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DAS HAUS MEINER ELTERN – eine fantastische Geschichte von Leon Ferri

DAS HAUS MEINER ELTERN

Eine fantastische Geschichte

von

Leon Ferri

Oh, wäre mir doch dieses bösartige, schillernde (wie soll ich sagen?) … Ding … nie mehr in den Sinn gekommen. Aber im Grunde war es nur das Werkzeug eines anderen Willens.

Langsam lässt mein Erinnerungsvermögen nach. Ich merke, wie mir die Welt allmählich entgleitet. Eine Welt, die meine Welt, meine alte Welt gewesen war.

Aus meinem Mund dringen nur noch unartikulierte Laute, ich sabbere und sondere Speichelfäden ab. Ich möchte rufen, aber das einzige, was meine Kehle zustande bringt, ist ein erbärmliches Gurgeln. Mein Kopf wendet sich hilflos nach allen Seiten, auf der Suche nach einer Person, die mich tröstet und mir beisteht in meinem Kummer und meinem Zorn. Keine meiner Gliedmaßen mag mir mehr gehorchen, nutzlos zappeln sie herum, während ich auf dem Rücken liege und mich weder nach links noch nach rechts auf den Bauch drehen kann.

Eins weiß ich aber mit Bestimmtheit (fragt sich nur, wie lange noch): wer die Macht über dieses Werkzeug, diesen Knopf, hatte – und immer noch hat.

Meine Frau Claudia schimpfte schon die ganze Zeit, seit wir von der Autobahn runter waren. Je mehr sie sich in Rage redete, desto schriller und unerträglicher wurde ihre Stimme. Immer wieder fielen ihr die abwegigsten Sachen ein, und jedes mal, dachte ich, wäre wirklich nichts mehr zu sagen, ohne sich zu wiederholen. Aber dann fiel ihr doch noch etwas ein, auch wenn es an den Haaren herbeigezogen war. Jetzt schon über eine halbe Stunde lang, die ganze Fahrt über die holprige Landstraße zu der kleinen Ortschaft, wo meine Eltern gelebt hatten und wo ich geboren und aufgewachsen war.

Nur die eine Minute war sie still, als wir in den Hof fuhren und ich den Wagen parkte. Währenddessen starrte sie das große Haus an, ohne sich vom Beifahrersitz zu bewegen. Sie bedachte es mit finsteren Blicken und schien es allein Kraft ihres Willens zerstören zu wollen: das Haus meiner Eltern.

Claudia beendete ihr angespanntes Schweigen.

“Du bist ja besessen von diesem Haus”, zischte sie.

War ich das wirklich? Dabei wollte ich mich nur noch ein letztes Mal darin umschauen, nach Erinnerungen an meine Eltern und an meine Jugend suchen. Und ich wollte Abschied nehmen ganz in Ruhe und in Frieden.

“Was soll ich eigentlich hier? Schließlich waren es nicht meine Eltern. Und warum willst du unbedingt hier herumstöbern? Siehst du nicht, wie baufällig das Haus ist? Ich setze jedenfalls keinen Fuß in dieses … Gemäuer. Ich würde mich nicht wundern, wenn es über dir zusammenbricht. Außerdem habe ich mir schon einmal die Hand in eurer Haustür eingeklemmt. Der bescheuerte Türschließer ist viel zu stark eingestellt. Der ist lebensgefährlich! Wozu soll das Ding überhaupt gut sein? Hatten deine Eltern Angst, dass Hunde und Katzen im Flur rumstreunen?”

Sie lehnte sich gegen den Wagen und betrachtete mich gereizt.

“Kannst du die Vergangenheit nicht ruhen lassen und dich endlich mal um deine Arbeit und vielleicht auch um mich kümmern? An die große Karriere ist ja wohl nicht mehr zu denken. Deine Eltern sind tot. Daran ist nichts mehr zu ändern.”

Diesmal verkniff sie es sich, zu erwähnen, wie komisch sie doch gewesen wären und wie wenig sie sie gemocht hatte.

“Es ist höchste Zeit, dass du aus deinem Mauseloch heraus kommst und dich der Realität stellst. Es gibt keinen Rockzipfel mehr, an den du dich klammern kannst. Stattdessen solltest du die Herausforderungen des Lebens in deine eigenen Hände nehmen. Immerhin habe ich auch Bedürfnisse, falls du das noch nicht bemerkt hast.”

