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Literatur-Blog

BERLIN-CENTRAL – Leseprobe aus dem Science Fiction-Roman „Time Travellers“ von Margret Schwekendiek (sfb-Preisträger “Beste Leseprobe Herbst 2012″ – Geteilter Preis)

BERLIN-CENTRAL

Leseprobe

aus dem Science Fiction-Roman „Time Travellers“

von

Margret Schwekendiek

(Vorgeschichte)

Sommer 2734 – 4. September 2736 Berlin-Central

Vorbereitungen

Trans-Time-Net Inc. steht in blauen Lettern auf silbernem Grund über dem beeindruckenden Portal des schlanken Hochhauses mitten in Berlin-Central, nicht weit von der Spree entfernt, deren Grundstücke in Ufernähe als die teuersten Plätze der Stadt gelten. Wer das TTN-Gebäude zum ersten Mal sieht, bekommt rasch einen Schwindelanfall, denn es erstreckt sich unendlich hoch und erreicht tatsächlich die Wolken. An klaren Tagen kann man jedoch das ungewöhnliche Logo erkennen, das auf der Spitze des Turmes prangt: Eine Art Spinnennetz, in dessen Zentrum eine Spirale ins Unendliche zeigt. Wer auch immer dieses Zeichen entworfen hat, derjenige besitzt ein Gefühl für Symbolik. Denn die TTN sitzt tatsächlich wie eine Spinne in ihrem Netz, sie zieht alle Fäden, die auch nur im entferntesten mit dem Thema Zeitreisen zu haben – und sie allein besitzt das Monopol auf diese Veranstaltungen.

Das oberste Gebot, das, welches man gleich am Eingang eingehämmert bekommt, ist Verschwiegenheit. Selbst über alltägliche Vorgänge wird der Mantel des Geheimnisses gebreitet, um für den Besucher oder Touristen so undurchschaubar wie möglich zu werden. Das hat letztendlich dazu geführt, dass die Sicherheitsabteilung der TTN fast größer ist als diejenige für Entwicklung und Forschung.

Als ich mich bei der TTN beworben habe, hatte ich eigentlich im Sinn, bei der Security anzufangen. Aufgrund meiner Ausbildung hielt ich mich für die beste Wahl. Meine Überraschung war groß, als Cashmere Ogilvie mich für die Reiseleitung auswählte. Schnell begriff ich aber auch, wie er auf diesen Gedanken kam.

„Sehen Sie, Miss Nichols, unsere Zeitreisen sind ausgesprochen exklusive Veranstaltungen. Nur eine Minderheit der Menschheit kann sich diese Art Luxus leisten. Leider ist es aber auch so, dass gerade diese Bevölkerungsgruppe glaubt, aufgrund von Reichtum oder Herkunft besonders privilegiert zu sein. Anweisungen zu befolgen gehört nicht zu dem, was diesen Leuten in irgendeiner Form zusagt. Da es jedoch von immenser Wichtigkeit ist, dass alle Reisenden innerhalb des Zeitnetzes bleiben, wird es unter anderem Ihre Aufgabe sein, Ausbrüche zu verhindern und im schlimmsten Fall die Ausreißer zurückzuholen. Es handelt sich um eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe. Sie werden eine Menge Autorität benötigen – und Ihre unbestreitbaren Talente, die Sie als Agentin für den staatlichen Sicherheitsdienst ausgezeichnet haben. Gleichzeitig werden Sie eine Menge Diplomatie aufbringen müssen, um diese Leute bei Laune zu halten und jedem einzelnen das Gefühl zu geben, dass allein er die wichtigste Person der Gruppe ist. Sie haben jetzt die Rahmenbedingungen gehört. Trauen Sie sich diese Aufgabe zu? In einer Stunde will ich Ihre Antwort, Miss Nichols. Denken Sie gut darüber nach. Diese Antwort könnte Ihr ganzes Leben verändern.“

Ich wäre eine Närrin gewesen, Nein zu sagen, und doch dachte ich in dieser Stunde darüber nach. Wer zur TTN geht, verkauft in gewisser Weise seine Seele, aber das wusste ich damals noch nicht. Jetzt ist es auf jeden Fall zu spät, um einen Rückzieher zu machen, doch im Grunde will ich das auch gar nicht. Meine Arbeit ist interessant und entspricht genau meinen Neigungen – auch wenn der Charakter einiger Vorgesetzter und besonders einiger Zeittouristen sehr zu wünschen übrig lässt. Nun gut, daran werde ich kaum etwas ändern können. Doch ich habe mittlerweile festgestellt, wie faszinierend es ist, die Geschichte der Menschheit aus nächster Nähe zu erleben, darauf möchte ich nicht gern verzichten. Wenn da nur nicht ständig die Besserwisser und gelegentlichen Ausreißer wären.

