sfbasar.de

Literatur-Blog

BEDENKE PHLEBAS – Leseprobe (Teil 1) Roman von Iain Banks (sfb-Preisträger “Beste Leseprobe Frühling 2015”)

BEDENKE PHLEBAS

Leseprobe (Teil 1)
Roman
von
Iain Banks

Das Buch

Sie sind ein kleiner tollkühner Haufen, der immer dort auftaucht, wo das Ende bevorsteht – wenn freischwebende, Zehntausende von Kilometern durchmessende Habitate aus strategischen Gründen gesprengt werden, brennende Raumschiffe in den Tiefen des Alls lodern oder Planeten zu Staub zermalmt werden. Sie nehmen mit, was sie nur kriegen können, und profitieren so von einer Auseinandersetzung zwischen den Idiranern, einer uralten insektoiden Kriegerspezies, und der KULTUR, dem übermächtigen Imperium der Maschinen. Sie vermeiden es tunlichst, sich zu einer der beiden Parteien zu bekennen. Doch unter ihnen befindet sich ein Gestaltwandler, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die KULTUR mit allen Mitteln zu vernichten … Mit diesem Roman, jetzt schon ein moderner Klassiker, hat Iain Banks das Genre der Space Opera, der groß angelegten Weltraumabenteuer, nicht nur revitalisiert, sondern auch mit literarischen Weihen versehen.

Bedenke Phlebas stand monatelang auf den britischen Bestsellerlisten.

Der Autor

Iain Banks wurde 1954 in Schottland geboren. Nach einem Englischstudium schlug er sich mit etlichen Gelegenheitsjobs herum, bis ihn sein 1984 veröffentlichter Roman Die Wespenfabrik als neue aufregende literarische Stimme bekannt machte. In den folgenden Jahren schrieb er zahllose weitere Romane und Erzählungen, darunter auch etliche, die im selben Universum wie Bedenke Phlebas angesiedelt sind. Banks starb im Jahr 2013. Er gilt heute als einer der bedeutendsten Vertreter der britischen Literatur der letzten Jahrzehnte.

***

Prolog

Das Raumfahrzeug hatte nicht einmal einen Namen.

Es hatte keine menschliche Besatzung, weil das Fabrikschiff, das es gebaut hatte, vor langer Zeit evakuiert worden war. Aus dem gleichen Grund hatte es kein Lebenserhaltungssystem und keine Unterkünfte. Es hatte keine Klassennummer und keine Flottenkennzeichnung, weil es ein Flickwerk war, zusammengesetzt aus Teilen und Stücken verschiedener Typen von Kriegsschiffen, und es hatte keinen Namen, weil dem Fabrikschiff für solchen Firlefanz keine Zeit mehr geblieben war.

Die Werft schusterte das Schiff zusammen, so gut es ihr mit ihren zusammengeschmolzenen Vorräten an Komponenten möglich war. Allerdings war der größte Teil der Waffen-, Energie- und sensorischen Systeme entweder fehlerhaft oder veraltet oder reif zur Überholung. Das Fabrikschiff wusste, seine eigene Zerstörung war unvermeidlich, aber es bestand immerhin eine Chance, dass die Geschwindigkeit und das Glück seiner letzten Schöpfung für eine Flucht reichten.

Die eine perfekte, unbezahlbare Komponente, die das Fabrikschiff tatsächlich besaß, war das außerordentlich mächtige – wenn auch noch unerfahrene und ungeübte – elektronische Gehirn, um das herum es den Rest des Fahrzeugs konstruierte.

Wenn es das Gehirn in Sicherheit bringen konnte, dann hatte das Fabrikschiff, wie es dachte, seine Sache gut gemacht. Trotzdem gab es einen weiteren Grund – und das war der wirkliche Grund –, warum die Werftmutter ihrem Kriegsschiff-Kind keinen Namen gab. Sie meinte, ihm mangele es an noch etwas: an Hoffnung.

Als das Raumfahrzeug die Montagebucht des Fabrikschiffs verließ, war an seiner Ausstattung das meiste noch zu tun.

Hart beschleunigend folgte es einem Kurs, der eine vierdimensionale Spirale durch einen Blizzard aus Sternen zog, wo, wie es wusste, überall Gefahren lauerten. Mit abgenutzten Maschinen aus einem überholten Schiff der einen Klasse warf es sich in den Hyperraum, sah mit kriegsgeschädigten Sensoren einer zweiten seinen Geburtsort achtern verschwinden und testete veraltete Waffeneinheiten, die von noch einer dritten Klasse ausgeschlachtet waren.

