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WÖLFIN DES LICHTS – ROSEEND 1 – Leseprobe (Teil 3) des gleichnamigen Romans von Christa Kuczinski

WÖLFIN DES LICHTS – ROSEEND 1

Leseprobe (Teil 3) des gleichnamigen Romans

von

Christa Kuczinski

(zum vorherigen Teil)

Kapitel 3

Am Montagmorgen machte sie sich in aller Frühe auf den Weg zur Arbeit und atmete auf. Da sie das ganze Wochenende unter einer starken Anspannung gestanden hatte, die sie sich nicht erklären konnte, war sie froh, wieder arbeiten zu können. Nach einer viertelstündigen Fahrt über die einzige Landstraße, die Roseend und das kleine Städtchen Bellwick miteinander verband, betrat sie gut gelaunt das Dessousgeschäft. Wie erwartet hatte Miranda bereits den obligatorischen Tee aufgesetzt, dessen würziger Duft ihr schon beim Eintreten entgegenschlug. »Hallo Sara, wie war dein Wochenende?« Miranda drückte ihr einen Tasse duftenden Hibiskustee in die Hand und lehnte sich gegen die Theke, die sich im hinteren Bereich des Ladens befand. Diese Begrüßung war Sara mittlerweile vertraut. Ihre Chefin fand es völlig unverständlich, dass sie ihre Wochenenden allein verbrachte, und zog sie hin und wieder damit auf. Allerdings wusste sie genau, auf was Miranda anspielte und ging auf ihr Spiel ein.

»Ach, es war ganz nett. Es ist unglaublich, wer einem alles über den Weg läuft. Marc und mein Nachbar scheinen gute Freunde zu sein, zumindest hatte ich den Eindruck.« Ihre Stimme klang zwar gelassen, in Wirklichkeit jedoch hätte sie gern mehr über die Verbindung der beiden erfahren. Die Männer wirkten auf sie sehr vertraut miteinander. Unmerklich hielt sie die Luft an. Mirandas strahlendes Lächeln machte deutlich, dass sie nur zu gern bereit war, Auskunft zu geben. Bevor es jedoch dazu kommen konnte, betrat eine Kundin das Geschäft, um die sich Miranda kümmerte. Währenddessen packte Sara einige Kartons aus und sortierte die Neuware nach Farbe und Größe. Voller Tatendrang stürzten sie sich auf ihre jeweilige Arbeit, und sie war froh, dass sie, auf der Suche nach einer Arbeitsstelle, zufällig auf Mirandas Geschäft gestoßen war. Schon bei ihrem Vorgespräch hatte sie gespürt, dass sie gut miteinander auskommen würden, und eine weitere Unterhaltung, bei der auch Marc anwesend war, besiegelte ihr Arbeitsverhältnis endgültig. Gegen Mittag riss der stetige Kundenstrom langsam ab. Während sich Miranda die Regale vornahm, beschloss Sara, das Schaufenster umzudekorieren. Sie zog ihre Pumps aus und stellte sich barfuß zu den beiden Schaufensterpuppen ins Fenster, die sie in einen Traum aus blütenweißer Spitze zu hüllen gedachte.

***

Jack hatte sich auf dem Weg zum Bodybuildingcenter seines Bruders spontan zu einem Umweg entschieden und wurde dafür belohnt. Durch das Schaufenster beobachtete er Sara, die mit dem Rücken zur Straße stand, und sich reckte, um einer widerspenstigen Puppe ein Oberteil aus durchsichtigem Stoff überzuziehen.

Ihr kobaltblaues Sommerkleid rutschte nach oben und entblößte gebräunte lange Beine, deren Reiz durch die muskulösen Waden noch betont wurde. Ihr schwarzes glänzendes Haar fiel offen über den Rücken und rundete das Bild einer attraktiven jungen Frau ab. Jack musterte sie unverhohlen. Verdammt, war dieses Frauenzimmer hübsch.

