sfbasar.de

Literatur-Blog

DER GEFANGENE – Leseprobe aus: „Rettungskreuzer Ikarus 46: Welt der Schlafenden“ von Irene Salzmann

DER GEFANGENE

Leseprobe aus:
„Rettungskreuzer Ikarus 46: Welt der Schlafenden“
von
Irene Salzmann

Auf Wunsch von Captain Hellerman brachte der Roboter aus der Kosang den einzigen Überlebenden des Wracks an Bord der Phoenix.

Was die Maschine – Cornelius hatte seine Zweifel, dass es sich wirklich um einen reinen Roboter und nicht um einen weiteren selbständigen, intelligenten Ableger Kosangs handelte – zuvor an Informationen gesandt hatte, war erschreckend.

Die Kamera zeigte ein heilloses Chaos: aufgeworfene Böden, geborstene Wände, eingestürzte Decken, brennende Aggregate, funkensprühende Leitungen, von den Sprinkleranlagen erzeugte Dampfschwaden und Wasserlachen. Und überall Leichen. Nicht alle von ihnen waren durch den Beschuss der Kosang und den Folgen davon gestorben. Die meisten wiesen Verletzungen auf, wie sie nur von einem Handstrahler stammen konnten. Demnach hatten die Überlebenden ausnahmslos Selbstmord begangen, oder ein Amokläufer hatte seine Kameraden abgeschlachtet.

„Aber warum?“, flüsterte Hellerman betroffen.

Allein der Gefangene mochte diese Frage vielleicht zu beantworten.

Vergeblich hatte der Roboter versucht, die Datenbank des Kriegsschiffs anzuzapfen. Sie war, offenbar durch einen kleinen Sprengsatz, zerstört worden, so dass weder der Name des Raumers und seine Herkunft noch die Absichten seiner Crew aufgedeckt werden konnten.

„Ich möchte, dass Sie sich den Gefangenen vorknöpfen“, sagte Hellerman zu Pakcheon. „Freiwillig wird er gewiss nicht sprechen, wenn er und seine Leute zu solchen … extremen Maßnahmen fähig sind. Mich wundert, dass er nicht versucht hat, sich umzubringen, bevor der Roboter ihn in Gewahrsam nahm.“

Das fand auch Cornelius seltsam. Der Fremde war bei Bewusstsein gewesen, anscheinend nicht schwer oder gar nicht verwundet. Er hatte sich bloß halbherzig gewehrt, während der Roboter ihn auf Verletzungen untersuchte und ihm ein leichtes Betäubungsmittel gab, um ihn ruhig zu stellen. Anschließend wurde der Gefangene in einer Rettungszelle untergebracht. Hätte ein Mann, der offenbar strikte Befehle und diese bislang durchgezogen hatte, nicht viel aggressiver reagieren oder Suizid begehen müssen, als die Maschine auftauchte? Hatte er vielleicht alle Beweise vernichtet, seine Kameraden umgebracht und dann die Courage verloren? Möglich, aber unwahrscheinlich.

„Was glauben Sie, Pakcheon?“ Cornelius hatte dem Freund seine Überlegungen mitgeteilt.

„Ihre Sorge ist berechtigt. Ich finde das ebenfalls sehr merkwürdig. Allerdings hat Kosang nichts Verdächtiges an dem Mann registriert: keine Krankheitskeime, keine verborgenen Waffen und auch keine Sendegeräte. Wir werden erst dann mehr wissen, wenn ich mit ihm gesprochen habe. Da er nicht kooperativ sein wird, befürchte ich, dass dies ein wenig dauern kann.“

„Kosang wird gleich mit der Rettungszelle andocken. Ich habe ein ganz schlechtes Gefühl.“

„Geht mir nicht anders. Am liebsten würde ich den Mann lassen, wo er gerade ist. Oder ihn auf der Kosang in eine Isolierzelle stecken. Aber jetzt muss ich wohl erst Sympathiepunkte sammeln, bevor … bevor man mich für ein Monster hält.“ Pakcheon wandte sich an Hellerman. „Der Gefangene hat nur geringe Blessuren davon getragen. Bitte bringen Sie ihn in einem ausbruchssicheren Raum unter. Höchstmögliche Sicherheitsstufe.“

