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DER ALLERERSTE WETTBEWERB (Teil 1) – Herausgegeben nach jüngst entdeckten Geheimakten aus den Tiefen der Vatikanischen Archive von Miguel de Torres

 

DER ALLERERSTE WETTBEWERB (Teil 1)

Herausgegeben nach jüngst entdeckten Geheimakten aus den Tiefen der Vatikanischen Archive

von

Miguel de Torres

Vorbemerkung der Herausgeber: Wir bitten, die teilweise etwas unkonventionelle Ausdrucksweise dieser Übersetzung eines altgriechischen Originals zu entschuldigen, aber in der Kürze der Zeit (Abgabetermin!) war leider kein erfahrener Übersetzer aufzutreiben.

Die Strahlen der frühen Nachmittagssonne drangen durch drei hohe Fenster in den nüchtern eingerichteten Raum, wo sie harte Schatten warfen. Aus einem dieser Schatten schob sich eine kräftige, aber von keinen Schwielen verunstaltete Hand ins grelle Licht, als sich ihr Besitzer vorbeugte, um ein eng beschriebenes Holztäfelchen zu studieren. Dann blickte er die beiden anderen Männer an, die zu seiner Linken und seiner Rechten saßen.

»Ich denke, wir können beginnen.«

»Johnny ist noch nicht da, Matt.«

Der erste Sprecher, ein hochgewachsener und bärtiger Mittvierziger, schüttelte unwillig den Kopf. »Johnny kommt immer zu spät! Außerdem interessiert er sich nicht für das Tagesgeschäft; er schwebt in höheren Regionen.«

»In symbolischen!« Der zweite Sprecher, ein untersetzter und etwas pausbäckiger Mann mit wasserblauen Kinderaugen, kicherte. »Worum geht es denn in der heutigen Verlagsleiter-Sitzung?«

Matt seufzte und blickte abermals auf die kleine Holztafel, die mit winzigen Kolonnen bekritzelt war. »Um die letzten Quartalszahlen, Mark.«

Nun seufzte auch Mark und warf dem dritten Mann, der bislang schweigend dabeigesessen hatte, einen Hilfe suchenden Blick zu. »Brauchst du uns dafür unbedingt? Ich meine, wir wissen alle, dass niemand besser mit Zahlen umgehen kann als du; schließlich warst du früher Zöllner! Nicht wahr, Luke?«

Der Dritte im Bunde nickte heftig. »Genau!« Er mochte ein Jahrzehnt jünger sein als die beiden anderen und zeichnete sich durch ein glatt rasiertes Gesicht aus. Seine Hände, die sich um ein zusammengerolltes Pergament krampften, erschienen ausnehmend feingliedrig und auch bleich, als würde ihr Besitzer die Sonne meiden.

Matt runzelte die Stirn. »Es ist nicht nötig, andauernd auf meiner früheren Beschäftigung herumzureiten! Zöllner ist ein wichtiger und notwendiger Beruf!«

Lukes Blick war aus dem Fenster gerichtet, als er antwortete: »Das ist derjenige des Grubenentleerers auch …«

Matts Fingernägel gruben sich in die Holztafel, und für einen Moment schien es, als wolle er diese benutzen, um das Ende einer langjährigen Partnerschaft zu besiegeln. Doch dann entspannte er sich wieder. Als er abermals das Wort ergriff, klang seine Stimme ruhig, wenn auch ein wenig müde.

»Also, zu den Verkaufszahlen des letzten Quartals … Sie sehen leider gar nicht gut aus; wir haben bereits zum dritten Mal in Folge einen deutlichen Einbruch beim Absatz von Buchrollen zu verkraften! Lediglich der Verkauf der pergamentenen und kolorierten Vorzugsausgaben blieb stabil, aber wir sprechen hier nur von wenigen Dutzend Exemplaren, die zudem meist von römischen Sammlern gekauft werden. Die Leute aus Judäa haben nicht genug Geld für solchen Luxus.«

»An der Absatzkrise sind nur die neuen Medien schuld!«, sagte Mark. »Seit auf dem Markt syrische Sklavinnen zu Spottpreisen angeboten werden, kommen die Leute kaum mehr zum Lesen!«

Matt nickte betrübt, doch Luke fiel schüchtern ein: »Ich, äh, habe mir auch eine zugelegt …«

Mark fuhr auf. »Ach ja? Das klingt ja irre interessant! Und wie funktioniert sie?«

Luke verzog die Mundwinkel. »Hatte leider noch keine Gelegenheit, sie auszuprobieren – habe die ganze Nacht gearbeitet.«

Matt hob beide Arme. »Zurück zu unserem Problem. Ich hatte eine Idee, wie wir die Publicity und damit den Absatz unserer Buchrollen erhöhen könnten! Es handelt sich …«

Die Tür öffnete sich und ein Mann trat ein, dessen wallendes blondes Haar im harten Licht der Sonne golden aufleuchtete.

