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Literatur-Blog

DAS VERHÄNGNIS DER GOLDEN EAGLE – Kurzgeschichte von Thomas Vaucher

DAS VERHÄNGNIS DER GOLDEN EAGLE

Kurzgeschichte

von

Thomas Vaucher

.

Das Schiff war urplötzlich aus dem Nebel vor ihnen aufgetaucht. Kaum hundert Schritt entfernt, schien es sich ihnen trotz der Flaute fast unheimlich schnell zu nähern. Es war eine Brigantine, ein Zweimaster von ungefähr dreißig Metern Länge, wie Leutnant Taylor sofort erkannt hatte. Doch das Seltsame daran war, dass niemand an Bord auszumachen war. Deck und Ausguck schienen verlassen zu sein und nicht einmal das Steuer war besetzt. Das Schiff schlingerte führerlos auf sie zu. Es waren auch keine Notsignale geflaggt worden, die Brigantine hatte die englische Flagge gehisst.

Taylor fuhr ein kalter Schauer den Rücken herab. Obwohl er sich auf einem der größten Kriegsschiffe der Gegenwart befand, bekam er es plötzlich mit der Angst zu tun. Die HMS Challenger befand sich auf einer Erkundungsfahrt, welche sie über den Ärmelkanal und der Küste Frankreichs entlang bis nach Spanien führen sollte. Mit ihren hundertzwanzig Kanonen über vier Decks verteilt, war die HMS Challenger ein Kriegsgott unter den Schlachtschiffen des beginnenden 19. Jahrhunderts. Taylor hatte auf ihr schon so manches Seegefecht mitgemacht. Er war sogar unter Admiral Nelson in der Schlacht bei Trafalgar dabei gewesen, als sie die Spanier und Franzosen vernichtend geschlagen hatten. Doch so etwas wie heute hatte er noch nie erlebt. Was nutzten Kanonen, wenn man es mit einem Geisterschiff zu tun bekam?

Taylor gemahnte sich innerlich zur Ruhe. Es konnte Dutzende von Gründen geben, warum auf der kleinen Brigantine keine Menschenseele zu sehen war. Es musste ja deswegen nicht gleich ein Geisterschiff sein.

Aber es wäre möglich, wisperte eine gemeine leise Stimme im hintersten Winkel seines Verstandes.

Taylor versuchte, diese Gedanken zu vergessen und konzentrierte sich wieder auf das Schiff, welches er durch das Fernrohr hindurch genau beobachtete. Golden Eagle stand in abgenutzten Lettern am Bug des Schiffes.

Der Kapitän der HMS Challenger, Commander Robert Evans, war inzwischen auf Parallelkurs zu dem seltsamen Schiff gegangen und hatte eine Signalflagge hissen lassen. Aber der unheimliche Fremde antwortete nicht darauf. Also befahl Commander Evans, zur Golden Eagle überzusetzen. Taylor erstarrte innerlich zu Eis, als Evans ihm den Befehl über das Kommando erteilte. Das Schiff war ihm unheimlich und er konnte förmlich spüren, dass irgendetwas damit nicht stimmte.

Zwei kleine Beiboote wurden zu Wasser gelassen und Taylor setzte mit acht Mann zur Golden Eagle über. Aus der Nähe betrachtet wirkte das führerlos auf dem Wasser treibende Schiff noch unheimlicher als von weitem. Die Segel waren allesamt gehisst, doch während sie am Großmast noch in relativ gutem Zustand schienen, hingen diejenigen am Fockmast in Fetzen herunter. Ansonsten jedoch schien das Schiff nicht beschädigt zu sein.

Sie legten längsseits des Schiffes an und als auch keine Reaktionen auf Taylors Rufe erfolgten, bestieg er die Golden Eagle zusammen mit vier kampfbereiten Soldaten.

Das Deck war, wie sie schon von weitem hatten erkennen können, komplett verlassen. Am Bug vorne rollte ein leeres Fass beim Wellengang von Seite zu Seite, aber ansonsten sah auch hier alles ordentlich und normal aus. Nur die zerfetzten Segel schlugen leise flatternd gegen den Fockmast.