Und ob ich das hatte! Seit Jahren stand dieses leidige Thema auf ihrer Tagesordnung.

“Oder soll ich mich immer nur nach dir richten?” (Als ob sie das je hätte.) “Zweieinhalb Stunden Fahrt und ein völlig verschwitztes Kleid, trotz dieser Klimaanlage. Das Auto ist wirklich nicht mehr das Wahre. Ein bisschen größer und schneller und vor allem komfortabler könnte es schon sein. Auch wieder ein Grund, dich ein bisschen mehr um eine Gehaltserhöhung zu kümmern. Zu allem Überfluss habe ich mich an irgendetwas Scharfem geschnitten. (Verdammt, wie das weh tut.) Soll ich hier etwa verbluten? Warum stehst du stocksteif herum wie das Kaninchen vor der Schlange und starrst mich an? Was ist jetzt mit dem Rumstöbern in deiner staubigen Vergangenheit? So spannend ist die ja nicht gewesen.”

“Für mich war sie wichtig”, warf ich ärgerlich ein.

“Kein Grund, mich so anzufahren! Wichtig ist die Gegenwart und die Zukunft, sonst nichts. Und überhaupt, bedeute ich dir denn gar nichts?”

Nach einem demonstrativen Blick auf ihre Uhr fragte sie lauernd: “Soll ich vielleicht noch länger warten, bis du endlich fertig bist? Wonach willst du eigentlich suchen?”

Ein paar Entschuldigungen murmelnd zog ich mich ins Haus zurück. Ihr Finger blutete tatsächlich. Nicht schlimm zwar, aber schlimm genug, dass es ihr in den Sinn kommen könnte, zu heulen und zu jammern ohne Punkt und Komma. Womöglich riefe sie sogar den Notarzt und läge mir nachher mit der Rechnung in den Ohren, da ich ja keine Zeit aufgebracht hätte, mit ihr zum Arzt zu fahren.

Der Türschließer (er war wirklich stark eingestellt) drückte die Tür heftig ins Schloss zurück und schnitt mich von Claudias Schimpftiraden und vom heimatlichen Samstagnachmittagslärm ab, von den Rasenmähern, den Hunden und den Autos.

Drinnen war es absolut still. Ich fühlte mich wie taub. Es musste hier schon längere Zeit nicht mehr gelüftet worden sein. Die Luft roch abgestanden und muffig. Als hätte man alles seit dem letzten Tag meiner Eltern konservieren wollen, neben den Möbeln, den Bilder und dem restlichen Inventar auch alle Luft und allen Staub. Ich widerstand dem Drang, das Buntglasfenster neben der Treppe aufzureißen, und ging stattdessen über die lange Marmortreppe in den ersten Stock.

Es war noch gar nicht so lange her, seit mir dieses Bild im Kopf herumspukte, das Bild einer Kugel, groß wie ein Tennisball, überzogen von einem Mosaik aus glasierten bunten Steinchen, mit der es irgendeine geheimnisvolle Bewandtnis hatte. Auch wenn ich nicht wirklich wusste, was dieser Gegenstand darstellte oder mich bewusst daran erinnern konnte, wo er zu finden war, wanderte ich wie auf Schienen durch das Haus, den dunklen Gang entlang über holzknarrende Dielen bis zu den steilen Stiegen, die in den zweiten Stock und weiter auf den Dachboden führten. Beim Hochsteigen spürte ich einen leichten Hauch. Unter dem Dach war die Luft nicht ganz so abgestanden wie unten. Der Dachboden war weder ausgebaut, noch isoliert. Durch die Ritzen zwischen Fensterrahmen und Mauerwerk und durch die Fugen des Daches konnte die Luft zirkulieren. Manche der Dachpfannen sahen wirklich so aus, als könnte sie eine stärkere Brise vom Dach wehen.

Vielleicht waren einige Dachziegel so locker, dass sie sich leicht lösen ließen. Wie wunderbar würde sich das ergeben. Eine davon rutschte herab, ausgelöst durch eine der vielen Tauben aus Nachbars Schlag (sie kackten ständig unser Dachfenster voll, das in ihrer Einflugschneise lag) und fiele Claudia auf den Kopf. Eine zufällige Folge unglücklicher Umstände führte zu einem bedauerlichen Unfall.

