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DAS BLUTIGE MESSER ODER – TOD OHNE FREMDEINWIRKUNG – Eine Kurzgeschichte von Margret Schwekendiek

DAS BLUTIGE MESSER ODER – TOD OHNE FREMDEINWIRKUNG

Eine Kurzgeschichte

von

Margret Schwekendiek

Ich werde sterben! Das ist überhaupt der einzige Sinn meines Lebens.

Während ich hier in der Badewanne mit heißem Wasser sitze, zieht mein kurzes unspektakuläres Leben an mir vorbei. Himmel, ich bin eine von vielen inmitten einer Masse von gesichtslosen Menschen. Ich will nicht gesichtslos sein, und ich will auch nicht zur Masse gehören. Das war überhaupt der Grund, warum ich mich mit ihm eingelassen habe. Mit Alex nämlich. Von Anfang an wusste ich, dass wir keine normale Beziehung führen würden. Er war ein besonderes Exemplar seiner Gattung: anmaßend, herrisch, überlegen, überheblich – einfach widerlich. Und doch war er wunderbar. Niemals zuvor habe ich solche Ekstase erlebt! Ob beim streiten, beim versöhnen oder im Bett. Du meine Güte, ich habe nicht einmal gewusst, dass man so viel Lust verspüren kann, wenn allein die Blicke eines Mannes auf den Brüsten ruhen. Wenn seine Finger über meine Haut glitten …

Aber ich schweife ab. Alex war wie aus dem Nichts aufgetaucht und erwischte mich in einer ausgesprochen depressiven Phase. Ich fühlte mich fett und hässlich, von anderen verfolgt und absolut unfähig irgend etwas richtig zu machen. Ich war kurz davor meinen Job und meine Wohnung zu verlieren, weil ich mich scheute, meine eigenen Ansichten richtig zu vertreten. Da stand plötzlich Alex vor mir, mitten auf der Straße. Er strahlte mich an, griff mit der linken Hand spielerisch in meine langen dunklen Haare und zog meinen Kopf ganz dicht an den seinen. Ohne ein Wort zu sagen küsste er mich, und ich dachte, die Welt öffnet sich unter meinen Füßen.

„Du brauchst dringend etwas Selbstbewusstsein“, lachte er. „Eine so schöne Frau sollte sich nicht vor sich selbst verstecken müssen. Ich werde ein paar Tage bei dir bleiben, und dann hat die Welt ein anderes Gesicht.“

Wir waren kaum zuhause, als wir uns gegenseitig die Kleidung vom Körper rissen. Zu diesem Zeitpunkt fragte ich nicht einmal nach seinem Namen. Nach einer Nacht, in der keiner von uns schlief, nahm Alex das Heft in die Hand. Er rief meinen Chef an und beschimpfte ihn übel, ohne auf meine Proteste zu achten. Aber es funktionierte, ich konnte meinen Job behalten und bekam sogar ein paar Tage Urlaub. Als mein Vermieter klopfte, um sich über den nächtlichen Lärm zu beschweren, drängte Alex ihn eng gegen die Wand und versprach ihm, ihn die Treppe hinunter zu werfen, wenn er mich noch einmal belästigte. Auch hier gab es plötzlich keine Probleme mehr.

Ich machte Alex Vorhaltungen, doch er lachte nur. Ich steigerte mich in meinen Zorn hinein, er konterte, und wir stritten lautstark und heftig, bis wir uns im Bett wiederfanden.

Das ging eine ganze Woche so, und ich wusste über ihn noch immer nicht mehr als zu Anfang. Na ja, das stimmt nicht ganz. Ich fand heraus, dass Alex über unglaubliche Verbindungen verfügte. Wir bekamen Einladungen zu großartigen Partys, und er gab mit einem Lächeln Unsummen aus, um mich neu einzukleiden. Ich machte die Bekanntschaft von einflussreichen und wichtigen Leuten, die alle versuchten, die Aufmerksamkeit von Alex auf sich zu ziehen.

