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BIKINI – Leseprobe (2) aus dem SF-Jugendroman “BETA” von Rachel Cohn

BIKINI

Leseprobe (2) aus dem SF-Jugendroman

“BETA”

von Rachel Cohn

(Zurück zum vorigen Teil)
Als ich auf die Terrasse mit dem Pool hinaustrete, ist die Reaktion meines neuen Bruders Ivan auf das Klonmädchen, das der Ersatz für seine Schwester ist und jetzt auch den Bikini seiner Schwester trägt, eindeutig: »Boah ey!« Zuerst glaube ich, dass er Unsinn redet, aber dann checke ich den Ausruf »Boah ey!« auf meiner Datenbank und lerne, dass achtzehnjährige menschliche Eingeborene auf der Insel das häufig sagen.

Ich verstehe jetzt, warum Astrid die Bikinis, die Mutter für sie gekauft hat, lieber nicht getragen hat. Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendein Mädchen so etwas gern zum Schwimmen anzieht. Ein paar Schnüre, viel mehr ist es kaum. Man sollte dazu Lounge-Fummel sagen, etwas, das man zum Faulenzen anzieht, denn für einen Körper, der sich im Wasser richtig bewegen will, taugt dieses Teil bestimmt nicht.

»Ebenfalls boah ey, Ivan!«, sage ich.

Ich mustere die Aussicht. Der Infinity Pool ist unmittelbar an die Felskante gebaut und so angelegt, dass man den Eindruck hat, sein Wasser würde direkt in den Ozean tief darunter fließen und sich ins Unendliche ausdehnen. Das saphirblaue Wasser hebt sich warm und leuchtend von den violettblauen Wellen des Meeres von Ion ab. Es handelt sich um einen zweigeteilten Pool mit einem großen, offenen, von einem Halbkreis eingefassten Bereich, von dem ein kleineres, in eine Art Höhle eingebautes Becken abgetrennt ist.

Ivan will nicht, dass ich lang die Aussicht bewundere. Er ist der Meinung, dass die Teen-Beta im Bikini sofort in den Pool springen soll. Seine Methode, mir das mitzuteilen, besteht darin, mich von oben bis unten mit einem riesigen Schwall Wasser nass zu spritzen. »Spring rein, Beta!«, brüllt er.

»Kannst du schwimmen, Elysia?«, fragt Liesel, die zu Ivan an den Beckenrand geschwommen ist.

Ivan wirft mir einen prüfenden Blick zu. »Bei dem Körper, den sie hat, muss ihre First entweder eine richtige Sportlerin gewesen sein oder eines dieser schmalen, dünnen Mädchen, die nichts essen, aber wenn sie dann mal Babys haben, auseinandergehen wie ein Pfannkuchen, denk bloß an Mutter.«

»Mutter ist doch nicht dick«, rufe ich, das Bild meiner schlanken Wohltäterin vor Augen, empört aus.

»War sie aber, bis die Ernährungsberaterin in Heaven sie auf diese absolute Hungerdiät gesetzt hat!«, ruft Ivan fröhlich.

»Vielleicht litt Elysias First ja unter Magersucht und ist deshalb gestorben«, sagt Liesel.

Ivan schüttelt den Kopf. »Liesel! Baby! Du solltest noch nicht mal wissen, was Magersucht ist.« Dann deutet er auf mich. »Außerdem hatte ihre First nie und nimmer Magersucht.«

»Woher weißt du das denn?«, fragt Liesel.

Ivan beugt sich zu Liesel und flüstert ihr etwas ins Ohr, woraufhin sie zu kichern anfängt und auf mein Bikini-Oberteil starrt.

»Oh«, sagt Liesel und legt staunend den Kopf schief. »Das meint man also mit ›Sexbombe‹!«

Ivan spritzt Liesel Wasser ins Gesicht. »So was sagt man nicht laut.«

»Warum nicht?«, fragt Liesel. »Sie ist doch nur ein Klon. Das ist ihr doch egal.«

Es stimmt. Es ist mir egal, ob man mir sagt, dass ich wie eine Sexbombe aussehe oder nicht. Ich fühle mich dadurch weder verletzt noch geschmeichelt. Ich bin einfach nur … ich blicke zu meinen vollen, runden Brüsten hinunter … aha, Sexbombe, so sagt man da also.