»Hi, Fans! Komme ich zu spät?«

Die anderen drei richteten ihre Blicke gegen die Decke des Raums und nickten schweigend.

»Oh, das tut mir leid! Na ja, ist immerhin das erste Mal, dass mir so was passiert … Ich habe nämlich gerade den neuen Kopierer getestet, den ich gestern auf dem Sklavenmarkt erstanden habe. Er heißt Xeros und kommt aus Griechenland; die machen ja bekanntlich die besten.« Mit beiden Händen zog er eine kunstvoll mit schwarzer und roter Tinte beschriebene Buchrolle aus Papyrus auf. »Er schafft satte fünf Fuß pro Stunde, und das im Kalligraphie-Modus!«

Matt riss die Augen auf. »Aber das ist ja Griechisch!«

Johnny kratzte sich an seinem Dreiecksbärtchen. »Tja, da gibt es ein kleines Problem: Ich habe leider noch nicht herausgefunden, wie man die Sprache umschaltet.« Er rollte den Papyrus wieder zusammen und nahm im letzten freien Sessel Platz. »Was liegt an?«

Luke wies auf Matt, der sichtlich genervt auf seine Zusammenstellung starrte. »Es gibt wohl ein paar Absatzprobleme, aber der Zöllner hat, wie gewohnt, alles im Griff!«

Matt sprang auf. »Wenn du mich noch einmal, nur ein einziges Mal, einen Zöllner schimpfst, dann kannst du dir einen neuen Job suchen! Niemand wird dich dann noch ›Lucky‹ Luke nennen! Typen, die sich für Illustratoren halten, gibt’s genug; wir brauchen dich nicht unbedingt!«

Luke hob beide Hände. »‘Tschuldigung, war nicht so gemeint. Wusste nicht, dass du so empfindlich bist! – Äh, du wolltest einen Vorschlag machen …«

»Falls sich überhaupt jemand dafür interessiert.«

»Wir sind ganz Ohr!«, riefen Mark, Luke und Johnny wie aus einem Mund.

»Nun gut.« Matt setzte sich wieder. »Also, zur Erhöhung der Publicity unseres Verlags und damit zur Steigerung der Verkaufszahlen hatte ich folgende – wie ich bei aller Bescheidenheit sagen darf – revolutionäre Idee: Wir schreiben einen Storywettbewerb aus!« Er blickte triumphierend in die Runde.

Die anderen sahen sich an.

»Einen Storywettbewerb«, wiederholte Mark tonlos.

»Einen Storywettbewerb!«, bekräftigte Matt.

Luke hob den rechten Zeigefinger. »Heißt das etwa, jeder, der sich für berufen hält, darf eine Geschichte beisteuern? Nicht nur angesehene Autoren? Also Kreti und Pleti?«

»Vielleicht sogar Römer?« Mark spie das Wort aus.

»Jeder!« Matt nickte. »Das heißt, solange er Sprache, Schrift und Grammatik beherrscht – mehr oder weniger. Natürlich veröffentlichen wir nur die besseren Geschichten!«

»Natürlich.« Johnnys bislang skeptische Miene hellte sich auf. »Vielleicht ist die Idee gar nicht mal so schlecht!«

»Danke!«, fauchte Matt.

»Nein, im Ernst! Wir hatten ja schon einmal einen Storyband im Programm, und er war ein Bestseller! Viele kurze Geschichten in einem alles umspannenden, epischen Rahmen, beginnend mit der Erschaffung der Welt …«

»Aber der wurde von namhaften Autoren verfasst«, warf Luke ein.

Matt legte die Holztafel mit den Absatzzahlen neben seinem Stuhl auf den Boden. Seine Miene war ernst. »Leute, eines muss ich klipp und klar sagen: Wir haben nicht mehr das Geld, um ›namhaften Autoren‹ das Honorar für die halbe Erstauflage vorzuschießen! Wir können nur hoffen, dass bei dem Wettbewerb – so wir ihn denn hier und heute beschließen – genügend gute Geschichten eingehen, um damit eine neue Anthologie zu füllen! Wenn nicht …« Er zuckte mit den Schultern. Doch dann erhellte sich seine Miene wieder. »Rechnet doch mal selbst aus: Jeder, der an dem Wettbewerb teilnimmt – und Leute, die sich für gute Autoren halten, gibt es in Judäa beinahe ebenso viele wie Einwohner –, wird mindestens ein Exemplar der Anthologie kaufen! Diejenigen, deren Storys darin enthalten sind, sogar mehrere! Und Honorar gibt’s natürlich keines; den Sieger können wir mit einem Freiexemplar abspeisen!«

»Und mit einer Urkunde!«, sagte Johnny. »Das ist ganz wichtig! Die kann mein neuer Kopierer anfertigen!«

»Klar«, antwortete Matt mit einer jovialen Geste, »eine Urkunde lassen wir auch springen! – Nun, was meint ihr?«

Mark wiegte den Kopf. »Es könnte funktionieren …«

Luke und Johnny sahen sich an, dann nickten sie übereinstimmend. Luke hob das Pergament hoch, das er bislang in der Hand gehalten hatte, und entrollte es.