Meine Frau (wie ich sah, hatte sie tatsächlich ihr Handy am Ohr, als ich aus einem der Dachfenster spähte) war womöglich sogar in der richtigen Entfernung. Trotzdem müsste es ein ungeheurer Glücksfall sein, sollte ich den richtigen Dachziegel erwischen und er die richtige Geschwindigkeit und den rechten Winkel haben. Und wenn er daneben fiele, wäre der Rest des Tages noch weniger auszuhalten.

Aber das Haus hatte etwas anderes im Sinn.

Neben dem Fenster stieß ich gegen eine alte Spielzeugkiste. In Wirklichkeit war es eine einfache Holzkiste, in der ich Spielzeug vermutete. Spielzeug vielleicht wie diese bunte Kugel, die mir nicht mehr aus dem Kopf wollte. Die Kugel musste hier in der Kiste sein. Ich weiß nicht, was mir die Sicherheit gab, aber ich war felsenfest davon überzeugt. Leider war die Kiste vorne mit einem Bügelschloss gesichert. Frustriert rüttelte ich daran, was natürlich nichts brachte, und dann etwas stärker am Deckel. Beim zweiten oder dritten Mal rissen hinten die Scharniere aus dem Holz und die ganze Kiste rummste auf die Bohlen. Wie ich feststellte, hatte sich dort früher schon jemand zu schaffen gemacht mit unzulänglichem Werkzeug, möglicherweise einem Taschenmesser.

Ich kramte und wühlte und verteilte Autos, Tiere, Figuren und Sammelbilder achtlos über den Boden. Und tatsächlich fand ich nach kurzer Zeit den Gegenstand, den ich suchte, sorgfältig eingehüllt in einen alten Lumpen.

Die eine Seite glitzerte in den staubigen Sonnenstrahlen und war viel schöner als in meiner blassen Erinnerung. Der Anblick zauberte ein Lächeln auf meine Lippen. Aus der anderen flachen Seite ragte ein vierkantiger Stahlstift. Es handelte sich offensichtlich um einen Türknauf. Und dann fiel es mir auch wieder ein: hier im Haus gab es alte Türen, die mit solchen Knäufen zu öffnen waren. (Später hatten meine Eltern zusätzlich Riegel angebracht, weil die besser zu handhaben waren.) Ich ließ die Kiste und die ganze Bescherung wie sie waren und stürmte los. Am Fuße der Bodenstiegen überlegte ich kurz, wo sich diese Türen befinden könnten. Ich sollte mich schnell daran erinnern. Wenn ich mich zu lange hier aufhielte, käme meine Frau womöglich herein, und dann wäre es vorbei mit der Ruhe. Oder, was noch schlimmer wäre, sie fände jemanden aus der Nachbarschaft, der mich suchte und holte.

Der Gewölbekeller, schoss es mir durch den Kopf.

Unter der Marmortreppe im Erdgeschoss führten alte Steinstufen in den Weinkeller. Der Zugang zur Treppe war von einer alten Brettertür verschlossen. Sie besaß einen alten Riegel – und eine Öffnung für den Türknauf. Mit klopfendem Herzen versuchte ich, den Knauf in das kleine Schloss zu fummeln, bis ich merkte, wie der Stahlstift mit einem hörbaren Schnappen einrastete. Gerade da stemmte jemand die Haustür gegen den Türschließer auf.

“Wann willst du eigentlich wieder rauskommen?”, brüllte Claudia. “Ich warte jetzt schon eine Ewigkeit. Langsam ist es mir zu dumm, mir hier draußen die Beine in den Bauch zu stehen.”

Mit einem herzhaften Ruck stieß ich die Kellertür auf, um schnell im Keller zu verschwinden. Mein Schwung war zu groß, der Widerstand der Tür zu gering und so stolperte ich Hals über Kopf die Treppe abwärts und landete auf dem Lehmboden. Über mir knallte die Tür gegen die Wand (dabei sprang der Knauf heraus und kullerte die Treppe zu mir herunter), prallte wieder zurück und fiel lautstark ins Schloss.

Benommen und stöhnend lag ich im Dunkeln. Nachdem ich mich aufgesetzt hatte, betastete ich eingehend die schmerzenden Stellen. Offensichtlich war ich mit dem Schrecken und ein paar blauen Flecken davon gekommen. Der Knauf schien ebenfalls in Ordnung zu sein.

