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Literatur-Blog

DAS LETZTE LIED – Eine Kurzgeschichte von Chiara Kaiser

DAS LETZTE LIED

Eine Kurzgeschichte

von

Chiara Kaiser

Kennt ihr das Gefühl einen richtig guten Chor zu hören?
Der Moment indem sich die verschiedenen Stimmen Sopran, Alt, Tenor und Bass zu einem vielstimmigen Lied erheben. Wenn sie miteinander zu sphärischen Klängen verschmelzen, untrennbar voneinander und in perfekter Harmonie? Habt ihr je die kalten Schauer gespürt, der so ein Gesang hervorruft und der wohltuende Friede, der sich in einem ausbreitet?

Ich hoffe es für euch.
Nur ist das in meinem Fall ein Fluch.

Als ich geboren wurde bemerkten sie es nicht. Babys können ja nicht viel mehr als schreien und atmen. Meine ersten Worte aber riefen kein Entzücken hervor, ich war meinen Eltern von Anfang an unheimlich. Meine Stimme ist meine stärkste Waffe und mein größter Feind zugleich. Wenn ich jemand um etwas bitte, kann dieser es mir nur schwer abschlagen. Ich könnte einem Gott Befehle geben und er würde gehorchen, ohne zu zögern.
Sie sind alle meine Marionetten.

Meine Stimme säuselnd-sanft oder peitschend-laut, gehorcht nur mir. Meine Stimme ist vielstimmig. Ich vereine den dunklen Bass, den hellen Tenor, den sanften Alt und den glasklaren Sopran. Ich spreche mit der Stimme tausender. Als immer klarer wurde, dass ich anders war, wurde ich abgegeben. Deshalb habe ich das Tageslicht nicht mehr gesehen seit ich fünf Jahre alt war. Ich bin das begnadetste Versuchsobjekt des Forschungsinstitutes PK, Personenkontrolle.

Darf ich mich vorstellen: Mein Name ist Klang.

Ich sitze jeden Tag in meiner 10×10 Meterzelle, ausgelegt mit Dämmplatten, damit mein Klang nicht nach außen dringt. Klangs Klang. Lustig nicht wahr? Meine Stimme sickert dennoch durch alle Ritzen, schleicht durch alle Türen und tritt, wenn ich es will, alle Wände ein. Daher tragen alle Mitarbeiter und forschungsleitende Doktoren zusätzlich schalldämpfende Kopfhörer. Ich musste singen, musste lachen, weinen, schreien, sprechen. Ich habe es mit mir machen lassen, weil ich ebenfalls Gewissheit über mich wollte. Doch sie haben nichts herausgefunden. Für sie bin ich nichts weiter, als ein höchst interessantes Forschungsobjekt, ein Kuriosum.

„Du bist kein Kuriosum. DU bist ein Monster, Klang.“

Meine Augen schwirren einen Moment herum und treffen auf die eisblaue Iris von Gabriel. Der junge Hilfswissenschaftler starrt mich mit hasserfüllten Augen an. Ich muss schlucken und wage es nun nicht mehr den Blick zu heben. Seine Stimme ist ganz leise und dennoch so klar verständlich, als würde sie jedes andere Geräusch eliminieren. Vielleicht empfinde ich aber auch nur deshalb so, weil ich seit ewigen Zeiten mal wieder direkt angesprochen werde. Worte, nur für meine Ohren bestimmt. Ich könnte singen vor Freude.

„Tu das bloß nicht!“
Gabriel stöhnt leise auf und läuft dann wie ein Tiger in seiner Zelle auf und ab. Ich zucke zusammen, denn ich habe keinen Laut von mir gegeben.
„Ja und das tust du auch besser nicht!“ keift er mich an. Nun begreife ich. Gabriel Nimúnd ist ein Gedankenleser.