Mit einem unguten Gefühl im Bauch öffnete Taylor die Türe, welche unter Deck führte. Obwohl auch hier unten alles normal zu sein schien, abgesehen davon, dass nirgendwo Lebenszeichen auszumachen waren, verstärkte sich Taylors ungutes Gefühl nur noch.

Er betrat die Kapitänskajüte und war beinahe überrascht, das Logbuch in einem Gestell vorzufinden. Daneben befanden sich Sextant, Chronometer und Kompass ordentlich aufgereiht und auf dem Tisch lag eine Karte vom Atlantik, wo die aktuellen Positionen eingezeichnet worden waren. Außerdem fand er eine Violine und auf einem Notenständer befand sich noch immer ein angebrachtes Notenblatt von Johan Sebastian Bachs Sonate No. 2 in a-moll.

Sowohl die Mannschaftsunterkünfte, wie auch die Offiziersmesse und die Kombüse boten einen ähnlichen Eindruck. Nirgendwo waren Kampfspuren zu sehen oder Zeichen auszumachen, dass die Seeleute das Schiff freiwillig geräumt hätten. Es herrschte nicht einmal große Unordnung, sah man einmal davon ab, dass diverse Gegenstände am Boden herumrollten, welche durch den Wellengang herunter gefallen waren.

Schließlich setzte sich Taylor an den hölzernen Tisch in der Kapitänskajüte und studierte das Logbuch, das er im Gestell gefunden hatte. Er hoffte, hier eine Aufklärung für die seltsame Situation, in der sich die Golden Eagle befand, zu finden. Doch seine Hoffnungen wurden enttäuscht. Er erfuhr zwar, dass die Brigantine von New York über den Atlantik gesegelt war, um Handelsgüter nach Portsmouth zu bringen, namentlich Wein und Tabak und dass die Mannschaft neben dem Kapitän aus sieben Matrosen bestanden hatte, doch das war auch schon alles. Der letzte Eintrag war vor zehn Tagen erfolgt:

  1. Oktober 1809

Wir kommen gut voran. Wenn der Wind uns weiterhin so günstig gesinnt ist, werden wir in rund zwei Wochen unseren Zielort erreicht haben. Je eher wir Portsmouth erreichen, desto besser. Ich habe ein komisches Gefühl, doch kann ich es nicht näher beschreiben. Vermutlich ist O’Toole mit seinen Geistergeschichten daran schuld. Er versteht es wirklich, einem eine Gänsehaut zu verpassen.

Taylor sah sich mit einem gewaltigen Rätsel konfrontiert. Was war hier geschehen? Das Schiff trieb also seit zehn Tagen führerlos auf dem Atlantik. Es war schon ein Wunder, dass die Brigantine noch nicht untergegangen war und sich noch in so einem seetüchtigen Zustand befand. Noch unerklärlicher aber war für ihn der Verbleib der Crew. Ihre Untersuchung hatte ergeben, dass sowohl die Beiboote als auch die Ladung noch vollständig erhalten waren. Also konnten die Seeleute das Schiff nicht freiwillig verlassen haben. Außerdem fehlten in der Kombüse keinerlei Nahrungsmittel und auch die nautischen Instrumente waren alle noch vorhanden, was auf dasselbe hindeutete. Ebenfalls waren nirgendwo Kampfspuren zu finden, also schloss Taylor auch eine feindliche Übernahme oder Meuterei aus.

Aber wo zum Teufel waren die Leute dann geblieben?

Er entschloss sich, es anderen zu überlassen, dieses Rätsel zu lösen und fuhr zur HMS Challenger zurück, um Commander Evans Bericht zu erstatten.

Doch dieser schien nicht weniger ratlos zu sein als Taylor selbst und befahl ihm zu dessen Erschrecken, die Golden Eagle zusammen mit neun Mann Besatzung nach Portsmouth zu überführen.

