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BESUCH VON MEINEN LIEBEN FREUNDEN VON DEN ZEUGEN JEHOVAS – Eine Teuflische Shortstory von Mona Mee & Marianna Müller (sfb-Preisträger Platz 3 im Storywettbewerb 1/2016)

BESUCH VON MEINEN LIEBEN FREUNDEN VON DEN ZEUGEN JEHOVAS

Eine Teuflische Shortstory

von

Mona Mee & Marianna Müller

Heute Nachmittag klingelt es an unserer Haustüre. Genervt, da ich gerade dabei bin, mir meine Fußnägel zu lackieren, humpel ich zur Wohnungstür und werfe einen Blick durch den Spion:

Ich sehe einen jungen Mann, etwa 25 Jahre alt, Brillenträger, groß, hager und schlaksig, mit einem pickeligen Gesicht. Neben ihm steht eine junge Frau, etwa 33-35 Jahre alt. Auf mich wirkt sie ziemlich unattraktiv, mit einem auffälligen Leberfleck über ihrem flaumigen Oberlippenbart. Beide stecken sie in dunklen, akkuraten Anzügen.

Nachdem ich mich wiedermal darüber ärgere, dass irgend jemand der anderen Mieter diesen Leuten unten die Haustür geöffnet hat, öffne ich meine Wohnungstür einen Spalt breit. Die Frau fängt sofort an zu sprechen:

„Grüss Gott, mein Name ist Evelin Quaberlast und hier neben mir Herr Heiko Hoffmeister. Haben Sie vielleicht Interesse an einem religiösen Gespräch?“

Ich antworte: „Ach, Sie sind also die neuen Gemeindepastoren? Wir wurden uns tatsächlich noch nicht vorgestellt.“ (Stimmt sogar, ich wohne seit über 13 Jahren in diesem Dorf, aber ich habe den Pastor nie kennen gelernt, ich weiß nicht mal, wie der Kerl heißt. Ist mir auch egal, denn ich bin ja zum Glück keine Christin.)

Sie: *verlegen* „Äh, nein. Wir sind von den Zeugen Jehovas, die Soldaten des Himmels sozusagen.“

Ich: „Soldaten des Himmels?“

Beide: *eifriges Nicken*

Ich: „Boah, da haben Sie aber einen verdammt weiten Weg zur Kaserne…“

Beide: *gucken ziemlich blöd aus der Wäsche*

Ich: *schnell, um sie nicht zu Wort kommen zu lassen* „Wieso Soldaten, ist denn schon wieder Krieg in Deutschland?“

Er: *holt Luft und setzt an etwas zu sagen*

Ich unterbreche ihn sofort: „Ach so, Sie sind bloß das Rekrutierungskommando.“

Sie: *noch immer blöd guckend* „Äh… dürfen wir vielleicht hereinkommen?“

Ich: „Gut, wenn es nicht so lange dauert. Meine beste Freundin kommt nämlich noch und ich hatte ihr versprochen vor dem Sex mit ihr noch etwas zu kochen.

Beide schauen sie mich an, als hätte ich ihnen ins Gesicht gespuckt.

Ich halte also die Tür auf und bitte sie ins – zugegebenermaßen etwas unaufgeräumte – Wohnzimmer. Als erstes fallen meine beiden Rottweiler (Pietchen und Bienchen) über sie her – freudig, denn sie tun niemandem etwas, sondern freuen sich tatsächlich über jeden Besuch. Die beiden Zeugen werden noch blasser als sie ohnehin schon sind.

Ich: *beruhigend* „Keine Angst, die Beiden tun nichts, die wollen nur spielen …“

Dass ich bei diesen Worten absichtlich nicht die Zeugen, sondern meine Hunde angesehen habe, haben die Beiden leider gar nicht mitbekommen. Sehr schade…

Stocksteif lassen sie sich daher die Hände abschnüffeln, dann rufe ich Pietchen und Bienchen – absichtlich mit Betonung ihrer verniedlichenden Namen zur Ordnung, was wirklich albern und ein bisschen grotesk wirkt. Ich schicke sie also auf ihre Matten in der Ecke des Wohnzimmers und lasse sie Platz machen. Nur widerwillig gehorchen sie.

Er: *noch immer nervös, aber um Höflichkeit bemüht* „Die hören aber gut.“

Ich: „Ja, aufs Wort. Zwar erst so auf das dritte oder vierte, aber immerhin. Aber sie sind auch die Einzigen hier, die das tun…“

Mit diesen Worten scheuche ich den Kater vom Sofa und bedeute den Beiden,  sich zu setzen. Das tun sie auch, allerdings wirken sie dabei nur wenig entspannt, den Blick nicht von den Hunden lassend.

Pietchen starrt aufmerksam zurück, Bienchen beschäftigt sich damit, Pietchen intensiv das Arschloch auszulecken. Ich denke derweil, dass sich die langen und feinen weißen Haare meines Angora-Katers „Yetiweiss“ perfekt auf ihren dunkeln Anzügen machen werden.

