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DAS KOMITEE – Leseprobe (Teil 1) Roman von Neal Asher (sfb-Preisträger “Beste Leseprobe Herbst 2014” – geteilter Preis!)

DAS KOMITEE

Leseprobe (Teil 1)
Roman
von
Neal Asher

Für all die Leser da draußen – die Stillen,
diejenigen, die im Internet Hallo sagen,
und jene, die verlangen, ich solle schneller schreiben!

Das Volk regiert

In den frühen Jahren des einundzwanzigsten Jahrhunderts ersetzten Internet-Blogs und Newsgroups die langsamen, dem Untergang geweihten und politisch einseitig ausgerichteten Zeitungen. Während die Internettechnik benutzerfreundlicher wurde, fügten sich Fernsehnachrichten in sie ein, um zu überleben, und entzogen sich damit ebenfalls der politischen Kontrolle. Die Politiker arbeiteten jedoch fleißig daran, die führenden Blöcke der Nationen zu einem kohärenten und repressiven Ganzen zu fügen. Ihr Zugriff auf das alltägliche Leben der Menschen verstärkte sich zusehends, da die Staaten das Internet immer mehr überwachten, zensierten und erstickten. Somit schweiften die Meldungen der führenden Nachrichtenkanäle nur selten von den zugestandenen Bahnen ab. Die Nachrichtensendungen dienten aufs Neue den Verlautbarungen der führenden Parteien oder übermittelten zu hundert Prozent die Inhalte der Boulevardpresse. Die fünfundzwanzigste Marsmission erhielt im Jahr 2124 natürlich eine Menge Sendezeit, als der damals schon leicht antiquierte Mars Traveller VI am Mars vorbeischoss, um innerhalb des Asteroidengürtels ausgeschlachtet zu werden. Das Fusionstriebwerk wurde ausgebaut und an einem Asteroiden montiert, der fast gänzlich aus Metall bestand, um ihn auf eine erdnahe Umlaufbahn zu feuern. Zu jener Zeit vergeudeten die Nationen der beiden führenden politischen Blöcke zunehmend individuelle Befähigung an eine riesige, korrupte und enorm verschwenderische Zentralregierung. Was also keine Erwähnung zu den Hauptsendezeiten fand, das war der Umstand, dass die Finanzierung weiterer Marsmissionen gestoppt worden war, da die immer mehr ausufernde Bürokratie dessen, was sich zum Komitee entwickelte – einer totalitären Weltregierung – immer mehr Ressourcen der Welt verschlang.

Die Genbank hockte neben der Leuven-Einschienenbahn: ein fetter, einen halben Kilometer hoher Zylinder am Rand der von der Regierung beanspruchten Subcity, die 90 Prozent des Großraums Brüssel umfasste. Bedingt durch ihren vorgeblich unpolitischen Zweck wurde der Bank kein Wachpersonal der Aufsichtsbehörde zugestanden – und ihr Sicherheitssystem bestand aus altmodischen Handflächen- und Netzhautscannern. Sollte hier jedoch ein Problem auftreten, konnte die Aufsichtsbehörde innerhalb von Minuten eine Einheit Vollstrecker zu der Einrichtung schicken. Während Alan Saul in seinem gestohlenen Fahrzeug an stark bevölkerten Gehwegen entlangglitt, bemerkte er, dass außerdem noch andere, furchterregendere Sicherheitskräfte die Umgebung patrouillierten.

Die drei gewaltigen Hirten schritten hinter der Genbank hervor, als er gerade auf eine Gleitbahn bog, die zum Parkplatz des Personals hinaufführte. Die bedrohlichen Maschinen bestanden aus glänzendem Metall und weißem Plastik. Jede von ihnen ruhte auf vier Spinnenbeinen, deren Kniegelenke einen Meter weit über die an Zecken und umgedrehte Tränentropfen erinnernden Rümpfe aufragten. Saul sah, dass zwei der Maschinen ihre Aufruhr-Bekämpfungswaffen unter den glatten Bäuchen ordentlich zusammengefaltet hatten, während eine einen Mann mit den Hafttentakeln gefesselt hielt, dessen Arme und Beine schlaff herabhingen. Offenkundig waren die Roboter auf dem Rückweg von einem Hungeraufstand, und die betreffende Maschine hatte den gefangenen Umstürzler noch nicht an die Aufsichtsbehörde übergeben. Die Roboter schritten weiter und verschwanden aus Sauls Blickfeld, wobei sie behutsam durch die Menschenmenge staksten.