„Ich hatte nichts anderes vor“, erwiderte Hellerman. „Die Sache … stinkt. Haben Sie etwas entdeckt, das Anlass zur Besorgnis gibt?“

Die ganze Situation gibt Anlass zur Besorgnis, dachte Cornelius. Allerdings galt die Sorge nicht seiner Person sondern der Phoenix, den Menschen an Bord und ihrer Mission. Die Begegnung mit den beiden Kriegsschiffen, der Angriff, die Vernichtung aller Hinweise, die Aufschluss über die Unbekannten hätten geben können, ein einziger Überlebender, Pakcheons Misstrauen – die Summe daraus verhieß nichts Gutes. Oder hören wir schon die Flöhe im Catzig-Fell husten?

Pakcheon schüttelte den Kopf. „Mir wäre wohler, wenn es so wäre. Dann wüsste ich, welche Maßnahmen zu ergreifen wären. So hingegen hängen wir in der Luft und gehen ein Risiko mit nicht abschätzbaren Folgen ein.“

„Bringen wir es hinter uns“, sagte Hellerman. „Dr. Singer, Sie kommen mit mir. Mr. Cornelius? Mr. Pakcheon?“ Da der Captain über seine Gäste keine Befehlsgewalt hatte – der Alarm war aufgehoben worden -, konnte er nur eine Einladung aussprechen. „Mr. Alaya, schicken Sie einen Kampfroboter zur Schleuse.“

Cornelius und Pakcheon schlossen sich Hellerman und Laini Singer an.

In der Zwischenzeit hatte der Ableger mit der Rettungszelle die Phoenix erreicht und den Gefangenen in der Luftschleuse abgelegt. Die Kampfmaschine stand am inneren Schott bereit.

„Der Unbekannte kommt langsam zu sich“, stellte Pakcheon fest. „Wir sollten uns beeilen, damit er nicht außerhalb seiner Arrestzelle erwacht.“

„Öffnen“, befahl Hellerman.

Das Schott glitt beiseite und gab den Blick auf eine ellipsoide Maschine frei, die aus ihrem Innern eine dünne Faltliege gefahren hatte, auf der angeschnallt ein großer, kräftiger Mann mit kurzem, dunklen Haar lag. Er trug eine schlichte, zweckmäßige Kombination ohne irgendwelche Abzeichen. Kosangs Ableger schwebte über der zerknautschten Hülle der Rettungszelle.

Ein Durchschnitts-Typ mit einem Durchschnittsgesicht, dachte Cornelius. Für seine Herkunft kommen viele Planeten infrage. An Flotten oder Organisationen, für die er arbeiten könnte, fallen mir gleichfalls mehrere ein.

Laini Singer kniete neben dem Gefangenen nieder und untersuchte ihn oberflächlich auf Verletzungen, obwohl sie das Dossier von Kosang erhalten hatte. „Schmutzig, einige Hämatome, aber ansonsten gesund“, bestätigte sie das erste Ergebnis.

„Kosang“, wies Pakcheon den Roboter an, „bitte, folge uns mit dem Fremden.“

Hellerman und Laini Singer gingen voraus, der Kampfroboter positionierte sich hinter seinem Kollegen, der den Bewusstlosen zur Sicherheitszelle transportierte. Cornelius und Pakcheon bildeten den Schluss.

„Schon etwas entdeckt?“, fragte Cornelius.

„Nein, die Gedanken eines Schlafenden zu lesen, ist genauso schwierig wie die Suche nach geheimen Informationen, derer sich derjenige, den man befragen will, nicht bewusst ist. Der Mann träumt wirre Dinge: von unserem Angriff, von anderen Kämpfen, von einem Wüstenplaneten mit unterirdischen Städten – vielleicht seine Heimat -, von Menschen und anderen Spezies, die ihm begegnet sind. Das alles überlagert die Dinge, die wir erfahren wollen.“

„Ich danke Ihnen, dass Sie sich die Mühe machen, den Gefangenen zu befragen, und uns auf diese Weise helfen.“

Pakcheon lächelte. „Das ist selbstverständlich. Buchstäblich sitzen wir alle in demselben Boot; ich handle also auch im eigenen Interesse.“

Trotzdem, dachte Cornelius, sprach es aber nicht direkt aus. Der Freund wusste, wie es gemeint war. Während des Gehens berührten sich flüchtig ihre Hände. Und er tut es für mich.

