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DAS MÄDCHEN (Teil 2) – Leseprobe aus dem Fantasy-Roman “Der letzte Engel” von Zoran Drvenkar

DAS MÄDCHEN (Teil 2)

Leseprobe aus dem Fantasy-Roman

“Der letzte Engel”

von Zoran Drvenkar

(Zum vorherigen Teil)
Lazar sah die Gouvernante und das Mädchen zwischen den Klippen verschwinden und lud seine Armbrust nach. Er war nervös und er war vorher nie nervös gewesen. Die letzten vierzehn Jahre hatten ihn aus dem Gleichgewicht gebracht. Er war alt geworden und während dieser Pause in eine träge Passivität verfallen, und dann tauchte dieses Haus hier wie aus dem Nichts auf, und die Nervosität brach aus. Niemand hatte nach der langen Zeit damit gerechnet. Aber wirklich niemand.

Lazar versuchte, sich zu konzentrieren. Er spürte, dass sich sein Fokus zu verschieben begann. Konzentration. Es war nicht seine Aufgabe, der fliehenden Gouvernante und dem Mädchen hinterherzurennen. Er hatte sich um das Haus zu kümmern.

Also schickte er Tulli Marsden.

Tulli holte die beiden ein, bevor sie den Strand erreichen konnten. Die Gouvernante war ohne Bedeutung, sie hörte ihn nicht einmal kommen. Er trat ihr die Beine weg, sah sie zwischen die Klippen stürzen und im Meer verschwinden. Tulli hatte gedacht, das Mädchen würde automatisch stehen bleiben, sobald die Frau nicht mehr an ihrer Seite war.

Er hatte sich getäuscht.

Das Mädchen sprang wie eine Katze von Fels zu Fels und erreichte den Strand, lange bevor Tulli die Klippen runtergestiegen war. Ihr Nachteil war, dass Lazars Männer sich mit dem Terrain vertraut gemacht hatten. Tulli folgte einem Pfad zum Meer hinunter, umrundete die Bucht und schnitt so dem Mädchen den Weg ab. Er wartete geduldig hinter den Felsen, hörte ihre Schritte über den Sand näher kommen und bereitete sich darauf vor, sie zu überraschen.

Vier Tage bevor Mona durch Tulli Marsdens Hand sterben sollte, berührte sie das erste Mal eine Erinnerung und stieß damit die Tür auf, die Lazar und seine Söldner an diesen Küstenstreifen führen sollte.

Der Morgen hatte mit einem Schauer begonnen, dann kam die Sonne durch die Wolkenfront und spannte einen mageren Regenbogen über den Küstenstreifen.

Es war der richtige Tag für ein Abenteuer.

Mona und Jasmin versteckten sich seit dem Frühstück zwischen den Klippen. Sie hatten eine Wolldecke auf den Felsen ausgebreitet und konnten von ihrem Platz aus die Kormorane im Auge behalten. Seitdem es wärmer geworden war, schlichen die zwei Mädchen jeden Tag zu den Klippen und beobachteten den Nestbau und wie das Gerüst aus Ästen entstand und mit Seetang ausgelegt wurde. Letztes Jahr hatten sie gesehen, wie die Eier ausgebrütet wurden; dieses Jahr wollten sie eines stehlen.

Die Mädchen hatten gelesen, dass Kormorane in Japan fürs Fischen gezähmt wurden. Seitdem wollten sie eins der Eier selbst ausbrüten. Auch wenn keine von ihnen Fisch besonders mochte, stellten sie sich vor, was Stella für ein Gesicht machen würde, wenn plötzlich Tüten voller Fisch vor der Tür standen. Dummerweise schienen die Kormorane zu wissen, was die Mädchen planten – sie bauten seit drei Wochen an ihren Nestern, weigerten sich aber, Eier zu legen.

»Es gibt Blumen, die haben dasselbe Blau wie die Eier«, sagte Jasmin.

»Was für Blumen?«, fragte Mona und gähnte.

Zwei Stunden hockten sie hier schon und nichts geschah.

