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DAS KLEINE ÄFFCHEN UND DAS KROKODIL – eine Kinder-Geschichte von Leon Ferri

DAS KLEINE ÄFFCHEN UND DAS KROKODIL

eine

Kinder-Geschichte

von

Leon Ferri

Eines nachmittags spielten das kleine Äffchen und die kleine Giraffe am Rande der Savanne. Es war sehr heiß. Darum hatten sie sich in den Schatten eines kleines Wäldchens zurück gezogen. Dort spielten sie Hasch-mich, auch wenn das nicht so gut ging. Wegen der vielen Bäume und Büsche. Ihre Eltern wollten nicht, dass sie sich versteckten.

»Es gibt so viele Gefahren und Fleisch fressende Tiere hier. Da ist es gut, einander im Blick zu haben«, sagten sie immer. Vielleicht hatten sie ja recht, aber Spaß machte es trotzdem. Und so spielten sie zwar ein bisschen Verstecken, nur nicht so viel.

»Ich hab’ dich gefunden«, rief die kleine Giraffe und beugte ihren langen Hals um den Stamm eines Baumes. »Du musst suchen.«

Aber das kleine Äffchen winkte ab, als hätte es etwas furchtbar wichtiges im Sinn. »Ach, war klar, dass du mich gleich findest. Ich habe mir nur nicht richtig Mühe gegeben, weil …«, und es tat, als ob es angestrengt horchte.

»Weil … was«, fragte die kleine Giraffe, senkte ihren Kopf, sodass er direkt neben dem kleinen Äffchen war und guckte mit großen Augen in den Wald. Die Ohren reckte sie ganz spitz nach oben.

Dann hörten sie es beide gleichzeitig: ein leises Wimmern und Heulen. Die kleine Giraffe riss die Augen noch ein bisschen weiter auf, wenn das überhaupt möglich war. Hopps-hopps war das kleine Äffchen unterdessen auf ihren Rücken geklettert und kommandierte: »Los, wir schauen nach, wer da so schrecklichen Kummer hat.«

Das Wäldchen war nicht besonders groß. Auf der anderen Seite säumte es eine Böschung, die hinunter zu einem Flussbett führte. Auf einer breiten Sandbank am Ufer des grünen Wassers lag ein Krokodil. Es klappte in einem fort sein großes Maul auf und zu, stieß immer zu Schluchzer aus und jammerte: »Auaauaau … huuuuhuhu.« Es war zwar mindestens so groß wie die kleine Giraffe, aber trotzdem noch viel kleiner als die mächtigen Krokodile, die starr wie Baumstämme im ruhigen Fluss trieben.

Das kleine Äffchen und die kleine Giraffe treffen Korro, das Krokodil. (Copyright 2013 by Leon Ferri)

»Was hast du denn? Warum heulst du, dass einem die Ohren abfallen«, schrie das kleine Äffchen aus sicherer Entfernung vom Kopf der Giraffe herunter.

Das Krokodil schwenkte träge den Kopf, schmatzte ein paar Mal, als ob es sich räuspern oder die Tränen runterschlucken musste. Dann sagte es: »Wenn du solche Zahnschmerzen hättest wie ich, würdest du auch heulen. Im übrigen heiße ich Korro und bin ein Krokodil.«

»Das sehe ich, Koro«, antwortete das kleine Äffchen.

»Nein, Korro, Ko-RRRRRRRRR-ro«, rief das Krokodil laut und nicht ohne Stolz, »mit ganz viel RRRRRRR, weil das so schön rrrrrollt und brrrrrummt.« Dann besann es sich wieder auf seine Zahnschmerzen und jammerte weiter. »Und wenn ich solche Zahnschmerzen habe, kann ich nichts essen. Und wenn ich nichts essen kann, dann muss ich verhungerrrrrn.« Und da fing das arme Krokodil noch viel lauter an zu heulen und zu schluchzen.

»Ist doch gar nicht schlecht, wenn Krokodile nichts mehr fressen können«, flüsterte da die kleine Giraffe dem kleinen Äffchen zu. »Die fressen schließlich auch Giraffen … und Affen.«

Das kleine Äffchen saß da zwischen den Hörnern der kleinen Giraffe und brütete über den Worten seines Freundes, während unten am Ufer Korro, das Krokodil, mit seinem Wehklagen fortfuhr. Es schien nicht mehr aufhören zu wollen. Offensichtlich tat seine Zahn wirklich scheußlich weh.