Ich kann mich noch genau an meine erste Zeitreise erinnern. Gewissermaßen zum Einstand sollte ich ein Ehepaar betreuen, zwei ältere Leutchen, die noch einmal zu ihrem allerersten Treffen zurückgehen wollten. Ein einfacher Auftrag, eine kurze problemlose Reise – so dachte ich. So dachten alle, auch Cashogi, wie Cashmere Ogilvie von uns allen genannt wird. Doch gerade er hätte es besser wissen müssen, er kannte die beiden recht gut.

Bernhard und Grace Driscoll waren seit fast zwanzig Jahren verheiratet, und im Laufe der Zeit hatten offenbar die Erinnerungen der beiden gelitten. Jedenfalls stritten sie vehement darüber, wie das erste Treffen vor einundzwanzig Jahren abgelaufen war. Nun, eine Zeitreise war sicherlich die beste Möglichkeit, der Wahrheit auf den Grund zu gehen. Die obligatorische medizinische Untersuchung brachte zutage, dass Bernhard an einem Herzfehler litt, der zuerst behandelt werden musste. Bei der heutigen Medizintechnik kein Problem. Drei Tage später konnte es schon losgehen.

Die beiden Driscolls und ich benutzten das TTN-eigene Shuttle zum Knotenpunkt in der Raumstation, von wo aus wir starten wollten. Die TTN hat viel Geld und Beziehungen gebraucht, um die eigene Station, die für Zeitreisen benutzt wird, ins All zu bringen. Normalerweise kontrolliert die Regierung jeden noch so kleinen Satelliten, selbst die für das Navigations- und Teleportsystem. Aber diese Station, die permanent von drei Personen besetzt ist, wird nicht einmal staatlich überwacht. Nun gut, der Aufsichtsratsvorsitzende Hagen von Bolldorf besitzt in der Tat viel Macht, und wahrscheinlich weiß er auch, was er tut.

Wir drei wurden im Hangar von Dr. Lefebvre in Empfang genommen und gleich zum Knotenpunkt geschickt, der für jede Reise und die entsprechende Personenzahl immer neu erstellt werden kann. Ein kreisrunder Raum mit einigen Schalensesseln erwartete uns. Die Wände dort sind glatt und schmucklos. Ich kannte die Theorie. Auch in der Vergangenheit würden wir in einem solchen Raum herauskommen, vielleicht handelte es sich sogar um den gleichen Raum, der mit uns versetzt wurde, zu der Zeit interessierte mich das noch nicht. Er befand sich in einer Zeitblase, einem zeitlichen Kontinuum, und konnte von den Menschen der Vergangenheit nicht entdeckt werden. Neben dem Kotenpunkt als Aufenthaltsraum gab es auch zwei Schlafräume für je zwei Personen, eine Vibrationsdusche und einen Nahrungsautomaten. Zeittouristen müssen autark sein, nur in Ausnahmefällen und nach vorheriger Absprache durfte das Kontinuum verlassen werden, um zum Beispiel Nahrung der entsprechenden Epoche zu kaufen, ein solcher Ausflug kostete allerdings extra viel Geld, denn es galt, jede Möglichkeit eines Paradoxons schon im Vorfeld zu berechnen und damit zu verhindern. Selbstverständlich besaß ich für die jeweilige Zeit das entsprechende Geld.

Heute war nicht mit ungewöhnlichen Vorfällen zu rechnen, unsere Reise sollte nur etwa vier Stunden dauern.

Dr. Lefebvre implantierte die Neuraltransmitter in den Handgelenken der beiden, sie konnten später problemlos wieder entfernt werden, ich selbst trug ein permanent sendendes Gerät, das man mir dauerhaft eingesetzt hatte. Neurochips wurden den beiden in den Oberarm injiziert, sie wanderten zum Gehirn und lösen sich nach einiger Zeit wieder auf. Mit ihnen konnte jedoch bei einem Unfall oder einem Ausreißer die ungefähre Position festgestellt werden. Niemand sollte in der Zeit verloren gehen – gewollt oder ungewollt. Schon gar nicht solche Leute, die über beste Verbindungen in die Konzernzentrale verfügen.

