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DAS ENDE DER ERDE (irgendwann einmal) – Leseprobe (Teil 2) – aus dem Roman “Die Leere” von Rüdiger Uckert

DAS ENDE DER ERDE (irgendwann einmal)

– Leseprobe (Teil 2) –

aus dem Roman “Die Leere”

von Rüdiger Uckert


(zum vorherigen Teil)

Reagan, da Monte, Brix, Tpapa’Nul, Rudda, Par’et und all die anderen Persönlichkeiten, die unsere Geschichte im Guten wie im Schlechten maßgeblich geprägt hatten, konnten abgerufen werden.

In einem größeren Aufenthaltsraum fand ich einen herrenlosen Computerterminal und versuchte, die letzten Tage der Miraden zu erforschen. Nach kurzer Zeit stieß ich auf die Datenbank eines Nachrichtensenders. Ich öffnete den zehntletzten Eintrag und las:

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Pvola erschien auf dem Bildschirm und begann: „Wir werden jetzt die Ereignisse der letzten Totbas zusammenfassen“, ohne dabei auf den gestrigen Abgang seines Kollegen einzugehen.

„Noch während wir die Ereignisse in Razzit live verfolgen konnten, wurden weltweit weitere Angriffe der Computerwesen gegen uns Miraden gestartet. Die traurige Bilanz: Putur 4.125.000 Opfer, Fruga 3.855.000 Opfer, Strald 3.600.000 Opfer, Razzit 3.000.000 Opfer, Tsutrat 2.750.000 Opfer, Vraapot 2.500.000 Opfer. Die Liste kann ich noch weiter vorlesen. Aber …“, ich konnte erkennen, dass Pvola mit den Nerven am Ende war, „… aber es ist völlig ausreichend, wenn ich die erschütternde Zahl von 1.050.000.000 Toten beklage, die Opfer des heutigen Parle nicht mit dazu addiert. Der Zentralrat berichtet regelmäßig über die neuesten Ereignisse und die beschlossenen Gegenmaßnahmen. Gegenmaßnahmen, was soll ich dazu sagen, alle wirkungslos.

„Entschuldigung, aber ich sehe keine Hoffnung mehr. Weiter. Sämtliche Verhandlungen, die der Zentralrat mit den Computerwesen führen wollte, wurden abgelehnt und die Unterhändler erschossen. Die Taktik der Computerwesen, so der Zentralrat, besteht darin, die Gebäude und Bauwerke so weit wie möglich zu verschonen und nur uns Miraden auszulöschen. Auf freiem Gelände werden schwere Bomber eingesetzt. In den Städten durchqueren Kampfroboter jede Straße, jeden Platz, jedes Haus, jede Wohnung und jedes Zimmer. Männer und Frauen, Kinder und ältere Mitbewohner werden gleichermaßen mit emotionsloser Kälte ermordet. Die vereinzelt aufkeimende Gegenwehr beschränkt sich auf Steinewerfen. Morgen wird eine öffentliche Konferenz der Zentralregierung abgehalten. Falls es den Rat morgen noch gibt, und was immer diese Konferenz bringen soll. Pvola, auf Wiedersehen.“

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„Mein Name ist Brumatris und ich begrüße Sie in dieser dunklen Zeit. Wir senden gleich einen Bericht der soeben zu Ende gegangenen Konferenz der Zentralregierung.“

Ein Würdenträger, behangen mit Schärpe und viel Schmuck, trat mit schweren Schritten und besorgtem Gesichtsausdruck an ein Rednerpult. Er räusperte sich und begann seine Ansprache.

„Liebe Miraden. In dieser Stunde Trost auszusprechen ist zu wenig. Ich möchte Ihnen daher, wenn dies auch nicht tröstlicher ist, die Entwicklung der letzten Wochen näherbringen. Wie Sie alle sicherlich schon wissen, konstruierten einige unserer Wissenschaftler in einem Rechner eine digitale Welt, aus der Erfahrungen, Wissen und Erkenntnisse gewonnen werden sollten, die uns helfen sollten, uns im Falle eines außerirdischen Angriffs erfolgreich wehren zu können.“

Ich glaubte, in einem schlechten Science-Fiction-Film zu sein. Wenn ich es nicht besser wüsste, könnte ich glauben, dass die Menschen ein paar Folgen von Star Trek zu den Miraden geschickt hatten.

„Die ersten Ergebnisse dieses Programms waren auch sehr vielversprechend. Unsere Wissenschaftler glaubten, die Philosophie und die Prinzipien des Krieges verstanden zu haben. Also wurde der Entschluss gefasst, den nächsten Schritt in Angriff zu nehmen. Die bisher theoretisch erschaffenen Soldaten und Waffen sollten nun real werden. Aber immer, und dass muss ich betonen, wurden die folgenden Simulationen mit Sicherheitsprogrammen versehen. Dem Operator war es jederzeit möglich, die Simulationen abzubrechen, er war immer Herr der Situation – bis, ja, bis ein Programm begann, ein Selbstbewusstsein zu entwickeln und eigene Programm­änderungen vorzunehmen.