Natürlich war ihm bei ihrem letzten Zusammentreffen Saras Reaktion ihm gegenüber nicht entgangen. Und auch sie ließ ihn keineswegs kalt, aber im Gegensatz zu ihr war ihm klar, mit wem er es zu tun hatte. Bereits Freitagnacht hatte er die Anwesenheit einer fremden Wölfin gerochen und deshalb eine Ehrenrunde um ihr Cottage gedreht. Doch erst im Wald, als er sie im Mondlicht auf der Lichtung sah, wusste er mit Bestimmtheit, dass es sich bei der Wölfin um seine neue Nachbarin handeln musste. Marc, der mit den Jahren ein hervorragendes Gespür Wolfswesen betreffend entwickelt hatte, was gewissermaßen daran lag, mit einem von ihnen aufgewachsen zu sein, war vor vier Wochen aufgefallen, dass sie zur Vollmondzeit extrem unruhig geworden war.

Dieses untrügliche Anzeichen konnte er durchaus zuordnen. Da sich Jack zu diesem Zeitpunkt nicht in Roseend aufgehalten hatte, hatte Marc ihm erst vor Kurzem von seiner Vermutung erzählt, dass es sich bei Sara um eine einsame Werwölfin handeln könnte. Was auch der Grund dafür war, dass er ihr das leer stehende Cottage anbot. In einem abgelegenen Ort wie Roseend würde ein weiterer Wolf kaum auffallen. Miranda, die zufällig von ihrer Arbeit aufsah, Jack entdeckte und die Hand hob, um ihm zuzuwinken, wurde durch eine Geste seinerseits gestoppt. Mit einem verschwörerischen Seitenblick auf Sara legte er einen Finger auf den Mund und schüttelte den Kopf. Mit einem belustigten Augenzwinkern in seine Richtung wandte sich seine Schwägerin erneut ihrer Arbeit zu.

***

Die Woche verging wie im Flug und abermals stand ein Wochenende bevor. Für die freien Tage hatte sich Sara erneut eine Mammutaufgabe vorgenommen. Ihr Entschluss, endlich ihren altersschwachen Gartenzaun zu reparieren, führte sie nach Feierabend in den einzigen Baumarkt der Stadt. Sie arbeitete ihre Liste ab, schoss über ihr Ziel hinaus und kaufte unter der Beratung eines qualifizierten Mitarbeiters nicht nur schmale Bretter, Nägel und weiße Farbe, sondern alles, was sie glaubte, gebrauchen zu können. Über die Verwendung einer Wetterfahne in Katzenform aus stabilem Edelstahl und einer überdimensionalen kupfernen Sonnenuhr würde sie sich zu gegebener Zeit Gedanken machen. Sie summte auf der Heimfahrt ihren Lieblingssong, Desert Rose von Sting, in voller Lautstärke im Radio mit. Nachdem sie ihre Einkäufe ausgeladen hatte, gönnte sie sich einen langen Spaziergang, dieses Mal in Richtung der weitläufigen Wiesen, deren hohe Grashalme sich sachte im Takt des Windes wiegten. Sie umrundete Roseend, bereitete sich nach ihrer Rückkehr eine Kleinigkeit zu Essen und verbrachte den Abend mit einem guten Buch auf ihrem Lieblingsplatz vor dem Kamin. Zeitgleich mit der Glut, die mit leisem Knistern in sich zusammenfiel und den kleinen Raum in dunkle Schatten legte, schlug sie die letzte Seite zu und bedauerte, dass die Geschichte zu Ende war. Der Talisman von Stephan King und Peter Straub war eines der Bücher, die sie besonders gern gelesen hatte. Solche Geschichten zwischen Realität und Scheinwelten, zusammengehalten von einem hauchdünnen Schicksalsfaden, der jederzeit gekappt werden konnte, hatten sie bereits als junges Mädchen in ihren Bann gezogen.