Innerhalb seiner Kriegsschiffhülle mühten sich in engen, unbeleuchteten, ungeheizten, luftlosen Räumen Bauroboter damit ab, Sensoren, Versetzer, Feldgeneratoren, Schirmunterbrecher, Laserfelder, Plasmakammern, Gefechtskopf-Magazine, Manövriereinheiten, Reparatursysteme und die Tausende anderer größerer und kleinerer Komponenten zu installieren oder zu vervollständigen, die ein Kriegsschiff erst funktionsfähig machen. Während es durch die weiten, offenen Räume zwischen den Sternensystemen fegte, änderte sich die innere Struktur des Fahrzeugs nach und nach, und je weiter die Bauroboter mit ihrer Arbeit voranschritten, desto weniger chaotisch und desto normaler wurde es.

Nach mehrmals zehn Stunden seiner ersten Reise, als es gerade seinen Spurscanner testete, indem es ihn auf den zurückgelegten Weg richtete, registrierte das Schiff eine einzige massive Annihilierungsexplosion weit hinter sich, wo das Fabrikschiff gewesen war. Es beobachtete eine Weile die aufblühende Strahlungssphäre, dann schaltete es das Scannerfeld auf genau voraus und jagte noch mehr Energie durch seine bereits überlasteten Triebwerke.

Das Schiff tat alles, was es konnte, um eine Kampfhandlung zu vermeiden. Es hielt sich ein gutes Stück von den Routen entfernt, die feindliche Fahrzeuge wahrscheinlich benutzen würden. Es behandelte jeden Hinweis auf irgendein Fahrzeug als bestätigten feindlichen Sichtkontakt. Während es kreuz und quer und hinauf und hinunter dahinzog, spiralte es gleichzeitig, so schnell es konnte und so direkt, wie es das wagte, den Zweig des galaktischen Arms hinunter, in dem es geboren worden war, immer Kurs auf den großen Isthmus und den verhältnismäßig leeren Raum jenseits davon haltend.

Auf der anderen Seite, am Rande des nächsten Zweigs, mochte es Sicherheit finden.

Gerade als es diese erste Grenze erreichte, wo die Sterne wie eine glitzernde Klippe vor der Leere aufragten, wurde es entdeckt.

Eine Flotte feindlicher Fahrzeuge, deren Kurs zufällig dem fliehenden Schiff nahe genug kam, entdeckte seine ungleichmäßige, geräuschvolle Emissionssphäre und fing es ab. Das Schiff lief genau in ihren Angriff und wurde überwältigt.

Seine Waffen fielen aus, und langsam und verwundbar, wie es war, erkannte es beinahe auf der Stelle, dass es keine Chance hatte, der gegnerischen Flotte irgendeinen Schaden zuzufügen.

Deshalb zerstörte es sich selbst. Es ließ seinen Vorrat an Gefechtsköpfen in einem plötzlichen Energieausbruch detonieren, der eine Sekunde lang, nur im Hyperraum, den gelben Zwergstern eines nahe gelegen Systems überstrahlte.

In einem Muster um das Schiff verstreut, bildeten die Tausende explodierender Gefechtsköpfe einen Augenblick, bevor das Schiff selbst zu Plasma zerstäubte, eine sich schnell ausdehnende Strahlungssphäre, aus der hinaus eine Flucht unmöglich schien. Gegen Ende des Sekundenbruchteils, den die ganze Kampfhandlung dauerte, gab es ein paar Millionstel, in denen die Kampf-Computer der feindlichen Flotte kurz das vierdimensionale Gewirr expandierender Strahlung analysierten und erkannten, dass es einen einzigen verblüffend komplizierten und sehr unwahrscheinlichen Weg aus den konzentrischen Kugeln eruptierender Energien gab, die sich jetzt wie die Blätter einer riesigen Blüte zwischen den Sternensystemen öffneten. Es war jedoch keine Route, die das Gehirn eines kleinen, archaischen Kriegsschiffes hätte planen und schaffen, und der es sodann hätte folgen können.

Zu dem Zeitpunkt, als festgestellt wurde, dass das Gehirn des Schiffs genau diesen Pfad durch seinen Annihilierungsschirm genommen hatte, konnte man es nicht mehr daran hindern, durch den Hyperraum auf einen kleinen, kalten Planeten zuzufallen. Es war, von innen gerechnet, der vierte der isolierten gelben Sonne des nahe gelegenen Systems.