Wer oder was war er? Die Frage stellte sich immer drängender. Alex schien jeden und alle zu kennen, und alle waren wild darauf, dass er ihnen wenigstens eine Sekunde seiner Aufmerksamkeit schenkte. Unglaublich! Alex benahm sich wie ein Feudalherrscher, machte einige Leute mit einem Lächeln glücklich und stürzte andere durch Nichtachtung in tiefe Verzweiflung.

Ich fühlte mich noch immer wie unter Strom, wenn mich seine Hand nur berührte, und es war mir im Grunde egal, dass die anderen mich als ihresgleichen akzeptierten. Für mich war nur Alex wichtig.

Fast drei Wochen vergingen in einem unglaublichen Rausch. Doch dann kam jäh die Ernüchterung.

Am Morgen nach einer besonders heftigen Nacht legte Alex seine Hand unter meinen Kopf, beugte sich über meine Lippen und küsste mich, bis ich keine Luft mehr bekam. Dann aber schaute er mich an wie ein seltenes Insekt und wurde zu einem völlig anderen Menschen. Das war wirklich unglaublich.

Aus den ebenmäßigen Zügen seines Gesichts wurde eine verzerrte Fratze, die immer noch seltsam anziehend wirkte, die aber gleichzeitig alle Unarten der Gemeinheit und Grausamkeit widerspiegelte. Hass, Gier, unbändige Lust, grausame Genugtuung, lodernde Wut, sadistisches Wohlgefallen – all das und noch viel mehr, was man kaum in Worte fassen kann, malte sich in seinen Zügen.

Jede Nervenfaser in meinem Körper zitterte vor Angst, ich bebte trotzdem vor unendlichem Entzücken, und mein Blut rauschte hörbar durch die Adern. Ich wehrte mich nicht, als alle seine dunklen Triebe ein Ventil in mir fanden.

„Du gehörst mir, Andrea Kirchmeister, für alle Zeiten gehörst du mir.“

Das hätte ich vielleicht noch verkraften können, doch für ihn gehörte es von nun an zum grausamen Vergnügen, mich in jeder Hinsicht zu demütigen.

„Wer bist du? Was bist du?“, stieß ich irgendwann hervor. „Bist du der Teufel persönlich? Dann sag mir, warum du mir schon jetzt die Hölle bereitest?“

Er zuckte zusammen, als hätte ich ihn geschlagen.

„Nein – nein, der Teufel bin ich nicht. Er ist es, der mich verflucht hat, verstehst du? Es ist sein Wille, dass ich bin wie ich bin. Ich kann keine Erlösung finden, und ich muss dich quälen, um selbst etwas Erleichterung zu haben.“

Das war doch einfach nur absurd. Ich stieß ein nervöses Lachen hervor und schubste Alex von mir weg.

„Lass mich in Ruhe“, schrie ich ihn an. „Geh zurück zu deinem Herrn und Meister, du hast hier jetzt genug Unheil angerichtet.“ Ich sprang aus dem Bett, splitternackt, und blickte an meinem sonst so makellosen Körper herunter. Hässliche blaue Flecken, Quetschungen, verschorfte Wunden. Ich hatte genug. Genug!

Warum hatte ich mir das überhaupt so lange gefallen lassen? Warum hatte ich diesen Mann jemals an mich herankommen lassen? Ich musste verrückt gewesen sein! Vielleicht hatte er mich hypnotisiert oder auf andere Weise in seinen Bann geschlagen. Das war mir egal. Ich war aus dieser Trance erwacht und hatte nur noch den Wunsch, ihm alles zurückzuzahlen, was er mir angetan hatte.

In meiner Wut war mir zunächst gar nicht klar, dass Alex allein bei der Erwähnung des Teufels zurückschreckte. Seine Angst vor dem Satan war ebenso grenzenlos wie seine dunklen Triebe. Oder nein, die Angst war wesentlich stärker. Ich ging mit blitzenden Augen auf ihn zu und schlug ihn mit aller Kraft ins Gesicht.