Sie wusste nur zu gut, dass die Wirklichkeit viele Möglichkeiten bereithielt, je nachdem, für welchen Weg man sich entschied. In dieser Nacht hielt sie ihr Kissen fest umschlungen, als wäre es kein Ruhekissen, sondern ein gepanzerter Schutzschild.

Der kommende Morgen versprach einen weiteren schönen und sonnigen Tag. Sie freute sich auf die neue Herausforderung, den altersschwachen Gartenzaun zu richten und genoss die Abgeschiedenheit fernab vom hektischen Treiben der Stadt. Nach dem Frühstück, das aus einer Tasse Tee und einem aufgebackenen Croissant bestand, zog sie sich alte Shorts und ein rotes T-Shirt über. Ihr Haar flocht sie zu einem lockeren Zopf und stapelte alles was sie zur Reparatur benötigte, an der Gartenpforte, die protestierend quietschte, als ob sie ahnte, dass es ihr und dem restlichen Zaun an den Kragen gehen würde. Nach kurzer Zeit war Sara klar, dass ihre dürftigen Kenntnisse nicht ausreichten, um den maroden Holzzaun zu reparieren, aber da sie schon einmal alles beisammenhatte, wollte sie es wenigstens versuchen.

Tief in Gedanken beugte sie sich zu einem schmalen Brett hinunter, als sich unerwartet eine schwere Hand auf ihre Schulter legte. Sie hatte niemanden kommen gehört, was vermutlich daran lag, dass sie sich völlig auf ihre Arbeit konzentriert hatte. Sie fuhr mit einem Aufschrei herum, ihr Puls schoss in die Höhe, ihr Herz raste und sie hatte plötzlich Probleme, ausreichend Luft in ihre Lungen zu befördern. Gegen das Sonnenlicht sah sie den hochaufgerichteten Schatten eines Mannes, der im Begriff war sich auf sie zu stürzen. Adrenalin schoss durch ihren Körper und versetzte sie augenblicklich in höchste Alarmbereitschaft. Instinktiv nahm sie eine Abwehrhaltung ein und riss voller Panik das Brett in ihrer Hand nach oben, bereit im nächsten Moment zuzuschlagen. Aus dem Augenwinkel nahm sie eine schnelle Bewegung wahr, Sekunden später stand sie ohne eine Waffe da und war ihrem Angreifer schutzlos ausgeliefert. Ihr Mund öffnete sich zu einem stummen Schrei, als er sie packte, besitzergreifend an sich presste und ihr die Luft zum Atmen abschnitt.

Sie spürte Simons Hand auf ihrer Schulter, die sie wie in einem Schraubstock umklammert hielt, spürte den stechenden Schmerz, der ihr durch das Schultergelenk fuhr ebenso deutlich wie die grenzenlose Angst, die sie in seinen Armen erstarren ließ. Es dauerte geraume Zeit, bis sie einen klaren Gedanken fassen konnte und ihr klar wurde, dass es sich nicht um ihren früheren Partner, sondern um Jack, ihren Nachbarn handelte, der sie mit seinen Armen umschlungen hielt und seine Umarmung nun langsam lockerte. Immer noch mit weichen Knien lehnte sie sich gegen seinen Brustkorb, bis sie sich unter Kontrolle hatte. Sie wurde sich ihrer Überreaktion bewusst und schloss beschämt die Augen. Einen Moment lang genoss sie Jacks Nähe und sog den Geruch von Wald und Männlichkeit in sich auf. Fast widerwillig löste sie sich von ihm und strich sich die Haare aus dem Gesicht.