Nun gut, wir wurden endlich fertig, wobei mir bereits auffiel, dass die beiden grundsätzlich gegenteiliger Meinung zu sein schienen, selbst bei Nebensächlichkeiten.

Der Durchgang war kaum zu spüren, und als ich meine Reisenden aufforderte mir folgen, konnten sie kaum glauben, dass wir bereits angekommen waren.

Das Jahr 2715 unterschied sich nicht besonders von unserer aktuellen Zeit, und im Schutz unserer Zeitblasen verließen wir den Knotenpunkt und befanden uns nach kurzem Spaziergang schon in dem riesigen Vergnügungsviertel der Stadt München-Plus.

Die Stadt war auf den Überresten der alten Stadt München aufgebaut, und man hatte aus Nostalgie einige der alten Gebäude erhalten, die sich mitten im Zentrum befanden. Heute bildeten sie den Mittelpunkt des Vergnügungsviertels. Das Hofbräuhaus war aus einer speziellen Zementmischung neu aufgebaut und haltbar gemacht worden, und ich schüttelte nicht zum ersten Mal den Kopf über die primitive Weise sich zu vergnügen. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe nichts gegen Alkohol, aber wenn die Auswirkungen nicht beherrscht werden können, ist es relativ sinnlos, die Menschen unter dem Vorwand, sich besser zu amüsieren, damit zu konfrontieren. Heute genügt nach dem Alkohol eine kleine Tablette, und innerhalb von Minuten ist der Normalzustand wiederhergestellt. Unfälle im Rauschzustand sind sowieso ausgeschlossen, unsere Verkehrsmittel fahren zum größten Teil vollautomatisch.

Aber gerade in solchen Amüsiervierteln gibt es auch immer wieder Möglichkeiten, an illegale Drogen heranzukommen, deren Wirkung nicht zu unterschätzen ist.

Zum Glück hatte ich auch aus dieser Richtung keinen Ärger zu befürchten, die beiden Driscolls waren meiner Meinung nach viel zu ängstlich, um etwas so eindeutig Illegales zu tun. Ob sich diese Zurückhaltung auch geschäftlich auswirkte, wusste ich nicht, und es interessierte mich auch nicht. Das einzige, was mich irritierte, war die Tatsache, dass die beiden in ihrer Jugend hier gewesen sein sollten. Abgesehen von den Streitereien untereinander hielt ich sie für absolut harmlos und erzkonservativ.

„Wo hat denn Ihr erstes Treffen stattgefunden?“, wollte ich jetzt wissen.

„Im Konzertsaal, bei denen Rising Eagles“, kam es von Grace.

„In der Retro-Disco“, sagte zur gleichen Zeit Bernhard.

Die schlanke Frau mit den perfekten weißen Zähnen und den blauen Haaren über einem faltenlosen Gesicht, blickte ihren Mann an. „Musst du eigentlich immer eine andere Meinung haben als ich?“, fauchte sie.

„Wenn dein Gedächtnis dir Streiche spielt, ist das wohl unvermeidbar“, kam die trockene Antwort.

„Entschuldigung, streiten Sie bitte zu einem anderen Zeitpunkt weiter, sonst wird die Zeit knapp“, unterbrach ich die erneut aufkommende Diskussion. „Wir haben nur vier Stunden, und so sollten wir nichts davon verschwenden. Gehen wir zuerst ins Konzert, und danach in die Disco, falls es noch nötig ist.“ Dieser Kompromiss wurde angenommen.

Die Konzerthalle war nach alten Vorlagen dem ehemaligen Hauptbahnhof nachgebaut. Statt der Schienen war jedoch eine moderne Bühne installiert, es gab Sitzplätze und Stehtribünen, und selbst ohne Konzert herrschte hier eine Menge Publikumsverkehr.

„Nun, wo haben Sie denn gesessen oder gestanden?“, erkundigte ich mich und versuchte die zahllosen Besucher, die zu ihren Plätzen strömten, im Auge zu behalten, ob ich die beiden Driscolls als jüngere Version irgendwo entdecken konnte. Natürlich hatte ich Bilder der beiden gesehen, ich würde sie bestimmt erkennen. Aber nun war es Grace, die einigermaßen ratlos wirkte.

