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DER KONVENT – Zisterziensermönche der Abtei Himmerod erzählen – Leseprobe (Teil 3) von Rüdiger Heins

DER KONVENT

Zisterziensermönche der Abtei Himmerod erzählen
Leseprobe (Teil 3)
von
Rüdiger Heins

13:15 Uhr Non

Psalm 118, I-IV

Selig, deren Weg ohne Tadel ist*

Die leben nach der – Weisung des Herrn.

Selig, die seine Vorschriften halten*

Ihn suchen von ganzem Herzen

Die kein Unrecht tun*

Und auf seinem Weg gehen.

Immer noch der zweite November. Irgendwie überfällt mich jetzt eine starke Müdigkeit. Am liebsten würde ich mich in mein Zimmer zurückziehen, um zu schlafen. Offen gestanden bin ich kaum noch motiviert durchzuhalten. Doch ich bin noch für ein paar weitere Interviews mit den Mönchen verabredet. Die Gespräche am Morgen waren gut und sehr informativ. Die einzelnen Gesprächspartner gaben mir teilweise unkonventionelle Antworten, mit denen ich nicht gerechnet hätte. Meine Sorge, es könnte etwas schiefgehen, war unbegründet. Die Mönche waren sehr offen und freundlich. Obwohl ich ihnen angeboten hatte, Fragen, die ihnen nicht gefallen, nicht beantworten zu müssen, entstanden keinerlei Vorbehalte.

Seit drei Uhr am Morgen bin ich nun bereits wach. Richtig schlafen konnte ich auch in der Mittagspause nicht. Ich überlege kurz, welche Ausrede mir einfallen würde, um die noch bevorstehenden Interviews abzusagen, da fällt mir ein Text ein, den ich zur Vorbereitung gelesen habe. Es handelte sich um einen Text über die Acedia, die wir heute mit „Trägheit“ übersetzen würden. Im vierten Jahrhundert beschreibt der Mönch Euagrios Pontikos die Symptome der Acedia. In der Vorstellungswelt der Antike, aber auch im Mittelalter, gab es einen Mittagsdämon, der die Menschen zur Lustlosigkeit verführte. Solche Erklärungsmodelle sind in der heutigen Zeit nicht mehr denkbar: Mittagsdämonen, die Menschen überfallen. So abwägig ist der Gedanke allerdings nicht. Ich versuche einmal, diesen „Mittagsdämon“ aus der Antike in das 21. Jahrhundert zu übertragen. Da gibt es meiner Meinung nach mehrere, die stellvertretend den Mittagsdämon darstellen können: beispielsweise die Medien und das Internet, die Menschen verführen und vereinnahmen können. Wie viel Zeit verbringt der Durchschnittsmensch eines westlichen Landes täglich mit Fernsehen und dem Internet? Und: Was machen diese Medien mit uns?

Manchmal drängt sich mir der Eindruck auf, dass diese digitalen Medien die Dämonen des 21. Jahrhunderts sind. So gesehen sind viele Menschen von dieser digitalen Energie befallen.

Wie ist das eigentlich mit meinen Dämonen? Bin auch ich von Dämonen befallen? Mein erster Gedanke: „Nein“. Doch bei intensiverem Nachdenken muss ich zugeben, dass auch ich gelegentlich dämonischen Versuchungen ausgeliefert bin.

Das Gebet und die mit ihm verbundene Meditation sind für mich eine Möglichkeit, Klarheit und Heilung in mein Leben zu bringen. Wie würde meine Leben ohne Gebet aussehen? Spekulieren möchte ich darüber nicht. Ich weiß, dass mir das Gebet mit in meinem Leben viel Kraft und Zuversicht gegeben hat. Insbesondere meine Gebete zu Maria sind für mich immer wieder ein Nachhausekommen. Sie ist mir sehr vertraut, diese Mutter, diese Maria. Vermutlich ist sie die einzige Frau in meinem Leben, mit der ich so lange eine intensive und spirituelle Beziehung habe. Sie hat in meinem Leben einen festen Platz, da gibt es niemanden, der ihn diesen wegnehmen könnte.