Taylor betete, dass sich eine natürliche Erklärung finden würde für die unheimlichen Begebenheiten auf der Golden Eagle und dass das Schiff nicht verflucht war, wie er insgeheim befürchtete.

Natürlich wurden seine Gebete nicht erhört …

*

Ein schlurfendes Geräusch weckte Taylor. Er war sich zunächst nicht sicher, ob er es vielleicht nur geträumt hatte, doch die Laute wiederholten sich. Es klang, als ob jemand in der nebenan gelegenen Kombüse herumstapfen würde.

Einer der Matrosen, der sich einen zusätzlichen Imbiss gönnen wollte?

Taylor rieb sich den Schlaf aus den Augen und stand leise auf. Er würde den Vielfraß lehren, was mit Leuten geschah, die sich den Gesetzen der britischen Marine widersetzten.

Doch dass dies ausgerechnet in der ersten Nacht seines neuen Kommandos geschehen musste, dachte er und seufzte ergeben.

Leutnant Taylor schlüpfte rasch in seinen Offiziersmantel, gürtete sich den Waffengurt um, der Säbel und Pistolen beinhaltete und öffnete dann die Türe seiner Kajüte.

Nun hörte er auch eine leise Stimme und verwundert fragte er sich, ob der Seemann Selbstgespräche führte oder ob noch ein zweiter Sünder darin verwickelt war.

Taylor schlich auf leisen Sohlen zur Kombüse, um den Frevler auf frischer Tat zu ertappen. Die Türe war offen und der Schein einer Laterne erhellte die Schiffsküche. Doch das Bild, welches sich Taylor bot, war ein anderes als er erwartet hatte. Entsetzt hielt er den Atem an. Vor ihm hantierte tatsächlich jemand in der Küche herum, doch es war keiner seiner Seeleute. Es war ein untersetzter Mann, mittleren Alters, mit an den Schläfen langsam ergrauendem Haar. Eine weiße Küchenschürze war um seine Taille gebunden und er schlurfte in der Küche auf und ab.

Taylor schauderte.

Es war nicht nur der Umstand, dass er den Mann noch nie gesehen hatte, der ihn frösteln ließ. Nein, irgendetwas an dem Mann war seltsam. Doch Taylor konnte nicht genau benennen, was es war.

Der Koch, denn um solch einen handelte es sich ohne Zweifel, zischte mit einer unheimlichen Stimme leise Worte vor sich hin. Taylor verstand nur einige Wortfetzen, doch je mehr er hörte, desto stärker wurde das ungute Gefühl, welches ihn beschlich.

„Werdet schon sehen … hättet besser … gesagt … schlechteste Koch Europas? … Ungenießbarer Fraß? … Hölle haben sie besser zu essen? … Na wartet … es zeigen … Rohlinge … bald … soweit.“

Derweil drehte er in der Küche seine Runden. Von Zeit zu Zeit schaute er aus einer Luke nach draußen, um sich am Stand der Sterne zu orientieren. Und pausenlos murrte er unzufrieden vor sich hin.

Taylor wurde es heiß und kalt zugleich. Was sollte er tun? Den ungebetenen Gast zur Rede stellen? Irgendwie hatte er das Gefühl, dass er dies nicht oder zumindest noch nicht tun sollte.

Plötzlich hielt der Smutje inne und zischte was von „ist an der Zeit“, drehte sich um und lief direkt auf Taylor zu. Dieser drückte sich panikartig in die Schatten hinter der Kombüsentür und hoffte, dass der unheimliche Koch ihn nicht bemerken würde.

Der jedoch schlurfte an ihm vorbei, ohne irgendwelche Notiz von ihm zu nehmen und betrat die Messe. Taylor folgte ihm leise und beobachtete was weiter geschah.

Die nächsten Minuten würde er in seinem ganzen Leben nie mehr vergessen.