In dem Moment öffnete sich die Tür oben an der Treppe.

“Machst du hier deine Privatparty”, fragte eine helle Männerstimme.

Das war nicht Claudia!

Ein junger Mann trippelte leichtfüßig die Stufen herunter. Er roch nach kaltem Rauch und Bier. Gleichzeitig schmeckte ich Tabak und Alkohol in meinem Mund. Unbekümmert begutachtete er den Wein im Regal hinter mir, ohne mich eines Blickes zu würdigen, und murmelte unentwegt etwas von einem siebenundfünfziger Dom Perignon, von dem ich wusste, dass wir ihn nie besessen hatten.

Ha, war das nicht der Leib- und Magenwein von James Bond? Und der junge Mann (ich stand auf) war das nicht …

“Jens!” Mein ehemaliger Schulfreund!

Er sah mich mit hochgezogener Augenbraue an. “… mein Name ist Bond … aber wo ist denn dieser verflixte …” Dann zog er zielstrebig einen Schwarzriesling heraus und grinste mich an: “Da ist er ja.”

Dann drückte er mir noch eine Flasche von Vaters gutem Port in die Hand. Mir kam im Moment nicht in den Sinn, zu protestieren.

“Auf zwei Beinen steht sich besser. Na, eine ist ja ein bisschen knapp für uns alle”, fügte er noch hinzu, als mein Blick entgeistert von ihm zum Port und wieder zurück wanderte.

Uns alle?

Wie verändert der Flur plötzlich aussah! Draußen war die Nacht hereingebrochen, auf den Fenstersimsen leuchtete der Schnee im Schein der Straßenlampe und es schneite immer noch – mitten im Sommer? Im Hof war weder von Claudia noch dem Auto etwas zu sehen, nur mehrere dünne langsam verheilende Narben in der Schneedecke. Von den Mopeds und dem orangenen Kadett, die hinten unter dem Vordach des Schuppens standen.

Oben in der Stube waren sie alle Ralf, Christoph, Frank, Birgit … die ganze Clique. Aber sie waren so … jung, höchstens zwanzig. Die Männer hatten Bogarts auf (oder das, was sie dafür hielten), pafften dicke Zigarren und kommentierten aus zusammengebissenen Zähnen ihr Pokerblatt. Die Frauen wedelten sich mit affektierten Gesten den Qualm aus dem Gesicht, unterhielten sich über Sachen, für die Männer normalerweise keine Begriffe kennen und schauten so beiläufig auf ihre Karten, als wüssten sie nicht recht, wie diese auf ihre Hände gekommen waren. Trotzdem häuften sich vor Birgit die meisten Jetons und Rosi hatte nicht viel weniger als Frank, der Spitzenreiter unter den Männern.

Um Himmels Willen! Träumte ich?

Ich konnte mich noch ganz genau an diesen Abend vor fünfundzwanzig Jahren erinnern. Genau ein Jahr nach dem letzten Schultag und wir waren immer noch die besten Freunde. Und Rosi hatte mich damals gefragt, ob wir zusammen gehen sollten. Natürlich hatte ich sie gemocht, als Kumpel. Patent war sie ja gewesen, aber einfach nicht der Reißer, den ich mir damals in meinen Träumen ausgemalt hatte. So jemand wie Gina Lollobrigida oder Sharon Stone oder Farrah Fawcett. Claudia, meine Frau, hatte viel eher diesem Typ Frau entsprochen. Aber dieser Traum hatte sehr viel früher geendet, als mir lieb gewesen war. Claudia war ganz und gar nicht wie Rosi, sie zeterte, sie war voller Wenn und Aber und duldete kaum eine Meinung neben ihrer. Rosi war ganz anders gewesen.

Gewesen?

Ich schaute an mir herunter, befühlte meine Arme, mein Gesicht. Es schien, als ob ich ein Vierteljahrhundert in die Vergangenheit gereist und wieder zwanzig Jahre alt wäre. War das das Geheimnis des Türknopfes und der Türen hier im Haus meiner Eltern? Oder lag ich in Wirklichkeit noch immer auf dem Kellerboden, betäubt vom Sturz, und alles war nur ein Traum?

