Buchrezension von Werner Karl zu Carl Reiner Holdts “Gezeitenwechsel”
Erstellt von Detlef Hedderich am Sonntag 19. Februar 2012
Carl Reiner Holdt
Gezeitenwechsel
Südwestbuch, Stuttgart
1. Auflage 2011
ISBN 978-3-942661-76-8
Science-Fiction
Taschenbuch, 259 Seiten
Titelfotos: James Thew
Titelgestaltung: Julia Karl
Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de
Über den Autor:
Carl Reiner Holdt wurde 1958 in Rom geboren. Nach dem Studium der Mathematik und Allchemie arbeitete er als Gärtner, Krankenpfleger, Erzieher und Lehrer. 20 Jahre verbrachte er im Kloster. Seit sieben Jahren ist er verheiratet und lebt heute in der Nähe von Tübingen.
Klappentext:
„Der Himmel im Schwarzwald ist immer schwarz, kein städtisches Streulicht, nur Sterne. Normalerweise. Jetzt wurden die Sterne von einem runden Schatten gefressen, bis der ganze Himmel über Reuters’ Haus verschwunden war. Der Sieger war angekommen.“ Die Erde ist Zankapfel zweier galaxisweit konkurrierender politischer Systeme, der Liga und dem Kaiserreich der R’rall. Major a. D. von Reuters, Kampfpilot und Gentleman der alten Schule, hätte im Traum nicht gedacht, welche Dienste der Kavalleriesäbel seines Ur-Großvaters ihm noch leisten würde, als er zwischen die Fronten gerät. Er erobert im Duell mit einem R’rall -Admiral einen Ring, der als Insignie der Macht gilt. Mit diesem Ring, einer Truppe von Freischärlern und einer 320-jährigen Liga-Agentin schafft er das scheinbar Unmögliche: die Befreiung der Erde. Lokalkolorit, packende Kampfszenen mit ausgefeilter Nano-Technik, erotische Begegnungen der dritten Art und eine erstaunliche Interpretation der Geschichte von Luther und Napoleon machen diesen Sci-Fi-Thriller zum faszinierenden Gesamtkunstwerk.
Vorbemerkung:
Eine Rezension zu schreiben, scheint für Außenstehende eine einfache Sache zu sein: Du bekommst ein Buch, liest es und gibst deine Meinung dazu ab. Punkt. Fertig. Das Internet ist voll von solchen Stellungnahmen. Die Anzahl dürfte bei den großen Buchverkaufsplattformen Legion sein. Wenn man ein Genre, einen Autor oder einen Plot nicht mag, wird aus der Rezi schnell ein Verriss und das oft genug zurecht. Und den Verlagen ist ein Verriss sogar noch lieber, als wenn das Buch gar nicht besprochen wird.
Aber was tun, wenn der Plot an sich gut ist, der Autor nett, ja sogar freundschaftlich mit dem Rezensenten verbunden ist? Tut man ihm einen Gefallen, wenn man seinen Text lobt? Noch schlimmer: Wenn der Rezensent selbst schreibt und auch für sich selbst längst nicht in Anspruch nimmt, besser oder gar perfekt zu sein? Gilt hier nicht der Spruch: „Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen“?
Oder ist es für beide – Autor und Rezensent – nicht ehrlicher, wenn man bei den Fakten bleibt und beide(!) daraus lernen und beim nächsten Roman besser, schlichtweg professioneller werden? Ich weiß, dass man es nicht allen Menschen recht machen kann und ich ohnehin schon den Ruf der Korinthe, des Oberlehrers und vielleicht sogar eines Meckerers weghabe. Aber ich kann nicht anders.
Zum Buch:
Ich will hier jetzt nicht noch einmal die Geschichte skizzieren, dafür genügt der Klappentext völlig. Jedes weitere Wort würde einem Käufer den Spaß verderben. Denn Lesespaß hat mir die Story tatsächlich bereitet. Der Grundplot ist gut, ja sogar außergewöhnlich: Zwei Alien-Rassen streiten sich um die Erde. Zumindest fällt mir auf Anhieb kein Roman ein, wo ich diese Idee schon mal gelesen hätte. Und viele kleine Ideen fand ich schlichtweg super, manchmal sogar witzig, z. B. die katzenähnlichen R´rall-Soldaten sind alle weiblich, haben vier Zitzen/Brüste und tragen bei passender Gelegenheit auch schon mal High Heels, welche perfekter zu ihrer Anatomie passen, als die gleichen Qualtreter für Menschenfrauen.