Die Gefängniszelle unterschied sich kaum von den Kabinen der Crewmitglieder. Es gab eine Liege, einen kleinen Tisch, einen Stuhl, ein Regal für Wechselwäsche, eine winzige Hygienezelle und sogar ein Terminal, mit dem man ausschließlich Zugriff auf die unterhaltsamen Titel der Bordbibliothek hatte. Eine Kamera überwachte die Aktivitäten des Insassen und zeichnete sie auf. Allein die Toilette blieb ausgespart. Über ein Fenster und eine Sprechanlage konnte man kommunizieren, ohne den Raum betreten zu müssen. Das Essen wurde bei den Kontrollgängen durch eine Schleuse serviert.

Kosangs Ableger lud den Mann auf der Liege ab und zog sich zurück. Der Raum wurde verriegelt.

Der Häftling zuckte. Unter den Lidern bewegten sich seine Augen hin und her.

„Gleich wird er erwachen“, flüsterte Pakcheon. „Gleich.“

„Verlieren Sie keine Zeit“, verlangte Hellerman. „Holen Sie aus ihm raus, was wir wissen wollen. Wir müssen Klarheit haben.“

„Kosang“, wandte sich Cornelius an den Ableger. „Kannst du die Liege in einen Sitz umfunktionieren? Ich denke, dass sich Pakcheon dann leichter zu entspannen vermag, um seine Aufgabe zu erledigen.“

„Natürlich“, erwiderte der Ableger.

Pakcheon sah Cornelius dankbar an. Dann ließ er sich auf der Sitzgelegenheit nieder, rutschte kurz hin und her, bis er eine bequeme Position gefunden hatte, und schloss die Augen.

Der Gefangene bewegte sich. Seine Augen flogen auf, er nahm die fremde Umgebung zur Kenntnis und schwang sofort die Beine nach unten, die Hand an der Hüfte, doch war seine Waffe nicht mehr vorhanden. Durch das Fenster konnte er sehen, wer ihn beobachtete.

Plötzlich grinste er. Seine Muskeln lockerten sich, er gab die aggressive Haltung auf und lehnte sich lässig an die Wand.

Cornelius schauderte unwillkürlich. Das Grinsen war wissend und böse.

„Sie befinden sich an Bord des Rettungskreuzers Phoenix“, erklärte Hellerman. „Ich bin Captain Hellerman. Wir haben Ihnen per Funk mitgeteilt, dass wir keine feindlichen Absichten hegen und den Sektor lediglich durchqueren wollen. Wer sind Sie? Warum haben Sie unseren Ruf ignoriert und angegriffen?“

Der Mann verschränkte die Arme vor seiner Brust und schwieg.

„Es wäre besser, Sie würden meine Fragen freiwillig beantworten“, fuhr Hellerman fort. „Ihr Schweigen ist nutzlos, da wir einen Telepathen an Bord haben, der Ihnen Ihre Geheimnisse entreißen wird.“ Er trat zur Seite, so dass der Häftling Pakcheon sehen konnte.

Offenbar hatte der Unbekannte von den Vizianern gehört. Er beugte sich vor und wurde blass.

„Nein!“

Cornelius war sofort an Pakcheons Seite. Anscheinend hatte nur er dessen Aufschrei gehört.

„Nein!“, rief plötzlich auch Laini Singer.

Hellerman fluchte.

Kosang war verwirrt. „Pakcheon“, kam es aus dem Lautsprecher des Ablegers, „was ist mit dir? Wie kann ich helfen?“

Der Körper des Vizianers bäumte sich auf, seine Augen blieben jedoch geschlossen, und die Lippen waren so fest aufeinander gepresst, dass sie einen schmalen Strich bildeten. Cornelius glaubte, die Zähne dahinter knirschen zu hören.

„Pakcheon?“ Cornelius packte ihn an den Schultern und spürte harte, verkrampfte Muskeln.

„Ich muss ihn anschnallen, damit er nicht herunter fällt“, sagte Kosang und beförderte den Vizianer in eine liegende Position.

Wie durch Watte vernahm Cornelius die aufgeregten Stimmen der anderen. Er achtete kaum auf die Worte.