Und außerdem bin ich jetzt selbst neugierig, ob ich schwimmen kann. Und das kann ich nur herausfinden, indem ich es ausprobiere.

Ich stelle mich an die Kante des Infinity-Pools. Ich tauche meine Zehen hinein, ziehe sie wieder raus, fahre mit ihnen erneut durchs Wasser. Es fühlt sich warm und einladend an. Es ist, als würde das Wasser mich hineinziehen wollen, sobald ich es berühre – als würde da etwas nach mir rufen.

Ivan und Liesel spielen ›Seepferdchen‹, während ich mit den Zehen herumplansche. Das Spiel der Geschwister läuft nicht fair ab. Ivan ist ein stämmiger junger Mann mit der Figur eines Wrestlers. Die kleine, zarte Liesel hat seiner Körperkraft nichts entgegenzusetzen. Ich verstehe jetzt, warum Mutter sich für ihren Sohn im Teenageralter eine andere Spielgefährtin wünscht. Aber Liesel quietscht, es scheint ihr also zu gefallen, dass ihr großer Bruder sich mit ihr so intensiv beschäftigt.

Jetzt einen Kopfsprung machen. Ich habe das Gefühl, als müsste ich genau das tun, nichts anderes. Ich gehe hinüber zum Sprungbrett am tiefen Ende des Pools, stelle mich an die vordere Kante und beuge instinktiv die Knie.

»Los!«, ruft Ivan. »Spring!«

»Spring, Elysia!«, ruft auch Liesel.

Ich federe auf dem Brett, dann stoßen sich meine Beine ab, mein Körper streckt sich und taucht mit den Armen voran ins Wasser ein.

Ich kann einen Kopfsprung machen! Die Bewegung geschieht wie von selbst, sie fühlt sich für mich ganz natürlich an.

Das Wasser umhüllt mich, und ich denke, dass sich so der Mutterleib anfühlen könnte, in dem alle echten Menschen heranwachsen. Im Wasser ist es warm. Dort fühle ich mich sicher und geborgen. Wie schön dieses Gefühl ist. Meine Haut öffnet sich dem weichen Wasser. Dieser Augenblick ist wie ein Wunder. Vor ein paar Wochen war ich noch nicht einmal am Leben. Vor ein paar Wochen verlor meine First ihr Leben und danach habe ich ihren Körper erhalten und jetzt bin ich hier. Ich erfahre, welches Geschenk es ist, am Leben zu sein (so nennen das die Menschen). Ich schwimme im Pool meiner neuen Familie, die auf der luxuriösesten Insel der Erde wohnt.

Als meine Arme sich durch das Wasser bewegen, gegen den Widerstand arbeiten, spüre ich, dass ich eine geübte, kraftvolle Schwimmerin bin. Unter Wasser, im Pool, habe ich plötzlich einen Moment des Wiedererkennens. Das Wasser ist mein Element, weil ich mich dort immer schon gern aufgehalten habe.

Als ich auftauche, um Luft zu holen, starren Ivan und Liesel mich mit verblüfften Gesichtern an.

»Glaubst du, dass deine First eine Wasserspringerin war?«, fragt mich Liesel.

»Keine Ahnung«, stottere ich.

»Das war ein olympiareifer Kopfsprung«, sagt Ivan. »Unsere neue Schwester, der Beta-Klon, ist echt für eine Überraschung gut!« Liesel und er klatschen sich gegenseitig ab.

»Was kannst du denn noch alles?«, fragt Liesel.

Ich tauche wieder ins Wasser ein und mache auf dem Boden des Pools einen Handstand, doch dann spüre ich dort unter Wasser auf einmal etwas anderes. Ich höre eine Stimme rufen: Z! Komm hierher! Z! Die Stimme, die mich ruft, zerreißt mir das Herz und wirft mich wortwörtlich um. Ich verliere das Gleichgewicht, kippe nach hinten und tauche hastig wieder auf.

Ich bin verwirrt. Zuerst kann ich nichts sehen, wahrscheinlich weil mich die Sonne blendet, die ich jetzt warm auf meiner nackten Haut spüre. »Was ist los?«, frage ich meine neuen Geschwister. Ich schüttle den Kopf nach rechts und links. Habe ich vielleicht Wasser in den Ohren?

Meine neuen Geschwister wirken ebenfalls verwirrt. »Nichts«, antworten sie beide gleichzeitig.

