ist, lohnt es sich, durchzuhalten. Sympathisiert man anfangs noch mit Karl, beginnt das Herz, spätestens als Stalder und Wyler, die beiden Oberländer in Aktion treten, eindeutig für die Eidgenossen zu schlagen.

Buchbesprechung von Regula Fankhauser

www.histo-couch.de

„Vom Aufstieg und Fall Karls des Kühnen“

von Carsten Jaehner
Karl von Charlois ist noch ein junger Mann, als ihm Adrian von Bubenberg im Jahr 1446 das Leben rettet. Karls Vater ist Herzog von Burgund, und Karl wird einstmals dessen Titel und Ländereien erben. Karl erkämpft sich den Titel eines Ritters vom Goldenen Vlies, deren Anführer er einst sein wird, und im Duell verdient er sich seine Mitgliedschaft als Sieger im Kampf.
Adrian Bubenberg ist Schweizer, und er und Karl sind zwar Freunde, hoffen allerdings, sich nie im Kampf auf dem Feld begegnen zu müssen. Adrian verlässt den Hof von Burgund, und als Karls Vater stirbt, tritt Karl dessen Nachfolge an. Schon bald wird er durch sein kühnes, wenngleich auch brutales Vorgehen in Schlachten Karl der Kühne genannt, und unter diesem Namen wird er berühmt und berüchtigt und sein Heer gilt als unschlagbar. Dies liegt auch und vor allem an der Kampfkraft seiner Ritter vom Goldenen Vlies.
Ein über ihn ausgesprochener Fluch besagt, dass er sich selbst durch seine Befehle zu Fall bringen wird. Karl schenkt diesem Fluch keine Beachtung, und zunächst scheint ihm das politische Geschehen auch Recht zu geben. Er ist ein erfolgreicher Heerführer, schmiedet Bündnisse wie mit dem französischen König Ludwig XI. und gewinnt eine Schlacht nach der anderen. Doch dann steht ihm auf dem Schlachtfeld Adrian von Bubenberg gegenüber …

Grosse Zeitsprünge

Der Debütroman des schweizerischen Autoren Thomas Vaucher beschäftigt sich mit einer – aus Sicht der Eidgenossen – erfolgreichen Episode der eigenen Geschichte, nämlich dem erfolgreichen Kampf gegen die Angriffe der Burgunder und somit ihres Anführers Karls des Kühnen, der zuvor jahrelang als unschlagbar galt. Dabei umfasst die Erzählung 21 Jahre, die mit dem unspektakulären Tod Karls (auf dem Schlachtfeld) und somit der vernichtenden Niederlage der Burgunder in der Schlacht bei Nancy endet.
In vier Großkapitel unterteilt der Autor seinen Roman, wobei nicht wirklich klar ist, warum er diese Einteilung gewählt hat. Das liegt wohl hauptsächlich daran, dass die einzelnen Erzählteile des öfteren durch größere Zeitsprünge voneinander getrennt sind und sich somit nicht immer ein einheitlicher Lesefluss einstellen kann. So lässt der Autor seinen Figuren auch keine kontinuierliche Entwicklung angedeihen, sondern immer nur Bruchstücke aus den jeweiligen Biografien, was den Leser immer wieder mal stört. So wird man immer mal wieder überrascht, dass Karl am Rande mal wieder geheiratet hat, eine scheinbar unwichtige Sache, denn die Damen (und Kinder? Ein Kind? Mehrere?) werden nach ihrer Degradierung zur Randbemerkung nie wieder erwähnt.

Schwache Charakterisierungen

Überhaupt bleibt auch die Charakterisierung mancher Figur auf der Strecke, und der Leser wird nie das Gefühl los, hier vor einer Aneinanderreihung von Schlachten, angeführt von einem rachedurstigen und selbstüberschätzten Herzogs zu stehen, der mit der Zeit immer unsympathischer wird und für den einem immer mehr das Verständnis fehlt. Man ist schon fast froh, dass ihn am Ende in noch recht jungen Jahren sein Schicksal ereilt.
Erst ab der Mitte des Romans wechselt die Erzählperspektive auch immer mal wieder ins schweizerische Lager, so dass es auch endlich einen Zielkonflikt für den Roman gibt, denn bis dahin fehlte dem Ganzen doch der rote Faden. Auch taucht zu dieser Zeit erst wieder Adrian auf, der auf dem Buchumschlag bereits erwähnt wurde und dessen Abwesenheit man bis dorthin noch nicht einmal gemerkt hat.
Dabei versteht der Autor durchaus zu erzählen, die Schlachten sind recht spannend und auch detailreich erzählt, für manch zart besaitete Seele vielleicht zu detailliert. Wenn die Handlung einmal in Fahrt kommt, lässt sich auch der Autor mitreissen, und man hat einen guten Roman vor sich. Leider wird dies dann aber immer wieder unterbrochen, und so legt man den Roman das eine ums andere Mal zur Seite und weiß nicht, ob er nun spannend ist oder nicht.

Lobenswerter Anhang

So bleibt ein Roman, der eigentlich nicht schlecht ist, sich aber selber immer wieder ausbremst und somit im Wege steht. Der Autor kann erzählen, er sollte aber an der Dramaturgie des Romans arbeiten und es mehr „menscheln“ lassen, damit mehr Fluß in die Erzählung kommt. Lobenswert ist in jedem Fall der ausführliche Anhang mit drei Schlachtenkarten, Nachwort, Namensverzeichnis, Ortsverzeichnis, Glossar und Literaturverzeichnis sowie einer Karte jeweils auf der inneren Umschlagseite. Das Thema ist interessant gewählt, da es bislang in der Literatur nur wenig Erwähnung fand. Weitere Romane des noch jungen Autors dürften in jedem Fall einen oder auch mehrere Blicke wert sein.
Für alle „Erbsenzähler“ findet sich in diesem Roman noch ein Kuriosum. „Seid ihr Ameisenbären oder Berner?“ lautet der Satz, der jedem Leser komisch vorkommen wird, der sich wundert, dass diese Tierart, die in Süd- und Mittelamerika beheimatet ist, den Schweizern bereits im Jahr 1476 bekannt gewesen sein soll. Letztlich ist das für Karls Niederlagen nicht entscheidend, fällt aber auch Nicht-Erbsenzählern ins Auge und wirft kein gutes Licht auf die ansonsten gute Recherchearbeit des Buches. Die Tippfehler im Roman sind hingegen eher dem Lektorat anzukreiden.

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