»Nein«, meinte es schließlich, »das können wir nicht tun. Überlege mal, wenn du nichts mehr essen könntest.«

Das sah die kleine Giraffe dann auch ein. »Aber irgendein Versprechen muss es uns geben, wenn wir ihm helfen.«

Da kam dem kleinen Äffchen eine Idee, und es rief Korro zu: »Wir helfen dir, aber nur unter einer Bedingung.«

»Jede, die ihr wollt, huuuuhuhu.«

»Du darfst von jetzt an keine Tiere mehr fressen«, bestimmte die kleine Giraffe mit ihrer hohen Stimme. »Hast du das verstanden?«

Wieder vergaß Korro ganz seine Schmerzen, drehte sich behäbig um und starrte die beiden Freunde mit offenem Maul an. »Das kann ich euch nicht versprechen, das ist ganz unmöglich.«

»Dann wird es nichts mit der Hilfe«, fiepte die kleine Giraffe und wollte gerade auf dem Absatz kehrt machen, als ihnen das Krokodil hinterher rief: »Halt, wartet. Ich kann euch versprechen, dass ich keine Affen und keine Giraffen mehr verspeise und euch auch immer helfe. Ich kann mich doch nur von Tieren ernähren. Wenn ich nur Wurzel oder Früchte oder Gras essen müsste, würde ich genauso verhuuuuhuhungern, huuuuhuhu.«

Die Freunde sahen sich erstaunt an. Daran hatten sie natürlich nicht gedacht. Dann trabte die kleine Giraffe langsam hinunter auf die Sandbank. »Gut, einverstanden. Aber wie können wir sicher sein, dass du dein Wort hältst und uns nachher nicht einfach auffrisst?«

»Ihr müsst mir schon vertrauen«, sagte das Krokodi. Und wie es sein riesiges Maul aufsperrte sah es aus, als grinste es hinterhältig. Aber so sehen Krokodile nun mal aus, sie können ihre Miene nicht ändern. »Auf der rechten Seite ist der Zahn, der so sehr schmerzt. Es ist der siebzehnte im Unterkiefer. Vom großen Eckzahn aus gezählt. Den müsst ihr mir ziehen«, bat Korro.

Da weder das kleine Äffchen noch die kleine Giraffe dem Krokodil so recht trauten, beschlossen sie, es mit einer kleinen List zu versuchen. Das kleine Äffchen besorgte zwei starke Lianen aus dem Wäldchen. Mit der einen band sie den Schwanz des Krokodils an einem nahen Baumstamm fest. Das ging ganz gut, weil sich Korro nicht so schnell herumdrehen konnte, wenn es sie hätte schnappen wollen. Dann stellten sie sich vor das Krokodil hin und sagten ihm, es solle herkommen, damit sie die andere Liane um den Zahn binden könnten.

So sehr Korro sich auch anstrengte und zog und zerrte, die Liane an seinem Schwanz hielt es fest, und es konnte nicht herkommen. Daher fing es wieder an zu jammern.

»Jetzt ist es tatsächlich so festgeleint, dass es mich nicht kriegen kann, wenn ich ihm die Liane um den Zahn lege«, flüsterte das kleine Äffchen seinem Freund zu.

Und so war es auch. Ohne den geringsten Versuch zu unternehmen, nach dem kleinen Äffchen zu schnappen, ließ sich Korro die Liane um den siebzehnten Zahn schlingen. Dann starrte es ganz groß, als die Freunde die Liane strafften. Und seine Augen quollen so arg hervor, dass es aussah, als wollten sie aus den Höhlen springen. Aber zu heulen traute es sich jetzt nicht mehr. Es war zu sehr gespannt auf den Ruck, der gleich kommen musste.

»Es scheint ja wirklich ziemlich weh zu tun«, raunte die kleine Giraffe ihrem Freund zu. »Aber Mitleid habe ich nicht. Eigentlich. Krokodil bleibt schließlich Krokodil, und Giraffenfresser bleibt … naja, ich weiß nicht … aber trotzdem.« Damit galoppierte sie los, und -Krack- flog das andere Ende der Liane mit dem wehen Zahn in hohem Bogen an ihnen vorbei.

»Danke«, brüllte es hinter ihnen her. »Vielen Dank, dass ihr mir geholfen habt.«

Als sie zurückgetrabt kamen, hatte sich Korro schon von der Liane an seinem Schwanz befreit. Er hatte sie einfach durchgebissen.

»Nochmals vielen Dank. Ich wünschte, wir könnten auch Freunde werden.«

»Freundschaft zwischen Krokodil und Affe und Giraffe? Wie soll das denn gehen?«

»Wer weiß«, sinnierte Korro mit seinem immerwährenden Lächeln. »Jedenfalls stehe ich zu meinem Wort. Und eines schönen Tages werde ich euch helfen können. Bestimmt.« Weder die Freunde noch Korro ahnten, dass dieser Tag nicht mehr fern war. »Wir Krokodile sind zwar von sehr schlichtem Gemüt und nicht besonders hell, aber was wir einmal versprochen haben, das halten wir auch. Das ist wenigstens etwas, auf das wir stolz sein können. Vielleicht genauso stolz wie auf unsere Namen mit den vielen schönen RRRRRs. Wie heißt ihr überhaupt?«

Das kleine Äffchen und die kleine Giraffe sahen sich verdutzt an. Jetzt fiel ihnen auf, dass selbst nicht den Namen des anderen kannten. Da lachten sie.