Saul lenkte seinen Wagen an die Zufahrt zum Parkplatz und hielt dabei das Lenkrad fest umklammert. Die Frau, der der beschissene alte Ford Hydrovane zugeteilt war – so etwas wie Privatbesitz existierte in der Neuen Weltordnung nicht -, war krankgeschrieben und lag sterbend in einem All-Health-Hospital, nachdem sie sich beim Einsatz eines Verhütungsimplantats mit einem multiresistenten Staphylokokkus Typ 6 infiziert hatte. Saul rechnete also vorläufig nicht mit Schwierigkeiten, aber der Anblick der Hirten hatte ein Loch in seine Gelassenheit gebrannt. Die Zufahrtskamera las den Strichcode im unteren Winkel der Windschutzscheibe ab, ehe sie das Signal sendete, das Messermaschentor zu öffnen. Er fuhr hindurch, schaltete die Turbine ab, packte seine Sporttasche und legte eine kurze Pause ein, um einfach nur zu atmen und die Anspannung im Bauch zu lockern.

Nachdem er wieder ein wenig Mut gefasst hatte, stieg er aus dem Wagen und ging in lässigem Tempo zur Eingangstür, wobei er seine Umgebung im Auge behielt. Die Messermaschenzäune, die die Einrichtung umgaben, schienen kaum nötig, denn nur wenige Menschen waren davor versammelt. Sie zeigten keine Neigung, hier eindringen zu wollen; vielmehr hatten sie einfach nur ihr Lager auf einer verlassenen Baustelle aufgeschlagen. Sie schienen erpicht, eine Art Feldfrucht auf einem Stück Erdboden zu züchten, wo der Textilbeton aufgerissen und der Erdboden darunter zum Vorschein gekommen war. Kein ungewöhnlicher Anblick, denn viele mittellose Bürger waren stets auf der Suche nach einer Möglichkeit, sich die Bäuche zu füllen.

Auf dem Parkplatz kündeten gedrungene Nadelbäume, die aus kleinen Inseln freien Erdbodens zwischen den Fahrzeugreihen wuchsen, von einem der vielen Erfolge der Genbank. Sie gehörten einer vor zehntausend Jahren ausgestorbenen Art an, wiederbelebt durch DNA aus den mumifizierten Eingeweiden eines Riesenfaultiers aus den La-Brea-Teergruben. Das war ein Erfolg, der sich unter der Regierung des Komitees niemals wiederholen würde. Nachdem inzwischen eine der zahlreichen Fokus- oder Bewertungsgruppen des Komitees sie anscheinend als Ressourcenverschwendung eingestuft hatte, schwärzten die Führer der Erde die Genbank öffentlich an. Da die Verlautbarung jedoch vor allem für die Öffentlichkeit gedacht war, fand Saul, dass der wahre Grund etwas Komplizierteres sein musste.

An der Eingangstür zum Gebäude trat er vor den Netzhautscanner und hielt einen Augenblick lang still, während der rote Laser flackernd sein rechtes Auge abtastete. Der Bildschirm des Handflächenlesers leuchtete als Nächstes auf, also legte er die rechte Hand darauf und wartete auf zustimmendes Piepen. Die Prozedur schien ein bisschen zu lange zu dauern, und er spürte, wie ihm allmählich Schweiß auf dem Rücken kribbelte. Vielleicht war Janus noch nicht durchgedrungen, das Komlebewesen, das er von außen ins Sicherheitssystem überspielt hatte, oder seine künstliche Iris litt an einer Störung, oder vielleicht hatte er versehentlich etwas von der multirefraktiven Nanohaut über der Handfläche abgeschabt – jener Beschichtung, die jeweils die Werte in den Scanner reflektierte, nach denen dieser suchte. Oder vielleicht hatte ein Röntgenscanner, von dem er nichts wusste, den Inhalt der Sporttasche identifiziert. Aber nein, mit einem Klicklaut öffneten sich die Schlösser. Die grüne Lampe ging an, und er schob sich durch die Drehtür. In der Eingangshalle kühlte die Klimaanlage den Schweiß in seinem Gesicht, und er wusste jetzt ganz genau, was geschehen war: Selten benutzte Sicherheitsverfahren waren erneut aktiviert worden, weil jemand Wichtiges seinen Besuch angekündigt hatte. Das hatte die Dinge ein klein wenig verzögert.