Ebenso war es zu spät, etwas gegen das Licht von den explodierenden Gefechtsköpfen des Schiffes zu unternehmen.

Es war zu einem einfachen Code angeordnet worden, der das Schicksal des Schiffes sowie das Wehrdienstverhältnis und die Position des Gehirns beschrieb, lesbar für jeden, der das wesenlose Licht bei seinem Lauf durch die Galaxis sah. Vielleicht am schlimmsten von allem war – und hätte ihre Konstruktion es ihnen erlaubt, dann hätten diese elektronischen Gehirne darauf mit Bestürzung reagiert –, dass es sich bei dem Planeten, auf den sich das Gehirn durch seinen Schirm aus Explosionen gerettet hatte, nicht um einen handelte, den man einfach hätte angreifen oder zerstören oder auf dem man auch nur hätte landen können. Es war Schars Welt, nahe der Region leeren Raums zwischen zwei galaktischen Armen, die man den »Düsteren Golf« nannte, und es war einer der verbotenen Planeten der Toten.

***

Erster Teil

Sorpen

Das Zeug war jetzt bis an seine Oberlippe gestiegen.

Auch wenn er den Kopf fest gegen die Steine der Zellenwand drückte, befand sich seine Nase nur knapp über der Oberfläche.

Er würde seine Hände nicht mehr rechtzeitig freibekommen; er würde ertrinken.

In der Dunkelheit der Zelle, in dem Gestank und der Wärme, während der Schweiß ihm über die Stirn lief, seine Augen fest geschlossen waren und er ununterbrochen in Trance verharrte, versuchte ein Teil seines Verstandes, sich an die Vorstellung seines eigenen Todes zu gewöhnen. Aber wie ein unsichtbares Insekt, das in einem stillen Raum herumsummt, war da etwas anderes, etwas, das nicht weggehen wollte, das ihm nichts nützte und ihn nur irritierte. Es war ein Satz, irrelevant und sinnlos und so alt, dass er nicht mehr wusste, wo er ihn gehört oder gelesen hatte, und er lief immerzu rundherum über die Innenwand seines Kopfes wie eine Murmel in einem Krug:

Die Jinmoti von Bozlen Zwei töten die Personen, die, durch Erbfolge dazu bestimmt, den Ritualmord an der engeren Familie des Jahreskönigs ausführen, indem sie sie in den Tränen des kontinentalen Empathaur in seiner Traurigkeitszeit ertränken.

Zu einem bestimmten Zeitpunkt, kurz nachdem seine Qualen begonnen hatten und er sich erst teilweise in Trance befand, hatte er sich gefragt, was passieren würde, wenn er sich übergab.

Das war gewesen, als die Palastküche – vielleicht fünfzehn oder sechzehn Stockwerke über ihm, wenn er richtig schätzte – ihren Abfall das gewundene Netzwerk von Rohrleitungen hinunterschickte, die in die Kloakenzelle führten.

Die gurgelnde, wässerige Masse hatte verfaulte Essensreste losgerissen, die vom letzten Mal, als irgendein armer Teufel in Schmutz und Abfall ertränkt worden war, übrig waren, und in dem Augenblick hatte er befürchtet, er müsse erbrechen. Fast war es tröstlich gewesen, als seine Berechnung ergab, dass das für den Zeitpunkt seines Todes keinen Unterschied bedeutete.

Dann hatte er darüber nachgedacht – in diesem Zustand nervöser Leichtfertigkeit, wie er manchmal solche überfällt, die in einer lebensbedrohenden Situation nichts weiter tun können als warten –, ob Weinen seinen Tod beschleunigen würde.

Theoretisch ja, wenn es auch praktisch keine Rolle spielte. Aber dann fing dieser Satz an, in seinem Kopf herumzurollen.

Die Jinmoti von Bozlen Zwei töten die Personen, die, durch Erbfolge dazu bestimmt …

Die Flüssigkeit, die er nur zu deutlich hören und fühlen und riechen konnte – und wahrscheinlich hätte er sie auch sehen können, wenn seine alles andere als normalen Augen offen gewesen wären –, schwappte kurz nach oben und berührte die Unterseite seiner Nase. Er spürte, dass sie seine Nüstern blockierte, sie mit einem Gestank füllte, der ihm den Magen umdrehte. Aber er schüttelte den Kopf, versuchte, seinen Schädel noch weiter gegen die Steine zu zwängen, und die scheußliche Brühe senkte sich. Er schnaubte und vermochte wieder zu atmen.