Auch das Lokalkolorit ist ein nettes Bonbon, aber nicht unbedingt für das Funktionieren der Story notwendig. Die Querverweise auf geschichtliche Verstrickungen treffen ohnehin eines meiner Lieblings-Untergenre und die Anklänge von Military-SF sowieso.
Was „Gezeitenwechsel“ aber von einem sehr guten Roman trennt, ist zuallererst einmal das mangelnde Lektorat. OK, es wird in unserer schnelllebigen Zeit immer schwieriger, einen wirklich fehlerfreien Text zu erstellen. Aber genau dafür ist das Lektorat eben da; vor allem wenn noch betont wird, dass auch ein Korrektorat stattgefunden haben soll. Hier im Klappentext noch von einem „faszinierenden Gesamtkunstwerk“ zu schwadronieren, tut dem Text unrecht und leistet dem Autor einen Bärendienst, weil völlig überhöht und sicher nicht auf Bestreben des Autors so formuliert. Würde ein Verlag ähnliche Übertreibungen bei einem meiner Texte vorschlagen, würde ich sicher auf die Barrikaden gehen und für die Streichung solcher Wörter kämpfen.
Was man dem Autor als Einziges vorwerfen kann, ist schlichtweg, dass er seine tolle Idee so gerafft (magere 250 Seiten) erzählt. Holdt nutzt seine eigenen guten Einfälle nicht und nach der dritten oder vierten verpufften Chance fällt es immer mehr auf. An vielen Stellen ist er sprunghaft, nutzt an sich fesselnde Geschehnisse nicht, um sie auszuleben, den Leser mitzureißen, echte Gefühle zu zeigen und diese im Idealfall beim Leser zu wecken. Leider fehlt ihm die Fähigkeit, aus der packenden Geschichte eben auch einen packenden Text zu machen. Sicher ist „Gezeitenwechsel“ kein Liebesroman, aber die distanzierte Kühle der Erzählweise lässt es nicht zu, sich als Leser mit dem Protagonisten zu identifizieren, mit ihm zu kämpfen, zu sterben und … upps, beinahe was verraten.
Dramatische Ereignisse werden in zwei Sätzen abgehandelt, beinahe schon, als wäre es ihm peinlich, die Schrecken von Kampfhandlungen beim Namen zu nennen. Faszinierende, weil außerirdische Waffen müssen doch auch ihre überlegene Funktionalität zeigen dürfen. Natürlich verlangt niemand nach der detaillierten Beschreibung offenliegender Gedärme, aber kein einziger Protagonist ist geschockt, erschüttert, zeigt Anteilnahme, Verzweiflung. Ständig tauchte beim Lesen in mir das Bild von Bruce Darnell von DSDS auf, der die Hände in die Luft wirft und „Gefuhle! Gefuhle!“ ruft.
Fazit:
Hätte Holdt ein Lektorat nutzen können, dass diese Bezeichnung verdient, wäre „Gezeitenwechsel“ ein wirklich guter Roman geworden, hätte eine Länge von locker 550 oder 650 Seiten erreicht, ohne eine einzige Seite langweilig geworden zu sein. Auch der beabsichtigte Schwenk von Teil 1 aus der Stilform einfache Vergangenheit (Präteritum) in die einfache Gegenwart (Präsens) bei den Teilen 2 und 3 verwirrt mehr, als das es dem Lesefluss oder der Handlung wirklich nützt. Aber vielleicht musste sich hier der Titel niederschlagen; gebraucht hätte es das nicht.
Alles in allem zeigt mir doch dieses vorliegende Beispiel, wie wichtig ein zweites, drittes oder viertes Augenpaar ist, das einem Autor zur Seite steht. Einem guten Lektorat wären all die o. g. Punkte mit gnadenloser Sicherheit aufgefallen und der Autor hätte eine Chance erhalten, aus seiner guten Idee ein Hammerbuch zu machen. Und wenn das Ziel beim fünften Überarbeiten eben noch nicht erreicht wurde, dann eben beim sechsten oder siebten Mal.