Während er kurz stehen blieb, um sich ein Namensschild mit Strichcode anzuheften, sah er sich um. Zahlreiche Topfpflanzen reihten sich entlang der Wände, verbunden mit einem Leitungssystem zur Versorgung mit Wasser und Nährstoffen. An einer davon stand aufgerichtet der eiserne Tausendfüßler eines Agrobots, der mit den Vordergliedmaßen totes Material wegschnippelte, um es sich ins Maul zu stopfen, im Körperinneren zu mulchen und in der Folge zu fermentieren, ehe er es wieder in die Töpfe schiss. Da Saul notwendigerweise ein großes Interesse an der sich ausbreitenden Roboterbevölkerung des Planeten entwickelt hatte, wusste er, dass mikroskopische Manipulatoren an den Spitzen der Gliedmaßen des zweiten Sets selbst die kleinsten Schädlinge von der Pflanze pflückten, dass Pin-Laser Pilzbefall herunterbrannten und mikroskopische Sprühköpfe an der Körperunterseite des Agrobots mit sehr spezialisierten Fungiziden und Insektiziden alles aufs Korn nahmen, was noch zurückgeblieben war. Aber selbst eine solche Technik hatte es auf den noch brauchbaren Nutzflächen seit dreißig Jahren nicht mehr geschafft, ausreichend Nahrung zu produzieren.

Türen öffneten sich hinter Saul.

Saul drehte sich um und sah eine Frau eintreten, die stehen blieb und abwartete, bis ihr männlicher Begleiter die Sicherheitskontrolle durchlaufen hatte und ihr folgen konnte. Beide wirkten gedrückt und wie alle Menschen, von den obersten Regierungsbeamten mal abgesehen, zerlumpt und erschöpft, mit schmalen Gesichtern und dunklen Schatten unter den Augen. Sie ignorierten Saul, während sie eilig Kurs auf die Büros nahmen – Empfangspersonal, das sehr gut wusste: ein Besuch stand bevor, durch den die Einrichtung vermutlich geschlossen und das Personal auf die Straße gesetzt werden würde. Ein Schicksal, das die Menschen vielleicht nicht überlebten.

Sobald die beiden außer Sicht waren, drückte sich Saul eine Fingerspitze an die Schläfe und rief ein Menu in seiner Iris auf. Es erschien als kleines Bildschirmfenster, das scheinbar seitlich vor ihm schwebte. Er fuhr mit dem Finger daran herab, traf mit einem weiteren Druck der Fingerspitze seine Auswahl und suchte weiter. Die Hautnerven an der Schläfe waren mit dem im Knochen darunter implantierten Prozessor verbunden und funktionierten wie eine präzise abgestimmte Computermaus. Endlich fand er die Baupläne für das Gebäude; das Schaubild erschien in einem großen, eckigen virtuellen Fenster, das scheinbar wenige Schritte vor ihm aus dem Boden emporwuchs. Nachdem er sich den Grundriss noch einmal angesehen hatte, schaltete er das Ding ab und ging rasch zu einer nahen Fahrstuhlreihe hinüber, wo er eine Kabine hinab ins Untergeschoss nahm.

Als er den Fahrstuhl verließ, jagte ihm ein unmittelbarer Temperatursturz einen Schauer über den Rücken. Vor ihm erstreckte sich ein langer Flur, dessen Türen sich zu Mapping-Räumen öffneten, von denen man wiederum Zugriff auf den Hauptvorrat aus tiefgefrorenen Zylindern mit den DNA-Proben erhielt, die auf die Kartografierung warteten. Rechts von Saul endete ein kurzer Flur an einer Tür, durch die man Zutritt zur Kombination aus Bibliothek und Kontrollzentrale erhielt. Saul öffnete seine Sporttasche, nahm einen bestimmten Gegenstand heraus, schritt hinüber, öffnete die Tür und trat ein.

Aiden King saß an einer Konsolenbank. Auf einem großen Display darüber liefen Grafiken, die den Fortgang des Mappings wiedergaben. Ein Fenster zeigte etwas, woran er vermutlich gerade arbeitete – eindeutig eine Art Präsentation. Hinter ihm befand sich die Tür zu einer Personaltoilette, daneben ein Automat mit den von der Lebensmittelagentur genehmigten Getränken, zuckerarmer Schokolade und in Plastik gewickelten Sandwiches.