Dieses Programm konnte mittlerweile verifiziert werden. Es handelte sich dabei um eines der Unterprogramme, die dafür sorgen sollten, dass die Gesamtstrategie zielorientiert abläuft und keine Ressourcen unnötig eingesetzt werden. Ziel der Simulation von 2123.01 war es, unseren Planeten zu verteidigen. Das eben erwähnte Unterprogramm gab am 2123.01-n11,34 autonom den Befehl an seine Mitprogramme, dass der Planet mitsamt allen erschaffenen Bauten, der Infrastruktur und den Kommunikationseinrichtungen explizit geschützt werden solle. Wir Miraden wurden gleichzeitig als nicht beschützungswürdig eingestuft, auch weil unser Schutz zu viele Ressourcen gebunden hätte.

Der Hauptfehler bei der Programmierung lag in der Definition des Planeten. Die Programme bezogen uns, die Bewohner, nicht in das engere Inventar des Planeten mit ein. Als der diensthabende Operator über sein parallel laufendes Kontrollprogramm diese Entscheidung löschen wollte, fühlte sich das Programm, ohne dass es dem Operator bewusst war, in seiner Existenz bedroht. Diese reale Bedrohung breitete sich im gesamten System aus, und von der Simulation zu einem echten Krieg war es dann nur noch ein kleiner, für das System unbedeutender Schritt.“

Rdklart, so hieß der Würdenträger, setzte eine kleine Pause. Nicht um auf etwaige Fragen zu warten, wie ich zunächst vermutete, sondern um zum abschließenden Teil seiner Ansprache zu kommen. Ich konnte sehen, dass Rdklart die Hoffnung auf eine friedliche Lösung aufgegeben hatte.

„Zwei Fragen gilt es zu beantworten, wobei die erste zunächst einmal nicht von besonderer Relevanz ist: nämlich, wie der Schritt vom aus toten Stromstößen bestehenden zum lebenden Programm vor sich ging. Die zweite Frage, mit der wir uns seit zwei Parles intensivst beschäftigen, ist, ob und wie wir aus der Krise, die schon so viele Opfer unter unserer Bevölkerung gefordert hat, herauskommen. Aus den bisherigen Ergebnissen theoretischer Natur lernten die Wissenschaftler auch die Kriegsführung von Guerillakriegern kennen und verstehen. Für diejenigen, die mit diesem irdischen Begriff nichts anzufangen wissen, sei vorerst so viel gesagt. Ein Guerillakrieg findet im Untergrund statt und nicht auf dem Schlachtfeld. Sich verstecken, kurz aus der Deckung auftauchen, zuschlagen und gleich wieder verschwinden. So wollen wir uns gegen unseren Feind zur Wehr setzten.“

Der liebe Rdklart hatte offensichtlich vergessen, dass ein wesentlicher Punkt der Guerillataktik in deren Geheimhaltung liegt. Aber Rdklart ging noch weiter und erklärte für den Feind ausreichend die ersten Aktionen seiner Guerillakrieger, die es dann wohl nicht mehr lange gegeben hatte.

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„Mein Name ist Pvola und ich begrüße Sie in dieser Zeit der Zerstörung. Die ersten angekündigten Aktionen von Rdklarts neuer Armee waren ein Desaster. Wie berichtet, waren unsere tapferen Krieger gut versteckt, sprangen aus der gesicherten Deckung hervor, aber die Feinde schienen diese Aktion vorherberechnet zu haben.“

So ein Blödsinn. Ich konnte richtig zornig ob so viel Naivität werden. Nicht berechnet wurde diese Aktion, dass ich nicht lache. Ihr habt die Aktion ordentlich verschissen.

„Mittlerweile ist nur noch unser Ursprungskontinent nicht vollständig entvölkert worden. Die Opferbilanz liegt bei über drei Milliarden Miraden. Neue Verhandlungsversuche brachten keinen Funken an Hoffnung, nur tote Unterhändler. Alle Versuche vereinzelter Miraden, mit Raumschiffen in den Orbit zu flüchten, schlugen fehl. Gerüchten zufolge verstecken sich einige unserer Mitbürger in den Wäldern von Gorlat und Frut.“

So viel Schwachsinn hatte ich ja noch nie gehört. Ich war mittlerweile froh über die irdische Entwicklung, auch wenn diese nicht immer so harmonisch und friedlich verlaufen war. Aber so unsäglich dumm waren wir nie gewesen. Die armen Miraden in Gorlat und Frut.

Der wirklich dumme Pvola setzte seine Reportage fort. Ich ersparte mir seinen weiteren Kommentar und schaltete zur nächsten Sendung.

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Es erschien nur ein Text, der dem Zuschauer mitteilte, dass vorübergehende technische Schwierigkeiten eine Übertragung unmöglich machten. Die hätten sich ruhig auch einen der Situation angepassten Text einfallen lassen können.

