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DER KONVENT – Zisterziensermönche der Abtei Himmerod erzählen – Leseprobe (Teil 2) von Rüdiger Heins

DER KONVENT

Zisterziensermönche der Abtei Himmerod erzählen
Leseprobe (Teil 2)
von
Rüdiger Heins

(zurück)
7:15 Uhr
Terz

Psalm 17,2

Du, Herr lässt meine Leuchte erstrahlen*

Mein Gott macht meine Finsternis hell.

Mit dir erstürme ich Wälle*

Mit meinem Gott überspringe ich Mauern.

Vom Nebel eingehüllt liegt die Abtei im Salmtal. Stille wird hörbar. Klänge, geschaffen von der Natur. Regentropfen, die einen sanften Takt auf den Blättern trommeln. Ein entferntes Rauschen der Salm. Melodien, die von der Zufälligkeit des Augenblicks komponiert werden.

Die Klosterglocke ruft zum Gebet.

Drinnen in der Abteikirche der Gesang der Mönche; weit ab vom wirren Treiben dieser Welt. „Ora et labora“, beten und arbeiten, lautet eine zentrale benediktinische Regel, die den Tagesablauf des monastischen Lebens bestimmt. Das ist aber nur die halbe Wahrheit – das vollständige Zitat lautet: Ora et labora et lege, Deus adest sine mora: „Bete und arbeite und lies, Gott ist da ohne Verzug“.

Die Gebete sind der wesentliche Bestandteil im Tagesablauf der Zisterziensermönche. Aber wenn ich die Klosterregel richtig verstehe, dann ist Gott überall dabei, beim Gebet und bei der Arbeit. Ist denn Beten auch Arbeiten? Einer der Brüder, mit dem ich gesprochen habe, meint: „Arbeiten ist auch Beten. Unser Gebet zu Gott ist in allem enthalten, was wir tun, und Gott ist in allen Dingen.“

Gebetet habe ich heute Morgen genug. Für mich ist es jetzt an der Zeit, das „labora“ der benediktinischen Regel zu erfüllen. Also setze ich mich an meinen Schreibtisch und öffne mein Notizbuch. Einige Minuten sitze ich einfach nur da, den Füllfederhalter in der Hand. Nicht einen einzigen Buchstaben bringt er zu Papier. Ich genieße diesen Zustand des Nichtstuns, der mich erfüllt.

Wie war eigentlich meine erste Begegnung mit Himmerod? Damals muss ich wohl elf Jahre alt gewesen sein, falls ich mich richtig erinnere. Im August 1968. In der Tschechoslowakei fuhren sowjetische Panzer ein, um den Prager Frühling mit der Übermacht von Kanonen und Gewehren zu beenden. Frauen entblößten ihre Brüste und stellten sich den Sowjetpanzern in den Weg. Tschechische Freiheitskämpfer wurden gefangen genommen, gefoltert; der Traum von Freiheit, Demokratie und Unabhängigkeit wurde mit der Gewalt der Militärs unterdrückt. Das war das Ende des Prager Frühlings.

Mit den Messdienern der Katholischen Jugend meiner Heimatgemeinde war ich im Zeltlager in der Eifel. In einem Tal des Eifeldorfes Karl gab es Wiesen, auf denen man direkt an der Lieser zelten konnte. Unser Zeltlager bestand aus acht weißen Koten, in deren Mitte ein Feuer war, das Tag und Nacht brannte. Am Abend saßen wir am Feuer, sangen Fahrtenlieder und hörten gespannt den Gruselgeschichten unseres Kaplans zu.

Einer der Gruppenleiter brachte eines Morgens aus der Bäckerei eine Tageszeitung mit. Zunächst standen die Gruppenleiter um ihn herum, um die Nachricht über den Überfall der Sowjets auf die Tschechoslowakei zu lesen, dann kamen auch wir hinzu und ließen uns die Bedeutung dieses Ereignisses erklären. Einer der Gruppenleiter meinte, dass es nun zu einem Dritten Weltkrieg kommen könnte.