Jasmin hob die Schultern und meinte, sie hätte die Blumen bestimmt schon mal gesehen, sie wüsste nur nicht, wo das war.

»Erinner dich«, sagte Mona.

Jasmin dachte kurz nach und stellte mit einem dramatischen Seufzer fest, sie würde sich nicht erinnern. Mona lachte.

»Du hast dir ja nicht gerade viel Mühe gegeben«, sagte sie. »Ich könnte dich wieder hypnotisieren.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, kramte sie in ihrer Rocktasche und zog ein Pendel heraus. Seitdem Mona im Fernsehen einen Bericht über Hypnose gesehen hatte, war Jasmin ihr Versuchskaninchen. Das Pendel war ein in Alufolie gewickelter kleiner Stein, der an einem Bindfaden hing. Es gab für Jasmin nichts Langweiligeres, als auf dieses alberne Pendel zu starren, während Mona irgendwelche Sprüche vor sich hinmurmelte.

»Das ist langweilig.«

»Nur weil du immer einschläfst.«

»Nur weil du mit dem Ding vor meiner Nase rumfuchtelst.«

»Das ist kein Ding, das ist ein Pendel.«

»Das ist ein Stein in Alufolie, Mona.«

Sie grinsten sich an und wurden wieder still, sie schauten den Kormoranen zu, die taten, als wären die Mädchen nicht anwesend. Mona legte ihrer besten Freundin den Arm um die Schulter, sie lehnten aneinander, und genau da geschah es – Mona berührte ungewollt Jasmins Erinnerung und diese Erinnerung hatte rein gar nichts mit der Kindheit einer Zehnjährigen zu tun.

Sie waren weit weg von der Küste. Wind umwehte sie und brachte den Duft von satter Erde mit sich. Jasmin saß auf einem Pferd und schaute sich um und Mona folgte ihrem Blick – sie sah durch Jasmins Augen, sie hörte mit ihren Ohren und atmete mit ihr die Luft. Das Pferd stand auf einer Wiese, die mit blauen Blumen bewachsen war und an das Meer im Sommer erinnerte. Das ist also das Blau, an das sie sich erinnert hat, dachte Mona, als hinter der Anhöhe eine Frau angeritten kam und laut rief:

»Wo bleibst du nur?!«

Die Frau trug ein rotes Kleid, die Lederstiefel gingen ihr bis über die Knie, ihr Hals war mit nadelfeinen weißen Tattoos bedeckt. Auf halbem Wege beugte sie sich so weit aus dem Sattel, dass sie mit einer Hand durch das Blumenmeer streichen konnte. Die Blüten flogen durch die Luft, lila Pollen stob auf, aber Mona sah das nicht wirklich. Sie hatte nur Augen für die Flügel auf dem Rücken der Frau, die eng an ihrem Körper lagen, um dem Wind so wenig Widerstand wie möglich zu bieten. Als die Frau sich wieder aufrichtete, roch sie den Duft der Blüten an ihren Fingern und brachte ihr Pferd neben Jasmin zum Stehen.

»Schwester, sie warten auf uns«, sagte sie.

Im selben Moment wusste Mona ihren Namen.

Lisk.

Und sie wusste auch, dass sie Zwillingsschwestern waren.

»Dann lass sie warten«, antwortete Jasmin in einer Sprache, die Mona fremd war, dennoch verstand sie jedes Wort, und es wurde ihr warm im Bauch, als sie den Klang –

»Bist du eingeschlafen?«

Mona schreckte hoch, die Freundinnen lehnten aneinander und hatten die Köpfe auf den Felsen gelegt. Die Wiese, die Pferde und die Reiterin waren verschwunden. Jasmin gähnte. Mona bewegte den Mund, als könnte sie die fremde Sprache im Nachhinein schmecken. Sie wusste, sie hatte nicht geschlafen. Schlaf fühlt sich anders an, dachte sie und sagte:

»Ich war da. Ich glaube, ich war in deiner Erinnerung.«

Jasmin lachte.