Jetzt dauerte es nicht mehr lange. Wieder überprüfte er seine Handgelenke, aber es hatte keinen Sinn. Er hätte eine weitere Stunde oder mehr gebraucht, und ihm blieben, wenn er Glück hatte, noch Minuten.

Die Trance löste sich sowieso auf. Er kehrte zu beinahe vollständigem Bewusstsein zurück, als wolle sein Gehirn seinen eigenen Tod, seine eigene Auslöschung voll und ganz wahrnehmen.

Er versuchte, an etwas Tiefgründiges zu denken oder sein Leben blitzartig an sich vorüberziehen zu lassen oder sich plötzlich an irgendeine alte Liebe, eine längst vergessene Prophezeiung oder Vorahnung zu erinnern, doch da war nichts, nur ein sinnloser Satz und das Gefühl, im Schmutz und Abfall anderer Leute zu ertrinken.

Ihr alten Schurken, dachte er. Einer ihrer wenigen humoristischen oder originellen Züge war es, dass sie eine elegante, ironische Todesart erfunden hatten. Als wie passend mussten sie es empfinden, wenn sie ihre altersschwachen Körper zu den Toiletten des Bankettsaales schleppten, dass sie buchstäblich auf alle ihre Feinde schissen und sie auf diese Weise töteten!

Der Luftdruck stieg, und ein fernes, stöhnendes Grollen von Flüssigkeit kündigte einen weiteren Sturzbach von oben an. Ihr gemeinen Schurken. Nun, ich hoffe, wenigstens du hältst dein Versprechen, Balveda.

Die Jinmoti von Bozlen Zwei töten die Personen, die, durch Erbfolge dazu bestimmt … dachte ein Teil seines Gehirns, während die Rohre in der Decke blubberten und der Abfall in die warme Masse von Flüssigkeit spritzte, die die Zelle beinahe füllte. Die Welle ging über sein Gesicht, fiel wieder zurück, um seine Nase für eine Sekunde freizulassen und ihm Zeit zu geben, eine Lunge voll Luft einzusaugen. Dann stieg die Flüssigkeit sacht, berührte von Neuem die Unterseite seiner Nase und blieb dort.

Er hielt den Atem an.

Anfangs hatte es weh getan, als sie ihn aufgehängt hatten. Sein ganzes Gewicht hing an seinen Händen, die, in engen Lederbeuteln festgebunden, direkt über seinem Kopf mit dicken Eisenschlingen an der Zellenwand festgeschraubt waren. Seine zusammengebundenen Füße baumelten innerhalb eines Eisenrohrs.

Es war ebenfalls an der Wand befestigt, sodass es ihm unmöglich war, etwas von seinem Gewicht auf Füße und Knie zu verlagern und seine Beine um mehr als eine Handbreit von der Wand weg oder nach links und rechts zu bewegen.

Das Rohr endete gleich oberhalb seiner Knie. Darüber versteckte nur ein dünnes und schmutziges Lendentuch seine alte, schmuddelige Nacktheit.

Er hatte den Schmerz in seinen Handgelenken und Schultern abgeschaltet, noch während die vier stämmigen Wächter, zwei davon auf Leitern stehend, seine Fesseln sicherten. Trotzdem hatte er im Hinterkopf dieses nagende Gefühl, dass er eigentlich Schmerzen empfinden müsse. Dann war die Oberfläche des Schmutzes in der kleinen Kloakenzelle gestiegen, und es hatte langsam nachgelassen.

Sobald die Wächter gegangen waren, hatte er sich in Trance versetzt, obwohl er sich sagen musste, dass es wahrscheinlich hoffnungslos war. Es hatte nicht lange gedauert; die Zellentür öffnete sich innerhalb von Minuten wieder, ein metallener Laufsteg wurde von einem Wächter auf die feuchten Steinplatten des Fußbodens gelegt, und vom Korridor fiel Licht in die Dunkelheit.

Er hatte die Wandlungstrance unterbrochen und sich den Hals verrenkt, um zu sehen, wer sein Besucher war.

Es erschien, einen kurzen Stab leuchtenden kalten Blaus in der Hand, die gebeugte, graue Gestalt von Amahain-Frolk, Sicherheitsminister für die Gerontokratie von Sorpen.