Unser Abmarsch verzögerte sich um mehr als eine Stunde. Die aktuellen Ereignisse hatten uns so sehr eingeholt, dass Fragen beantwortet werden mussten und Gespräche darüber entstanden, ob der Krieg jetzt auch nach Deutschland kommen würde.

Die Tageswanderung sollte in ein Kloster mit dem Namen Himmerod gehen. Eine Weile folgten wir bei unserer Wanderung dem Lauf der Lieser. Schließlich verließen wir das Tal und gingen einen Hügel hinauf. Oben angekommen, machten wir eine Rast. Wir packten unsere Brote, die mit Käse oder Salami belegt waren, aus und tranken dazu den Pfefferminztee, den uns die Köchin am Morgen in unsere Trinkflaschen gefüllt hatte.

Nachdem wir wieder eine Weile gewandert waren, sahen wir zwischen den Baumwipfeln die Konturen eines Kirchturms, dann tauchte das Kirchenschiff auf und schließlich lag das Kloster Himmerod vor unseren staunenden Augen. Wir fanden uns vom ersten Augenblick an sympathisch. Himmerod und ich. Ich vermute nur, dass Himmerod oder besser gesagt: der Geist von Himmerod, mich auch sympathisch fand. Bei mir war es „Liebe auf den ersten Blick“. Mit Himmerod verhält es sich so, wie Charles Bukowski eine seiner Storys überschrieb: „Love it or leave it.“ Da gibt es keine Grauzone, die zulässt, Himmerod ein wenig zu lieben. Himmerod kann man nur ganz oder gar nicht lieben. Umgekehrt ist es genauso, wenn Himmerod einen nicht mag, dann gibt es ebenfalls keinen Kompromiss.

Das Kloster lag ruhig in seinem Tal. Umgeben von Wiesen und Obstbäumen schien es sich in diese friedliche Landschaft eingewoben zu haben. Heute, einige Jahrzehnte später, ist mein Gefühl zu diesem Ort immer noch so. Dabei nehme ich an, dass dieser heilige Platz im Außen nur meine innere Empfindung spiegelt. Himmerod ist so gesehen unschuldig an meiner Projektion, dennoch löst es beim Besucher das Empfinden aus, an einem besonderen Ort zu sein. Dieses Gefühl hat sich bis zum heutigen Tag in mir bewahrt.

Kehren wir zurück in das Jahr 1968, jenes denkwürdige Jahr, das eine ganze Generation oder sollte ich sagen: Generationen, geprägt hat.

Wir kamen an, liefen staunend um die Abteigebäude herum und wurden schließlich von einem Pater durch die Klosterkirche geführt. Am Ende seiner Führung sagte der Pater, er hieß Pius, in die Runde: „Eines Tages wird einer von euch zurückkehren.“ In diesem Augenblick wusste ich, dass ich derjenige sein würde, der zurückkehren wird.

12:00 Uhr Angelus und Sext

Psalm 18

Die Himmel rühmen die Herrlichkeit Gottes*

Vom Werk seiner Hände kündet das Firmament.

Ein Tag sagt es dem anderen*

Eine Nacht tut es der anderen kund.

12:15 Uhr Mittagsessen / Rekreation

Erbsensuppe und Würstchen stehen heute auf dem Mittagstisch. Im Kloster sind außer mir noch vier weitere Gäste. Ein pensionierter Pfarrer und drei Frauen, die sich im Kloster nützlich machen wollen. Nachdem Bruder Petrus das Mittagsessen serviert hat, geht er zurück in die Küche. Die Frauen beginnen sich zu unterhalten. Im „Vertrauen“ erzählen sie die ein oder andere Anekdote über die Mönche. Sie überbieten sich förmlich mit den Informationen, die sie gesammelt haben. Eine regt sich darüber auf, dass die Mönche die gregorianischen Choräle völlig falsch sängen, ihre Bemerkung löst am Tisch Gelächter aus. „Die machen doch nur liturgische Geländespiele“, wirft eine der Frauen in die Runde. Mir reichts: Ich habe mir genug angehört und verlasse kommentarlos den Tisch.