Und es macht mir höllische Angst, dass es mir mit meinen Texten genauso gehen könnte. Ich wünsche mir Freunde, Kollegen, Lektoren und Agenten, die mir helfen, meine Fehler auszumerzen. Denn ich mache sie ganz sicher auch. Ich hoffe nur, das es immer weniger werden. Und Carl: ich würde mich freuen, wenn du einer dieser Freunde bist.
Ein Verriss? Nein, von meiner Seite aus nicht. Für das (schwache) Lektorat kann der Autor nichts, die Story ist wirklich gut und insgesamt hat sie mir gefallen. Kritik? Ja, und zwar eine ehrlich gemeinte. Ich kann das Buch Hardcore-SF-Fans durchaus empfehlen. Und ich werde auch weitere Titel des Autors lesen und sehen, wie er sich entwickelt.
Copyright © 2012 by Werner Karl
Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de
PREISRÄTSEL/GEWINNSPIEL: 3 x 1 (KOSTENLOSES!) EXEMPLAR MIT PERSÖNLICHER WIDMUNG DES AUTORS (!): Holdt, Carl Reiner – Gezeitenwechsel.










Sonntag 19. Februar 2012 um 11:25
Ein sfbasar.de-Community-Autor rezensiert einen Roman eines sfbasar.de-Comunnity-Autoren, daher habe ich die Besprechung aus dem Buchrezicenter auch noch mal hier in den sfbasar gestellt, da es ja für uns alle, die wir schreiben, von Interesse sein dürfte. Sozusagen Teil unserer Autorenwerkstatt.
Was meint Ihr zu der Rezension?
Sonntag 19. Februar 2012 um 11:46
[...] « SFBASAR.DE-ANTHOLOGIE (mit Themenschwerpunkt): “Korrekturbutton” Buchrezension von Werner Karl zu Carl Reiner Holdts “Gezeitenwechsel” [...]
Sonntag 19. Februar 2012 um 14:54
Hallo Carl,
was mich interessieren würde, was ist denn “Allchemie”? Ich habe zwar im Internet recherchiert (neudeutsch: gegooglet), aber nichts gefunden, was mir irgendwie plausibel erschienen wäre.
Oder hast du “Alchemie” gemeint, Blei in Gold umwandeln und so
.
Sonntag 19. Februar 2012 um 16:36
Wenn ja, dann melde ich mich schon mal für ein Pfund Gold an!
Sonntag 19. Februar 2012 um 16:54
ja, danke, Alchemie meine ich natürlich, grins…
das mit dem Gold klemmt noch etwas, aber ich arbeite daran: die Transmutation der Elemente.
LG, C
Sonntag 19. Februar 2012 um 17:00
Och, schade, wollte mich grad auch einreihen!
Montag 20. Februar 2012 um 12:10
@Galaxykarl
Die Rezi ist interessant, aber habt ihr denn über die ganzen Sachen geplauscht, die du erwähnt hast? Also, ob der Verlag/Lektor/Wasauchimmer Teile rausgestrichen hat oder fehlende Sachen nicht angefordert hat oder einfach nicht piep und nicht pap gesagt hat und so den Autoren im Prinzip allein gelassen hat?
)
(Viel zu viele ‘hat’s, aber das lektoriere ich jetzt nicht
Eine eigene Meinung zum Buch kann ich mir leider noch nicht machen, da ich nur den (umgeschriebenen) Ausschnitt für den Wettbewerb kenne. Aber einplanen kann ich den Titel schon mal – zumindest in Gedanken
.
Montag 20. Februar 2012 um 21:21
Hallo Micha,
ich kann nicht bei einem Verlag oder einer Agentur nachfragen, ob sie dieses oder jenes getan oder unterlassen haben. Das würde auch keiner von beiden mir als Außenstehenden mitteilen. Als Rezensent kann man immer nur das beurteilen, was auf dem Tisch liegt. Und ich habe ja an mehreren Stellen erwähnt, das ich in der Gesamtheit den Roman positiv sehe und nur einige Dinge seitens des Autors bemängele, das große wirkliche Defizit vor allem in dem schlechten Lektorat sehe. Und dafür kann der Autor nichts.