In der Messe befanden sich drei Personen. Sie waren allesamt regungslos auf ihren Stühlen zusammengesunken. Taylor hatte sie noch nie gesehen, doch der Kleidung nach, die sie trugen, erkannte er, dass es sich offenbar um einen Kapitän und seinen ersten und zweiten Maat handelte.

„Na, hat es euch geschmeckt?“, kicherte der Koch leise und rieb sich die Hände. Dann ging er zum Kapitän, wuchtete ihn sich auf die Schulter und verließ die Messe. Der unheimliche Smutje stieg die Stufen an Deck hinauf und trat an die frische Nachtluft hinaus.

Die zwei Matrosen, die auf Deck Wache hielten, erblickten den Koch mit seiner schrecklichen Ladung und wollten ihn zur Rede stellen, verstummten aber, als sie Taylor im Aufgang erblickten, der ihnen mit hastigen Gesten bedeutete, still zu sein.

Der Koch ging zur Reling und kippte zu Taylors Entsetzen den reglosen Körper des Kapitäns über Bord. Doch zu seinem Erstaunen, erklang kein Platschen und die Leiche verschwand, sobald sie das kühle Nass berührte. Sie sank nicht nach unten, sondern verschwand einfach, löste sich auf.

Taylor rieb sich verblüfft die Augen und sah den Koch in diesem Moment gerade wieder den Niedergang herabsteigen. Wenig später kam er wieder zum Vorschein und entlud einen weiteren Körper über die Reling. Dieses Spiel wiederholte sich noch einige Male. Taylor zählte acht Personen, die auf diese Weise in den Wellen verschwanden.

„Werdet nie mehr so schlecht essen, versprochen“, sagte der Koch mit einem irren Glanz in den Augen und sprang seinen Opfern hinterher.

Taylor blieb noch eine Weile wie angewurzelt stehen und starrte in die Wellen, welche unter ihm gegen die Schiffswand schlugen. Die Geister – denn dass es sich um solche handelte, davon war er mittlerweile überzeugt – waren verschwunden, doch das Grauen packte ihn erst jetzt so richtig. Er begann am ganzen Körper zu zittern, würgte schließlich und erbrach sich in die schäumenden Fluten unter ihm.

Er hatte das Ende der Besatzung der Golden Eagle miterlebt. Offenbar handelte es sich um den Racheakt eines beleidigten Kochs und dieser war nun dazu verdammt, die letzte Nacht seines Lebens immer wieder zu erleben.

Taylor schärfte den beiden Wachhabenden ein, nichts davon an die restliche Mannschaft weiterzugeben, doch er wusste, dass sich die Geschichte trotzdem verbreiten würde. Und er konnte es ihnen nicht einmal verübeln. Was sie da gerade erlebt hatten, war so schrecklich, dass man nicht umhin kam, es mit anderen Menschen zu teilen und zu besprechen.

Taylor taumelte, immer noch am ganzen Körper zitternd, in seine Kajüte zurück und ließ sich auf sein Bett sinken. Doch er sollte in dieser Nacht keinen Schlaf mehr finden …

*

Die Geschichte vom Geisterkoch hatte sich unter der kleinen Mannschaft rasch herumgesprochen, ganz wie er es vorausgesehen hatte. Es war sogar so weit gegangen, dass sich die Leute beinahe um die Wache zwischen Mitternacht und zwei Uhr geschlagen hätten. Alle wollten sie den Geist des Kochs sehen. Vermutlich würden sie heute Nacht alle an der Reling stehen und zusehen wollen, wie der Smutje seine schreckliche Tat vollbrachte.

Taylor hatte den ganzen Tag nichts gegessen. Ihm war seit der letzten Nacht übel gewesen und er hatte die restliche Nacht mit leichtem Fieber im Bett gelegen. Das Fieber hatte sich am folgenden Tag noch verstärkt, so dass er nur etwas Wasser getrunken und seinen Magen ansonsten geschont hatte. Nun lag er mit offenen Augen auf seiner Pritsche in der Kapitänskajüte und wartete darauf, dass das Schlurfen in der Kombüse wieder losging. Er fürchtete sich davor und doch fühlte er gleichzeitig, dass es wichtig war, den Koch zur Rede zu stellen.