Auch im Schweigen bin ich mit ihr verbunden. Schweigen ist die Sprache, die ich am besten verstehe. Im Schweigen liegt für mich eine heilsame Kraft, die mir den Alltag erträglicher macht. Reden ist auch eine Möglichkeit, von sich selbst abzulenken. Nur im Schweigen bin ich wirklich authentisch. Ich gehöre zu den Menschen, die ihr eigenes Schweigen, aber auch das Schweigen anderer nicht aushalten, sondern verstehen können. Im Schweigen eines Menschen schwingt die Sprache seiner Seele.

17.45 Uhr Vesper

Psalm 144,2

Loben sollen dich, Herr, all deine Werke*

Deine Heiligen sollen dich preisen.

Sie sollen vom Glanz deines Reiches Sprechen*

Von deiner Allmacht sollen sie singen.

Ein Mönchskonvent ist ein Mikrokosmos unserer Gesellschaft. Mönche sind auch nur Menschen. In ihren monastischen Lebensgemeinschaften spiegelt sich das gesellschaftliche Leben in allen, ich betone, in allen Formen wider. Warum auch nicht?

Der Mönch ist ein Mensch.

Die Acedia, wie sie vor 1700 Jahren bereits beschrieben wurde, ist in der weltlichen Gesellschaft weit verbreitet. Wieso sollte dieses Virus vor den Mauern eines christlichen Klosters haltmachen? Lebensgemeinschaften außerhalb und innerhalb der Klostermauern haben die gleichen Probleme. Die Frage bei beiden lautet: „Wie löse ich zwischenmenschliche Konflikte?“ Eine buddhistische Weisheit sagt: „Der Weg ist das Ziel.“

Die Himmeroder Mönche wünschen sich eine starke Gemeinschaft, die im Innern zusammenhält und im Außen eine spirituelle Wirkung hat.

Dass die monastische Lebensform vom Aussterben bedroht ist, steht außer Frage. Diese Lebensform bildet ein „soziales Biotop“, dessen Wurzeln ins dritte Jahrhundert nach Christus zurückreichen. Damals entstanden die ersten „monastischen Zellen“ in der Wüste. In späteren Jahrhunderten waren es die christlichen Klöster, die zum Zentrum der Spiritualität, aber auch des Wissens, der Kunst und des Handwerks wurden. Unzählige Innovationen des Mittelalters, die sich bis in die heutige Zeit erhalten konnten, haben ihren Ursprung in den Klöstern Europas.

Heute befinden wir uns mitten in einem Klostersterben, das bereits im 20. Jahrhundert begonnen hat. Die Schnelllebigkeit unserer Zeit in Verbindung mit der Digitalisierung der Welt lassen monastischen Lebensräumen keine Entfaltung mehr. Digitalisierte Räume verdrängen die Spiritualität. Unsere modernen Tempel sind die „sozialen Netzwerke“, in denen sich die Menschen bewegen, um sich auf eine Suche zu begeben, bei der nichts zu finden ist. Die göttliche Energie befindet sich außerhalb der virtuellen Welt.

Dort wo Gott aus dem Leben der Menschen verbannt wird, versteppt die Erde und die Menschen verrohen!“ (Hildegard vom Rupertsberg) Für mich ist mein Gottesbild nicht mehr mit dem zu vergleichen, das ich einmal hatte. Ich stelle mir eine „kosmische Intelligenz“ vor, die Informationen gibt, damit das Universum seinen immerwährenden Kreislauf von Entstehen und Vergehen ohne Anfang und Ende fortsetzen kann. Die Bausteine des Universums sind nach den bisherigen Erkenntnissen der Wissenschaft Zeit, Materie und Raum. Mittlerweile kommt noch ein vierter Baustein hinzu, den ich bereits erwähnt habe. Die Information. Der ungarische Wissenschaftsphilosoph und Systemtheoretiker Ervin László ist der Auffassung, dass ohne die Komponente „Information“ die Bausteine des Universums nicht ohne die, wie er es nennt, „kosmische Intelligenz“ interagieren können.