„Hier stimmt etwas nicht, die Umgebung war ganz anders, und hier treten auch gerade nicht die Rising Eagles auf. Es sieht fast so aus…“

„… als hättest du dich getäuscht“, erklärte Bernhard schadenfroh. „Also los, auf in die Disco.“

„Warten Sie noch fünf Minuten, nur um sicher zu sein, dass Ihre Frau sich wirklich getäuscht hat. Bis dahin dürften die meisten Besucher ihre Plätze aufgesucht haben, und ich werde mit dem automatischen Gesichterscan einen Versuch machen.“

„Meinetwegen tun Sie, was Sie nicht lassen können“, gab er süffisant zurück.

Aber wie ich schon vermutet hatte, gab es die beiden nicht, also gingen wir weiter zur Retro-Disco. Ein Höllenlärm empfing uns, und ich glaubte für einen Moment meinen Augen nicht zu trauen. Ich war zum ersten Mal in dieser Art Disco und hatte kaum eine Vorstellung, was sich dort abspielte. Hierher kamen Menschen, die sich benahmen wie halb oder völlig Verrückte in einer vergangenen Zeit. Auf verschiedenen Tanzflächen hopsten und stampften Menschen in seltsamen Kostümen herum, die Moderichtungen waren total unterschiedlich, ebenso wie die Musik, wie ich schon am Rhythmus der Tänze erkennen konnte. Die Musik selbst wurde über Schallisolatoren auf die jeweilige Tanzfläche begrenzt. Der unglaubliche Lärm hier drinnen kam von den Leuten, die sich außerhalb der begrenzten Flächen befanden. Wie konnte man es hier länger als nur zwei Minuten aushalten, wenn man nicht hier sein musste?

Das Entsetzen spiegelte sich vermutlich in meinem Gesicht, denn Bernhard blickte mich spöttisch an. „Das ist offenbar kein Freizeitvergnügen für Sie?“

„Nein, ich ziehe etwas anderes vor.“

Wir mussten uns anschreien, um uns verständlich zu machen.

„In welcher Epoche sind Sie gewesen?“, fragte ich und machte eine hilflose Handbewegung in die riesige Halle hinein.

„Die siebziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts“, kam es von ihm spontan, und ich versuchte mich zu orientieren.

Aber seine Frau hatte den Weg schon längst gefunden, sie ging zielstrebig auf eine der Bühnen zu und wiegte sich dabei in den Hüften. Diese beiden erstaunten mich immer wieder. Konzentriert glitten meine Augen über das Publikum, doch auch hier musste ich einen Scan durchführen, das Gewimmel ließ es nicht zu, einzelne Personen zu erkennen.

„Nein, Sie sind beide nicht hier“, erklärte ich wenig später.

„Dein Gedächtnis lässt also auch nach“, erklärte Grace genüsslich.

„Hüte deine Zunge“, fuhr er sie an. Bevor erneut ein Streit ausbrechen konnte, zog ich die zwei aus der Disco hinaus, um endlich dem infernalischen Krach zu entfliehen. Schließlich standen wir wieder in der großen Verteilerhalle. Blinkende Hologramme priesen alle Vergnügungen an, die man sich nur vorstellen konnte, zahllose Menschen schlenderten suchend oder gelangweilt umher, andere hasteten zielstrebig auf bestimmte Etablissements zu. Wir standen mitten in der Menge, und doch konnte niemand uns sehen. Wir befanden uns im Schutz des Zeitnetzes, und es kam sogar vor, dass jemand durch uns hindurchging, ohne etwas davon zu bemerken.

„Was nun?“, fragte ich das Ehepaar. „Offenbar hat die Erinnerung Sie beide getäuscht. Es tut mir leid, dass Sie Ihr Geld scheinbar umsonst ausgegeben haben. Wir haben noch etwas über eine Stunde Zeit, möchten Sie vielleicht etwas anderes sehen? Oder fällt Ihnen vielleicht doch noch ein, wo Ihr erstes Treffen stattgefunden hat?“

In diesem Augenblick funktionierte so etwas wie mein siebter Sinn. Ich sah eine Gestalt in einen Club hineingehen. Während Grace und Bernhard weiterhin in scharfen Worten ihre Uneinigkeit demonstrierten, konzentrierte ich mich auf den Club.

„Kommen Sie mit“, forderte ich, und die beiden folgten mir verblüfft. Ein Single-Club, in dem einsame Menschen versuchten einen Partner zu finden – für ein paar Stunden, eine Nacht oder sogar einige Tage. Nur selten entstanden daraus dauerhafte Beziehungen.