Der wissenschaftshörige Realist in mir fand natürlich die Idee einer solchen Reise in die Vergangenheit, eines Hauses, durch dessen Türen sich Portale in die Zeit öffnen ließen, völlig absurd. Aber selbst wenn ich nicht daran glauben oder irgendeine vernünftige rationale Erklärung dafür finden konnte, so wollte ich doch die Gelegenheit beim Schopf packen und versuchen, ein anderes Leben zu beginnen.

Ja, es war der Abend, an dem Rosi mich gefragt hatte, an dem ich Rosi klar gemacht hatte, dass ich mit ihr nichts haben wollte. Klar und unmissverständlich, mit meinen Träumen von der idealen Frau im Kopf, von der Rosi meilenweit entfernt war. Vielleicht sollte ich meine Ziele nicht ganz so hoch schrauben wie damals – wie jetzt? Wenn ich tatsächlich die Zeit zurück gedreht hatte und diesen Fehler korrigieren konnte, war das vielleicht eine einmalige Chance, mein Leben wieder ins Lot zu bringen.

Da wir so ausgelassen waren, wollte ich noch eine Flasche Wein holen. Als ich leicht angetrunken wieder aus dem Keller stieg, sah ich Claudia in der taghellen Haustür stehen, ungeduldig, als hätte sie dort die halbe Nacht verbracht.

“Ich – re – de – mit – dir!”, sagte sie, wobei sie jede Silbe betonte.

Ich blickte an mir herunter, aber ich war wieder der Alte, im wahrsten Sinne des Wortes. Ein verträumter Narr, der das Haus seiner Eltern nach Erinnerungen und wirren Geheimnissen durchforstete. Ich wusste weder, was ich denken, noch was ich sagen sollte.

“Was hast du da in der Hand? Einen Roten? Wie alt? Wenigstens etwas Vernünftiges. Wenn es noch mehr davon gibt, kannst du ihn meinetwegen aus dem modrigen Keller bergen.”

Verwirrt folgte ich ihr mit der Flasche in der Hand vor die Tür, wo sie eingehend das Etikett prüfte, als verstünde sie etwas davon. Sie drehte die Flasche ein paar Mal hin und her, neigte sie gegen das Licht und befand den Inhalt für genießbar.

“Ein Korkenzieher und ein Weinglas werden doch noch aufzutreiben sein. Natürlich, eines! Spreche ich inzwischen chinesisch? Du willst doch nicht trinken, wenn du noch fährst! Mit diesen Schuhen kann ich jedenfalls unmöglich fahren. Sie gefallen dir doch, oder nicht? Vielleicht soll ich mich auch noch auf den Fahrersitz setzen, den du vorhin vollgeschwitzt hast? Und mein Finger? Auch wenn er nicht mehr blutet, möchte ich heute noch zum Arzt gehen, um einer Blutvergiftung vorzubeugen. Liegt dir vielleicht nichts daran, dass ich gesund werde?”

“Doch.” Ich nickte schuldbewusst und verzog mich wieder ins Haus.

Welchen Streich hatte mir mein Gehirn da gespielt – oder das Haus? Der Knauf und der Keller? Vielleicht gab es noch eine andere Tür? Es blieb mir nicht viel Zeit danach zu suchen und deshalb versuchte ich mein Glück noch einmal an der Kellertür. Sollte es bloß ein Traum gewesen sein, war ich nicht schlimmer dran als vorher. Sollte mich der Türknopf aber tatsächlich in die Vergangenheit transportiert haben, so wollte ich lieber dort bleiben und mein Leben nochmal von vorne anfangen – mit Rosi.

Ich öffnete die Kellertür wieder mit dem Knauf und wollte das Licht anmachen, aber es war offenbar defekt. Also zog ich den Knauf ab, schloss die Tür und wartete ein paar Minuten, bis ich der Meinung war, es wäre genug Zeit für den Zeitreisetrick vergangen. Als ich nach dem Riegel tastete, musste ich seltsamerweise weiter nach oben greifen. Im Flur stellte ich zu meinem Entsetzen fest, dass ich auch keine zwanzig mehr war, sondern höchstens acht oder neun.

So schnell ich konnte rannte ich hinauf in die Küche. Dort saß mein Vater am Küchentisch, kaute an einem Apfel und las die Zeitung, wie es früher am Abend seine Gewohnheit gewesen war. Meine Mutter stand am Herd mit dem Rücken zu mir und rührte etwas über der Gasflamme.