»Ohne mich oder was?«

»Mit dir«, sagte Mona und erzählte von dem Pferd und der Frau mit den Flügeln.

»Tattoos?«, wiederholte Jasmin mit einer Spur Neugierde.

»Bis hierhin«, sagte Mona und malte eine Welle auf Jasmins Hals.

»Netter Traum.«

»Das war kein Traum.«

»Dann eben nicht. Aber wo auch immer du gewesen bist, da war ich noch nie.«

Jasmin schaute wieder zu den Nestern, ein Kormoran breitete seine Flügel aus und faltete sie wieder zusammen. Mona legte ihrer Freundin die Hand zwischen die Schulterblätter.

»Und was ist, wenn du mal Flügel hattest?«, fragte sie.

Jasmin stand auf. Sie hatte keine Lust auf dieses Spiel, was auch immer es für ein Spiel war. Sie wollte zurück zum Haus, die Kormorane würden auch morgen noch da sein.

»Kommst du?«

»Gleich«, antwortete Mona.

Jasmin ging vor, und Mona blieb sitzen und wunderte sich, ob es vielleicht Erinnerungen gab, die man selbst nicht kannte. Dann nahm sie einen Stein und warf ihn nach den Kormoranen. Die Vögel rührten sich nicht, denn auch das waren sie gewöhnt – zornige Mädchen, die Eier stehlen wollten und ungeduldig wurden. Der Stein verfehlte die Nester um gute zwei Meter und prallte mit einem klackenden Ton von den Felsen ab. Mona stand auf und war dabei, die Wolldecke zusammenzulegen, als sie die Blume sah. Sie hing zwischen den Falten und war ein wenig zerdrückt. Mona hob sie auf, ihr Duft war herb und kühl, als wäre die Pflanze in der Dunkelheit gewachsen. Jasmin hatte sich richtig erinnert, die Blüte hatte dieselbe Farbe wie die Kormoraneier. Falls wir diese bescheuerten Eier jemals wieder zu sehen bekommen, dachte Mona und verstaute die Blume in ihrer Rocktasche, um sie Jasmin später zu zeigen.

Erst gab es Mittagessen, dann hatte Mona sich mit Helen um den Gemüsegarten zu kümmern und am Nachmittag saßen die Mädchen vor einem Film und Mona vergaß die Blume völlig. Die Haushälterin fand sie am Abend, als sie die dreckige Wäsche einsammelte. Stella war es gewöhnt, Zettel, Steine, Bänder und Süßigkeiten in den Rocktaschen zu finden. Manchmal eine Vogelfeder oder eine Muschel. Aber nie Blumen.

Stella stutzte. Sie kannte die Pflanzen in diesem Landstrich und eine von dieser Art hatte sie noch nie gesehen. Auch wenn sie nur die Haushälterin war, hatte Stella eine Verantwortung für die Mädchen. Deswegen achtete sie auf Zeichen, deswegen war sie mehr als nur die Haushälterin.

Stella gab ihren Fund an die Hausherrin weiter, die den Gouvernanten vorstand und sich um die Verwaltung des Hauses kümmerte. Natalia Hakonson war sechsundvierzig Jahre alt, und bis zu diesem Tag kannte niemand ihre Geschichte, woher sie kam oder wer sie wirklich war. Das sollte sich sehr bald ändern.

Die Hausherrin rief Mona am Montagmorgen nach dem Frühstück zu sich und fragte, woher sie die Blume hätte. Mona sagte die Wahrheit, lügen kam ihr nicht in den Sinn. Sie erzählte, wie einfach es gewesen war, Jasmins Erinnerung zu berühren. Als Natalia Hakonson das hörte, lehnte sie sich auf ihrem Stuhl zu rück und war mehr als verwirrt. Nicht nur von Monas Geschichte, sondern auch von der Tatsache, dass sie die Blume gestern Nacht auf ihrem Schreibtisch liegen gelassen hatte, und jetzt war sie spurlos verschwunden. Das Büro war abgeschlossen gewesen, nichts sonst fehlte. Mona konnte sehen, wie der Hausherrin der Schweiß auf die Stirn trat. Zweimal ließ sie sich erzählen, was genau Mona in der Erinnerung erlebt hatte.