„Da sind Sie“, sagte ich und deutete auf eine Frau, die gerade schüchtern suchend durch den Saal schritt. Ich gestehe, ich musste mir das Lachen verbeißen.

Grace wirkte scheu und harmlos, bis sie einen Mann gesehen hatte, der offenbar ihrem Beuteschema entsprach. In dem Augenblick veränderte sie sich völlig. Der Körper wurde straff, sie hielt den Kopf aufrecht, und ihre Augen funkelten. Verführerisch leckte sie sich über die Lippen und ging mit einem ausdrucksvollen Hüftschwung auf den Mann zu, der allein an einem Tisch saß und die anwesenden Frauen musterte. Also nicht Bernhard, wie ich sehen konnte.

Grace sprach mit ihm und setzte sich unaufgefordert. Wir waren nicht nahe genug heran, um etwas zu verstehen, doch es war unschwer zu erkennen, dass ihre Anmache bei ihm nicht wirkte. Er schüttelte unwillig den Kopf, und als die Frau noch näher rückte, stand er abrupt auf.

Bernhard neben mir mühte sich, ein lautes Gelächter zu unterdrücken, während seine Frau wütend zischte. Die junge Grace stampfte zornig mit dem Fuß auf, als der Mann sich davon machte. In diesem Augenblick entdeckte ich Bernhard, der gerade ebenfalls einen Korb erhalten hatte. Reiner Zufall führte die beiden zusammen, als Grace über die eigenen Füße stolperte und direkt in seinen Armen landete. Er zog sie einfach auf die kleine Tanzfläche, auf der ein paar wenige Paare im Takt leiser Musik hin und her schoben. Doch es hielt die beiden nicht lange dort. Hand in Hand verließen sie den Club und unterhielten sich angeregt.

„Nun, dann wäre diese Sache doch endlich geklärt“, sagte ich zufrieden.

Doch die beiden begannen schon wieder mit ihrem Streit. „Das war voll und ganz geplant“, behauptete er. „Es gab nicht den geringsten Grund in meine Arme zu stolpern.“

„Du hast dich förmlich dorthin geworfen, wo ich gerade stand, nur um mich aufzufangen“, fauchte sie zurück.

„Da haben wir es gerade gesehen, dass du auf reiche Beute aus gewesen ist“, fuhr er fort.

„Und du hattest nichts besseres zu tun, als dich mir an den Hals zu werfen. Das sagt man doch sonst nur Frauen nach“, behauptete sie.

„Ich hatte einfach Mitleid…“.

„Entschuldigen Sie“, mischte ich mich ein und erntete empörte Blicke von den beiden. „Wir sollten uns nun in aller Ruhe auf den Rückweg machen, Mr. und Mrs. Driscoll. Ich kann allerdings nicht einsehen, worüber Sie jetzt noch etwas zu streiten haben.“

„Wir streiten nicht“, behauptete sie stur.

„Das hört sich aber so an. Wenn Sie sich nicht vertragen können, ist mir absolut unklar, warum Sie überhaupt zusammenbleiben. Ihre persönlichen Differenzen scheinen so groß zu sein, dass Sie sich vielleicht scheiden lassen sollten.“

Für einen Augenblick herrschte lähmende Stille, und ich fühlte die Blicke der beiden wie körperliche Berührungen. Aber dann gingen sie förmlich auf mich los, beschimpften mich übel und machten Anstalten mich anzugreifen. Nun gut, diese beiden würde ich mit links und verbundenen Augen noch besiegen können. Aber das war ja nicht Sinn und Zweck dieser Reise.

Ich lernte in diesem Augenblick einen sehr wichtigen Grundsatz. Halte deine eigene Meinung zurück, solange nicht jemand danach fragt. Ich hatte mir zwei Feinde gemacht, und dabei war ich der Ansicht gewesen, dass die beiden so nicht länger zusammenleben konnten. Aber offenbar benötigten die zwei ihre Streitereien in ihrem Leben wie Luft zum Atmen. Es gelang mir nur mühsam, die beiden soweit zu beruhigen, dass wir die Rückreise vornehmen konnten, und ich rechnete mit einem heftigen Donnerwetter von Cashogi.

Entnervt und angespannt setzte ich mich in meinem bequemen Sessel auf, während Grace und Bernhard noch benommen liegen blieben. Dr. Lefebvre nickte mir zu, alles in Ordnung. Ich verließ den Raum und begab mich zum Shuttle, mit dem ich allein in die Zentrale nach Berlin zurückkehren würde, das Ehepaar würde direkt mit einem Privatflugzeug in die Heimatstadt gebracht werden.