Und ich sehe meine Rezi wirklich nicht als Verriss. Wenn du mal wirkliche Verrisse lesen willst, dann zieh dir doch mal diese rein:
http://buchrezicenter.filmbesprechungen.de/genres/perry/die-galaktischen-mediziner/
http://www.filmbesprechungen.de/allgemein/millennium-crisis/
mgg
galaxykarl
Dienstag 21. Februar 2012 um 20:41
@ galaxykarl: das ist schon gut so, danke für deine klare Ansage.
Auch wenn ich naturgemäß nicht alles genauso sehe
Mich interessiert allerdings, was du unter “sprunghaft” verstehst.
@ Micha: der Verlag hat sich kein Bein ausgerissen. Die Lektorin ist sehr nett, aber Berufsanfängerin. Die “Allchemie” geht jedenfalls nachweislich auf das Verlags-Konto.
Dienstag 21. Februar 2012 um 23:06
Allchemie … All-Chemie
nu hab’ ich’s auch kapiert. Heißt offiziell Kosmochemie oder Astrochemie und dazu gibt es eigene Institute an Universitäten oder zB bei der Max-Planck-Gesellschaft.
> Die “Allchemie” geht jedenfalls nachweislich auf das Verlags-Konto.
Es ist ein bekanntes Phänomen. Kommt bei neuen Bekanntschaften heraus, dass man mal was mit Astronomie gemacht hat, kommt sogleich ein “Find ich ganz toll und welches Sternzeichen bist Du?”
Die Rezension ließt sich so, als ob man von dem Buch etwas lernen könnte. Und vom Rezensenten vielleicht auch.
Noch habe ich es nicht geschafft, aus einer Idee von drei, vier Sätzen ein fertiges Buch von 250 Seiten, geschweige denn 600, zu machen. Bisher liegen da zwei Manuskripte von 100 und 140 Seiten. Wenn ich es richtig verstanden habe, ist das Buch ein Erstlingswerk. Dazu meinen Respekt und Glückwunsch!
galaxykarl,
> das große wirkliche Defizit vor allem in dem schlechten Lektorat sehe. Und dafür kann der Autor nichts.
Da würde ich gerne mehr darüber erfahren. Wo ist die Grenze zwischen der Arbeit des Autors und der Arbeit des Lektors? Und wo kann ich darüber etwas lesen? (hier sprengt es wohl den Rahmen)
Gruß
Martin
Mittwoch 22. Februar 2012 um 12:26
Hallo Martin,
Dank für deinen Glückwunsch!
Es war schon “Alchemie” gemeint, allerdings nicht die Kocherei, mit der man aus Blei Gold machen will, sondern die Philosophie dahinter, praktisch angewendet auf die Gärtnerei (mein Buchtipp: W.D.Storl, der Garten als Mikrokosmos) Es geht dabei um die Wahrnehmung von Qualität nach dem Analogie-Prinzip und als Ergänzung zum Kausalprinzip und der Berechenbarkeit (z.B. in der Physik).
Mit Tachyonen-Salbe oder Elektrischen Wünschelruten habe ich nix am Hut. Ich frage die Wünschelrutengänger immer, ob sie eine elektromagnetisches Spektrum messen (ja) und in welchem Frequenzbereich (unter 50 Hz) und wie das dann mit einer 10cm-Antenne klappen soll: sie hätten sicher einen SQID in ihrer Messaparatur? Äh, keine Ahnung! Oder auch: ja, klar! Und wo sie den flüssigen Stickstoff zum Kühlen einfüllen würden? Oder hätten sie schon Legierungen mit Sprungtemperatur bei 20 °C?
@ Micha: das meinte ich auch mit Mikrowellen, die von Dipolen im Nanometerbereich aufgefangen werden sollen
LG, Carl
Mittwoch 22. Februar 2012 um 14:59
Lieber Martin,
ja, wo ist die Grenze zwischen der Arbeit des Autoren und des Lektors?
