sfbasar.de

Literatur-Blog

ANGST IN DIR – Kurzgeschichte von Sascha Ladra (sfb-Preisträger Platz 3 im Storywettbewerb 1/2010)

Angst in dir

Eine Kurzgeschichte
von
Sascha Ladra

Die Dunkelheit ist undurchdringlich. Sie träumt, sie ertrinkt in einem nachtschwarzen See, während sie zusehen kann, wie der Mond auf der Wasseroberfläche zerbricht.

Quelle: pixelio.de; Fotograf: Michael.O + qd

Evelyn knetete an ihren Fingern und starrte unruhig aus den Fenstern. Die Südseite ihrer Wohnung hat eine lange Fensterfront. Wie  aufgescheucht lief sie davor hin und her, ohne den Blick von der Straße zu wenden, die vor dem Haus vorbeiführt.
Leise Schritte auf der Treppe ließen sie erstarren. Mit zitternden Fingern tastete sie nach dem Lichtschalter. Plötzlich fühlte sie sich beobachtet und wollte sich in den dunklen Schatten ihrer Wohnung verstecken.

Sie hatte das Gefühl verfolgt zu werden. Seit Wochen schon passierten immer wieder seltsame Dinge. Erst dachte sie noch, dass es ihre Schusseligkeit war, wenn ihre Schlüssel nicht dort waren, wo sie ihrer Meinung nach liegen sollten.

Dann tauchten die Bücher auf. Im Badezimmer, auf dem Nachttisch oder im Wohnzimmer lagen sie. Thriller las Evelyn eigentlich nicht. Und sie kann sich nicht erklären, wie die Bücher in ihre Wohnung kommen. Sie wirken, als hätte man sie nach dem Lesen einfach abgelegt, als gehörten sie hierher. Manchmal waren sie aufgeschlagen, oft klebten kleine Zettel als Markierungen darin.

Und dann begannen die Nachrichten. Aus hämischen Botschaften und bissige Beleidigungen wurden von Woche zu Woche mehr Drohungen und Evelyn fürchtete nun um ihr Leben.

Sie ist blind, denkt sie. Denn die Dunkelheit ist so absolut, dass sie diese schmecken kann. Doch auch Stunden, nachdem sich die Augen an die Finsternis gewöhnt haben, bleibt die Schwärze unverändert. Ein modriger Geruch hängt in der Luft. Die Panik kommt, als sie fühlen kann, wie die Düsternis in ihre Poren eindringt .

Die Angst bestimmte mehr und mehr Evelyns Leben. Sie verließ seltener die Wohnung und schlug die Einladungen ihrer Freunde aus. Auch die Vorlesungen vernachlässigte sie. Viele aus ihrem Freundeskreis verstanden ihr seltsames Verhalten nicht, fühlten sich vernachlässigt und hörten bald auf, den Kontakt mit ihr zu suchen. Nur wenige machten sich Sorgen um sie.

Um heraus zu finden, wer ihr eine solche Angst einjagte und warum, begann sie die Thriller zu lesen, die sie ihn ihrer Wohnung fand. Die Geschichten von Abhängigkeiten und Kontrolle zogen sie in ihren Bann. Oft erzählten die Bücher blutig von Rache und Schuld, immer aus der Sicht der Mördern. Evelyn hatte das Gefühl die Gedanken ihres Peinigers zu lesen und obwohl ihre Beklemmungen dadurch noch verstärkt wurden, konnte sie nicht aufhören zu lesen. Es war, als flüsterte ihr jemand ihre eigene grausige Zukunft zu.

Das Buch mit den meisten Klebezetteln darin hieß „Die Biologie des Verstandes“. Eine junge Frau wurde entführt und wie eine Laborratte in einem Labyrinth beängstigenden Experimenten ausgesetzt. Unter ständiger Beobachtung untersuchte ein Wissenschaftler ihre Reaktionen auf Kälte, Dunkelheit, Licht und den allmählich einsetzenden Wahnsinn. Auch Evelyn fühlte sich überwacht. Jemand anderes kontrollierte ihr Leben durch ihre Angst. Am Ende wartete sie darauf, dass ihr Schatten sich zeigte und ihr endlich sagte, was er von ihr wollte.