Er starrt mich verbittert an. Ich starre zurück. Mit einem Mal bricht er in Tränen aus.
„Ich höre dich immer, verstehst du? Immer zu, jeden Tag, 24 Stunden lang. Deine Stimme hallt in meinen Gedanken nach. Du sagst nichts, aber selbst deine Gedanken singen. Ich höre die Melodie deiner Gedanken, diese unheimliche Musik, dieses beständige Rauschen, die ganze Zeit. Ich ertrage das nicht mehr Klang.“
Er jault beinahe, wie ein verprügelter Hund. Dann spricht er weiter. „Du klebst an mir. Du klebst an mir wie eine Zecke, wie ein Ohrwurm der nicht mehr vergeht. Ich fühle mich so unglücklich, wenn du aus meinem Radius verschwindest, wie eine Blume der man zu lange kein Wasser mehr gegeben hat, schwinde ich, wenn ich dich nicht mehr hören kann. Ich bin abhängig geworden.“ Er tritt auf mich zu, kniet sich vor mich hin und seine Augen fressen mich auf. Aber noch mehr zerrt seine Stimme an mir, als er sagt: „Und das passt mir nicht.“

Da begreife ich. Er lächelt emotionslos, als er meine Gedanken vernimmt.

„Ja Klang.“ wispert er leise. „Du hast begriffen.“ Dann huscht ein Schatten über sein Gesicht und die Melodie seiner Stimme verändert sich, bekommt dunkle Flecken, wie Tintenspritzer auf einem weißen Blatt Papier. Empfindet er etwa Reue?
„JA! Natürlich tue ich das! Ich muss so etwas Wundervolles wie dich vernichten!“ Er seufzt nochmal und Tränen kommen aus seinen Augen, fließen über sein Gesicht und verschwinden dann zwischen seinen schmalen geschwungenen Lippen. Die Lippen eines Sängers, wie ich finde.

„Sing für mich Klang, ein letztes Mal.“  Damit die Sensoren in meiner Zelle nicht anspringen und meinen Gesang auf ein Tonband übertragen, beschließe ich in Gedanken für ihn zu singen. Er lächelt. „Ja, da ist eine gute Idee.“
Dann sieht er mich an. „Wie eine Sirene hast du mich ins Verderben gesungen. Ich kann nicht essen, nicht schlafen, nicht mehr denken ohne dich.“ Dann steckt er die Hand in seine Tasche und zieht ein Messer hervor. „Ich kann nicht mehr leben ohne dich, deshalb habe ich beschlossen, dich aus meinem Leben zu nehmen.“ Er sieht mich an und seine Augen scheinen in meiner abgedunkelten Zelle zu strahlen, wie kalte glatte Spiegel.

„Was möchtest du hören?“ Er zuckt zusammen, als ich ihn anspreche. Dann fasst er sich wieder und sagt mit einer Stimme, brüchig wie Reispapier: „Ein Wiegenlied.“  Ich entsinne mich eines keltischen Schlafliedes aus grauer Vorzeit und beginne es in meinen Gedanken zu singen. Ich beginne mein Konzert ganz leise, steigere mich dann und lasse am Schluss die ganze Kraft, die ganze brachiale Gewalt meiner Stimme aus mir hervorbrechen. Ich lasse die Bässe Töne so tief wie den Ozean anschlagen und lege das hohe Trillern meines Soprans darüber. Ich schließe die Augen und gebe mich ganz meiner Vorstellung hin.

Als ich im letzten Drittel bin, stippt die Messerklinge einmal ganz sachte gegen den Boden. Ich halte den letzten Ton und spüre dann, wie sich ein kaltes Feuer durch meine Kehle und meine Stimmbänder frisst.

Und dann verklingt mein letztes Lied.