Noch immer fand ich den Anblick des TTN-Hauptquartiers beeindruckend, aber nach dieser ersten Reise war es durchaus möglich, dass ich im hohen Bogen aus der Crew der Trip-Commander geworfen wurde. Wie hatte ich nur so dumm sein können?

Cashmere Ogilvie saß in seinem Büro, das kühl und sachlich wirkte. Nicht einmal ein Foto war irgendwo zu sehen. Es gab nichts Persönliches aus der Welt von Cashogi, er hätte ebenso gut eine Maschine sein können. Ich wollte es schnell hinter mich bringen. Was ich danach machen würde, war mir noch nicht klar. Für Menschen mit meiner Ausbildung und Vorgeschichte waren Arbeitsplätze dünn gesät.

„Hatten Sie einen anregenden Ausflug, Cate?“, erkundigte sich Ogilvie.

Ich schob trotzig das Kinn nach vorne. „Sie wissen recht gut, dass diese Reise für mich ein Fiasko gewesen ist“, gab ich zurück. „Wie lang ist die Liste der Beschwerden, die Mr. und Mrs. Driscoll über mich abgegeben haben?“

„Erstaunlich kurz“, sagte er knapp. „Sie haben die Aufgabe besser gemeistert als andere Kollegen vorher in einer ähnlichen Situation. Haben Sie wenigstens etwas daraus gelernt?“

„O ja“, fauchte ich. „Sollte ich tatsächlich noch einmal in eine solche Situation kommen, werde ich Ohrenstöpsel mitnehmen und mich sicher nicht noch einmal einmischen. Aber die Gefahr besteht für mich wohl kaum. Haben Sie vor mich fristlos zu feuern, oder bekomme ich zwei Tage Galgenfrist?“

„Fristlos feuern?“ Völliges Unverständnis war aus seinen Worten zu hören, aber dann lächelte er verschmitzt. „Cate, sind Sie so dumm, oder tun Sie nur so? Diese Reise war natürlich ein letzter Test, um festzustellen, wie Sie unter Stress Ihre Aufgabe meistern. Die beiden sind von Natur aus schwierig, und sie hatten tatsächlich den Auftrag Sie zusätzlich zu reizen, was ihnen offensichtlich gut gelungen ist. Und Sie, Cate, haben sich fabelhaft verhalten. Sie haben sogar mehr getan, als Sie hätten tun müssen, denn es ist Ihnen gelungen, den wahren Sachverhalt aufzuklären. Ich würde sagen, alles in allem ist es gut gelaufen.“

In diesem Augenblick hätte ich ihm ins Gesicht schlagen können. Wie hatte er mich derart ins offene Messer laufen lassen können? Ein Test, ob ich unter Stress richtig reagiere? Welche Erkenntnis konnte er daraus ziehen, die nicht bereits durch zahlreiche Psychogramme und Simulationen als unumstößliche Tatsachen auf dem Tisch lagen?

„Dann sind Sie jetzt wohl bedeutend klüger als vorher?“, fragte ich scharf.

Ogilvie zuckte die Schultern. „Es war nicht meine Idee, ich war meiner Sache schon vorher sicher, aber das wurde von oben entschieden, und ich bin froh, dass jetzt jeder Zweifel ausgeräumt ist. Sie dürfen jetzt nach Hause fahren, voraussichtlich haben Sie zwei Tage frei, bevor Sie regulär eingeteilt werden. Ich danke Ihnen.“

„Das war alles?“, fauchte ich ihn an. „Sie gehen jetzt ganz einfach darüber weg? Halten Sie mich für eine Maschine, von der man Gebrauch machen kann, um sie dann einfach abzuschalten?“

„Was erwarten Sie, Cate Nichols? Eine Belobigung dafür, dass Sie Ihre Pflicht ausgeführt haben? Das wäre ein bisschen viel verlangt, oder? Ich sage Ihnen etwas. Sie werden alle Tage so von mir behandelt werden, solange Sie Ihren Job gut erfüllen. Sollten Sie Probleme haben, können Sie jederzeit zu mir kommen, und wenn es sein muss, werde ich für Sie kämpfen – solange Sie im Recht sind. Aber machen Sie Fehler, werde ich Sie genüsslich in der Luft zerreißen. Haben wir uns verstanden, Miss Nichols? Falls ja, werden wir gut miteinander auskommen. Falls nein, dann ist dort die Tür. Aber Sie werden nie eine zweite Chance bekommen, ist das klar?“

So deutlich hatte ich es nun auch wieder nicht wissen wollen.