Die Panik rollt wie Wellen über sie hinweg. Es ist kein einziger Schlag, sondern viele kleine Beben, die sie erschüttern und ihr Innerstes in kleine Teile zerbrechen, ihr von der Brust aus heiß ins Gesicht schlagen und dann wie kalter Nachtwind über den Rücken hinweg wehen. Doch nichts passiert und langsam ebbt die Angst ab.  Nach einer Flut von Gefühlen macht sich nun, wie im Meer, die Ebbe der Leere in ihr breit. Erstaunt stellt sie fest, dass sie erleichtert ist. Sie hatte schon begonnen an ihrem Verstand zu zweifeln, aber das hier war real, kein Traum. In ihren Träumen wachte sie immer an genau dieser Stelle mit aufgerissenen Augen und keuchendem Atem auf. Aber sie ist noch immer hier. Und nun kann sie anfangen sich zu wehren. Tastend erkunden ihre Hände die Umgebung.

Evelyn verlor ihr Leben, stückchenweise. Kleine Teile ihres Tages verschwanden, jedenfalls erinnnerte sie sich nicht mehr. Eines Morgens erwachte sie in ihrem Bett, ohne zu wissen, wie sie dort hingekommen war. Das Gesicht mit Lippenstift und Mascara verschmiert und vor dem Bett lag ein Kleid auf dem Boden, dass sie sich nicht gekauft hatte, niemals gekauft hätte. Auf dem Spiegel im Bad stand in fettigem Rot eine Botschaft.
>>Nun hab ich dich bald.<<

Es ist ein fensterloser Raum, ein Keller vielleicht. Sie ist einmal rund herum an der Wand entlang gegangen. Nun steht sie vor einer Tür unfähig sich zu bewegen oder etwas zu denken. Sie fürchtet sich vor dem, was sie hinter der Tür finden wird. Die Wissenschaft der Angst beschäftigt sich hauptsächlich mit der Überwindung eigener Grenzen. In den Vorlesungen wurde darüber gesprochen, doch bis jetzt konnte sie nicht wirklich begreifen, was das bedeutet. Was es heißt, einen Schritt ins Unbekannte zu wagen. Eine Tür zu öffnen, von der sie nicht weiß, was sie verbirgt.
Die Klinke lässt sich überraschend leicht hinunter drücken und mit einem leichten Quietschen schwingt die Tür auf.

Evelyn weiß, dass es keinen Sinn hat zu fliehen, als sie das höhnische Grinsen ihres Gegenüber sieht. Gegen die plötzliche Helligkeit blinzelnd, tritt sie aus dem Gewölbe und ihre Peinigerin kommt drohend auf sie zu. Zurück in die Dunkelheit des Kellers kann sie jedoch auf keinen Fall. Als die Andere eine Hand hebt, weicht sie nicht zurück. Sie beschließt sich zur Wehr zu setzen. Mit der Faust schlägt Evelyn zu und sieht noch, wie auch die Andere, mit bösartig verzerrtem Gesicht, nach ihr ausholt.
Glas zerbricht, als beide Fäuste aufeinander treffen und Evelyn in ihr eigenes Spiegelbild starrt.

Hilflos sinkt ihre Stirn gegen den Spiegel, auf dem sich ein zartes Spinnennetz dünner Risse gebildet hat. Während sich leise Tränen ihre Bahn suchen, flüstert sie sich selbst zu:
>>Diesen Kampf kannst du nicht gewinnen, wir gehören zusammen.<<

Copyright © 2010 by Sascha Ladra

Bildrechte: “Psychogenese – Dem Wahnsinn auf der Spur” (Psychogenese5.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Psychogenese-50-minus-180-0.jpg” (Originaltitel: Psychogenese5.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

BUCHTIPP DER REDAKTION:

Angst
Lektüren zu Jacques Lacans Seminar X

Herausgegeben von Wünsch, Michaela
Verlag :      Turia + Kant
ISBN :      978-3-85132-644-4
Einband :      Englisch Broschur
Preisinfo :      29,00 Eur[D] / 29,00 Eur[A]
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 13.01.2012
Seiten/Umfang :      237 S. – 20,0 x 12,0 cm

Titel bei amazon.de
Titel bei buch24.de
Titel bei Booklooker.de
Titel bei Libri.de

Ausgehend von Jacques Lacans »Seminar Buch X, Die Angst«, widmen sich klinische PsychoanalytikerInnen, PhilosophInnen, MedienwissenschaftlerInnen und KulturtheoretikerInnen einzelnen Aspekten des Seminars, wie dem Objekt (a) der Angst, dem Atmen und dem Verhältnis von Angst und Unheimlichem. Andere Beiträge beziehen sich auf philosophische Referenzen im Seminar wie Sören Kierkegaard, Martin Heidegger und Maurice Blanchot oder wenden Lacans Überlegungen zur Angst auf die Literatur Wolfgang Hilbigs und die Kunst Asger Jorns an. Der Band bietet einen interdisziplinären Zugang zum Seminar X und zeigt, wie eine versierte Lektüre Lacans zum Verständnis vielschichtiger Phänomene beitragen kann.Mit Beiträgen von Pietro Bianchi, Joan Copjec, Norbert Haas, Dominiek Hoens, Robert Pfaller, Samuel Weber, Mai Wegener, Roman Widholm u.a.