Gott ist also eine kosmische Intelligenz. Eine wissenschaftliche Definition versucht Klärung in Fragen der Spiritualität zu bringen.

Dennoch sterben die Klöster aus.

Junge Menschen, die dringend für die Ordensgemeinschaften benötigt werden, können sich kaum noch ein Leben im Kloster vorstellen.

Hier in Himmerod leben im Augenblick zehn Mönche. Ihr Altersdurchschnitt liegt bei ungefähr dreiundsechzig Jahren. Der jüngste Mönch ist Ende vierzig und der älteste Mönch dreiundachtzig Jahre alt. Es ist eine Frage der Zeit, wie lange der Konvent noch überleben kann. Nachwuchsmönche sind nicht in Aussicht. Dass es vielleicht eines Tages keine Mönche mehr in Himmerod geben wird, mag ich mir nicht vorstellen. Ein Kloster ohne Mönche ist für mich wie ein Mensch ohne Seele.

19:30 Uhr Komplet (lat. completus: erfüllt, vollendet)

Psalm 4

Höre mein Rufen, o Gott, der mir Gerechtigkeit schafft

Und mich aus aller Bedrängnis erlöst*

Sei mir gnädig, erhöre mein Bitten.

Männer, wie lange verhärtet ihr noch Euer Herz?*

Warum liebt ihr das Eitle und trachtet der Lüge nach?

Seit mehr als sechzehn Stunden bin ich jetzt auf den Beinen. Beten und arbeiten, schweigen und mit mir beschäftigt sein. Hier im Kloster kann ich mir nicht aus dem Weg gehen. Überall, wo ich hingehe, finde ich mich wieder. Hier kann ich nicht verdrängen, nicht vor mir flüchten.

Auf dem Mönchsfriedhof finde ich auf den Grabsteinen vertraute Namen: Bruder Anton, Pater Martin, Bruder Arnold, der Altabt Ambrosius Schneider. Erinnerungen werden wach. Geschichten die mich mit ihnen verbinden. Erlebnisse, die auch andere Mönche und Gäste der Abtei Himmerod mit ihnen verbinden. Ein Kloster ist voller Geschichten, welche die Menschen erzählen, die dort leben oder gelebt haben.

Müdigkeit überfällt mich, mein Selbstversuch, einen Tagesablauf der Mönche mitzuerleben ist bald beendet. Die Frage, ob ich ein monastisches Leben führen könnte, habe ich mir selbst bereits beantwortet. Ich bin dazu nicht in der Lage. Für einen Sechzehnstundentag „ora et labora“ bin ich nicht geeignet. Respekt vor den Mönchen in Himmerod, aber auch Respekt vor allen anderen Ordensfrauen und Ordensmännern in den Klöstern dieser Welt, die flächendeckend jeden Tag betend und arbeitend ihren Tageslauf gestalten. Sie beten auch für mich. Sie beten für jeden einzelnen Menschen in der Welt. Was ist, wenn es diese Gebete nicht mehr gibt? Eine spirituelle Lebensform ist im Aussterben begriffen. Neue Lebensformen, die diese ersetzen, sind im Augenblick nicht zu erkennen.

Die Glocke ruft zur Komplet.

Psalm 4,10

In pace, in idipsum*

Dormiam et requiescam.

Quoniam tu Domine singulariter in spe*

Constituisti me.

Nebel hat die Klosterkirche umhüllt. Die Dunkelheit wird nur von wenigen Leuchten durchbrochen. Fast gespenstisch wirkt die Abteikirche in dieser Nebelkulisse. Ich beende den Tag so, wie ich ihn begonnen habe: im Dunkeln und im Gebet.

In noctibus extollite manus vestras in sancta*

Et benedicite Domino.

Jetzt sind meine Glieder müde und mein Geist auch. Der Vers aus den Vigilien am Morgen bekommt nun Bedeutung für mich:

Ich zehre mich auf in Seufzen*

Es haftet an der Haut mein Gebein.