»Und du hast Jasmin einfach nur berührt?«

»Ich habe sie einfach nur berührt.«

»Zeig es mir.«

Mona verstand nicht. Die Hausherrin beugte sich vor und streckte dem Mädchen ihre Hand entgegen. Es war eine Einladung. Mona wurde rot. Sie stellte sich vor, wie sie die Hand berührte und nichts geschah. Und dann bin ich die Doofe, dachte sie und berührte die Hand. Nach wenigen Sekunden ließ sie los. Die Hausherrin wirkte enttäuscht.

»Es tut mir leid«, sagte Mona.

»Vielleicht musst du meine Hand länger halten.«

»Nein, es tut mir leid, dass du gehen musstest«, sagte Mona.

Natalia zog ihre Hand zurück. Sie saß da, als hätte ihr Mona ins Gesicht geschlagen.

»Was … Was genau hast du gesehen?«

»Ich habe nichts gesehen, ich war dort«, sagte Mona und erzählte von dem Jungen, dem sie in Natalias Erinnerung begegnet war. Sie erzählte von dem Hotel und dass es kein gutes Versteck gewesen sei. Mona sagte aber nicht, dass sie die Verzweiflung der Hausherrin körperlich gespürt hatte und dass Natalia Hakonson für eine lange Zeit so mutlos gewesen war, dass sie ernsthaft darüber nachgedacht hatte, sich umzubringen.

»Du wolltest helfen«, sagte Mona. »Deswegen bist du hier.«

Die Hausherrin starrte auf die Tischplatte, als würden ihre Gedanken dort verstreut liegen und darauf warten, geordnet zu werden.

»Mona, hör mir jetzt sehr gut zu«, sagte sie nach einer langen Pause und ohne aufzublicken. »Ich will, dass du mit niemandem über deine Gabe redest. Mit wirklich niemandem. Für eine Weile zumindest nicht. Versprichst du mir das?«

Mona versprach es ihr. Die Hausherrin sagte, das sei dann alles. Mona stand auf und wollte das Zimmer verlassen, sie blieb aber an der Tür stehen. Die Neugierde war einfach zu groß.

»Heißt er wirklich Motte?«

Die Hausherrin rührte sich nicht, sie war so erstarrt, dass sich Mona wunderte, ob ihre Gedanken jetzt vielleicht vom Tisch gerutscht waren und auf dem Boden lagen. Endlich blickte sie auf. Die Hausherrin hatte Tränen in den Augen, und Mona bereute es sehr, ihr diese Frage gestellt zu haben.

»Er heißt in Wirklichkeit Markus«, antwortete sie. »Aber der Name hat nie zu ihm gepasst.«

Mona wartete, ob da noch mehr kommen würde.

»Du kannst jetzt gehen.«

Mona schloss die Tür hinter sich, und als drei Tage später das Haus der Kormorane in Flammen aufging, ahnte niemand von den Bewohnern, dass die Farbe einer Blume der Auslöser dafür war. (…)

(Zum nächsten Teil)

Copyright (C) 2012 by Zoran Drvenkar. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Atoren und des cbj/cbt Bertelsmann-Jugendbuchverlag

Bildrechte: “Waffentod – Im Meer der Zeiten” (Waffentod41.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildrechte: “Sagen” (Zeichnung-Sagen.jpg) © 2013 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Wer wissen möchte, wie die Geschichte beginnt und wie sie auch endet, kann über die beigefügten Bestellinks oder mit Klick auf das Buchcover den Titel bestellen! Anbei zur Orientierung noch zwei Buchrezensionen:

Zoran Drvenkar
Der letzte Engel

cbj, 2012
ISBN 978-3-570-15459-5
Fantasy, Thriller, History, Jugendbuch
Hardcover mit Schutzumschlag
Umfang 448 Seiten
Umschlaggestaltung: Zeichenpool, München
Das abgebildete Cover zeigt das unkorrigierte Vorab-Exemplar

www.cbj-verlag.de
www.drvenkar.de
www.randomhouse.de

Titel erhältlich bei Amazon.de
Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de
Titel erhältlich bei Libri.de