ENDE

Copyright © 2012 by Chiara Kaiser

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “20110114102519-b526e240-Mutanten100-minus180-minus20jpg.jpg(Original: 20110114102519-b526e240.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

Bildrechte: Coverillustration “Mutanten” (Mutanten6.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Kaufempfehlung der Autorin:

Nowak, Janika
Das Lied der Banshee

Roman

Verlag :      Droemer Knaur
ISBN :      978-3-426-28339-4
Einband :      gebunden
Preisinfo :      14,99 Eur[D] / 15,50 Eur[A]
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 18.10.2011
Seiten/Umfang :      480 S. – 20,5 x 12,5 cm
Produktform :      B: Einband – fest (Hardcover)
Erscheinungsdatum :      10.01.2011
Aus der Reihe :      Kinder der Götter 1

Aileen ist siebzehn Jahre alt und führt ein ganz normales Leben. Das ändert sich schlagartig, als sie eines Abends von vier bulligen Kerlen überfallen wird. Irgendwie übersteht sie die Situation unbeschadet – nur wie? Hat es etwas mit diesem merkwürdigen Schrei zu tun, den sie instinktiv ausgestoßen hat? Am liebsten würde Aileen die ganze Sache vergessen, doch weder ihre unverwüstliche Sturheit noch ihre frechen Sprüche können verhindern, dass sie sich plötzlich in einer Welt voller Magie und Gefahr wiederfindet …

Janika Nowak lebt in Hamburg und arbeitet dort als freie Texterin. Sie interessierte sich schon als Kind für Mythologie und hat sich seitdem ein umfangreiches Wissen über die europäische und asiatische Sagenwelt angeeignet. Diese Kenntnisse lässt sie nun in ihren ersten phantastischen Roman „Das Lied der Banshee“ einfließen. Janika Nowak arbeitet bereits an einer Fortsetzung.

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Updated: 5. Dezember 2014 — 08:01

15 Comments

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  1. Mein Buchvorschlag wäre:

    -Leena Lehtolainen: Alle singen im Chor
    Maria Kallios erster Fall
    978-3-644-40831-9

  2. Rowohlt ist auf der Schwarzen Liste was Gewinnspiele angeht, bitte einen anderen Titel, die zur Story passt, nennen!

  3. Du hattest vergessen den Titel in Grossbuchstaben zu schreiben. Das Copyright unter der Story fehlte. Du hast vergessen deinen Namen bei den Schlagwörtern anzuklicken. Es fehlten die Häckchen bei Autorenwerkstatt und Storys und Phantastik. Habe das alles mal nachgetragen!

  4. Neuer Buchvorschlag:

    Peter Brand: Todesvirus aus der Eiszeit
    ISBN:978-3-941930-03-2
    Asaro-Verlag

  5. Liebe Chiara, Titel vor 2011 machen keinen Sinn, denn wir wollen dem jeweiligen Verlag ja vorschlagen ein Gewinnspiel zu dem Buch bei uns zu machen. Bei einem Titel von 2009 wird der Verlag nur schwerlich davon zu überzeigen sein, dass das irgendeinen Sinn für ihn macht.

  6. Dürfte ich einen Ersatztitel vorschlagen? :
    Das Lied der Banshee von Janika Nowak erschienen 2011 im PAN-Verlag

  7. Was meinst du, Chiara? Wollen wir Little-wonnis Vorschlag nehmen?

  8. Ist gut.

  9. Was hat denn das tolle Bild zu bedeuten?

  10. Das Original ist das Cover für die Anthologie mit Themenschwerpunkt „Mutanten“! Siehe auch: http://sfbasar.filmbesprechungen.de/wp-content/uploads/20110114102519-b526e2401.jpg Ist aber noch in Planung!

  11. Buchtipp ist drin, mal anschauen!

  12. Passt.

    Danke Detlef und Little_wonni!

  13. Hallo Chiara Kaiser,
    im Entwurf für die Mutanten-Anthologie steht Das letzte Lied bereits im Inhaltsverzeichnis. Ich vermute mal, es hat schon Vorgespräche mit Detlef gegeben. Hier nun die offizielle Anfrage, ob die Geschichte da rein darf/kann. Freischalten werde ich die Mutanten-Antho-Seite wohl erst in ein bis zwei Wochen.
    Gruß
    Martin

  14. Chiara, habe die Story nochmal gelesen und finde sie immer besser! Gibt es eine Fortsetzung? 🙂

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