Zur „Rekreation“ ziehe ich mich auf mein Zimmer zurück. Meiner Gewohnheit folgend drücke ich auf die Play Taste meines CD Players und lege mich auf mein Bett.

Sitting’ in the morning sun
I’ll be sitting’ when the evening comes
Watching the ships roll in

Then I watch them roll away again

Dass ich in meiner Kindheit musikalische Anregungen bekam, verdanke ich meiner Mutter. Sie hörte im Radio irgendeinen Popsender, der deutsche Schlagermusik über den Äther schickte. Meistens konnte sie den Text der Schlager nicht auswendig singen, dafür intonierte sie bei textlichen Schwachstellen ein „didididi“. Das brachte meiner Mutter den Namen „Didi“ ein, den sie bis zu ihrem Tode behielt.

Meine ersten ernst zu nehmenden Klangerlebnisse waren Geräusche der Natur: das Rauschen eines Bachlaufes oder das Rascheln der Blätter, durch die der Wind strich, das entfernte Krähen eines Hahnes, das Trommeln der Regentropfen, ja manchmal auch das zarte Summen der Nebel, die im Herbst über den Feldern standen.

Ich bin ein ehemaliger katholischer Messdiener. Sozusagen ein Ex- Messdiener. Die Gesänge und die Klänge, die ich während der Messe hörte, haben dennoch meinen musikalischen Geschmack nicht sonderlich beeinflusst. Mit den Messdienern war ich auch zum ersten Mal in Himmerod. Unser „Zeltführer“, ja, so wurden sie damals genannt, hatte gelegentlich so ein, sagen wir wohliges Grinsen im Gesicht, wenn er im Zelt seine selbstgedrehten Zigaretten rauchte. Ich mochte diesen süßlichen Geruch, den sein Tabak verbreitete. Unser Zeltführer, nennen wir ihn an dieser Stelle einmal Mike, hatte einen Kassettenrekorder mitgebracht, den er nur gelegentlich einschaltete, weil die Musik, die er hörte, nicht unbedingt zum musikalischen Repertoire der katholischen Kirche passte. Wir waren an jenem Nachmittag, als er mich in eine mir völlig neue Musikwelt einführte, allein im Zelt. Mike und ich. Die anderen waren draußen im Wald, um kräftige Äste zu sammeln, die sie für den Bau eines Staudammes am nahegelegenen Bach brauchten.

Mike rauchte wieder eine seiner selbstgedrehten Zigaretten mit diesem süßlichen Duft. Er grinste, wenig später grinste auch ich, weil ich mich plötzlich im Zelt so wohl fühlte. Der Eingang war zugeschnürt und der Zigarettenrauch stand wie eine weiße Wolke im Zelt. Ich fühlte mich plötzlich sauwohl, fing grundlos an zu lachen, grinste die ganze Zeit in Mikes Gesicht und er hatte nichts anderes zu tun, als zurückzugrinsen.

Soll ich dir einmal gute Musik vorspielen?“, unterbrach er irgendwann die grinsende Stille. „Ja, warum nicht“, antwortete ich etwas verhalten, weil allein seine Frage so konspirativ klang, dass ich wusste, gleich kommt irgendetwas Verbotenes. Er grinste wieder, suchte in seiner Reisetasche nach einer Kassette, legte sie in den Rekorder und sagte: „Ich stelle die Musik etwas leiser, die anderen sollen sie nicht hören!“

Dann drückte er auf den Play-Knopf seines Kassettenrekorders, die Kassette quietschte ganz leise und dann brach mit einem Mal aus den Lautsprechern ein Sound hervor, der für mich völlig ungewohnt war.

Das ist Humble Pie“, sagte er wieder vor sich hin grinsend, „die habe ich auf einem Live-Konzert gehört.“ An den Stellen, bei denen der Sänger Steve Marriott das Wort „fuck“ sang, war ein Pieps-Ton eingefügt worden, weil das ein unanständiges Wort war.

I Don`t Need No Doctor“ war der Song, der mich an diesem Sommernachmittag im Zeltlager in der Eifel am meisten beeindruckte.