Pünktlich um Mitternacht hörte er es in der Küche nebenan rumoren. Taylor stand auf und verließ seine Kajüte. Vor der Küche blieb er zitternd stehen. Angstschweiß bedeckte seine Stirn und er musste sich zusammenreißen, um seine Hände ruhig zu halten. Er schloss die Augen, schickte ein Stossgebet zum Himmel und betrat die Kombüse. Der Smutje schien ihn nicht zu bemerken.

„Wer bist du und weshalb kommt deine Seele nicht zur Ruhe?“, fragte Taylor mit fester Stimme, wie er hoffte.

Nun endlich schien der Koch Notiz von ihm zu nehmen. Er legte den Kopf leicht schräg, wie jemand der sich mehr mit dem Gehör als mit den Augen orientiert und näherte sich Taylor langsam.

„Ich bin Torreau, der Schiffskoch“, zischte der Geist mit leiser Stimme. „Ich komme nicht zur Ruhe, weil ich die ganze Besatzung vergiftet und ermordet habe. Doch sei still nun, ich muss sie noch entsorgen, damit niemand erfährt, was hier wirklich geschehen ist.“

„Ich habe es bereits erfahren“, sagte Taylor mit zitternder Stimme. „Ich habe dir letzte Nacht bei deinem schändlichen Treiben zugesehen, deshalb ist deine Mission nun sinnlos. Ich sage dir, gehe fort, Torreau, verlasse dieses Schiff, wie auch dein Körper es längst verlassen hat.“

„Du hast es erfahren“, flüsterte Torreau mit einem irren Grinsen auf den Lippen, „doch du wirst es nicht weitergeben können. Genausowenig wie deine Leute. Und nun lass mich arbeiten.“

„Was soll das heißen?“, fragte Taylor und ein ungutes Gefühl machte sich in seinem Magen breit.

Torreau der sich bereits von ihm abgewandt hatte, drehte sich noch einmal zu ihm um.

„Hast du es denn schon vergessen, Kapitän? Ich bin der Koch!“ Und dann fügte er noch hinzu: „Es hat schon begonnen.“ Ein irres Kichern folgte dem unheilschwangeren Satz.

Eine schreckliche Ahnung machte sich in Taylor breit. Das konnte nicht sein!

Torreau indes schaute aus der Luke zum Himmel hinauf, so dass der Mond sein Gesicht in ein bleiches, unheiliges Licht tauchte und sagte: „Es ist an der Zeit.“

Dann lief er direkt auf Taylor zu und durch ihn hindurch. Taylor wusste nicht wie ihm geschah. Ein eiskaltes Frösteln durchfuhr seine Glieder als der Geist Torreaus ihn durchfuhr und es schien ihm, als würde er innerlich zu Eis erstarren. Dann war es vorbei und der Koch öffnete die Tür zur Messe, um sich den unglücklichen Kapitän auf die Schultern zu laden.

Taylor drehte sich auf dem Absatz herum, stürmte die Treppe hoch und aufs Deck hinaus. Vermutlich würden alle neun Matrosen an Deck auf den Geist warten, um ihn zu bestaunen und sich von seiner Existenz zu überzeugen, dachte er. Mittlerweile hoffte er es sogar, wenn sich nur nicht seine schlimmste Ahnung bewahrheiten würde.

Doch sie tat es.

Als er an Deck kam, war weit und breit niemand zu sehen. Er stürmte die Treppe zum Heck hinauf, wo sich das Ruder befand und sah, dass Billy, der Mann der die Wache am Ruder hatte, regungslos am Boden lag. Panik durchfuhr ihn und er sprang aufs Deck hinab, just in dem Moment, als Torreau den Kapitän über Bord warf.