Michaela Wünsch ist Kultur- und Filmwissenschaftlerin in Berlin. Das vorliegende Buch entstand im Rahmen ihres Forschungsprojekts innerhalb des »Circle for Lacanian Ideology Critique« an der Jan-van-Eyck-Akademie in Maastricht.

Titel bei amazon.de
Titel bei buch24.de
Titel bei Booklooker.de
Titel bei Libri.de

ACHTUNG! So verdoppeln Sie Ihre Chancen bei Titeln unter Storys unserer Community-Autoren, bei denen es zu einer Verlosung kommt: Geben Sie mindestens einen Kommentar zu diesem Beitrag ab. Das ist ganz einfach: Nur auf den Button “(keine) Kommentare” klicken und Ihre Meinung zum Thema abgeben. Dafür werfen wir ein 2. Los in die Lostrommel. Sobald Sie dann in der nächsten Meldung mit dem Preisrätsel zu diesem Buch PER E-MAIL (!) an der Verlosung teilgenommen haben, verdoppeln Sie Ihre Gewinnchance. Natürlich sollte Ihre Antwort PER E-MAIL (!) beim Preisrätsel richtig sein. Der Rechtsweg ist wie immer ausgeschlossen!

Updated: 10. Juli 2012 — 19:52

12 Comments

Add a Comment
  1. Sollte das nicht alles in Blocksatz sein?

  2. Ich habs mal in Blocksatz gesetzt.

  3. war kein Blocksatz? mh, entschuldigung, dachte das macht der automatisch. Aber ist mir auch nicht aufgefallen

  4. Ich glaube wenn man Bilder reinstellt, dann verstellt man schnell mal den Satzspiegel ohne dass man das so merkt!

  5. Blocksatz hin oder her – ich finde die Geschichte gut

  6. Wirklich gut. Ich bin erstaunt. Und der Stil ist so schön unterschiedlich von den anderen Geschichten. Schreib unbedingt weiter, Sascha!

  7. Eine schaurig schöne Geschichte. Und ganz ohne Blut! – prima. Ich mag ja auch Geschichten, bei denen die Auflösung nur angedeutet ist und man sich seinen eigenen Reim drauf machen kann.

    Was mich allerdings ein bisschen irritiert hat, dass du innerhalb beider Handlungsstränge (kursiv und nicht kursiv) die Zeiten wechselst. Vermutlich ein Versehen, da ja die Zeiten zwischen den Strängen auch wechseln 😉

    Meine Wertung: viele 🙂

  8. Ich finde die Geschichte auch gut. Hat mich sehr erinnert an Stephen Kings Saga ‚Der Turm‘, u.z. speziell an ‚Die Drei‘, weil hier ja die einzige Frau von den dreien etwas Ähnliches durchmacht mit einer gespaltenen Persönlichkeit, bevor beide Persönlichkeiten dann schliesslich durch die Liebe zusammen geführt werden.
    Deine Geschichte ist auch richtig spannend geschrieben, hat mir wirklich gefallen. Und steckt nicht irgendwie – wenn auch nicht so krass – in jedem von uns auch eine oder sogar mehrere andere Personen ?
    Also: mach bitte weiter so.

  9. Danke schön, dass mit dem dunklen Turm hab ich schon mal gehört *g* und Stephen King ist auch einer meiner Lieblingsautoren.

    @Micha
    ja das mit den Zeiten ist ein Versehen, ich habs auch schon verbessert, aber hier noch nicht eingestellt.

  10. Herzlichen Glückwunsch für Platz 3 noch mal von mir! 🙂

  11. Felis Breitendorf

    Auch diese wunderbare Geschichte hat doch was von einer Vision, oder, Sascha? Kann ich die auch aufnehmen für „Träume und Visionen“?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

sfbasar.de © 2016 Frontier Theme