Dazu muss man erst mal vorher erwähnen, das heutzutage immer mehr das sogenannte Grundlektorat von einer Literaturagentur ausgeführt wird/werden sollte. Nachdem pro Jahr Tausende von Manuskripten auf die Agenturen und Verlage einprasseln, landen bei Direkteinsendungen (vom Autor zum Verlag) mindestens 90% im Papierkorb. Stell dir vor, du bist Verlagslektor und erhältst pro Woche 50 Romanmanuskripte. Völlig unmöglich diese – neben der prall gefüllten Tagesarbeit – auch noch alle fair und unvoreingenommen lesen zu wollen. Also verlagert sich diese Arbeit längst auf “Freie Lektoren” oder eben Literaturagenturen. Sie dienen den Verlagen als Filter und der größte Mist – oder auch schon mal der eine oder andere gute Roman – bleibt auf der Strecke.
Warum tun dies überhaupt die Agenturen? Weil Sie Ihr eigenes Image aufwerten, wenn Sie einem passenden Verlag schon mal ein Textwerk in die Hand geben können, das nicht mehr viel – oder im Idealfall – gar kein Nach- oder Feinlektorat mehr benötigt. Das ist so wie eine Katze, die sich selbst in den Schwanz beißt: Siebt die Agentur gut aus, schafft sie sich eine Vertrauensposition bei den Partner-Verlagen. Diese werde dann von der Agentur präsentierte Projekte mehr und mehr ernsthafter betrachten und eben in ihr Programm aufnehmen. Eine seriöse Literaturagentur nimmt dafür 15-20% vom Autorenhonorar.
Dazu muss man noch wissen, das weder die Agentur noch ein Verlag auf Anhieb bei einem Erstlingswerk eines Autors nennenswertes Geld verdienen, außer der Autor heißt Joan Rowling, Frank Schätzing oder so ähnlich. Warum? Weil der Autor erst “aufgebaut” werden muss: Werbemaßnahmen wie Flyer, Poster, Displays für die Buchketten, Messestände, Präsentationshilfen wie Buchboxen, Aktionen, honorarträchtige Lesungen, Reisekosten usw. usw. Dazu das Risiko, dass der Markt den neuen Autor übersieht oder nicht annimmt. Die Vorauszahlung an den Autor muss – bei einem anständigen Verlagsvertrag – auch bei einem Flop nicht mehr vom Autor an den Verlag zurückgezahlt werden und dergleichen Dinge mehr.
Es gäbe noch mehr Punkte zu betrachten, aber das sprengt hier wirklich den Rahmen. Also zurück zur Grenze Autor/Agentur/Verlag.
Der Autor …
… hat natürlich die Aufgabe sein Werk selbst zu schreiben. Außer man heißt Guttenberg. Plagiatsvorwürfe sind der Todesstoß für jeden Autor, das ist literarischer Selbstmord. Also gilt hier wie sonst im Leben auch: Ehrlichkeit währt am längsten. Wer schreibt, sollte auch vorher sehr viel gelesen haben. Wer also Tausende Seiten korrektes Deutsch vor Augen hatte, wird schon beim Schreiben selbst viele Fehler gar nicht erst machen. Ein – für mich – absolutes Must-do ist die konsequente Anwendung der Rechtschreibfunktion, die jedes Schreibprogramm heutzutage bietet. Oder auch der „Duden Korrektor“ und ähnliche Software. Jedes hat seine kleineren Mängel, aber jeder Lektor sieht sofort, ob der Autor diese Funktion nutzt oder sträflich vernachlässigt hat. Die Folge: Der Text wird „aus handwerklichen Mängeln“ abgelehnt. Vielleicht mag es Fälle geben, in denen eine geniale Geschichte trotz solcher Mängel angenommen wird; aber verlassen würde ich mich darauf definitiv nicht.
Hat der Autor also a. seinen Text geschrieben, b. mehrfach Korrekturgelesen, c. o.g. Rechtschreibprüfung durchgeführt, gibt es noch mehrere weitere Checks, die er selbst vornehmen kann: Siehe hierzu meine kleine Schreibhilfe (die demnächst wieder mal eine Aktualisierung erfahren wird): Autorenwerkstatt – Schreibtipps (4. überarbeitete Fassung) – vor allem der Abschnitt „Überarbeitungen“ – und auch: Was kann ich tun, um ein berühmter Autor zu werden?