„Entriegeln Sie das Sicherheitsschott.“

„Das könnte eine Falle sein.“

„Schauen Sie doch hin: Er stirbt!“

„Na gut, aber der Kampfroboter und ich begleiten Sie.“

Pakcheon lag reglos da. Sein sonst hellblauer Teint wirkte grau.

Cornelius setzte sich auf den Rand der Liege, die Hände immer noch auf den Schultern des Vizianers. „Das ist nicht nötig. Er ist wieder ruhig. Zu ruhig.“

„Seine Vitalwerte werden schwächer“, bemerkte Kosang besorgt. „Aber es liegt keine organische Ursache vor.“

„Aus seinem Mund tritt Schaum. Eine Giftkapsel?“

„Ich helfe Ihnen. Vielleicht können wir seine Kiefer öffnen und seinen Magen auspumpen.“

„Ich fürchte, das wird nichts nutzen. Das Gift scheint über die Schleimhäute absorbiert zu werden.“

„Verdammt. Wo ist der vizianische Roboter, wenn man ihn braucht?“

„Oh …“

Cornelius Finger strichen über Pakcheons Gesicht, glitten durch sein langes Haar. „Antworte mir!“, rief er eindringlich. „Du hörst mich, ich weiß es.“

„Warum“, Kosang klang verzweifelt, „stirbt er? Das darf nicht sein! Pakcheon? Pakcheon!“ (…)

ENDE

Zum nächsten Teil

Copyright (C) 2012 by Irene Salzmann, Abdruck mit freundlicher Genehmigung.

Wer wissen möchte, was vorher passierte und wie es weitergeht, kann das Nachlesen in:

Welt der Schlafenden
Rettungskreuzer Ikarus 46.
von Irene Salzmann

ebook:
EAN: 9783864020315
Format:  EPUB
Rettungskreuzer Ikarus 46.
Atlantis Verlag
epub eBook – 114 Seiten
.

Print:
Verlag: Atlantis Verlag Guido Latz (2012)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 386402014X
ISBN-13: 9783864020148
Größe und/oder Gewicht: 21,2 x 14,4 x 1,2 cm

Die verzweifelte Lage der vom Wanderlustvirus befallenen galaktischen Zivilisationen bedarf neuer Lösungen. Während die Söldnerin Skyta versucht, die Schwarze Flamme vor dem Untergang zu retten, entsendet das Raumcorps den Rettungskreuzer Phönix auf eine ungewisse Mission: Die Welt der Schlafenden aufzusuchen, in der Hoffnung, dort das Gegenmittel gegen die Seuche zu finden…

Titel bestellbar bei ebook.de
Titel bestellbar bei amazon.de
Titel bestellbar bei buch24.de
Titel bestellbar bei Booklooker.de

ACHTUNG! So verdoppeln Sie Ihre Chancen bei Titeln unter Storys unserer Community-Autoren, bei denen es zu einer Verlosung kommt: Geben Sie mindestens einen Kommentar zu diesem Beitrag ab. Das ist ganz einfach: Nur auf den Button “(keine) Kommentare” klicken und Ihre Meinung zum Thema abgeben. Dafür werfen wir ein 2. Los in die Lostrommel. Sobald Sie dann in der nächsten Meldung mit dem Preisrätsel zu diesem Buch PER E-MAIL (!) an der Verlosung teilgenommen haben, verdoppeln Sie Ihre Gewinnchance. Natürlich sollte Ihre Antwort PER E-MAIL (!) beim Preisrätsel richtig sein. Der Rechtsweg ist wie immer ausgeschlossen!

4 Comments

Add a Comment
  1. Wer möchte zu dieser Leseprobe von Irene Salzmann etwas sagen?

  2. Eine Space Opera? Ich bin gespannt 🙂

  3. Die Lieblingsprotagonisten von Irene Salzmann, Cornelius und Pakcheon erleben ein interessantes Abenteuer. Die Wanderlustseuche ist ein Thema das die Welt vom Rettungskreuzer Ikarus auf den Kopf stellt. Die vielen kleinen Puzzleteile die zu einer Lösung des Problems führen werden nach und nach entdeckt und zusammengeführt. Der Autorin gelingt es mit einer interessanten Beschreibung der Situation den Leser zu fesseln. So erzeugt sie eine spannende Atmosphäre. Da will man nur eins, das ganze Abenteuer lesen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

sfbasar.de © 2016 Frontier Theme