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APOKALYPSE SYRISCH – Eine Kurzgeschichte von Rüdiger Heins

APOKALYPSE SYRISCH

Eine Kurzgeschichte

von

Rüdiger Heins

Ihm bleibt nicht mehr viel Zeit, das Bild zu vollenden. Draußen hört er bereits die Stiefel der fremden Soldaten über das Kopfsteinpflaster marschieren.

Tief gebeugt über den schweren Eichentisch – auf dem das Bild zwischen all den Bleistiften, Pinseln, ausgetrockneten Farbbechern und Skizzenblättern liegt – denkt er darüber nach, was noch bleibt, wenn dieser Krieg zu Ende sein wird. Nichts mehr wird so sein, wie es einmal war, kritzelt er ungeduldig auf einen Zettel.

Die Landschaft, die unter seinen Händen wächst, ist ein kahles Trümmerfeld. Eingestürzte Häuser liegen da vor einem brennenden Himmel, der die Nacht in ein Bild der Agonie verwandelt.

Der Frau, mit dem scheinbar schlafenden Kind in den Armen, malt er einen von Furcht und Angst durchsetzten Ausdruck ins Gesicht. Sie flüchtet vor der Feuerwand, die bedrohlich näher zu kommen scheint. Geborgen in der Wärme ihres Körpers, liegt geduldig das Kind an ihrer Brust.

Nur der kleine Junge, der den beiden hinterher rennt, blickt dem Maler nicht ins Gesicht. Schützend hält er seine Hände über dem Kopf verschränkt und sieht nach unten.

Eine Kuh, die sich den Fliehenden angeschlossen hat, blickt mit Schaudern in den Augen am Bildbetrachter vorbei. Sie rennt, die Zunge aus dem Halse hängend, jenen Menschen hinterher, denen sie vertraut.

Dabei waren es doch ausgerechnet Menschen, die dieses Entsetzen erst in ihr Leben gebracht hatten.

Irgendwo würden jetzt in diesem Augenblick Generäle, ebenso tief gebeugt wie der Maler, an einem schweren Eichentisch mit ihren Zirkeln, Bleistiften, Linealen die Stellungen ihrer Armeen in Karten einzeichnen. Jede Markierung, die sie mit gierigen Augen machen würden, sind Zeichen des Todes. Dort würden Menschen sterben – jetzt. Überall dort, wo ihre knochigen Finger über das Kartenwerk fahren, wird geblutet, geweint, gekotzt. Fallen Menschen ihrem grausigen Kartenspiel zum Opfer.

Aber davon versteht die Kuh nichts, sie rennt nur, wie die anderen auch, um ihr Leben.

Noch einmal setzt der Maler seinen Pinsel, den er jetzt mit schwarzer Farbe getränkt hat, an. Zunächst malt er in den feurigen Himmel nur ein paar dunkle Stellen. Dann aber überkommt ihn ein Gefühl der Ohnmacht. Immer heftiger, ja schon in Ekstase führt er den Pinsel in den Topf und von da über das Blatt.

Als selbst die kleinste Stelle des Bildes schwarz übermalt ist, hat er das Gefühl, sein Bild vollendet zu haben.

Erschöpft von seiner Arbeit verlässt er sein Haus. Draußen riecht es nach Pulver, zerronnenem Schweiß und sterbenden Menschen. Er geht ein Stück die Straße hinab, sieht die Häuserruinen, die Feuerwand am Horizont.

Eine Frau, die ein Kind in ihrem Armen hält, rennt, gefolgt von einem kleinen Jungen und einer Kuh, durch die Trümmer. Eine Weile sieht er den Fliehenden hinterher, so lange, bis sie in der Dunkelheit verschwinden und er ihre Schritte nicht mehr von dem Donner der Kanonen unterscheiden kann.

Er beugt sich vornüber. Sieht auf die Straße, die schwarz unter seinen Füßen liegt. Starrt und sieht nur noch das Schwarz der Nacht.

-ENDE-

Copyright Text und Eingangsgrafik © 2013/2015 by Rüdiger Heins

Bildrechte: Besinnliche Momente und Reflexionen” (Besinnlich-die-zweite.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

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Der Konvent – Zisterziensermönche der Abtei Himmerod erzählen (Kartoniert)
von Heins, Rüdiger

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Verlag:  Wiesenburg Verlag
Medium:  Buch
Seiten:  160
Format:  Kartoniert
Sprache:  Deutsch
Erscheint:  Dezember 2014
Maße:  140 x 210 mm
Gewicht:  200 g
ISBN-10:  3956322525
ISBN-13:  9783956322525

Beschreibung
Der Autor flicht seine eigenen Erinnerungen an Himmerod als Wegstation seit seiner Jugend ein, bringt lebensgeschichtliche Verbindungen mit diesem Ort ins Wort, die als Hintergrund der Begegnungen mit heutigen Mönchen spannende Eindrücke vermitteln. Und er schenkt dem Leser Reflexionen über seinen Lebensweg, seinen way of life. Dies immer entlang eines monastischen Tages. Manchmal durchaus etwas dramaturgisch entfaltet und doch ein Sprungbrett hin zu dem, was die Mönche von sich preisgeben und erzählen. Tatsächlich also keineswegs ein Klosterführer, sondern ein Blick hinter die Kulissen. Sehr persönlich gehalten, eigenwillig durchaus in den Äußerungen der Mönche, divergent manchmal, somit ein Spiegelbild einer Gemeinschaft von Männern, die teilweise lange Jahre in der Welt gelebt haben, bevor sie in der Mitte des Lebens ihrer klösterlichen Berufung gefolgt sind. Und insofern stimmig für Himmerod, wie es sich heute darstellt.

Autor
Rüdiger Heins ist freier Schriftsteller und produziert Beiträge für Hörfunk, Fernsehen und das Internet. Er ist Dozent im Creative Writing sowie Gründer und Studienleiter des INKAS – INstitut für KreAtives Schreiben. Mit seinem Roman “Verbannt auf den Asphalt” und den Sachbüchern “Obdachlosenreport” und “Zuhause auf der Straße” machte er die Öffentlichkeit auf Menschen am Rand der Gesellschaft aufmerksam. In seinen Theaterstücken “Allahs Heilige Töchter”, und “Fee: Ich bin ein Straßenkind”, greift er ebenfalls sozialkritische Themen auf. Er organisiert Literaturveranstaltungen und interdisziplinäre Künstlerprojekte. Rüdiger Heins ist Herausgeber des Online Magazins “eXperimenta”. Zuletzt erschien sein Roman “In Schweigen gehüllt”.

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