Das Zeltlager war zu Ende und mein erster Weg ging in den Plattenladen einer nahegelegenen Stadt. Die mussten mir das „Rockin´ the Fillmore“ von Humble Pie extra bestellen, vorrätig war es nicht. Eine Woche später konnte ich die Platte auf unserem heimischen Wohnzimmerplattenspieler abspielen. Das war für mich der Beginn einer vollkommen neuen Musikära und das Ende meines Messdienerdaseins in der katholischen Kirche.

(…)

(wird fortgesetzt!)

Copyright (C) 2014 by Rüdiger Heins

Bildrechte: Besinnliche Momente und Reflexionen” (Besinnlich-die-zweite.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

Der Konvent – Zisterziensermönche der Abtei Himmerod erzählen (Kartoniert)
von Heins, Rüdiger

Verlag:  Wiesenburg Verlag
Medium:  Buch
Seiten:  160
Format:  Kartoniert
Sprache:  Deutsch
Erscheint:  Dezember 2014
Maße:  140 x 210 mm
Gewicht:  200 g
ISBN-10:  3956322525
ISBN-13:  9783956322525

Beschreibung
Der Autor flicht seine eigenen Erinnerungen an Himmerod als Wegstation seit seiner Jugend ein, bringt lebensgeschichtliche Verbindungen mit diesem Ort ins Wort, die als Hintergrund der Begegnungen mit heutigen Mönchen spannende Eindrücke vermitteln. Und er schenkt dem Leser Reflexionen über seinen Lebensweg, seinen way of life. Dies immer entlang eines monastischen Tages. Manchmal durchaus etwas dramaturgisch entfaltet und doch ein Sprungbrett hin zu dem, was die Mönche von sich preisgeben und erzählen. Tatsächlich also keineswegs ein Klosterführer, sondern ein Blick hinter die Kulissen. Sehr persönlich gehalten, eigenwillig durchaus in den Äußerungen der Mönche, divergent manchmal, somit ein Spiegelbild einer Gemeinschaft von Männern, die teilweise lange Jahre in der Welt gelebt haben, bevor sie in der Mitte des Lebens ihrer klösterlichen Berufung gefolgt sind. Und insofern stimmig für Himmerod, wie es sich heute darstellt.

Autor
Rüdiger Heins ist freier Schriftsteller und produziert Beiträge für Hörfunk, Fernsehen und das Internet. Er ist Dozent im Creative Writing sowie Gründer und Studienleiter des INKAS – INstitut für KreAtives Schreiben. Mit seinem Roman “Verbannt auf den Asphalt” und den Sachbüchern “Obdachlosenreport” und “Zuhause auf der Straße” machte er die Öffentlichkeit auf Menschen am Rand der Gesellschaft aufmerksam. In seinen Theaterstücken “Allahs Heilige Töchter”, und “Fee: Ich bin ein Straßenkind”, greift er ebenfalls sozialkritische Themen auf. Er organisiert Literaturveranstaltungen und interdisziplinäre Künstlerprojekte. Rüdiger Heins ist Herausgeber des Online Magazins “eXperimenta”. Zuletzt erschien sein Roman “In Schweigen gehüllt”.

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  1. Rüdiger Heins ist freier Schriftsteller und produziert Beiträge für Hörfunk, Fernsehen und das Internet. Er ist Dozent im Creative Writing sowie Gründer und Studienleiter des INKAS – INstitut für KreAtives Schreiben. Mit seinem Roman “Verbannt auf den Asphalt” und den Sachbüchern “Obdachlosenreport” und “Zuhause auf der Straße” machte er die Öffentlichkeit auf Menschen am Rand der Gesellschaft aufmerksam. In seinen Theaterstücken “Allahs Heilige Töchter”, und “Fee: Ich bin ein Straßenkind”, greift er ebenfalls sozialkritische Themen auf. Er organisiert Literaturveranstaltungen und interdisziplinäre Künstlerprojekte. Rüdiger Heins ist Herausgeber des Online Magazins “eXperimenta”. Zuletzt erschien sein Roman “In Schweigen gehüllt”.

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