Taylor rannte nach vorne zum Bug, um auch die dortige Wache zusammengesunken vorzufinden. Rasch fühlte er den Puls des Mannes, doch dieser war nicht mehr vorhanden.

Er war tot.

Mit einem Aufschrei stürmte er wieder unter Deck und betrat mit vor Furcht beinahe aus den Höhlen quellenden Augen die Mannschaftsunterkünfte.

Alles war ruhig.

Die Matrosen lagen in ihren Hängematten, doch kein Geräusch war zu hören und keine Bewegung zu erspähen. Keine Brust hob und senkte sich und kein Atem ging tief und regelmäßig. Sie waren alle tot. Allesamt vergiftet von dem unseligen Geist des Schiffskochs, der an Bord umging und er alleine war ihm entkommen, weil er aufgrund seiner Übelkeit nichts gegessen hatte.

Er rannte zurück an Deck, gerade rechtzeitig, um mitanzusehen, wie Torreau den letzten Matrosen über Bord warf.

„Werdet nie mehr so schlecht essen, versprochen“, sagte der Koch soeben.

„Mich kriegst du nicht, Torreau, hörst du mich? Mich kriegst du nicht, ich habe nichts von deinem Fraß gegessen!“, schrie Taylor ihm entgegen.

Der Geist drehte leicht den Kopf und grinste ihn aus seinen leeren Augen an.

„Kannst nicht überleben ohne Essen“, sagte er mit schauerlicher Stimme, „und wirst doch mein Mahl nicht überstehen.“

Dann sprang er in die Fluten.

*

Vier Tage später lief eine Brigantine mit dem Namen Golden Eagle in den riesigen Hafen von Plymouth in Südengland ein. Das Schiff fuhr ungebremst in eine Kaimauer hinein, welches seine Fahrt abrupt stoppte. Auf der Brigantine war keine Bewegung auszumachen und als man sie von oben bis unten durchsuchte, fand man nur eine einzige Person darauf: Den Kapitän, den man durch seinen Dienstausweis als Leutnant William Taylor von der HMS Challenger identifizieren konnte. Er war hinter dem Steuer zusammengesunken und laut dem Medizinbericht kurz nach dem Einlaufen des Schiffes in den Hafen an einem Schwächeanfall gestorben. Der Mann habe seit mehreren Tagen keine Nahrung zu sich genommen und vermutlich auch kein Auge mehr zugetan, hieß es in dem Bericht.

Als man das Bordtagebuch konsultierte, fand man wirre Einträge vor, welche von einem Geist erzählten, der die ganze Mannschaft umgebracht haben soll. Der letzte Eintrag lautete:

  1. Oktober 1809

Laut meinen Berechnungen, müsste ich morgen Plymouth erreichen. Gott steh mir bei, dass ich es noch erlebe! Ich habe seit drei Tagen nichts mehr zu mir genommen, weder Nahrung noch Wasser, aus Angst vor Torreau, dem Geist der Golden Eagle. Auch habe ich seit jener verhängnisvollen Nacht, in welcher meine ganze Crew vergiftet worden ist, kein Auge mehr zugetan.

Ich habe Angst, meinen Verstand zu verlieren und wahnsinnig zu werden, doch ich vertraue auf Gott, dass er mir hilft, das Schiff sicher zurück zu bringen, auf dass das Rätsel um das Verschwinden all dieser guten Männer gelöst werden kann.

Sollte ich diesen Tag nicht mehr erleben, hoffe ich, dass bessere Männer als ich, etwas aus diesen schrecklichen Vorkommnissen hier lernen werden.

Ich flehe sie an: Verbrennt dieses verfluchte Schiff, auf dass der unselige Geist seine Ruhe findet und nicht noch mehr unschuldige Seefahrer durch ihn zu Tode kommen.

#

Die Behörden glaubten dem Logbuch des verstorbenen Leutnants jedoch nicht und erklärten, er sei geistig verwirrt gewesen und die Mannschaft sei an einer Lebensmittelvergiftung ums Leben gekommen.