Ich muss länger dort gestanden haben, denn mein Vater hörte auf zu kauen und blickte mich über seine Lesebrille hinweg an.

“Bist du in Rede- oder Bewegungsstreik getreten? Komm, nimm dir einen Apfel. Ich gebe dir den Sportteil.”

Meine Mutter lachte, als sie mich so stehen sah, und ich klappte hastig den Mund zu.

“Wie eine Hummelfigur”, witzelte sie. “Du zerstreuter Professor solltest mir Sauerkraut bringen und keinen Wein, sonst liegen wir morgen nach dem Mittagessen bestimmt unter dem Tisch.”

“Auch nicht das Schlechteste”, bemerkte mein Vater und zwinkerte mir zu. “Was ist denn das für ein hübsches buntes Ding, das da aus deiner Hosentasche herausschaut? Kommt mir irgendwie bekannt vor.”

Der Türknopf, schoss es mir durch den Kopf, ich darf ihn unter keinen Umständen verlieren, sonst bin ich verloren.

Ich machte auf dem Fuße kehrt, hastete nach unten und verstaute den Rotwein so gut ich konnte im dunklen Keller.

Irgendwie spürte ich, wie mir die Sache mit diesen seltsamen Zeitsprüngen entglitt. Nicht, dass ich je begriffen hätte, wie sie funktionierten, geschweige denn, ich hätte je die Kontrolle darüber gehabt. Aber ich fühlte mein Leben an mir vorbei gleiten, ohne einen Einfluss darauf zu haben, wohin mich die Reise führte. Was sollte ich nur tun? Jammern? Geister beschwören? Gott anflehen? Ich war nie sehr religiös gewesen, aber nun spürte ich den Drang, mich auf den Bauch zu werfen, die Hände zu falten und zu beten.

Ich spürte den kalten Lehm unter meinen nackten Knien, spürte wie die Feuchtigkeit begann, mein Hemd zu durchdringen, wie mein Bauch kalt und nass wurde. Den Kopf zwischen den Händen begann ich zu schluchzen. Ein Gebet formte sich in meinen Gedanken, aber kein Wort kam mir über die Lippen, nur schluchzen, mehr und immer mehr. Dann konnte ich nicht mehr an mich halten, ließ meiner Wut und Hilflosigkeit freien Lauf und heulte ungeniert drauf los. Ich spürte kaum wie sich eine wohlige Wärme über meinem Unterleib ausbreitete, als ich mich entleerte.

Unter Tränen bemerkte ich, wie die Kellertür aufgestoßen wurde und zwei Menschen die Treppe herunter gestürmt kamen. Meine Mutter nahm mich hoch, drückte mich fest an sich und flüsterte mir beruhigende Worte ins Ohr. Aber ich wollte sie nicht hören, ich wollte ihr etwas sagen, ihr mitteilen, was mit mir geschehen war und sie fragen, was ich dagegen tun konnte. Statt der Fragen formte mein kleiner unfähiger Körper nur noch mehr Schluchzer und Tränen und schließlich endloses Schreien.

“Was ist das überhaupt für ein komisches Spielzeug”, fragte mein Vater und hob den Türknopf auf. “Für dich, mein Kleiner, ist es jedenfalls zu gefährlich. Bevor du dich daran verletzt, werfe ich es lieber weg – oder schließe es irgendwo ein. Wer weiß, wozu es gehört.”

Das war das letzte Mal, dass ich meinen magischen Türknopf gesehen habe.

Und jetzt warte ich hier auf jemanden, der kommt und mich wickelt. Und darauf, dass ich größer werde und mich auf die Suche nach ihm machen kann, vorausgesetzt, ich erinnere mich dann noch an ihn. Leider gibt es jetzt keinen Weg, mein Wissen und meine Gedanken aufzuzeichnen. Und ich spüre, wie die Erinnerungen daran immer mehr verdrängt werden von weit dringenderen Bedürfnissen wie einer trockenen Windel und warmer Milch.