Der alte Mann lächelte ihm zu und nickte anerkennend. Dann blickte er in den Korridor zurück und winkte mit einer dünnen, entfärbten Hand jemandem, der außerhalb der Zelle stand, auf den kurzen Laufsteg zu treten und hereinzukommen. Der Gefangene vermutete, es sei die Kultur-Agentin Balveda, und sie war es. Sie schritt leichtfüßig über die metallene Planke, sah sich langsam um und ließ den Blick auf ihm ruhen. Er lächelte und rieb in dem Versuch, grüßend zu nicken, die Ohren an den nackten Armen.

»Balveda! Ich wusste doch, dass ich Sie wiedersehen würde.

Wollen Sie dem Gastgeber guten Tag sagen?« Er zwang sich zu einem Grinsen. Offiziell war es sein Bankett; er war der Gastgeber.

Ein weiterer kleiner Scherz der Gerontokratie. Er hoffte, seine Stimme habe keine Anzeichen von Furcht verraten.

Perosteck Balveda, Agentin der Kultur, einen ganzen Kopf größer als der alte Mann neben ihr und hinreißend schön. Sogar in dem bleichen Glühen des blauen Leuchtstabs, schüttelte langsam den schmalen, feingezeichneten Kopf.

Ihr kurzes schwarzes Haar lag wie ein Schatten auf ihrem Schädel.

»Nein«, sagte sie, »ich wollte Sie weder sehen noch mich von Ihnen verabschieden.«

»Sie haben mich an diesen Ort gebracht, Balveda«, stellte er ruhig fest.

»Ja, und hier gehörst du hin«, fiel Amahain-Frolk ein und trat auf dem Laufsteg so weit vor, wie er es tun konnte, ohne das Gleichgewicht zu verlieren und auf den nassen Fußboden treten zu müssen. »Ich wollte, dass du erst gefoltert würdest, aber Miss Balveda hier …« – der Minister drehte den Kopf zu der Frau zurück, und seine hohe, kratzige Stimme hallte in der Zelle wider – »bat für dich, Gott allein weiß, warum. Aber es ist schon der Ort, an den du gehörst, Mörder.«

Er schüttelte den Stab gegen den fast nackten Mann, der an der schmutzigen Wand der Zelle hing.

Balveda betrachtete ihre Füße, die unter dem Saum ihres langen, trist-grauen Gewands eben noch sichtbar waren. Ein runder Anhänger, den sie an einer Kette um den Hals trug, glitzerte in dem aus dem Korridor hereinfallenden Licht.

Amahain-Frolk stand neben ihr, hob den leuchtenden Stab und schielte an dem Gefangenen hoch.

»Wissen Sie, noch jetzt könnte ich beinahe schwören, dort hänge Egratin. Ich kann …« – er schüttelte den hageren, knochigen Kopf – »ich kann kaum glauben, dass er es nicht ist, jedenfalls so lange nicht, bis er den Mund öffnet. Mein Gott, diese Wandler sind furchtbar gefährliche Kreaturen!«

Er drehte das Gesicht Balveda zu. Sie strich sich das Haar im Nacken glatt und blickte auf den alten Mann nieder.

»Sie sind außerdem ein altes und stolzes Volk, Minister, und es sind nur noch sehr wenige von ihnen übrig. Darf ich Sie noch ein einziges Mal bitten? Lassen Sie ihn am Leben.

Vielleicht ist er …«

Der Gerontokrat schwenkte seine dünne und verkrümmte Hand gegen sie; sein Gesicht verzerrte sich. »Nein! Sie täten gut daran, Miss Balveda, nicht länger darum zu bitten, dass dieser … dieser Meuchler, dieser mörderische, verräterische … Spion verschont werde.

Glauben Sie, wir nehmen es leicht, dass er einen unserer Außenwelt-Minister feige ermordet hat und als seine Verkörperung aufgetreten ist?

Welchen Schaden hätte dieses … Ding anrichten können!

Als wir es festnahmen, starben zwei unserer Wächter, nur weil es sie gekratzt hatte!

Ein weiterer ist fürs Leben blind, nachdem dieses Monster ihm ins Auge spie! Aber …« – verhöhnte Amahain-Frolk den an die Wand geketteten Mann – »diese Zähne haben wir ausgezogen.

Und seine Hände sind so gefesselt, dass er sich nicht einmal selbst kratzen kann.« Er wandte sich wieder an Balveda.

»Sie sagen, es sind wenige? Ich sage: Gut, bald wird noch einer weniger da sein.« Der alte Mann sah die Frau mit zusammengekniffenen Augen an.