Vorwort:

„Motte“, der eigentlich Markus heißt, bekommt eine anonyme E-Mail mit folgendem lapidaren Inhalt:

sorry für die schlechte nachricht
aber wenn du aufwachst, wirst du tot sein
wir wollten nur, dass du das weißt

Dieses Zitat aus dem Roman hat genügt, um meine Neugier anzufachen. Ich war sehr gespannt auf den Werkstattband (und wurde nicht enttäuscht), den wir im sfbasar vor Kurzem vorgestellt haben, dazu ein kleines Interview mit dem Autor. Hier der Link für diejenigen, welche diesen Beitrag vielleicht übersehen haben: http://sfbasar.filmbesprechungen.de/fantasy/zoran-drvenkar-der-letzte-engel-%e2%80%93-werkstattband-und-interview/

Zum Titel:

Wenn man kein gläubiger Mensch ist, tut man sich schwer, an mystische Wesen wie Engel zu glauben. Noch mehr, wenn man ein Teenager von 16 Jahren ist und einem alles Mögliche durch den Kopf geht und das Interesse an Religion, den Tod und Engel – sagen wir mal – gering bis praktisch nicht vorhanden ist. Da ist der Schock, dass es Engel wirklich gibt, enorm. Noch viel mehr, wenn man feststellt, dass man selbst zum Engel geworden ist, komplett mit Flügeln. Nun ja, komplett trifft es nicht ganz: Motte vermisst seine männlichen Geschlechtsteile, schließlich sind echte Engel weder Mann noch Frau.

Doch das ist nicht sein einziges Problem. Motte wird gejagt und weiß nicht von wem und warum. Und auch sein wirklich trauernder Vater verhält sich seltsam: Motte belauscht – tot, wie er ist – ein Telefonat, in dem sein Vater jemandem vorwirft, dass sein Sohn 3 Jahre zu früh gestorben sei. Dad hat also damit gerechnet, nein, erwartet, dass Motte im Alter von 19 Jahren stirbt?

Natürlich ist das nur der Auftakt zu einer Reise durch die Welt … und längst vergangene Zeitalter. Zwei Gruppen zeigen mehr Interesse an Motte, als ihm lieb sein kann. Zum Einen ist da „Die Bruderschaft“, die mordend und brennend durch viele Länder der Erde zieht und besondere Häuser heimsucht, dort alle Bewohner massakriert und dann die Flammen die Spuren verwischen lässt. Zum Anderen „Die Familie“, welche bemüht ist, sich dem Zugriff der Bruderschaft zu entziehen und seit zwei Jahrhunderten ein Ziel verfolgt, dass ein Christ wohl befürworten würde … und das ich hier nicht verrate.

Mein Eindruck:

Ich möchte hier an dieser Stelle den weiteren Verlauf der Handlung nicht vorwegnehmen, aber so viel sei gesagt: Es gab in den letzten Monaten nur wenige Bücher, die mich gleichermaßen gefesselt haben. Und das meine ich wörtlich. Ich bin kein besonders schneller Leser, aber „Der letzte Engel“ habe ich innerhalb von zwei Tagen verschlungen.

Am Anfang sind die beiden sich abwechselnd verwendeten Schreibstile Gegenwart und Vergangenheit verwirrend, zumal sie aus der Sicht der verschiedenen Protagonisten die Handlung zeigen. Dazu kommt noch, dass der Autor häufig Zeitsprünge nach vorn und hinten vollführt, die manchmal Stunden, manchmal Jahre auseinanderliegen können. Erst nach und nach verdichtet und klärt sich, was eigentlich passiert. Und das ist nach dem ersten Drittel wirklich suchterzeugend. Also nicht gleich die Flinte ins Korn werfen, sondern unbedingt dranbleiben!