Ich: „Möchten Sie vielleicht einen Tee?“

Sie: „Sehr gern.“

Er: „Das wäre sehr freundlich.“

Ich nicke und verschwinde in der Küche. Sofort springen die Hunde auf und wuseln mir hinterher. Das tun sie immer, wenn ich in die Küche gehe. Das ist aber auch nicht schlimm, so haben die Besucher Zeit, sich etwas umzusehen.

Ich weiß, dass sie auf Anhieb die kindgroßen Gargoyle-Statuen, die Feuerschale und den Dolch auf dem Tisch, meine Kelche in der Vitrine und vor allem das 30 cm große Eisenpentagramm im Fenster jetzt erst wirkich bemerken und sich wohl nun so ihre Gedanken machen.

Drei Minuten später kehre ich mit den dampfenden Teetassen auf dem Tablett, den Hunden im Schlepptau und meinem zurecht gelegten Konzept des Grauens zurück. Ich schicke die Hunde wieder auf ihre Matten und stelle den Zeugen ihre Tassen vor die Nasen. Sie bedanken sich artig. Ich setze mich auf das andere Sofa.

Sie: „Glauben Sie an Gott?“

Ich: *deute lachend in die Runde* „Sieht das hier etwa so aus, als ob ich das täte?“

Sie: *zeigt auf das Pentagramm* „Ähm… nunja, ich dachte mir so etwas schon, wenn Sie hier ein Teufelszeichen aufhängen.“

Ich: *pruste fast meinen Tee über den Tisch* „Teufelszeichen? Sie sollten noch mal zur Schule gehen. Wenn ein Pentagramm mit der Spitze nach unten zeigt, dann ist es ein Zeichen für das Böse, vielleicht auch für den Teufel, ebenso wie ein umgedrehtes Kreuz. Mein Pentagramm zeigt aber mit der Spitze nach oben. Somit ist es ein Zeichen des Guten, des Lebens, der Magie und des Schutzes. Und dieses Zeichen ist schon sehr viel Älter als das Kreuz oder das Christentum. Es schützt mein Haus vor schlechten Einfüssen, zum Beispiel vor Leuten, die meinen Glauben nicht so recht tolerieren können oder wollen.“ Dabei setzte ich ein wirklich teuflisches Grinsen auf mein Gesicht und nippe wieder am heißen Tee.

Sie: *erst mal sprachlos*

Er: *hilflos* „Nur Jesus kann die Menschen beschützen. Er ist für unsere Sünden gestorben.“

Super Vorlage für mich! Ich springe sofort darauf an.

Ich: „Woher weiß Jehoshua ben Joseph denn von meinen Sünden?“

Sie: *guckt blöd* „Wer?“

Ich: „Na, Jehoshua ben Joseph von Nazareth, der später Jesus Christus genannt wurde. Sagen Sie bloß, als Zeugen Jehovas kennen sie Jesus‘ bürgerlichen Namen, seinen wahren Namen, nicht? Wer hat Sie denn ausgebildet?“

Beide: *gucken blöd*

Ich: *werde gerade warm* „Aber mal angenommen, es habe die christliche Mythengestalt tatsächlich gegeben, woher soll er vor knapp 2.000 Jahren gewusst haben, welche Sünden ich begehen werde? Von denen, die noch vor mir liegen, weiß ja selbst ich noch nichts.“

Er: *verlegen* „Jesus ist allwissend.“

Ich: „Aha, jetzt ist er schon ganz der Papa, wie? Ich dachte, dieses Attribut sei Gott vorbehalten?“

Sie: *will die Situation retten* „Gott ist allwissend, und durch ihn sein Sohn Jesus Christus auch.“

Ich: „Soso, der Alte quatscht also einfach meine persönlichen Daten an seinen Sohnemann weiter. Etwa auch die, die ich ihm früher bei der Beichte anvertraut habe? Er verstößt gegen seine eigene Regel, das Beichtgeheimnis?“

Beide: *Mund steht offen*

Ich: *schnell * „Allwissenheit für die Zukunft wurde aber nachweislich schon von namhaften Physikern ad absurdum geführt. Nehmen Sie nur mal Schrödingers mathematisch beweisbare Theorie von den Varianzen des Zeitstrahls, welche, bedingt durch die Chaostheorie, zu einer unendlichen Vielfalt möglicher Zukünfte führen und das Kontinuum in endlose unterschiedliche Varianten aufspalten. Das macht jede exakte Zukunftsvorhersage absolut unmöglich, da sich nicht berechnen lässt, welche der unendlichen möglichen Parallelen des Multiversums der Zeitstrahl kreuzen wird.“

Beide: *schauen drein, als hätten sie kaum ein Wort verstanden*

Ich: *sie sehr ernst anschauend* „Selbst ich, als magiebegabte Hexe, kann nicht exakt in die Zukunft schauen, sondern allenfalls Tendenzen und Wahrscheinlichkeiten bei der Divination erkennen, und ich bin schon eine der mächtigstem Magierinnen hier in der Gegend und wenn ich es nicht wäre, wüsste ich das bereits.“

Beide: *gucken nun erst recht blöd*

Ich: „Tja, so was lernt man nicht bei Ihrem Kegelverein, oder?“

Sie: „Den ‚Kegelverein‘ verbitten wir uns! Wir sind…“

Ich: *unterbreche sie* „Wieso, Sie schmeißen doch wahllos die Kugeln ihrer Propaganda ins Volk und schauen dann, ob nicht ein paar Leute umfallen. Für mich ist das Kegeln.“

Sie: *scheint sauer zu sein* „Ich sehe schon, hier können wir nichts mehr retten.“

Ich: *nickend* „Gut erkannt. Ich will auch gar nicht ‚gerettet‘ werden.“

Beide stehen auf.