»Es tut mir leid«, hauchte sie. Sie wollte nicht wissen, was er von ihr dachte. Wollte ihm keine Erklärung für ihr merkwürdiges Verhalten liefern müssen und flüchtete ohne ein weiteres Wort in ihr Cottage, das ihr in diesem Augenblick wie der sicherste Ort auf der Welt vorkam. Sara warf die Tür hinter sich zu. Ihre Panik verflog und ihre alten Ängste verbannte sie erneut in den hintersten Winkel ihres Verstandes. Zurück blieb die Beschämung, ausgerechnet vor Jack die Kontrolle verloren zu haben. Was würde er von ihr denken? Es würde ihr nicht leichtfallen, ihm das nächste Mal gelassen gegenüberzutreten, wenn das überhaupt jemals der Fall gewesen war. Jetzt, in der vermeintlichen Sicherheit ihrer vier Wände, spürte sie mit aller Deutlichkeit die Einsamkeit, die ihr sonst willkommen war. Mit einem heißen Tee als Trostpflaster setzte sie sich auf ihren Sessel, zog die Knie an und blickte gedankenverloren aus dem bis zum Boden reichenden Wohnzimmerfenster. Sie entdeckte ihren Nachbarn, der mit kraftvollen, fließenden Bewegungen ihren Zaun reparierte und beobachtete Jack geraume Zeit. Normalerweise hätte sie es niemals so weit kommen lassen und seine Hilfe vehement abgelehnt, aber nun war sie froh, dass er in ihrer Nähe geblieben war, auch wenn dies bedeutete, dass er ungefragt ihre Arbeit verrichtete.

Seine kraftstrotzende Ausstrahlung machte sie nicht nur nervös, sondern weckte gleichzeitig ein längst vergessenes Gefühl in ihr, das sie irritierte. Um etwas Abstand zu gewinnen, ging sie duschen und grübelte, was nach dem nächtlichen Tee, einem Kissen über ihrem Kopf und Schäfchenzählen bis zum Abwinken als Nächstes an die Reihe käme, um diesen Mann aus ihren Gedanken zu vertreiben. Unter dem heißen Wasserstrahl lockerten sich ihre verspannten Muskeln, und sie genoss das einsetzende Gefühl wohltuender Entspannung. Inzwischen wies ihre Haut eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit einer geröteten Orange auf und mahnte sie, es mit ihrer Körperpflege nicht zu übertreiben. In ein großes Badetuch gewickelt tapste sie den Flur entlang in das von ihr rechts liegende Zimmer.

Sie würde sich Jack gegenüber so verhalten, als wäre nichts geschehen und hoffte, dass er es dabei belassen und ihr keine unangenehmen Fragen stellen würde. Ein Blick aus dem Wohnzimmerfenster zeigte, dass er noch immer mit ihrem Zaun beschäftigt war und weiterhin eine überaus gute Figur dabei machte. Sie seufzte laut auf, und gab sich einen Ruck. Warum ihm nicht gleich gegenübertreten und die Sache hinter sich bringen, damit sie die dumme Szene vergessen könnten? In Wahrheit wusste Sara, dass sie ansonsten versuchen würde, ein erneutes Zusammentreffen hinauszuzögern oder zu umgehen. In Anbetracht dessen, dass es sich um ihren nächsten Nachbarn handelte, dem sie kaum auf Dauer aus dem Weg gehen konnte, blieb ihr keine andere Wahl, als in den sauren Apfel zu beißen und eine Entscheidung zu fällen, da es ihr später mit Sicherheit noch schwererfallen würde, ihm ungezwungen gegenüberzutreten.

Wild entschlossen, es hinter sich zu bringen, zog sie sich ein kurzes Sommerkleid an, das ihre schlanke Figur umschmeichelte und gleichsam ihren natürlichen Hüftschwung betonte. Sofort fühlte sie sich besser und einer Begegnung mit ihrem Nachbarn gewachsen. Sie öffnete den Kühlschrank und unterzog ihn einer Inspektion. Neben eingeschweißtem Grillgut, einem Pfund Butter, verschiedenen in Folie verpackten Obst- und Gemüsesorten lagerte eine Flasche Wein. Sie beugte sich tiefer und schob das Fleischpaket zur Seite. Erfreut griff sie nach dem Sechserpack Bier, das sie dort fand, entnahm die letzten beiden Flaschen und warf den leeren Pappkarton in den Mülleimer. Sie strich sich ihr noch feuchtes Haar zurück, bevor sie mit den eisgekühlten Getränken das Cottage verließ.