Der Besitzer der Golden Eagle, die Reederei M. B. Jones, ließ das Schiff wieder instand setzen und schickte es mit einer zehnköpfigen Besatzung und einem Laderaum voller Frachtgut zurück nach New York. Doch das Schiff sollte seinen Zielort nie erreichen …

UNTOT - LB

-ENDE-

Copyright © 2009 by Thomas Vaucher.

Erstmals erschienen im  „Seelords – Die Macht des Mondes“ Broschiert, 252 Seiten, Erschienen bei Welt der Geschichten, Juli, 2009, ISSN 1864-4880

Vaucher, Thomas – Autorenporträt

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Krüger, B./Krüger, K. (Hg.): Ich, Hans von Waltheym

Birte Krüger/Klaus Krüger (Hg.)
Ich, Hans von Waltheym Bericht über eine Pilgerreise im Jahr 1474 von Halle in die Provence Forschungen zur hallischen Stadtgeschichte,
Bd. 21 296 Seiten, geb., 148 x 210 mm, mit s/w-Abb.
ISBN 978-3-95462-367-9

Erschienen: November 2014

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Im Februar 1474 brach der Ratsherr Hans von Waltheym aus Halle an der Saale in Begleitung eines Knechts zu einer Reise auf, die ihn durch Süddeutschland und die Schweiz bis nach Südfrankreich führte. Erst nach über einem Jahr sollte er in seine Heimat zurückkehren. Die Erlebnisse unterwegs hielt er in einem Reisetagebuch fest, in dem er noch unterwegs die berührten Orte und Städte, Wirtshäuser mit Übernachtungsmöglichkeit, profane und geistliche Sehenswürdigkeiten notierte. Darüber hinaus notierte er Namen und Stand vieler Personen, mit denen er unterwegs in Kontakt kam. Ziel der Pilgerfahrt war das Heiligtum der Maria Magdalena in Saint-Maximin (Provence). Hier werden bis heute die Reliquien der Heiligen verehrt, die im Mittelalter als bekehrte Sünderin und Begleiterin Christi galt. Einer der längsten Abschnitte seines Berichtes ist Waltheyms Besuch bei dem „Lebenden Heiligen“ Nikolaus von Flüe gewidmet, der als Einsiedler in der Wildnis beim schweizerischen Kerns lebte. Diese sehr lebensnahe Schilderung, in der u.a. Aussehen und Verhalten des Eremiten detailliert beschrieben werden, stellt den vermutlich ausführlichsten zeitgenössischen Bericht über den berühmten „Bruder Klaus“ dar.

Ungewöhnlich an diesem Reisebericht ist der für die Zeit sehr persönliche Charakter der Darstellung. Waltheym äußert, weitgehend frei von Konventionen, seine eigenen Ansichten über das Erlebte. Dabei interessieren ihn sakrale, aber auch profane Legenden; er glaubt nicht nur an die Wundertaten der Heiligen, sondern auch an Drachen, Basilisken und andere Ungeheuer. Die Herausgeber bieten nach einer Einführung zur Reisebeschreibung eine parallele Ausgabe mit dem transkribierten Originaltext und einer hochdeutschen Fassung. Anmerkungen, ein Glossar, ein Itenear sowie ein Orts- und Personenindex ergänzen den Band, der sich sowohl an Wissenschaftler wie interessierte Laien richtet.

Die Herausgeber
Birte Krüger, geb. 1963, Studium der Geschichte in Moskau, 1987 Diplom. 1999 Ausbildung zur Beraterin für Public Relations in Heidelberg, anschließend Tätigkeit als PR-Beraterin in Frankfurt am Main, Leipzig und Merseburg. Dr. Klaus Krüger, geb. 1960, Studium der Geschichte, Germanistik, Ur- und Frühgeschichte in Kiel. 1994 Promotion, 2001 Habilitation in Jena für die Fächer Mittelalterliche Geschichte und Historische Hilfswissenschaften. Seit 2002 Leiter der Abteilung für Historische Hilfswissenschaften am Institut für Geschichte der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, seit 2009 apl. Professor.

