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DER GEKAPERTE GIGANT – GELEBTE UTOPIE DER ÄRMSTEN – ODER BLOSS DER TEMPORÄRE WAHNSINN? – Ein Story-Bericht von Martina Müller

DER GEKAPERTE GIGANT – GELEBTE UTOPIE DER ÄRMSTEN – ODER BLOSS DER TEMPORÄRE WAHNSINN?

Ein Story-Bericht

von

Martina Müller

Wenn der antisoziale Druck nach einer gewissen
Zeit der sozialen Evolution zu überwiegen beginnt,
ist es für eine soziale Spezies theoretisch möglich,
auf ein niedrigeres soziales Niveau oder sogar zu
einem Zustand der Vereinzelung zurückzukehren.
E.O. Wilson

Er ist ein Klotz in den Augen der Leute des Geschäftsvirtels von Caracas. Man nennt diese unfertige fünfundvierzig Stockwerke hohe Bauruine nach dem Namen seines Erbauers: Torre de David. Nach der Pleite der Investoren vor über fünfzehn Jahren und der Enteignung durch die Hand von Präsident Chavez leben nun dreitausend selbsternannte Besitzer in diesem Betonturm. Sie leben hier jetzt seit über fünf Jahren und nie hat jemand versucht, sie zu vertreiben. Auch wenn es den Nachbarn nicht gefällt, wird sich an dieser Situation so schnell nichts ändern, denn Präsident Chavez wird einen Teufel tun und das Gebäude räumen lassen. Schließlich leben nicht nur dreitausend Bürger, sondern auch dreitausend Wähler hier. Darüber hinaus, wohin mit diesen siebenhundert Familien? Und was würde wirklich passieren, wenn er räumen ließe? Gäbe es vielleicht sogar einen Aufstand? Das wird der – von den meisten Bewohnern von Torre de David verehrte – Präsident wahrscheinlich nicht riskieren.

Von den insgesamt fünfundvierzig Stockwerken haben die neuen Bewohner bislang achtundzwanzig bewohnbar gemacht. Ein Rohbau nach dem anderen wird in Wohnungen umgewandelt. Es wird gemauert, gehämmert, verputzt und gestrichen. Fenster und Türen werden eingesetzt. Schließlich werden Leitungen verlegt: Frischwasser und Strom. Das mit dem Abwasser muß noch erledigt werden. Die Menschen richten sich hier ein. Es sind die Ärmsten und es sind die Chancenlosen, die hier ihr Glück versuchen, denn alles ist besser als im Elend zu leben. So schleppt man lieber alles die vielen Stufen hinauf, denn einen funktionierenden Aufzug gibt es nicht. Aber Not macht erfinderisch. Zum Hochhausturm gehört nämlich auch ein zehnstöckiges Parkhaus. Wer es sich leisten kann und mag, einen Euro zu bezahlen, der läßt sich im rasenden Tempo die Serpentinen mit dem Motortaxi bis zum zehnten Stockwerk hochkutschieren. Ab dem Zehnten geht es dann nur noch zu Fuß weiter. Nichts im Turm ist anders nach oben gekommen, als über die endlosen Treppen…

Wer zu Besuch kommt, muß sich von seinem Gastgeber unten abholen lassen, denn am selbstorganisierten Sicherheitsdienst kommt niemand vorbei. Die Bewohner treffen sich im „Supermarkt“ oder an einem der anderen Orte. Viele der Etagen haben Treffpunkte, und inzwischen gibt es sogar schon Schneider, Frisöre, Bäckereien, Imbisse, eine Zahnarztpraxis und vieles mehr. Hinter den Geschäftsräumen wohnen die Menschen. Zumeist wird noch immer daran gebaut, die Trennwände zwischen Geschäfts- und Wohnzimmern herzustellen. Die Bewohner sind froh, dass sie hier ihre Ruhe haben vor dem Treiben der Menschen draußen. Hier drin fühlen sie sich sicher und geborgen, hier haben sie alles, was sie zum Leben brauchen, hier leben ihre Freunde und Bekannte. Diejenigen, die außerhalb des Turms einer Beschäftigung nachgehen, so wie Adolfina Noriega und ihr Mann Diogenes, müssen die vielen Stufen Tag für Tag erklimmen. Sie leben davon, auf der Straße, direkt vor dem Turm gefüllte Maistaschen zu verkaufen. Früher, als sie noch weit außerhalb wohnten, mußten sie erst zwei Stunden laufen, um zu ihrer Kundschaft zu finden.