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Ich hatte Pvola erwartet, aber stattdessen erschien eine weibliche Miradin. Sah recht hübsch aus. Nicht ganz so rundlich wie ihre Kollegen, aber ihre Ausstrahlung versprühte viel Charme. Nur an diese quer liegende Nase konnte ich mich nicht gewöhnen.

„Meine lieben Mitbürger. Wir müssen uns darauf einstellen, dass wir vor der totalen Vernichtung stehen. Jegliche Gegenwehr, alle Verhandlungsversuche, alles ohne den geringsten Erfolg.“

Sie stand auf, ein Pausenbild mit einem wunderschönen Panoramafoto wurde eingeblendet.

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„Die Computerwesen haben den letzten Verteidigungsring um das Zentrogebäude überrollt. Sie sind nur noch 100 Golets vom Zentrum entfernt. Weitere 80.250.500 Opfer sind zu beklagen. Immer wieder wird unsere Kapitulation ignoriert. In Anlehnung an unsere irdischen Bekannten schwenkten wir eine riesige Fahne von der Spitze des Zentrogebäudes. Die Erwartung, dass die Computerwesen, die nach irdischen Regeln vorgehen, diese Symbolik respektieren würden, wurde enttäuscht.“

Es folgten weitere Reportagen von verschiedenen Teilen des Ursprungskontinents, die allesamt das Abschlachten der Miraden in ihrer ganzen Endgültigkeit zeigten. Viele tausende Miraden, wahrscheinlich die letzten ihrer Art, hatten sich auf den Zentralplatz und in das Zentrogebäude geflüchtet. Ich konnte nur verzweifelte Miraden erkennen. Alle klammerten sich an irgendjemanden. Wenn die Kamera ihr Objektiv auf jemanden richtete, blickte jedes Mal ein Gesicht in die Optik, das in keinster Weise wahre Hoffnung zeigte. Allen war bewusst, dass nur mehr ein Wunder helfen könnte, aber an Wunder glaubte keiner dieser Miraden mehr.

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„Alles ist aus. Wir sind dem Untergang geweiht“, begann Pvola, der wieder seinen alten Arbeitsplatz eingenommen hatte, mit einem übernächtigten Gesichtsausdruck. „Die letzten Verhandlungen mit den Computerwesen führten zu keinem befriedigenden Ergebnis. Sie sehen in uns weiter einen taktischen Nachteil. Unser letztes Argument, dass keine Gefahr von anderen Spezies droht, wurde nicht angenommen. Früher oder später werden Außerirdische kommen, lautete die stoische Antwort der Computerwesen. Die Computerwesen sehen in der Ankunft unserer irdischen Freunde eine 53%ige Gefahr einer Invasion.

Die letzten unserer Art versammeln sich im Zentrogebäude. Wir befinden uns im 121. Stockwerk. Stockwerk für Stockwerk werden wir Mirader für Mirader bis zum Letzten ausgelöscht. Unser Team bedankt sich bei allen treuen Zuschauern. Das war unsere letzte Sendung. Mein Name ist Pvola.“

Copyright © 2011 by Rüdiger Uckert / Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Medu-Verlages.
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Und hier geht es zum Buch von Rüdiger Uckert:

Uckert, Rüdiger
Die Leere

Ein Tagebuch aus der Zukunft

Verlag :      MEDU VERLAG
ISBN :      978-3-941955-48-6
Einband :      Paperback
Preisinfo :      14,95 Eur[D] / 15,40 Eur[A] / 21,90 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 21.11.2011
Seiten/Umfang :      458 S. – 21,0 x 14,8 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      1. Auflage 11.2011

Eines Abends findet der Marketingmanager Rüdiger Uckert auf seinem Computer eine seltsame Datei vor: Fragmente aus dem Tagebuch eines Unbekannten. Schnell offenbart sich, dass es sich um eine nahezu unendliche Geschichte handelt, aufgezeichnet von Winston Edelmann, der Jahrmilliarden der Geschichte des Universums miterlebt hat. Winstons persönliche Lebensgeschichte verbindet sich mit der universalen Entwicklung, und seine Unsterblichkeit eröffnet ihm eine einzigartige Perspektive. Ein Mann zwischen ewigem Leben und ewiger Vergänglichkeit – dies ist sein Tagebuch.

Rüdiger Uckert, 1960 in Essen/Ruhrgebiet geboren, studierte Volkswirtschaft in Linz/Österreich und ist in der Automobilbranche tätig. Auch wenn sich Rüdiger Uckert in seiner Freizeit für Astrophysik und Science Fiction interessiert, war es nie sein Bestreben, Autor zu werden. Mit dem Erscheinen der außergewöhnlichen Aufzeichnungen von Winston Edelmann auf seinem PC entschloss er sich allerdings, dessen Geschichte aus der Zukunft einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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Updated: 3. September 2013 — 14:06

4 Comments

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  1. Petra Weddehage

    Interessante Story. Bin schon auf die Fortsetzung gespannt.

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