»Ich bin Gertie«, sagte die kleine Giraffe und klimperte mit ihren langen Wimpern.

»Und ich bin Pedro«, antwortete das kleine Äffchen und warf sich in die Brust.

»Gertie und Pedro, schön euch zu kennen.« Damit watschelte es in seinem schlängelnden Gang zum Fluss und ließ sich genüsslich ins Wasser gleiten.

Die Freunde meinten noch, ein blubberndes »Bis bald, Freunde« gehört zu haben. Vielleicht waren es aber auch nur Luftblasen gewesen.

Ende

Copyright © 2013 by Leon Ferri für Text und Zeichnungen.

Bildrechte: Coverillustration “Schwarze Katzen” (20110205113353-e67c2f3d.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Schwarze Katzen-400×600-41-minus-125-41.jpg ” (Originaltitel: 20110205113353-e67c2f3d-400×600.jpg) © 2011 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

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„Cornelius ist ein Krokodil. Seit er dem Ei entschlüpft ist, bevorzugt er den aufrechten Gang. Das eröffnet ihm Perspektiven, wie sie seinesgleichen bisher nicht möglich waren. Seine Artgenossen sehen das zunächst mit Befremden und Geringschätzung.“
Hessischer Rundfunk

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Updated: 5. Dezember 2014 — 07:54

14 Comments

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  1. Hast du das Bild mit Wachsmalstiften gemalt?

  2. Die Outlines sind Wachskreide und teilweise die Schattierungen und ausgemalt mit Wasserfarbe aka Aquarell ;-).
    (Alles aber digital.)

    An sich wollte ich noch ein paar mehr Bilder machen, aber das hat schon so viel Zeit in Anspruch genommen, dass ich es nicht mehr geschafft habe. Sieht gar nicht so aus, oder?

  3. Eine Echse mit großer Klappe? Endlich jemand, der ebenbürtig ist. B-)

  4. Klasse Geschichte! Paßt ja hervorragend in die Anthologie „Tiermärchen“. Wa meint Ihr, Micha und Yvonne?

  5. Ich vermute, du meinst mich ;-).

    Von mir aus kann die Geschichte gerne in die „Tiermärchen“-Antho :-).

  6. Äh, danke! Immer diese Verwechselungen. 8)

  7. Was sind denn das für komische Einträge? Spam?

  8. Hi Micha!

    Danke für den Hinweis. Da hat jemand einfach die Freigabe für die Kommentare gemacht, ohne sich die wirklich anzusehen. Ich überlege den Schuldigen in eine Rakete zu stecken und auf den Mond zu schießen. 😉

    Windige Grüße aus dem zugigen Westerwald!
    Günther

  9. Das war ich nachdem ich die 100 mal gelöscht hatte und die immer wieder kamen, und zwar immer auf die selben Beiträge von Micha. Ich denke das hat was mit der Freigabe seiner Beiträge auf das Handyformat zu tun.

  10. Nein, das lag einfach an den „Suchbegriffen“. Und durch deine Freigabe haben die Absender dann die Bestätigung bekommen, dass ihr Spam hier funktioniert. Eventuell kommen jetzt also erst recht Spam-Meldungen auf die entsprechenden Beiträge herein. ^^

  11. Apropos Spam: erhalte zur Zeit auch allen Scheiß: Urlaubsangebote, Software, Handys, windige Kreditangebote (brauch keins), selbstredend Porno (sogar auf Facebook tummeln sich in div. Gruppen hübsche, aber nervende Damen) usw. usw.

    Ist es denn wirklich so schwer, die Vertreiber ausfindig zu machen? Kann man seine ID so verwischen, dass selbst Profis diese Arschlöcher nicht packen können?

    In diesem Zusammenhang finde ich es einfach lachhaft, wenn Banken wieder mal unhackbares Online-Banking anbieten. Kaum eingerichtet, schon gehackt. Völliger Bullshit!

    Werner 🙁

  12. Der Spam und auch die Angriffe nehmen massenhaft zu, werden immer ausgefeilter. Im Grunde genommen tobt ein regelrechter Krieg. Und sobald jemand mal seine Deckung runterlässt, wird das gnadenlos ausgenutzt. Finde ich ziemlich Scheiße, ist aber leider so. 🙁

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