ENDE

Copyright © 2012 by Leon Ferri

Bildrechte: “Zeitlinien – manchmal gehen Uhren anders (Zeitlinien5.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

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Hochschulabbrecher Matt Fuller schlägt sich als einfacher Forschungsassistent am Massachusetts Institute of Technology durch. Als er sich gerade mit den Quantenbeziehungen zwischen Gravitation und Licht beschäftigt, verschwindet plötzlich sein Kalibrator – und taucht eine Sekunde später wieder auf. Und jedes Mal, wenn Matt den Reset-Knopf drückt, verschwindet die Maschine zwölfmal länger. Nachdem er mit dem Kalibrator herumexperimentiert hat, kommt Matt zu dem Schluss, dass er nun in Besitz einer Zeitmaschine ist, mit der er Dinge in die Zukunft schicken kann – einschließlich einer Schildkröte, welche die Reise unbeschadet übersteht. Mit einem Job ohne Zukunft und einer Freundin, die in wegen eines anderen Mannes verlassen hat, scheint nichts dagegen zu sprechen, dass Matt selbst eine kleine Zeitreise unternimmt. Also leiht er sich ein altes Auto, stopft es mit Essen und Wasser voll und landet in der nahen Zukunft – wo er wegen Mordes am Besitzer des Autos verhaftet wird, welcher tot umgefallen ist, als Matt direkt vor seinen Augen verschwunden ist. Die einzige Möglichkeit, der Mordanklage zu entgehen, besteht darin, weiter in die Zukunft zu reisen, bis er einen Ort in der Zeit findet, an dem er sich in Ruhe niederlassen kann. Doch was ist, wenn solch ein Ort gar nicht existiert …

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Updated: 2. Dezember 2015 — 02:23

17 Comments

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  1. Bevor ich es verpenne sie rein zu stellen, ändere ich lieber nichts mehr an der Story ;-).

    Jedenfalls wünsche ich euch viel Spaß beim Lesen :-).

  2. Du kannst doch bis zum Votingmonat jetzt noch dran ändern!

  3. Martina Möchel

    Werde mir diese Geschichte noch vornehmen. Ist aber etwas lang, daher dauert es noch ein wenig, sorry, Micha, bin im Moment wegen dem Wetter so erschöpft. 🙁

  4. Tolle Zeitreisegeschichte. Hat mir sehr gut gefallen und spannend. Man spürt auch die Ausweglosigkeit des Protagonisten. Der arme Bursche, wie soll das nur enden? Im Babykörbchen?

    Erinnert mich an einen seltsamen Film vor einem Jahr im TV bei dem ein Alter Mann immer jünger wurde, wie hieß der gleich noch mal?

  5. Felis Breitendorf

    Der Film hieß: „Der seltsame Fall des Benjamin Button“. Meinst du den?

  6. @ Martina

    Freut mich, dass dir die Geschichte gefallen hat :-).

    Da sich der Protagonist zum Schluss nicht mal mehr auf den Bauch drehen kann, muss er schon sehr winzig sein. Und der Türknauf ist dummerweise auch unerreichbar.

  7. Hört sich fast an, wie eine der klaustrophobische Storys aus der Feder von P.K.Dick. Kennste den?

  8. Ein paar kenne ich, ja. Aber „klaustrophobische“ von ihm kenne ich nicht. (Welche hast du im Sinn?) Einige Filmvorlagen, tolle Geschichten, ein bisschen angestaubt, aber klasse :-).

  9. Schau doch mal bei Wikipedia, Micha, da gibt es eine Seite zu dem Autor.

  10. Ich schätze, du meinst mich und nicht Micha ;-).

    Es gibt von Philip K. Dick eine Menge toller Bücher, leider habe ich nur mal einen Kurzgeschichten-Band gelesen. Darunter war auch die Vorlage zu „Minority Report“. Ich habe so viel vor, unter anderem auch, mir den einen oder anderen Roman von ihm rein zu ziehen. Ein zweiter dicker Wälzer von J.G.Ballard steht auch noch auf meiner Wunschliste – und und und. Ach ja, leider reicht die Zeit nicht für alles aus.

  11. geht mir genauso, ich schaffe auch nur einen Bruchteil meines Vorhabens. 🙁

  12. Wenn ich alles schaffen würde, was ich im Kopf habe, müsste der Tag mindestens 72 Stunden haben. 😉

  13. Hat er doch, du musst einfach dein Leben entschleunigen, dann hat er 240 Stunden! 😉

  14. Haste die denn nochmal überarbeitet, Leon? 🙂

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