„Das ist für dein Vergnügen an meinem Weinen, und das ist für deine Freude an meinem Schmerz.“ Für jede empfundene Qual schlug ich zu, doch er machte keine Anstalten sich zu wehren. „Und nun verschwinde endlich aus meinem Leben, geh dorthin zurück, woher du gekommen bist, in die Hölle“, schleuderte ich ihm schluchzend entgegen.

Ein Licht flammte in seinen Augen auf. „Nicht ohne dich“, flüsterte er rau. „Denn du gehörst mir, und du wirst mir überallhin folgen.“ Er hob die Hand, um meine Wange zu streicheln, aber ich wollte mich nie wieder anfassen lassen – weder von ihm noch von sonst jemandem.

In blinder Panik griffen meine Hände nach einem Gegenstand, es war der Korkenzieher, mit dem wir die letzte Flasche Wein geöffnet hatten. Voller Angst, Scheu und Erregung stieß ich zu. Die messerscharfe Spitze drang in den Hals ein, das Gewinde hinterher; Blut sprudelte, doch ich hielt nicht inne. Mehrmals stieß ich das Werkzeug in das weiche nachgiebige Fleisch, bis Alex blutüberströmt am Boden lag. Wiederum ging eine Veränderung mit ihm vor. Sein Gesicht wandelte sich zu dem eines sympathischen verletzlichen Menschen. Erst jetzt schlug ich entsetzt die Hände vor mein Angesicht, betrachtete das Blut überall und wurde mir klar darüber, dass ich getötet hatte. Doch ich fühlte kein Bedauern. Er hatte den Tod verdient – und ich auch.

Ich hockte auf dem Boden und starrte ins Leere. Was sollte ich jetzt tun? Die Polizei rufen? Einfach verschwinden? Oder aufräumen, die Leiche irgendwie beseitigen und mich benehmen wie immer?

Bevor ich zu einer Entscheidung gekommen war, flimmerte die Luft vor mir, und eine Gestalt tauchte auf. Schwefligen Gestank hatte ich erwartet, Feuer und Rauch, wenn der Teufel erschien, aber es handelte sich um einen freundlichen älteren Herrn mit Anzug und Krawatte, der ein teures Rasierwasser benutzte und sehr kultiviert wirkte. Kopfschüttelnd schaute er sich um.

„Ich bin immer wieder erstaunt, zu welchen Gräueltaten ihr Menschen fähig seid“, sagte er mit sanfter Stimme. „Sieh nur, was du getan hast. Und mir sagt man Grausamkeit nach? Also wirklich! Aber nichtsdestotrotz, Mädchen, du glaubst doch nicht, dass du ungeschoren davonkommst? Du hast in meine Pläne eingegriffen, und das kann ich natürlich nicht durchgehen lassen. Wo kommen wir hin, wenn jeder kleine Mensch seinem eigenen Willen folgt? Aber ich bin heute großzügig und biete dir die Wahl: entweder tötest du dich selbst, so dass ich sofort in den Besitz deiner Seele komme, damit sie mir und Alex dienen kann – oder du lieferst mir eine ganze Reihe von Seelen, und ich werde dir das Fegefeuer ersparen und dich anschließend gleich willkommen heißen.“

„Wie bitte?“, fragte ich entgeistert. Er lächelte mich an und hob die Hand. „Du hast mich schon verstanden. Ich gebe dir eine halbe Stunde bis zur Entscheidung.“

Vor meinen Augen verschwand Alex, ebenso wie das Blut und jeder Hinweis darauf, dass sich überhaupt jemand außer mir in diesen Räumen aufgehalten hatte.

Ein trüber grauer Morgen kroch durch die Fenster, und ich spürte den Tod in allen Knochen. Nein, ich würde niemanden mit in den Abgrund reißen, ich allein hatte diesen Fehler gemacht, ich allein musste dafür büßen.

