ABENDESSEN MIT KONVERSATION – Kurzkrimi von Neal Chadwick
Erstellt von Detlef Hedderich am Montag 22. März 2010
Kurzkrimi
von
Neal Chadwick
Es ist eine traurige Sache.
Warum bleiben sie nicht?
Warum erschrecken sie, wenn sie das Haus betreten? Weshalb beklagen sie alle sich über einen bestimmten Geruch, von dem sie nicht sagen können, wodurch er verursacht wird?
Sie wollen nicht bleiben und mit mir reden.
Ich weiß nicht warum.
Ist es zuviel, was ich verlange?
Das kann ich mir nicht vorstellen. Und doch, es ist immer dasselbe. Sie wollen nicht bleiben. Ich kann von Glück sagen, wenn sie sich wenigstens mit mir an den gedeckten Tisch setzen.
Ich zünde die Kerzen an.
Der Schein des Lichts fällt auf ihre ebenmäßigen Züge und taucht sie in ein diffuses Licht.
Ich konnte sie nicht gehen lassen.
Ich konnte einfach nicht.
“Sie wollen wirklich schon gehen?”
Ihr Gesicht wirkt verlegen.
“Ja.”
“Aber…”
“Ich muß mich auf den Weg machen. Verstehen Sie mich doch, es ist höchste Zeit…”
“Ich habe den Tisch gedeckt!”
“Hören Sie, ich will Sie nicht kränken, aber…”
“Aber?”
“Ich weiß nicht, ob es richtig war, Ihre Einladung anzunehmen… Was ich sagen will ist…”
“Sie können mir das nicht antun! Ich habe für Sie gekocht!”
“Das ist sehr nett, aber – ”
“Alles ist vorbereitet… ”
Sie runzelt genau in diesem Moment die Stirn.
“Vorbereitet?”
Viele von ihnen haben genau in diesem Moment die Stirn gerunzelt.
Ich kann es unmöglich erklären, aber es ist so.
Ich habe kein gutes Gefühl.
“Es gibt Lachs in Kräuterbutter. Dazu einen guten Wein. Es wird Ihnen schmecken…”
Ich habe etwas Scheußliches getan.
Naja, das haben die meisten vielleicht irgendwann schonmal in ihrem Leben. Aber das, was ich getan habe, ist von besonderer Scheußlichkeit. Ich weiß es, aber ich kann es nicht ändern.
Ich empfinde auch keine Schuld.
Es ist so gekommen.
Aus.
Fertig.
Reden wir über etwas anderes.
Ich sehe ihr in die Augen, diese leuchtend blauen Augen, die mich eigentlich ganz friedlich anblicken.
Sie sitzt mir gegenüber, mit diesen Augen, mit ihrem schmalen Mund, mit ihrem feingeschnittenen Gesicht. Ihr Mund lächelt nicht mehr. Er ist vielmehr unbeweglich, etwas starr, ich weiß auch nicht.
Ich hebe mein Glas und proste ihr zu.
Sie schweigt.
Ich rede mit ihr. Oder besser: Ich erzähle ihr alles mögliche. Über mich.
Über meine Ansichten. Über Gott. Und die Welt.
Nein, vielleicht doch nicht über Gott. Was ich damit sagen will ist folgendes: Gott hat in dieser Geschichte eigentlich nicht allzuviel verloren.
Ich sollte ihn aus dem Spiel lassen.
Um seinetwillen.
Mein Mund produziert Worte. Eins nach dem anderen, ohne Unterlaß. Eigentlich bin ich ein schweigsamer Mensch, vielleicht sogar schüchtern.
Ich lebe zurückgezogen mit meinen drei Katzen. Das Haus, in dem ich wohne, liegt etwas abseits, nicht weit von der Steilküste entfernt. Ich habe es für mich allein und das ist gut so.
Oft bin ich oben bei den Klippen.
Es herrscht immer ein starker Wind dort.
Man trifft Leute dort. Touristen. Manchmal komme ich mit ihnen ins Gespräch und lade jemanden zu mir nach Hause ein.
Zum Essen.
Die meisten wollen nicht, aber bei einigen gelingt es mir.
Kein Mensch kann immer allein sein. Kein Mensch. Auch ich nicht.
Ein Tag vergeht. Und ein weiterer.