Saul blickte zu einer Überwachungskamera weit oben an der Wand hinauf, aber falls Janus sich noch nicht darum gekümmert hatte, war es jetzt zu spät. King machte gerade Pause und aß ein grau aussehendes Sandwich, wobei er die Füße auf der Konsole liegen hatte. Abrupt senkte er sie auf den Fußboden, warf das Sandwich auf den Teller zurück und setzte sich aufrecht hin.

„Bürger Avram Coran?“, fragte er, offensichtlich überrascht. Der Assessor der Aufsichtsbehörde wurde erst in einer halben Stunde erwartet, aber es kam vor, dass Vertreter des Staates frühzeitig erschienen und damit loslegten, ihr Gewicht in die Waagschale zu werfen.

„Er ist noch nicht da“, entgegnete Saul sanft und ging auf den Mann zu.

King traf Anstalten, sich zu erheben. Er wirkte immer noch leicht verwirrt, dann sogar völlig perplex, als er den eigenen Namen auf Sauls Namensschild erkannte. Zu spät. In der Luft zwischen den beiden Männern wogte und knisterte Energie. King fuhr hoch, starr wie ein Flaggenmast. Miniaturlichter jagten über seinen Laborkittel und fuhren durch die Schuhe in den Fußboden. King verdrehte die Augen, kippte wie ein stürzender Baum und krachte auf den Rücken, wobei noch Rauchfahnen aus seiner Kleidung aufstiegen und der Geruch von verbrannten Kabeln in der Luft hing.

Saul steckte den Ionenstunner zurück in die Tasche und setzte sich auf Kings Stuhl, noch während der Mann zitternd in Bewusstlosigkeit versank. Ein schnell eingetippter Code eröffnete Saul eine Verbindung zu Janus. Der Bildschirm fiel eine Sekunde lang aus und öffnete ein Display, das Janus‘ Einsatzbereitschaft anzeigte. Saul lehnte sich zurück und atmete durch die Nase ein und durch den Mund aus, fand langsam zur Ruhe und studierte kalt die Grafik einer langsam rotierenden Ammonitenschale.

„Probleme?“, fragte er, nahm Kings Sandwich zur Hand und biss hinein. Es schmeckte ganz gut und enthielt tatsächlich schmale Speckscheiben, die viel zu salzig waren, um von der Lebensmittelagentur genehmigt worden zu sein. Offenkundig stammte das Sandwich also nicht aus dem Automaten hinter ihm.

„Simple Systeme“, antwortete Janus kategorisch. „Leicht zu übernehmen.“

„Also keine Einmischung der Aufsichtsbehörde?“

„Keine – man erwartet dort nicht, dass hier Probleme auftreten. Lediglich der Verlegungsbefehl ist eingegangen.“

„Schon irgendeine Vorstellung davon, wohin das Zeug von hier kommt?“

„Die Daten gehen derzeit an dezentrale Terabytespeicher, um an mehreren Stellen kopiert und konsolidiert zu werden. Wohin sie von dort aus gehen, das muss ich erst noch herausfinden.“

Die Daten bestanden aus Tausenden Terabyte DNA-Karten, wenngleich komprimiert und durch Hyperlinks vernetzt, wo sich in verschiedenen Proben Codes wiederholten. Um die zwanzig Prozent aller irdischen Arten waren bislang kartiert – vor allem die größere Fauna und Flora. Experten hier und in anderen Banken hatten berechnet, dass sechzig Prozent weiterer Proben noch in Lagern der Kartierung harrten und die abschließenden zwanzig Prozent erst noch gesammelt oder überhaupt entdeckt werden mussten.

Die Bestimmung der Daten herauszufinden, das war jedoch nur ein Nebenschauplatz. Saul hatte die Umleitung der Daten nur entdeckt, indem er Recherchen nach Avram Coran anstellte, der der Hauptgrund dafür war, dass Saul hier eingedrungen war. Coran hatte einen hohen Rang in der Geschäftsführung der Aufsichtsbehörde für Kontinentaleuropa inne, hatte jedoch noch niemals das HQ der Aufsichtsbehörde in London aufgesucht, sodass man ihn dort nicht kannte. Als Saul festgestellt hatte, dass Coran hier in einer Einrichtung mit solch unzulänglichen Sicherheitsvorkehrungen erwartet wurde, gelangte er zu dem Schluss, dass er die Gelegenheit nicht versäumen durfte. Obwohl es sich bei Coran enttäuschenderweise nicht um den Verhörleiter handelte, den Saul am dringlichsten zu treffen bestrebt war, so war er doch für seine Zwecke perfekt geeignet. Wäre er derjenige gewesen, der Saul in seinen Albträumen heimsuchte, hätte das den Einsatz hier aufgewertet, aber auch das wäre wiederum nur ein Nebenkriegsschauplatz gewesen.