„Ich habe verstanden, Sir. Danke für die Aufklärung“, sagte ich rasch.

„Nun gut, Sie dürfen das Shuttle benutzen, falls Sie die freien Tage außerhalb verbringen möchten.“

„Nein, danke, ich bleibe in Berlin.“

So begann meine Arbeit für die TTN, und Cashmere Ogilvie hat mir damals die Wahrheit gesagt. Er behandelt jeden relativ unpersönlich, aber er steht hinter allen seinen Leuten. Wir Trip-Commander sind eine kleine Gruppe, die ungeheuer viel Verantwortung trägt. Wenn wir nicht aufpassen, können gravierende Veränderungen im Zeit-Gefüge entstehen, und selbst Kleinigkeiten können sich zu Katastrophen auswachsen. In jeder Schulung wird uns das eingehämmert, und natürlich bekommt das auch jeder Reisende gesagt. Nur, ob die Leute das auch verstehen, daran wage ich so manches Mal zu zweifeln. Immer wieder kommt es zu Versuchen, eine Kleinigkeit aus der Vergangenheit mitzunehmen oder etwas dazulassen. So gehört es auch zu unseren Aufgaben, alle Einzelheiten zu beachten.

Ich arbeite mit großer Hassliebe für die Zeitreisegesellschaft, denn es ist wirklich so, dass man seine Seele verkauft, sobald man hier arbeitet. Und doch macht es auch viel Spaß. Wo sonst hätte man die Gelegenheit die Geschichte aus erster Hand mitzuerleben? Sie sehen also, es ist ein interessantes Leben, wenn auch nicht gerade ein gewöhnliches. Aber nun wollen wir einsteigen in eine der verrückten Geschichten, die unendliche Ereignisse nach sich ziehen.

Alles begann damit, dass Cashogi mir einen ungewöhnlichen Auftrag gab. Ich sollte eine Gruppe höchst unterschiedlicher Leute in die Zeit begleiten, von denen offenbar jeder ganz persönliche Gründe hatte, um ausgerechnet im Jahr 1963 aufzutauchen, um das Attentat auf Präsident John F. Kennedy mitzuerleben.

Copyright (c) 2012 by Margret Schwekendiek

Bildrechte: “Zeitlinien – manchmal gehen Uhren anders (Zeitlinien5.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Wie es weitergeht erfährt man hier:

Schwekendiek, Margret
TIME TRAVELLERS

Mit Trans-Time-Net durch die Zeit

Herausgegeben von Bionda, Alisha
Verlag :      p.machinery
ISBN :      978-3-942533-10-2
Einband :      Paperback
Preisinfo :      13,90 Eur[D] / 14,30 Eur[A]
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 15.01.2012
Seiten/Umfang :      ca. 188 S. – 190,0 x 120,0 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 01.2012
Aus der Reihe :      Dark Wor(l)ds 2

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Die TTN setzt via Zeitnetz Erlebnisreisen an, spezielle Reisebegleiter sorgen dafür, dass keine Paradoxa entstehen. Leider klappt das nicht immer, und es stellt sich im Laufe der Zeit heraus, dass fast alle großen Katastrophen der Menschheitsgeschichte auf den Einfluss der Zeitreisenden zurückzuführen sind – sei es durch einen Unfall, Absicht oder auch Bösartigkeit.

Cate Nichols, 32 Jahre alt, attraktive Individualistin mit einem Hang zu interessanten Männern für ein Abenteuer, arbeitet seit einiger Zeit für die TTN und hat eine umfassende Schulung hinter sich. Beim staatlichen Sicherheitsdienst wurde sie suspendiert wegen zu großer Härte im Einsatz, nach einer Persönlichkeitserneuerung stellt die TTN sie an, weil sie Leute braucht, die manchmal über die moralischen Grenzen hinweggehen können.

Der Sicherheitschef und zugleich Vorgesetzter von Cate Nichols ist Cashmere Ogilvie, von seinen Freunden liebevoll Cashogi genannt. Er koordiniert nicht nur den aufwendigen Sicherheitsapparat der TTN, er schult auch die Reiseleiter, die von niemand anderem Befehle annehmen. In der Zentrale der TTN kommt es zu Spannungen, als die Regierung versucht das Monopol zu brechen.