»Wir sind Ihnen und Ihren Leuten dankbar, dass Sie diesen Betrüger und Mörder enttarnt haben, aber Sie dürfen nicht glauben, das gebe Ihnen das Recht, uns Vorschriften zu machen. Es gibt Personen in der Gerontokratie, die absolut nichts mit Einflüssen von außen zu tun haben wollen, und ihre Stimmen werden Tag für Tag lauter, je näher der Krieg uns rückt.

Sie täten gut daran, jene unter uns, die Ihre Sache unterstützen, nicht gegen sich aufzubringen.«

Balveda schürzte die Lippen, blickte von Neuem auf ihre Füße und verschränkte die schmalen Hände hinter dem Rücken …

.
Copyright © 1987/1993/2014 by Iain Banks. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Heyne Verlags
.

Bildrechte: Coverillustration “Evolution. – Menschheitsgeschichten” (Evolution2.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

Bildrechte: “Künstliche Intelligenzen” © 2013 by Karlheinz R. Friedhoff. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite:  http://www.charlys-phantastik-cafe.de/

Wer wissen möchte, wie es weitergeht, der kann den Titel des Autoren hier bestellen:

Bedenke Phlebas (Kartoniert)
Roman
von Banks, Iain

Verlag:  Heyne Taschenbuch
Medium:  Buch
Seiten:  768
Format:  Kartoniert
Sprache:  Deutsch
Erschienen:  April 2014
Originaltitel:  Consider Phlebas
Maße:  118 x 185 mm
Gewicht:  527 g
ISBN-10:  345331591X
ISBN-13:  9783453315914

Beschreibung
Wider die KULTUR:
In ferner Zukunft haben die Maschinen entschieden, eine perfekte Gesellschaft zu bauen. Eine Gesellschaft, die alle intelligenten Spezies der Galaxis vereinen soll. Doch nicht alle wollen sich dieser Gesellschaftsform unterwerfen …
Der Formwandler Bora Horza Gobuchul bekommt den Auftrag, eine hochentwickelte künstliche Intelligenz, die sich auf Schars Welt zurückgezogen hat, zu finden und gefangen zu nehmen, damit sie der KULTUR nicht in die Hände fällt. Ihm dicht auf den Fersen ist die schöne Agentin Perosteck Balveda. Schars Welt ist ein Planet der Toten und wird von einem mächtigen Wesen bewacht, das nur Schutzsuchenden und Schiffbrüchigen Zugang gewährt. Für Horza verschwimmen zunehmend die Grenzen zwischen seiner und der Identität der Personen, deren Aussehen er annimmt …

Autor
Iain Banks, geboren 1954 in Dunfermline, Schottland, schrieb 1984 in London seinen ersten Roman, der in 20 Sprachen übersetzt wurde und ihn auf einen Schlag weltberühmt machte. Seither folgten mehr als ein Dutzend erfolgreicher Romane. Unter dem Namen Iain M. Banks schrieb er auch Science-Fiction-Romane. Er lebte bis zu seinem Tod, 2013, in der Nähe von Edinburgh.

Titel bei amazon.de
Titel bei buch24.de
Titel bei Booklooker.de
Titel bei Libri.de

ACHTUNG! So verdoppeln Sie Ihre Chancen bei Titeln unter Storys unserer Community-Autoren, bei denen es zu einer Verlosung kommt: Geben Sie mindestens einen Kommentar zu diesem Beitrag ab. Das ist ganz einfach: Nur auf den Button “(keine) Kommentare” klicken und Ihre Meinung zum Thema abgeben. Dafür werfen wir ein 2. Los in die Lostrommel. Sobald Sie dann in der nächsten Meldung mit dem Preisrätsel zu diesem Buch PER E-MAIL (!) an der Verlosung teilgenommen haben, verdoppeln Sie Ihre Gewinnchance. Natürlich sollte Ihre Antwort PER E-MAIL (!) beim Preisrätsel richtig sein. Der Rechtsweg ist wie immer ausgeschlossen!

Updated: 2. Juni 2015 — 09:25

3 Comments

Add a Comment
  1. Das liest sich ja richtig fluffig, das Buch ist der echte Wahnsinn. Kein Wunder, dass es die Literatur in den 80ern um den Verstand gebracht hat! Wie schade, das der Autor so früh von uns gegangen ist … 🙁

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

sfbasar.de © 2016 Frontier Theme