Den besten Satz, den ich in dem Buch gelesen habe, war auch der Letzte: „Ende vom ersten Buch“. Und was Drvenkar auf der letzten Seite angedeutet hat, lässt mich nur zu dem Schluss kommen, dass der zweite Band mindestens genauso spannend wird wie dieser erste Teil.

Nachwort:

Es ist ein seltsames Gefühl, ein „unkorrigiertes Vorab-Exemplar“ zu lesen. An manchen Stellen fragt man sich: „Bleibt das so oder wird das noch geändert?“ Über kleinere Tippfehler sieht man hier jedoch eher hinweg, als bei einem fertigen Buch, das dann einfach einen schlampig gemachten Eindruck hinterlässt. Nachdem der Verlag cbj allerdings sogar ein Hardcover mit Schutzumschlag auflegt, dürften in der Endfassung sicher alle Kleinigkeiten ausgemerzt sein.

Copyright © 2012 by Werner Karl

… und noch eine Rezension:

Zuerst schenkt Motte der mysteriösen E-Mail keinen Glauben, die seinen baldigen Tod prophezeit. Doch zu vorrückender Stunde wird er zunehmend nervöser. Schlussendlich beschließt er einfach nicht zu schlafen, so kann er ja auch nicht am nächsten Morgen tot sein. Doch Motte verliert den Kampf gegen den Schlaf und schläft beim Lesen eines Comics ein. Am nächsten Morgen erwacht er – leider tot. Kein Puls mehr und mit nichts bekleidet als Boxershorts. Außerdem wachsen seltsame flügelähnliche Gebilde auf seinem Rücken. Motto muss mit erschrecken feststellen, dass er nun ein Engel ist. Auch eine weitere Erkenntnis erschüttert ihn bis ins Mark: Er hat seinen Körper auf seinem Bett zurückgelassen und für seinen Vater ist er unsichtbar. Dieser nimmt die Nachricht von seinem Tod anders auf, als Motte das vermutet hätte, fast erscheint es so, als hätte er seinen Tod erwartet.

Zu seinem Glück kann ihn wenigstens sein bester Freund sehen, den er leider ziemlich schnell aus den Augen verliert. Als dieser Motte dann wiederfindet, ist es für den Engel schon fast zu spät …

Fazit

Die ersten paar Kapitel waren zugegebener Maßen gewöhnungsbedürftig. Schnelle Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit und zwischen den Perspektiven aus denen erzählt wurde, überforderten den Leser, der sich auf eine leichte Kost im Sinne des Jugendromans eingestellt hatte. Hatte man sich jedoch erst einmal an diese recht ungewöhnliche Handhabung des Handlungsstrangs gewöhnt, ließ einen das Buch nicht mehr los und das, obwohl der Autor einen recht neutralen Schreibstil an den Tag legt. Streckenweise kam es einem schon vor, als würde man einen Bericht lesen und nicht einen Roman. Dies dürfte vor allem männliche Leser begeistern, die mit dem zugegebenermaßen gefühlsbetonten Schreibstil von Frauen wenig anfangen können. Wem der Schreibstil nicht liegt, den entschädigt die Handlung um so mehr, schnell wird einem klar, dass hier literarische und gesellschaftliche Grundmotive gut verpackt wurden.

Schnell findet man sich mitten in einem Machtkampf der verschiedenen Glaubenssysteme wieder, ohne sagen zu können, wer den nun “richtig” liegt. Dies macht die ganze Geschichte sehr realistisch, beschäftigt doch die Frage nach dem “richtigen” Glauben die gesamte Welt. So verschwimmen in der Geschichte sehr schnell die Grenzen zwischen gut und böse, richtig oder falsch, der Rettung der Welt und der Herbeiführung ihres Untergangs. Der Roman macht auf jeden Fall Lust auf mehr und ich bin schon sehr gespannt, wie es im Fortsetzungsband weitergeht.

Ein Roman, der einen bis zur letzten Seite überraschen und fesseln kann.

Copyright © 2012 by Yvonne Rheinganz

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Updated: 29. Juni 2013 — 12:40

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