Mein Kopf war plötzlich vollkommen klar. Ich ließ Wasser in die Badewanne laufen, legte ein Messer auf den Badewannenrand, setzte mich hinein und starrte noch kurze Zeit ins Leere, wobei mir wie in einer Fotoshow die wenigen Höhepunkte meines Lebens an den Augen vorbeizogen. Dann nahm ich die überaus scharfe Klinge und begann meinem Leben ein Ende zu setzen. Es war so einfach, praktisch ohne Widerstand glitten die Klingen in meine Haut und schnitten die Adern auf. Mein Blut besaß eine wundervolle rote Farbe. Es vermischte sich mit dem heißen Wasser, ich glaubte, in einem roten Meer zu sitzen. Es tat gar nicht weh, und ich kehrte in die Realität zurück.

In aller Ruhe sehe ich zu, wie das Leben aus mir herausläuft…

* * *

Aus dem Polizeibericht: Am frühen Morgen gegen 6.23 Uhr wurde die Leiche der 26jährigen Andrea Kirchmeister in ihrer Wohnung gefunden. Allem Anschein nach hat die junge Frau Selbstmord begangen. Sie litt nach Auskunft des behandelnden Arztes schon seit längerem unter Depressionen und Wahnvorstellungen. Nachdem sie seit über einer Woche nicht mehr bei der Arbeit erschienen war und in ihrer Wohnung niemand öffnete, brach der herbeigerufene Beamte die Tür auf. Frau Kirchmeister musste bereits seit mehreren Tagen tot gewesen sein, sie lag mit einem scharfen Messer in einer Badewanne, und die Wohnungstür war von innen verschlossen. Der Gerichtsmediziner schloss jede Fremdeinwirkung aus.

-ENDE-

Copyright © 2015 by Margret Schwekendiek

Bildrechte: “Das Böse” (Das Böse.jpg) © 2013 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

Bildrechte: Grafik “Frau mit Blutigem Herzen und Dolch” (Frau mit Blutigem Herzen und Dolch.jpg) © 2014 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

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Mein Selbstmord (Gebunden)
von Roorda, Henri

Verlag:  Brotsuppe, Verlag Die
Medium:  Buch
Seiten:  64
Format:  Gebunden
Sprache:  Deutsch
Erschienen:  Mai 2015
Originaltitel:  Mon Suicide
Maße:  202 x 128 mm
Gewicht:  175 g
ISBN-10:  3905689359
ISBN-13:  9783905689358

Beschreibung
Henri Roorda (1870-1925), wohl der originellste Humorist und Schriftsteller der Westschweiz, dessen libertär philosophische Gedanken erst seit Kurzem wieder wahrgenommen werden, hat seinem Leben 1925 ein Ende gesetzt, wie er dies in einem Büchlein mit dem Titel „Mon Suicide“ angekündigt hatte. Anders als es der Titel vermuten lässt, handelt es sich dabei weder um einen schwerblütig düsteren noch um einen zynischen Text, auch wenn Roordas Witz sich zuweilen ätzend gibt, und der Autor sein Vorhaben tatsächlich wahr gemacht hat. Mit scheinbar leichtfüssiger Distanz betrachtet er sich selbst und die Gesellschaft seiner Zeit und arbeitet messerscharf das Wesentliche heraus, das – leider! – auch für unsere heutigen Verhältnisse gültig bleibt. Angesichts des wachsenden Drucks, dem sich die Menschen in ihrer Arbeit ausgesetzt sehen, angesichts des Konformitätsdrucks, der allem Anschein zum Trotz gerade in jüngster Zeit noch stärker geworden ist, hat das kleine Werk eine unglaubliche Aktualität. Weit davon entfernt, seinen Selbstmord als nachahmenswertes Beispiel erscheinen zu lassen, ist der Scharfblick des Autors dazu angetan, eine befreiende Distanz zu den offenbar „unverbesserlichen“ gesellschaftlichen Verhältnissen zu schaffen.

Autor
Henri Roorda van Eysinga (1870 – 1925) ist wohl einer der subtilsten Humoristen und Denker der Westschweiz. Er lebte als Pädagoge, Mathematiklehrer und Kolumnist mit libertär anarchistischem Gedankengut in Lausanne. Neben Essays, Kolumnen und Theaterstücken veröffentlichte er einen Almanach unter dem Namen „Balthasar“.

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