Sie: „Danke für den Tee.“

Er: *nickt*

Ich: „Gern geschehen. Es macht immer wieder Spaß, Leute über die wahre Natur des Universums aufzuklären.“

Ich begleite sie zur Tür. Die Hunde tapsen artig hinterher.

Er: *scheint nun auch sauer zu sein* „Jesus wird Sie nicht retten, sondern Ihre Seele verdammen.“

Sie: *nickt beifällig*

Ich: „Oh, Sie wollen MIR drohen? Nun gut, dann muss ich mich wehren.“ *Tiefe Stimme und ausladende Gestik* „Ich verfluche Sie beide! Für den Rest des Tages sollen Sie schrecklichen Durchfall erleiden!“

Beide: *machen kopfschüttelnd, dass sie wegkommen* „So ein Unsinn …“

Ich schließe die Tür und lache erstmal lauthals los. Meine Hunde gucken mich treudoof und verständnislos an.

Ich glaube nicht, dass die beiden ‚verfluchten‘ Zeugen jemals wiederkommen werden.

Obwohl, ich hätte zu gern ihre Gesichter gesehen, wenn die überaus großzügig bemessene Portion Abführmittel in ihrem Tee zu wirken beginnt.

Ich bin aber auch wirklich ein bösses, bösses Mädchen!! 🙂

-ENDE-

Copyright © 2015 by Mona Mee und Marianna Müller

Bildrechte: Lustige und satirische Geschichten aus dem sfbasar” (Lustige-in-schwarz.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

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BUCHTIPP DER REDAKTION:

Zeugen Jehovas
Jehovas Zeugen in Europa – Geschichte und Gegenwart (Gebunden)
Band 1. Belgien, Frankreich, Griechenland, Italien, Luxemburg, Niederlande, Portugal und Spanien

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von Binger, Doris A.
Verlag:  Lit Verla
Medium:  Buch
Seiten:  734
Format:  Gebunden
Sprache:  Deutsch
Erschienen:  April 2013
Maße:  238 x 169 mm
Gewicht:  1278 g
ISBN-10:  3643115083
ISBN-13:  9783643115089

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Jehovas Zeugen in Europa – Geschichte und Gegenwart (Gebunden)
Band 2: Baltikum, Dänemark/Norwegen, Finnland, Großbritannien/Irland, GUS/Georgien, Kasachstan, Rumänien/AUR, Schweden, Ukraine/UdSSR

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von Lit Verlag
Verlag:  Lit Verlag
Medium:  Buch
Seiten:  792
Format:  Gebunden
Sprache:  Deutsch
Erschienen:  Juni 2015
Maße:  241 x 171 mm
Gewicht:  1374 g
ISBN-10:  3643130392
ISBN-13:  9783643130396

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Beschreibung
Seit etwa 150 Jahren gibt es die Religionsgemeinschaft Jehovas Zeugen in Europa. Ihr Weg in den einzelnen Ländern war auch davon abhängig, wie diese missionierende Gemeinschaft von der Mehrheit der Andersgläubigen, der Staatsmacht und den etablierten Kirchen behandelt wurde. Insofern ist die Geschichte von Jehovas Zeugen in Europa auch eine Geschichte über die gesellschaftliche Verfasstheit dieser Länder – deren Bereitschaft, religiöse Minderheiten zu akzeptieren und zu integrieren. Nicht nur in Diktaturen, sondern auch in manchen demokratischen Staaten erlebten Jehovas Zeugen Unterdrückung und Verfolgung, in anderen konnten sie sich relativ frei entfalten. Wie sich die unterschiedlichen Verhältnisse auf die Religionsgemeinschaft in der jeweiligen nationalen Gesellschaft auswirkten und welche Herausforderungen – zum Teil bis in die Gegenwart – Jehovas Zeugen zu bestehen hatten und noch haben, ist das Thema dieser auf drei Bände angelegten Studie.

Autor
Gerhard Besier, geboren 1947, ist Theologe, Psychologe und Historiker. Von 1987 – 2003 Professor an der Kirchlichen Hochschule Berlin und an der Universität Heidelberg. Seit 2003 Direktor des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung an der TU Dresden. Fachveröffentlichungen.

 

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4 Comments

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  1. Ich schmeiß mich weg. Tolle Idee werde die Mal aufgreifen. :-)Wenn sie wieder klingeln und mich rettern wollen. Das letzte mal hab ich gefragt ob das die Sekte ist wo man so viele Männer haben darf wie man will. Wirkte ebenfalls wie ein Abführmittel. 🙂

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