Die Zeitreise entpuppt sich als Fiasko, als einer der Reisenden das Netz verlässt, Cate muss ihn wieder aufspüren, die übrigen bleiben allein zurück, und der Konflikt zwischen Frauen und Männern schwelt in einer ziemlich beengten Situation.

Die Geschichte, aus Sicht einer Frau geschrieben, beschäftigt sich weniger mit der Technik als vielmehr mit dem Leben selbst. Gefühle, Ereignisse und Wahrnehmungen aus dem heutigen und dem fiktiven zukünftigen Leben zeigen deutlich, dass die Menschen immer Menschen bleiben werden – und Frauen bleiben immer Frauen.

Margret Schwekendiek, Jahrgang 1955, schreibt seit fast zwanzig Jahren professionell und hat schon viele Genres bedient. Ihre Leidenschaft liegt eindeutig in der SF und im Horror. Neugier, Kreativität und Fantasie gehen Hand in Hand, wenn ein neues Projekt ansteht. Eine Geschichte über Zeitreisen war schon lange ein Herzenswunsch.

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13 Comments

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  1. Wir haben eine neue Autorin! Bitte schreibt uns hier im Kommentar, wie Euch diese Leseprobe gefällt! Eine Autorin, die SF schreibt! Ist das nicht super? 🙂

  2. Christa Kuczinski

    Hallo Margret,
    herzlich willkommen!
    Und schwups, bin ich nicht mehr die Neue*)
    Science-Fiction ist nicht unbedingt mein Genre. Doch hin und wieder lese ich gerne Geschichten in diese Richtung. Storys über Zeitreisen sind an sich faszinierend, deine Leseprobe verspricht Spannung, unerwartete Wendungen und vieles mehr. Mir hat sie wirklich gut gefallen.

    Lg Christa

  3. Lecha Blecha (LecBlec)

    Heiße Biene auf dem Cover! 😀

  4. Martina Möchel

    Ich habe die Leseprobe gern gelesen, war witzig und das Menschliche kommt auch nicht zu kurz. Ein bisschen fehlte mir die Spannung, aber es ist ja nur die Enführung zu weiteren Zeitreiseabenteuern, denke ich. Ich würde gerne mehr lesen von dieser Autorin. Viel Glück im Wettbewerb von meiner Seite! 😀

  5. Margret Schwekendiek

    Hallo,
    mir scheint, Christa, jetzt bin ich die Neue. Erst mal danke für euer Lob. Habe gestern schon zweimal versucht einen Kommentar unter Detlefs Stiry zu hinterlassen, und jedesmal kam nichts, ich versuche es jetzt noch mal.

  6. Hallo Margret,

    herzlich willkommen!
    Wie schön, dass es noch Autorinnen (und Autoren – versteht sich!) gibt, die SF schreiben. :D.

    Die Leseprobe muss ich erst noch lesen, bevor einen Kommentar dazu abgebe … mache ich meistens so 😉

  7. Hat mir nicht gefallen, für meinen Geschmack zu trivial und vorhersehbar.

  8. @Kai: Was würde Dir denn besser gefallen?

  9. Für die Badewanne zum Entspannen nach einem ermüdenden Trip gerade die richtige Länge und Tiefe. Fühle mich abgeholt von den ersten Absätzen, im Verlaufe des Lesens mitgenommen und am Ende des Textes wieder ordentlich in die Realität zurückgebracht. Die eine oder andere stilstische Wendung ist mir aufgestoßen und hätte mich ausgeruht am Schreibtisch wahrscheinlich den Text weglegen lassen. Aber wenn ich mir die Veröffentlichungsliste der Autorin so anschaue, ist der Schreibtisch sowieso die falsche Zielgruppe (und das meine ich hier mit Anerkennung). Zusammen mit den Informationen im Buchtipp ist die Leseprobe interessant genug, wieder einen Zeitreiseroman auf die Einkaufsliste zu setzen. Und neuen Badezusatz. Aber wehe, die wiederholte Behauptung, man würde als TTN Mitarbeiter seine Seele verkaufen, wird in den folgenden Geschichten nicht ausgeweidet. 😉

    (im letzten Wort ist kein Tippfehler 😉 )

  10. Buch gelesen. Einen Kritikpunkt hätte ich: zu kurz. Anstelle eines einseitigen Epiloges wäre mir ein zweiter und dritter Band lieber gewesen. Oder konstruktiv ausgedrückt: wann geht’s weiter?

  11. HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH AN DIE AUTORIN FÜR DEN LESEPROBEN-AWARD!

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