»Äh, vielleicht könnten wir in der Anthologie dann auch diese Illustration unterbringen, die ich letzte Nacht geschaffen habe …«

Matt warf einen Blick darauf und unterdrückte ein Würgen.

»Ich nenne es: ›Mutter mit Kind‹«, setzte Luke hinzu.

»Findest du das nicht ein bisschen sehr … süßlich?«

Luke schüttelte den Kopf. »Die Leute lieben so was! Vielleicht könnte ich sogar selbst eine passende Geschichte zu dem Bild schreiben.« Er errötete und fügte hastig hinzu. »Unter Pseudonym natürlich! Schließlich bin ich einer der Herausgeber. Ich werde euch auch nicht verraten, welche es ist – schließlich möchte ich eine ehrliche Bewertung durch die, äh, Juroren …«

Johnny horchte auf. Wenn ihn einer der anderen in diesem Moment angesehen hätte, hätte er erkannt, dass Lukes Worte ihn auf eine Idee gebracht hatten.

»Ich fasse zusammen.« Matt blickte befriedigt in die Runde. »Wir schreiben also einen Storywettbewerb aus. Ich setze davon die Medien in Kenntnis sowie die römische Obrigkeit, die ihre Nase ja in alles hineinsteckt … Ich schlage vor, wir setzen uns in einem Monat wieder zusammen, analysieren die eingegangenen Beiträge und besprechen dann das weitere Vorgehen. Irgendwelche Einwände?«

Mark, Luke und Johnny schüttelten die Köpfe.

»Dann ist es so beschlossen!«

(Weiter zu Teil 2)

Copyright (c) 2012 by Miguel de Torres und www.HARY-PRODUCTION.de

Bildrechte: “Sagen” (Zeichnung-Sagen.jpg) © 2013 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

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Zu dem Titel, in welchem die vorliegende Story enthalten war:

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Produktbeschreibungen
Kurzbeschreibung
– Witziges und Aberwitziges von dem erfolgreichen STAR-GATE-Autor Miguel de Torres!Inhalt:
1. Der Sinn von alldem
2. Überdruck
3. Alles ist gut
4. Der allererste Wettbewerb
5. Staatsfeind Nummer eins
6. Die Würde des Menschen
7. Finsternis
Titelbeispiele

AD ASTRA – die Rückkehr der Science Fiction!
Die alternative SF-Reihe, absolut neu, aber in der Tradition ansonsten längst vergangener Möglichkeiten: Die einmalige Chance, der „reinen deutschen SF“ wieder entscheidend auf die Sprünge zu helfen – nicht nur im Farbdruck als Romanheft, sondern auch im Buchformat einerseits und als eBook im bewährten Format andererseits!eBooks – sozusagen direkt von der Quelle, nämlich vom Erfinder des eBooks!www.HARY-PRODUCTION.de brachte nämlich bereits im August 1986 die ersten eBooks auf den Markt – auf Diskette. Damals hat alles begonnen – ausgerechnet mit STAR GATE, der ursprünglichen Originalserie, wie es sie inzwischen auch als Hörbuchserie gibt. Natürlich ebenfalls bei www.soforthoeren.de.

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http://www.hary.li/aabrdetail001.htm

ProduktinformationFormat: Kindle Edition
Dateigröße: 184 KB
Seitenzahl der Print-Ausgabe: 78 Seiten
Verlag: www.HARY-PRODUCTION.de (2. August 2012)
Verkauf durch: Amazon Media EU S.à r.l.
Sprache: Deutsch
ASIN: B008S3GHDK

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3 Comments

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  1. Ich schrieb diese Story Mitte 2007 anlässlich eines Kurzgeschichten-Wettbewerbs, bei dem ich einer der Juroren war. Die Story lief selbstverständlich „außer Konkurrenz“.

    Ich mußte feststellen, daß meine Art von Humor nicht immer mit jener der Mehrheit meiner Mitmenschen übereinstimmt. Aber es macht mir einfach Spaß, die „geschriebene Geschichte“ (oder in diesem Fall die verordnete Legende) vom Kopf auf die Füße zu stellen …

  2. Mir hat das sehr gut gefallen, Miguel! Ich mag abseitige Ideen, Storys und Humor. Weiter so! 🙂

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