Hier drinnen in der Klosterkirche ist nur das Kreuz beleuchtet, das im Altarraum hängt. Die Kontemplation konzentriert sich nun vollständig auf den gekreuzigten Jesus.

Langsam ziehen die Mönche einer nach dem anderen ein. Sie nehmen im Chorgestühl Platz. Ihr Gesang lässt Müdigkeit erkennen. Mit Gebet und anschließendem Segen begeben sich die Mönche am Ende der Komplet in die Stille der Nacht. Und ich jetzt auch.

Ich verstehe immer mehr, wie wichtig Spiritualität im Leben eines Menschen ist. Gerne würde ich mir ein Stück der Liebe, die ich innerhalb der Klostermauern erfahren habe, mit in den Alltag hinüberretten. Jesus ist für mich, das spüre ich immer deutlicher, kein Fremder mehr. Es ist mir vertraut geworden und ich weiß, dass wir uns beide nicht mehr aus den Augen lassen werden.

(…)

Copyright (C) 2014 by Rüdiger Heins

Bildrechte: Besinnliche Momente und Reflexionen” (Besinnlich-die-zweite.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

Der Konvent – Zisterziensermönche der Abtei Himmerod erzählen (Kartoniert)
von Heins, Rüdiger

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Verlag:  Wiesenburg Verlag
Medium:  Buch
Seiten:  160
Format:  Kartoniert
Sprache:  Deutsch
Erscheint:  Dezember 2014
Maße:  140 x 210 mm
Gewicht:  200 g
ISBN-10:  3956322525
ISBN-13:  9783956322525

Beschreibung
Der Autor flicht seine eigenen Erinnerungen an Himmerod als Wegstation seit seiner Jugend ein, bringt lebensgeschichtliche Verbindungen mit diesem Ort ins Wort, die als Hintergrund der Begegnungen mit heutigen Mönchen spannende Eindrücke vermitteln. Und er schenkt dem Leser Reflexionen über seinen Lebensweg, seinen way of life. Dies immer entlang eines monastischen Tages. Manchmal durchaus etwas dramaturgisch entfaltet und doch ein Sprungbrett hin zu dem, was die Mönche von sich preisgeben und erzählen. Tatsächlich also keineswegs ein Klosterführer, sondern ein Blick hinter die Kulissen. Sehr persönlich gehalten, eigenwillig durchaus in den Äußerungen der Mönche, divergent manchmal, somit ein Spiegelbild einer Gemeinschaft von Männern, die teilweise lange Jahre in der Welt gelebt haben, bevor sie in der Mitte des Lebens ihrer klösterlichen Berufung gefolgt sind. Und insofern stimmig für Himmerod, wie es sich heute darstellt.

Autor
Rüdiger Heins ist freier Schriftsteller und produziert Beiträge für Hörfunk, Fernsehen und das Internet. Er ist Dozent im Creative Writing sowie Gründer und Studienleiter des INKAS – INstitut für KreAtives Schreiben. Mit seinem Roman “Verbannt auf den Asphalt” und den Sachbüchern “Obdachlosenreport” und “Zuhause auf der Straße” machte er die Öffentlichkeit auf Menschen am Rand der Gesellschaft aufmerksam. In seinen Theaterstücken “Allahs Heilige Töchter”, und “Fee: Ich bin ein Straßenkind”, greift er ebenfalls sozialkritische Themen auf. Er organisiert Literaturveranstaltungen und interdisziplinäre Künstlerprojekte. Rüdiger Heins ist Herausgeber des Online Magazins “eXperimenta”. Zuletzt erschien sein Roman “In Schweigen gehüllt”.

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2 Comments

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  1. Schreib- und Erzählstil finde ich gut.
    Aber sorry, Religion ist nicht mein Ding.
    Zwar sind die Abläufe durch Gedankengänge minimal aufgelockert, aber zumindest für mich bleibt es schwere Kost, da mich das Thema überhaupt nicht interessiert.
    Daher fällt mir die Bewertung nicht leicht, aber mehr als 2 of 5 kann ich nicht geben.

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