Inhalt

Geleitwort…9
Vorwort…11
Einleitung…13
Transkription und Übersetzung des Reiseberichts…38
Itinerar…257
Glossar…261
Quellen und Literatur…263
Register…284 Geografisches
Register…284
Personenregister…290
Register der heilsgeschichtlichen und sagenhaften Personen…294

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UND NOCH EIN BUCHTIPP VON SCHRÄGEN TYPEN UND LÜGNERN, DIE IMMER MIT ALLEM DURCHKOMMEN, ZUR ABWECHSELUNG MAL AUS DER HEUTIGEN ZEIT:

Die gestohlene Schöpfung: Ein Märchen Broschiert – 29. April 2015

Broschiert: 240 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag;
Auflage: 4 (29. April 2015)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3257214030
ISBN-13: 9783257214031
Größe und/oder Gewicht: 11,1 x 1,7 x 18 cm

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Ein Märchen
›Die gestohlene Schöpfung‹, selbst eine Schöpfung, ist modernes Märchen, Actionstory und ›realistische‹ Geschichte zugleich; in diesem Buch wird viel gelogen, und gewiss hängt das damit zusammen, dass es von Geld handelt. Eine Geschichte, die die Welt mit Zuneigung zu betrachten versucht (sie macht einem das nicht leicht, diese Welt). Und eine Geschichte schließlich, die glücklich endet.

Mehr zum Inhalt
Urs Widmers neues Buch, ein modernes Märchen, ist zugleich eine gradlinig erzählte Actionstory, die sich, wenn man das Buch zuklappt, als eine Story auf schwankendem Boden erweist: Wer hat sie eigentlich erzählt? Wirklich der Ich-Held (ein Frankfurter Börsenspekulant)? Oder doch ein anderer (sein inniger Feind, Börsenmakler wie er)? Wäre dann die ganze Geschichte eine Schutzlüge, hinter der sich eine andere Wahrheit verbirgt? Oder was? In diesem Buch wird jedenfalls viel gelogen, und gewiss hängt das damit zusammen, dass es von Geld handelt. Eigentlich fängt es recht banal an (Börse, Konkurs, Liebesleid), wird dann aber zu etwas, was aus tieferen Schichten spricht (weiterhin der Oberfläche entlang erzählend) und zu tieferen. Die ›gestohlene Schöpfung‹, selbst eine Schöpfung, spricht ausdauernd von neuen Anfängen (kein Noah ist in ihr zugelassen), nur dass die Ursprünge, zu denen sie vorzudringen hofft, selber hoffnungslos korrumpiert scheinen. Oder ›sind‹ diese Schöpfungen, und der Bericht über sie ist korrumpiert? Eine ›realistische‹ Geschichte auch: erzählt aus dieser Welt heraus ohne formalen Aufwand. Eine, die die Welt mit Zuneigung zu betrachten versucht (sie macht einem das nicht leicht, diese Welt). Und eine schließlich, die glücklich endet. – Das Glück hat seinen Preis. Man darf nicht zu viel denken. Was man denkt, nicht begreifen. Und was man begreift, nicht spüren. Auf der Stelle würde es uns zerreißen.

Autor
Urs Widmer, geboren 1938 in Basel, studierte Germanistik, Romanistik und Geschichte in Basel, Montpellier und Paris. Danach arbeitete er als Verlagslektor im Walter Verlag, Olten, und im Suhrkamp Verlag, Frankfurt. 1968 wurde er mit seinem Erstling, der Erzählung ›Alois‹, selbst zum Autor. In Frankfurt rief er 1969 zusammen mit anderen Lektoren den ›Verlag der Autoren‹ ins Leben. Zuletzt wurde er für sein umfangreiches Werk mit dem Friedrich-Hölderlin-Preis 2007 der Stadt Bad Homburg ausgezeichnet. Urs Widmer starb 2014 in Zürich.

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