Vielleicht habe ich mir diesen Ruf unter Wasser nur eingebildet.

»Einen Unterwasserhandstand kann doch jeder«, ruft Ivan, der auf mich zuschwimmt. »Wie steht’s bei dir mit Wasserwrestling?«

Er wirft sich mit einem Satz auf mich und umschlingt von hinten meine Arme. Ich gehe in die Knie und schleudere ihn über meinen Rücken. Wieder habe ich das Gefühl, so etwas schon erlebt zu heben; ich spüre es, ich weiß es irgendwie. Diese Bewegung habe ich früher schon gemacht. Ich weiß genau, wie ich mich beim Wasserwrestling gegen einen starken Mann wehren muss.

Ivan klatscht mit dem Rücken aufs Wasser und Liesel lacht entzückt auf.

Ich bemerke, wie Mutter uns durch die Tür der Veranda zusieht. Sie lächelt. Ich erfülle die Erwartung, die sie in mich gesetzt hat; sie hat sich in mir nicht getäuscht.

Ivan kommt wieder an die Oberfläche.

»Sie hat’s dir gezeigt!«, jubelt Liesel.

»Gute Reaktion, Elysia«, sagt Ivan. »Mit Astrid war es total langweilig. Sie hockte immer nur am Beckenrand und hat kommunistische Manifeste aus irgendwelchen uralten Zeiten gelesen. Mit dir kann man viel mehr Spaß haben.«

Liesel springt auf meinen Rücken, damit ich sie Huckepack trage. Sie spritzt Ivan voller Wasser. »Fang uns doch! Fang uns doch!«, kreischt sie.

Sie klammert sich an mich, bis Ivan uns schließlich fängt und sie wegstößt, damit er allein mit mir kämpfen kann; hart, aber fair. Er ist stärker als ich, aber ich bin beweglicher. Er packt mich im Klammergriff, aber ich lege meine Wade um sein Knie, um mich zu befreien. Der Widerstand, den er leistet, hat genau das richtige Maß – wir sind in diesem Wettkampf gleichwertige Partner. Ich tauche unter und schwimme einmal der Länge nach durch den Pool. Als ich auftauche, um Luft zu holen, ist er mir zur Hälfte hinterher. Er versucht, mich zu fangen. Ich tauche wieder unter, schwimme um seine Beine herum, ärgere ihn und bin weg, bevor er mich zu packen bekommt.

Unter Wasser spüre ich wieder, dass ich das bereits getan habe, da bin ich mir ganz sicher. Ich bin schon einmal um einen Jungen herumgeschwommen, um ihn zu ärgern. Und jetzt sehe ich auch die langen Beine des Mannes vor mir. Sie sind muskulös und kräftig, und ich begreife, dass es sich dabei um die Beine eines durchtrainierten Sportlers handelt – eines Wettkampfschwimmers.

Da stimmt etwas nicht.

Ich schwimme hastig von Ivans Beinen fort, um dieses falsche Bild von mir abschütteln zu können. Mit kräftigen Zügen steuere ich auf den Unterwassertunnel zu, der zu der Grotte führt. Nur um unter der Wasseroberfläche schon wieder eine Erscheinung zu sehen: das Gesicht eines jungen Mannes, es scheint zu den Wettkampfschwimmerbeinen zu gehören. Ich sehe ihn vor mir, sonnengebräunt, er sieht aus wie ein kalifornischer Surfergott aus früheren Zeiten – goldene Haut, blonde Haare, türkisblaue Augen. Dazu ein Oberkörper, der dem menschlichen Idealbild von Vollkommenheit entspricht. Mir ist, als schaue er mich mit seinen tiefen blauen Augen unverwandt an, als erkenne er mich, lade mich ein. Seine geschwungenen Lippen lösen sich voneinander, um Z! zu sagen. Mein Herz verkrampft sich voller Sehnsucht nach ihm, ich will ihn berühren, sofort. Ich strecke meine Hand nach ihm aus. Ich muss ihn berühren, ich muss, ich muss, aber dann schnappe ich unwillkürlich nach Luft, so aufgeregt und fast verzweifelt, dass ich Wasser schlucke und schon vor der Grotte wieder auftauchen muss.

Ich huste, um das Wasser aus den Lungen zu bekommen, und finde allmählich mein inneres Gleichgewicht wieder. Ivan und Liesel schwimmen zu mir und klopfen mir auf den Rücken.