Ich lasse sie am Tisch sitzen. Sie blickt mich starr an, wenn wir uns unterhalten.
Hätte ich sie doch gehen lassen sollen?
Vielleicht.
Ich konnte es nicht.
Es war einfach unmöglich.
Ich brauchte sie.
Und ich hoffe nur, daß ich ihr nicht allzu sehr wehgetan habe. Jedenfalls hat sie nicht geschrien. Sie war wohl sofort tot. Ganz bestimmt.
Am vierten oder fünften Tag nahm ich sie über die Schulter und setzte sie in einen der großen Ohrensessel, die bei mir im Wohnzimmer stehen. Wir saßen beieinander. Es war schön.
Jedenfalls besser, als wenn man alleine dasitzt.
Von Tag zu Tag gab es mehr Fliegen im Haus und mir war klar, woher das kam.
Ich betrachtete wehmütig ihr Gesicht.
Schade, aber ich würde mich von ihr verabschieden müssen.
Ich schob es noch ein paar Tage vor mir her. Schließlich hatte ich mich an ihre Gesellschaft gewöhnt.
Dennoch, es war unvermeidlich.
Ich löste ein paar Fußbodenbretter, unter denen ich eine Art Grube angelegt hatte, und legte sie zu den anderen.
Copyright (c) 2010 by ALFRED BEKKER
Die gleichnamige Storysammlung von Alfred Bekker mit vielen weiteren Storys als ebook bestellen: http://www.beam-ebooks.de/ebook/10522
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Mittwoch 24. März 2010 um 17:26
Ich hatte die ganze Zeit darauf gewartet, dass der Protagonist davon erzählt, dass er auch noch ein Motel betreibt aber die neue Umgehungstrasse dafür gesorgt hat, dass sich nur selten jemand dorthin verirrt…
Donnerstag 25. März 2010 um 14:18
Klasse Story!!!
Donnerstag 1. April 2010 um 10:23
Kam mir irgendwie bekannt vor und ich dachte immer, wann, wann kommt denn nun der Knaller, obwohl der ja von Anfang an klar war. Hat mir gefallen
Gruß
Ati
Dienstag 11. Mai 2010 um 17:33
Ich weiss nicht, ob ich daran Freude hätte, wenn mir ständig solch ein Geruch in der Nase liegen würde?!
Donnerstag 2. September 2010 um 08:13
Jaja, der Geruch…
nach m.M. viel zu früh erwähnt, damit war klar, was läuft, da hat Ati recht.
Aber der Plot an sich scheint beliebt zu sein: Ein scheinbar netter Mensch, der in sein Haus einlädt und meuchelt. Warum er allerdings die Leichen aber so verscharrt, das jedem Besucher – auch der zu erwartenden Polizei – der Geruch sofort in die Nase zieht, ist unrealistisch.
Auch würde eine Dame die ein Diner erwartet und einen schönen Abend oder mehr, sofort den Rückwärtsgang einlegen und das Haus gar nicht betreten.
Mit galaktischen Grüßen
)
galaxykarl
Dienstag 28. September 2010 um 20:10
Einfach toll. Mir sind sofort Profiler in den Sinn gekommen, die das Verschwinden der Frauen untersuchen… Einfach klassisch.^^
Dienstag 28. September 2010 um 21:00
Aber Profiler mit Nasenklammern auf, oder?
Samstag 9. Oktober 2010 um 14:00
Profiler mit Nasenklammern sieht bestimmt nicht gut aus ;-9
Mir gefällt, dachte im ersten Moment, das sie ihn eingeladen hat – er mordet Frauen. Ist ja schon, so was wie ein Klitsché “Mann mordet Frau nach/beim Essen”, allerdings die netten Tantchen, die ihr Besucher meucheln gibt auch schon verfilmt.
Langer Rede kurzes Sinn: *daumehoch*
Mittwoch 22. Dezember 2010 um 12:45
Die Idee ist ja nicht wirklich neu, vielleicht bin ich deshalb ein bisschen enttäuscht von der Story. Vielleicht aber auch, weil ich (wiedermal) dummerweise zuerst die Kommentare gelesen habe
Mittwoch 22. Dezember 2010 um 14:50
Ich finde die Story einen alten Hut, mich kann sie nicht überzeugen!