„Wie steht es um die physischen Proben?“

„Im Govnet nichts zu finden. Ich habe versucht, das Subnet zu durchstöbern, ob jemand der am physischen Transport Beteiligten die Verlegung erwähnt hat, bin aber bislang nicht fündig geworden.“

„Es dürfte kaum wahrscheinlich sein, dass ein Transvan-Fahrer ein loses Mundwerk entwickelt, denkst du nicht?“, wandte Saul ein. „Zu viel Neugier im Hinblick auf staatliche Aufträge zu zeigen, das führt gewöhnlich zu Induktionen in einer mit weißen Kacheln ausgekleideten Zelle.“

Saul war überzeugt, dass der menschliche Verstand die Auswirkungen des Schmerzinduktors nicht richtig verarbeiten konnte, was der Aufsichtsbehörde zupass kam, da es die sensorische Neuprogrammierung erleichterte. Nach einigen Monaten einer solchen Behandlung wurden Dissidenten entweder als verängstigte und gehorsame Roboter wieder in die Gesellschaft eingegliedert, oder sie waren zu sehr geschädigt, um überhaupt noch zu funktionieren. Wenn Letztgenannte Glück hatten, erhielten sie einen Aufenthalt in einer Klinik zur „sicheren Abreise“ spendiert, wonach sie die Schredder durchliefen, welche die Komposttanks der Gemeinde speisten. Wer weniger Glück hatte, landete in der Müllverbrennung und war, wie Saul sehr wohl wusste, oft noch am Leben, wenn man ihn hineinwarf.

„Die weißen Kacheln drücken nur menschliches Gehabe aus“, stellte Janus fest. „Und die Induktoren wird man bald nicht mehr brauchen.“

Saul starrte auf den rotierenden Ammoniten. Tausende Dissidenten waren nach den gescheiterten Experimenten der Euthanasie anheimgefallen, aber inzwischen war die Technik beinahe einsatzbereit. Bald würde die Aufsichtsbehörde in der Lage sein, den Verstand eines Menschen wie eine Computerdatei zu bearbeiten, kopieren und verschieben. Hannah Neumann war der mit all dem verbunden Name – eine weitere Person, der Saul nur zu gern mal begegnen würde. Janus hatte sie ausfindig gemacht, als er eine angeblich gesicherte Datenbank knackte, um herauszufinden, wer am ehesten dafür verantwortlich gewesen war, die Hardware in Sauls Schädel zu installieren – und er hatte herausgefunden, wie die Aufsichtsbehörde Neumanns Arbeit nutzte. Was Saul jetzt jedoch auf dem falschen Fuß erwischt hatte, das waren Janus‘ Worte von „menschlichem Gehabe“.

Was ist eine künstliche Intelligenz? Janus, ein Gefüge aus synaptisch formatierter Software, bildete die Beinahe-Kopie eines menschlichen Verstandes, aber mit sensorischen Portalen ausgestattet, die es ihm erlaubten, verstreut und versteckt im Govnet zu existieren. Janus verfügte über nur das an Erinnerungen, was er in den zwei Jahren seit seiner Initialisierung aufgenommen hatte, aber die KI wuchs fortwährend und veränderte dabei ihr Vokabular und ihre Reaktionen. Saul glaubte, dass er selbst Janus geschaffen hatte, denn die Kenntnisse, die er mitbrachte, schienen zum Gebiet der Computersysteme zu gehören. Er vermutete außerdem, dass Janus eine riskante Option darstellte, aber er hatte mit ihm nichtsdestoweniger einen Vorsprung. Die Aufsichtsbehörde arbeitete mit Sicherheit daran, ein Komlebewesen dieser Art zu konstruieren, das Janus letztlich aufspüren würde. Saul blieb so nur begrenzt Zeit zu erfahren, wer er war, seinen Verhörleiter zu finden und Vergeltung am Komitee zu üben.

„Der Assessor der Aufsichtsbehörde trifft gerade ein“, meldete Janus und öffnete ein Fenster auf dem Hauptmonitor, worin der Dachlandeplatz der Genbank zu sehen war.