Trotz all dieser Arbeit (und wenn ein Autor diese nicht macht, schraubt er selbst seine Chancen gegen Null) ist man als Autor textblind. Die Kunst des Streichens beherrschen nur wenige Autoren. Wer will schon scheinbar gelungene Sätze und Formulierungen rausschmeißen, in die man verliebt ist?
Die Literaturagentur …
… ist aber eben nicht textblind. Zunächst wird sie schon gar nicht mit der Lektüre von einigen Hundert Romanseiten beginnen, sondern mit dem Exposé (siehe hierzu auch: Drei Seiten für ein Exposé). Dies sollte der Autor so aussagekräftig und kurz ausgefertigt haben wie möglich. Gefällt das Exposé, liest der Agent das 30-50seitige Manuskript. Findet auch das Gefallen, nimmt die Agentur den Autor und sein Werk unter Vertrag. Achtung! Lese bitte dringend dazu den entsprechenden Abschnitt in o.g. Schreibtipps! In keinem Falle Geld zahlen! Das schon mal vorweg. Der Agent ist entweder selbst auch Lektor oder reicht den Autor und sein Werk an den Lektor der Agentur weiter. Und jetzt geht es erst richtig los. Die Lektorin wird zu deiner Zweitfrau, ein Lektor zu deinem väterlichen Freund. DIE LEKTOREN SIND NICHT DEINE FEINDE, SONDERN DEINE VERBÜNDETEN! Warum ich das hier so betone? Weil viele Autoren eingeschnappt sind, wenn sie ihre Text mit blutroten Markierungen übersät zurückbekommen und den Eindruck gewinnen könnten, sie hätten zeitlebens in Deutsch eine 6 erhalten. Das ist beinahe der Normalzustand und wenn man mal die Anmerkungen genau analysiert, betrachtet und konsequent durcharbeitet, versteht man, wie die Lektorin „tickt“. Natürlich sind auch das Menschen mit Vorlieben und Abneigungen. Ideal ist, wenn man einen Partner gefunden hat, dem generell das Genre liegt.
Also, die Literaturagentur erledigt in enger Zusammenarbeit mit dem Autor das Grundlektorat. Das kann schon mal 3,4 oder 5x hin und her gehen. Natürlich wird man mit fertig lektorierten Kapiteln schon auf Verlagssuche gehen und nicht – sagen wir mal – 500 durchlektorieren und dann findet sich leider doch kein Verlag, der das Werk unter Vertrag nimmt.
Der Verlag …
… erhält von der Agentur ein Präsentationspaket, bestehend aus einem Exposé, das die Agentur erstellt hat, sozusagen in ihrem hauseigenen Stil und ggf. genau auf die Reihe des Zielverlages abgestimmt ist. Dazu ein (lektoriertes) Manuskript, die Vita des Autors und eine kurze Vorstellung DER WEITEREN PROJEKTE DES AUTORS! Ein Verlag ist definitiv nicht an Eintagsfliegen interessiert (Kosten s.o.), sondern will mit Folgetiteln dann seine Grundinvestitionen rasch wieder reinholen und richtig Umsatz machen, was sich ja alle Beteiligten wünschen und völlig legitim ist. An dieser Stelle muss ich mal eine Lanze für die Begriffe Umsatz, Gewinn, Marge usw. brechen: Leider sind diese Wörter fast schon negativ belegt und von naiven Menschen sogar verpönt. Was ist denn verdammt noch mal schlecht daran, wenn man mit seiner Arbeit Geld verdient?
Zurück zur den Grenzen Autor/Lektor/Verlag:
Der Verlag wird im Bedarfsfall das Feinlektorat vornehmen, außer die Agentur hat es mit dem Autor schon druckfertig hinbekommen. Der Verlag wird in der Folge dann – mit Abstimmung des Autors – aus dem Arbeitstitel einen verkaufsträchtigen Titel formulieren, ein Cover in Auftrag geben, in einer passenden Reihe des Verlages einen Titelplatz und Veröffentlichungsdatum bestimmen und das Werk natürlich in Druck geben. Parallel dazu o.g. Werbemaßnahmen.
So im Groben dürfte das i.d.R. ablaufen; sicher mit noch einigen Details mehr.