Doch die Sicherheit des Turms ist auch trügerisch. Oft haben die Bewohner Panik, wieder ausziehen zu müssen. Hier zahlen sie nicht mal Miete und draußen gibt es kaum noch Wohnungen zu mieten. Jeder Vermieter, der mit seinem Haus Geld verdient, läuft Gefahr von Präsident Chavez enteignet zu werden und vermietet deshalb erst gar nicht. Daher findet in Venezuela auch kaum noch jemand mehr eine Wohnung. Das Leben in der Bauruine ist höchst illegal. Natürlich. Das ist auch allen bewußt, doch es ist keineswegs gesetzlos. Jeden Abend wird eine Messe gehalten, bei dem Alexander Daza, der Bürgermeister von Torre de David, seinen Schäflein predigt. Als Schwerstkrimineller hat er seine Strafe schon lange abgesessen und wurde dabei zum Evangelismus bekehrt. Keinen Satz sagt er heute mehr ohne Gottesbezug, dennoch führt er den Torre de David mit harter Hand. Er macht die Regeln, die für alle gelten, und er entscheidet, wer kommen darf und wer gehen muß, und immer im Namen Gottes. Er sieht seine Arbeit darin, den Leuten beizubringen, wie man gottesfürchtig zusammenlebt. Er sieht es als seine Aufgabe an, hier eine Ordnung zu schaffen und den Glauben zu vermitteln. Dafür habe Gott ihn auserwählt. Von Mördern und Dieben hat er den Turm gesäubert. Und alle, die übrig blieben, sehen sich als eine einzige große Familie an. Und natürlich sind alle gleich!

Der Turmprediger und Bürgermeister ist gefürchtet und es fällt einem nicht leicht, ihm seine Nächstenliebe abzunehmen. Neben Gott verehrt er selbstverständlich nur noch Präsident Hugo Chavez, solange jedenfalls, bis dieser eines Tages vielleicht doch plötzlich mit seinen Soldaten vor der Tür steht…

-Ende-

Copyright (c) 2012/14 by Martina Müller

Bildrechte: “Alltagsgeschichten (en gros)” (Alltag3.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

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BUCHTIPP DER AUTORIN:

Torre David
Anarcho Vertical Communities (englischsprachig)

Herausgegeben von Brillembourg, Alfredo / Klumpner, Hubert
Verlag :      Müller, Lars
ISBN :      978-3-03778-298-9
Einband :      Paperback
Preisinfo :      45,00 Eur[D] / 55,00 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Seiten/Umfang :      ca. 240 S. – 26,0 x 19,0 cm
Produktform :      B: Buch
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 08.2012

Torre David ist ein 45-stöckiger Wolkenkratzer in Caracas, der aufgrund der Wirtschaftskrise in Venezuela 1994 nie zu Ende gebaut wurde. Heute ist er das improvisierte Zuhause von mehr als 750 Familien, die ohne offizielle Genehmigung in diesem besetzten Raum leben, der von manchen als «vertikaler Slum» bezeichnet wird. Urban-Think Tank, die Autoren von Torre David: Informal Vertical Communities, haben ein Jahr lang die räumliche und soziale Organisation des Ortes untersucht. Anhand zahlreicher Fotografien von Iwan Baan dokumentiert dieses Buch, wie die Menschen hier leben und ihre Infrastruktur selbst organisieren, von Friseursalons und einem Fitnessstudio zu Lebensmittelläden und weiteren Einrichtungen des täglichen Bedarfs. Dieses zum Nachdenken anregende Buch zeigt die informellen Gemeinschaften des Hochhauses und die Architektur, in der sie leben. Die Autoren möchten Denkanstösse bieten, informelle Gemeinschaften als Orte zu sehen, die Innovationen und neue Ideen generieren – im Dienst einer gerechteren und nachhaltigeren Zukunft.

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