Coran war mit einem Flugwagen eingetroffen – nur staatliche Dienststellen schickten ihre offiziellen Vertreter mit solchen aerofan-getriebenen Kreationen durch die Gegend, hergestellt aus im Orbit angefertigten stark belastbaren Blasenmetallen und Keramofaktur-Wasserstoffmotoren. Der schwindende Vorrat an Hightech-Werkstoffen machte derlei Fahrzeuge zu einer teuren Wahl. Janus schaltete auf Nahaufnahme, als das Fahrzeug in einer Staubwolke aufsetzte und die Fahrgäste ausstiegen. Eine Vollstreckungsbeamtin der Aufsichtsbehörde, die sowohl Corans Fahrerin als auch seine Leibwächterin war, begleitete ihn.

Saul verfügte nach wie vor über ausreichende Kenntnisse der Weltgeschichte, um zu wissen, dass die Aufsichtsbehörde in der Vergangenheit Gegenstücke gehabt hatte, die ihr nahe kamen. Ihren Anfang bildete eine Kombination aus Gestapo und Waffen-SS – Geheimpolizei, Verhörspezialisten, Leute, die die richtige politische Meinung mit allen Mitteln durchsetzten. Zunächst hatte sie sich auf das eigene Heimatterritorium beschränkt – die staatlichen Ämter, Gefängnisse und Anpassungskomplexe -, aber dann weitete sich ihr Zuständigkeitsbereich fortlaufend aus, wie es schon bei Himmlers schwarz uniformierter Truppe gewesen war. Anders jedoch als Himmlers Truppe hatte sie ausreichend Zeit erhalten, die Polizeikräfte, Armeen, Flotten und Luftwaffen der Welt zu übernehmen und zu integrieren, sodass sich ihre Aufgaben jetzt auch auf Sicherheit, Rechtsdurchsetzung und Polizeiaktionen erstreckte, bis hin zum Einsatz taktischer Atomwaffen. Für die meisten Zivilisten war die Aufsichtsbehörde jedoch für immer mit dem plötzlichen Hämmern an der Tür mitten in der Nacht assoziiert und dem sich anschließenden Verschwinden von Verwandten und Freunden.

(wird fortgesetzt)

Copyright (c) 2014 by Neal Asher. Mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Bastei Lübbe Verlags.

Bildrechte: Cover-Apokalypsen.jpg © 2013 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

Bildrechte: “Waffentod – Im Meer der Zeiten” (Waffentod41.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

WIE DIESER ROMAN WEITERGEHT, ERFÄHRT MAN HIER, EINFACH AUF DAS COVER ODER EINEN DER BESTELLLINKS KLICKEN:

Asher, Neal
Das Komitee
Roman

Übersetzt von Schichtel, Thomas
Verlag :      Bastei Lübbe
ISBN :      978-3-404-20765-7
Einband :      Paperback
Preisinfo :      8,99 Eur[D] / 9,30 Eur[A] UVP / 13,50 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 18.07.2014
Seiten/Umfang :      576 S. – 18,6 x 12,5 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 2014 18.07.2014
Aus der Reihe :      Science Fiction. Bastei Lübbe Taschenbücher

IST DER PREIS FÜR DAS ÜBERLEBEN UNSERE MENSCHLICHKEIT? … Von einer Raumstation aus führt das Komitee ein Schreckensregime über die ausgebeutete Erde. Es gibt zu wenige Ressourcen, die auf zu viele Menschen verteilt werden müssen – und systematisch werden Menschen kategorisiert und getötet, um die Bevölkerungszahl zu regulieren. In dieser Welt erwacht Alan Saul: in einer Kiste, auf dem Weg zu einer Verbrennungsanlage, ohne Erinnerung. Er fasst den Plan, sich zu befreien – und es mit dem Komitee aufzunehmen …

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Updated: 5. Dezember 2014 — 08:55

4 Comments

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  1. Obergenial! Vielen, vielen Dank dafür, Bastei Lübbe! 🙂

  2. ja, dieser Autor kann was. Seine Sätze quillen fast über vor Beschreibungen, die einem die Luft riechen und den Geschmack nachvollziehen lassen. Sein Stil kann einem schier den Atem nehmen. Aber warum dann wieder soviel Gewalt, warum solch eine apokalyptische Welt der Zukunft. Warum spielt dieser Text in der heutigen Zeit? Warum ist schon wieder alles so düster, so ohne Hoffnung, so qualvoll? Ich möchte nicht, das unsere Welt in eine solche mündet. Science Fiction hin oder her. Warum dürfen wir keine freudigen Zukünfte er erwarten? Warum muß es immer bergab gehen? Wo bleibt die lebensbejaende Zukunftsschilderung?

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