»Alles okay, Kumpel?«, fragt Ivan.

Nein, eigentlich ist nichts okay. Was ich unter Wasser gesehen habe, war eine Erinnerung meiner First. Ich habe keine Ahnung, woher ich das so sicher weiß, aber ich weiß es.

Ich schiebe diesen negativen Gedanken beiseite. Es darf nicht sein, dass etwas nicht okay ist. Meine Familie hat einen Klon ohne eigene Gefühle gekauft, und sie sollen bekommen, wofür sie bezahlt haben. Sie verdienen nur das Beste. Ich will ihnen mein Bestes geben. Mein Körper zittert, als wolle ich mein Unterwassererlebnis von mir abschütteln. Was auch immer es war.

Auf der Veranda entdecke ich Xanthe, die Haushälterin. Sie sorgt am Beckenrand für Ordnung, hebt nasse Badetücher auf und breitet sie zum Trocknen über die Liegestühle. Einen Moment lang begegnen sich die Blicke unserer fuchsiafarbenen Augen, und sie nickt mir zu, wie um mir zu signalisieren, dass ich meinen Job gut mache, genauso wie sie den ihren. Zwischen Xanthe und mir gibt es keinen Unterschied, außer dass sie zur Arbeit eingesetzt wird und ich zum Vergnügen.

»Brauchst du eine Pause?«, fragt Liesel. Sie reibt mir zärtlich über den Arm, während ich den letzten Rest Wasser aushuste.

»Nein, brauch ich nicht!«, sage ich und spritze sie voll. Meine neue kleine Schwester kreischt begeistert auf.

Wie Xanthe weiß ich, was meine Aufgabe ist. (…)

(wird fortgesetzt!)

Copyright (C) 2013 by Rachel Cohen. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autoren und des cbj/cbt Bertelsmann-Jugendbuchverlag

Bildrechte: “Künstliche Menschen” (künstlichemenschensubcover.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Wer wissen möchte, wie die Geschichte beginnt und wie sie auch endet, kann über die beigefügten Bestellinks oder mit Klick auf das Buchcover den Titel bestellen:

Cohn, Rachel
BETA

Übersetzt von Ott, Bernadette
Verlag :      cbt
ISBN :      978-3-570-16164-7
Einband :      gebunden
Preisinfo :      17,99 Eur[D] / 18,50 Eur[A] / 25,90 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 01.02.2013
Seiten/Umfang :      416 S. – 21,5 x 13,5 cm
Produktform :      B: Einband – fest (Hardcover)
Produktform (detailliert) :      B501
Erscheinungsdatum :      25.02.2013

Elysia ist eine Beta, ein geklonter Teenager, und sie lebt als Dienerin der Menschen auf der paradiesischen Insel Demesne. Ihr einziges Ziel ist es, ihren »Eltern« zu gefallen – bis sie entdeckt, dass nichts so ist, wie es zu sein scheint. Die heile Welt auf der Insel wird von Klonen gestört, die Gefühle und eine eigene Meinung haben, sogenannten defekten Klonen. Und dann entdeckt Elysia, dass auch sie Gefühle hat. Sie verliebt sich und hat Erinnerungen an ihre First, den Menschen, von dem sie geklont wurde und der längst tot sein muss. Ist sie selbst defekt? Dies würde ihren Tod bedeuten, doch Elysia ist bereit zu kämpfen, für ihre Freiheit und für ihre Liebe zu dem geheimnisvollen Tahir …

Rachel Cohn ist seit Jahren eine renommierte Autorin für Jugendbücher und hat bereits zahlreiche erfolgreiche Romane veröffentlicht. Unter anderem schrieb sie gemeinsam mit David Levithan „Nick & Norah – Soundtrack einer Nacht“ (nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis). Sie hat keine Hobbies, es sei denn, man zählt die Suche nach dem perfekten Cappuccino darunter. Und sie verbringt viel Zeit damit, ihre Musiksammlung und ihre Bücher zu sortieren, oder mit ihren beiden Katzen Bunk und McNulty herumzuhängen.

Titel erhältlich bei Amazon.de
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Titel erhältlich bei Libri.de

Updated: 3. September 2013 — 14:04

2 Comments

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  1. Mir gefällt dieser Text und er scheint wirklich auch für ältere Kinder und jüngere Jugendliche geeignet.

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