Ich habe dir deswegen so ausführlich geantwortet, das wir hier im sfbasar ja einige publizierte und eine ganze Reihe noch unveröffentlichter AutorInnen haben, mich eingeschlossen. Im Grunde sind alle Community-Autoren unsere ersten Kritiker, Lektoren, Probeleser und sie haben eben den gleichen Vorteil wie andere Leute: sie sind nicht textblind, haben ihre eigenen Vorlieben, Blickwinkel und Erfahrungen. Und: sie kosten nichts. Nutzen wir alle diesen nicht zu unterschätzenden Vorteil. Deren Kritik ist sicher wertvoller, als die von Menschen, die nicht selbst schreiben. Aber auch deren Urteil ist wichtig. Schließlich sind sie es, die irgendwann unsere Texte kaufen sollen und dabei Lesespaß genießen wollen und dürfen.
Mit galaktischen Grüßen
)
galaxykarl
Mittwoch 22. Februar 2012 um 15:27
Fein herausgearbeitet, galaxykarl!
Letztlich gehört Rechtschreibung und Grammatik auch zum Handwerk Schreiben dazu. Der Autor sollte davon schon etwas verstehen dürfen und seine “Schreibe” nicht völlig unkontrolliert in die Welt hinaus senden, etwa frei nach dem Motto “Ich bin Künstler und stehe über den Dingen wie Rechtschreibung und Grammatik.”
Auf jeden Fall sollte der Autor – du hast es deutlich gesagt – alles möglich tun, um Fehler in diesem Bereich zu vermeiden. Es gibt genügend Computerprogramme, die dabei helfen.
Mittwoch 22. Februar 2012 um 18:33
@ Galaxykarl
Nee, als Verriss habe ich die Rezi nicht angesehen, ich habe nur mal in den Raum gestellt, ob du mit dem Autoren (nicht Lektor oder Verlag) geplauscht hättest.
(Im übrigen sind die beiden Verrisse köstlich
.)
@ Carl
Ich kann mir vorstellen, dass es ziemlich frustrierend ist, eine Lektorin zur Seite gestellt zu bekommen, die einen nicht auf grundsätzliche Schwächen aufmerksam macht. Zumindest im Nachhinein, wenn du Reaktionen auf dein Erstlingswerk bekommst.
Im SWB Verlag läuft dein Buch in den Genres Unterhaltung, Roman, Thriller, was darauf schließen lässt, dass die dort keine großen Erfahrungen mit SF haben. Einerseits Pech (Lektorat), andererseits (möglicherweise) Glück, dass das Buch nicht im Wust der SF-Neuerscheinungen untergeht.
Mikrowellen: Nur ganz kurz, und ohne eine ausufernde Diskussion anstoßen zu wollen, die zu hitzigen Kommentaren Anlass gibt
. Im Kommentar zu meiner Geschichte meinte ich Dipole wie beispielsweise Wassermoleküle. Die richten sich in Feldern mit “kleiner Frequenz” immer neu aus, d.h. sie wackeln hin und her und erzeugen dadurch Wärme. In dem Fall müssen die keine Antenne bilden, also nicht mit der Wellenlänge korreliert sein (siehe z.B. Mikrowellengerät). Aber in dieser Geschichte hatte ich mehr fabuliert und weniger auf physikalische Plausibilität geachtet.
.
Muss ja auch erlaubt sein
@ Martin
Du hast mal was mit Astronomie gemacht, habe ich das richtig verstanden? Interessant
Ich auch ein bisschen.
Übrigens ist es ganz erstaunlich, wenn neben dem “Astronomen” noch ein Mediziner dabei ist. Wie plötzlich jedem mal dies oder das weh getan hat, haha.
Donnerstag 23. Februar 2012 um 10:43
Carl,
vielen Dank für den Buchtip. Nach der Beschreibung von Amazon mußte ich spontan an meine Schwester denken. Würde mich nicht wundern, wenn sie das Buch kennt. Werde sie mal drauf ansprechen.
galaxykarl,
vielen Dank für die ausführliche Antwort! Deinen Schreibratgeber habe ich auch gleich gelesen. Klasse!
Micha,
ich bin gelernter Astronom, arbeite aber seit 15 Jahren im Gesundheitswesen, in dem ich auch groß geworden bin. Neu entdeckte Wehwehchen sind bei uns im Betrieb Tagesthema, ganz im Gegensatz zu neu entdeckten Planeten.