Schon auf der untersten Treppenstufe stockten ihre Schritte. Ihr Nachbar hatte sich zwischenzeitlich seines T-Shirts entledigt. Auf seinem gebräunten Oberkörper glitzerten Schweißperlen, die glänzende Spuren hinterließen. Es fiel Sara schwer, ihren Blick abzuwenden. Darum bemüht, sich nichts anmerken zu lassen, ging sie auf ihn zu und reichte ihm eines der Getränke. »Danke, dass Sie sich die Mühe machen, meinen Zaun zu reparieren. Ich hätte sicherlich ewig gebraucht, um ihn auch nur halbwegs stabil zu bekommen.« Sie lächelte ihn leicht verunsichert an. Ihr resolutes Auftreten machte deutlich, dass sie nicht bereit war, über das Geschehene zu sprechen. Jack schien zu verstehen. »Es ist mir ein Vergnügen, Frau Nachbarin. Ich hatte sowieso nichts Besonderes vor. Zudem brauche ich jetzt keine Angst mehr zu haben, dass dieser Zaun …« Mit einer weitreichenden Geste hob er seine Hand. »… eines Morgens zur Hälfte auf meinem exklusiven Rasen liegt.«

Sie brach in Gelächter aus, sie wusste ebenso gut wie Jack, dass er keinesfalls einen gepflegten Rasen besaß. Im Gegenteil! Jack ließ sich von ihrer guten Laune anstecken, sein tiefes Lachen klang so vergnügt, dass sie nicht mehr aufhören konnte, zu kichern. Hin und her gerissen zwischen Dankbarkeit und dem Gefühl, sich nicht einfach mit einem lapidaren »Danke« aus der Affäre ziehen zu wollen – immerhin reparierte er ihren Zaun – beschloss sie, ihn einzuladen. »Wenn Sie, Herr Nachbar, heute Abend eine Stärkung brauchen, ich werde grillen und Sie sind herzlich willkommen.« Bei den Worten heute Abend eine Stärkung brauchen, zogen sich seine Augen verschmitzt zusammen, und erst da wurde Sara die Zweideutigkeit ihrer Worte bewusst. Sie ignorierte den Umstand, dass mal wieder ihre Wangen heiß wurden, und tat so, als wäre sie sich dessen nicht bewusst. Obwohl Jack ihre Verlegenheit nicht entgangen sein konnte, verkniff er sich jeglichen Kommentar und nickte. »Ich komme gern. Die Wochenenden verbringe ich meistens bei Marc und Miranda. Da ich ihnen für heute Abend noch nicht zugesagt habe, steht einem gemeinsamen Grillabend mit meiner Nachbarin nichts im Wege.« Nach einem Moment des Schweigens gab Jack seine leere Bierflasche an Sara zurück und verabschiedete sich mit dem Versprechen, die Reparatur des restlichen Zaunes bei nächster Gelegenheit fortzusetzen und gegen Abend vorbeizukommen. Sie atmete auf. Sie hatte die unangenehme Situation mit Bravour gemeistert und verspürte bei dem schönen Wetter keine Lust mehr, in ihr Cottage zurückzukehren. Spontan entschied sie sich, Mina einen Besuch abzustatten und erhoffte sich insgeheim einige Auskünfte von ihr. Den Gedanken, dass sie sich für ihren Nachbarn interessieren könnte, schob sie weit von sich, doch es würde nichts schaden, etwas mehr über ihn zu erfahren.

Sie schlenderte den Kiesweg entlang, erfreute sich an der Ruhe, die wie ein unsichtbares, feinmaschiges Netz über diesem Ort lag, und sog die Luft, die mit Düften geschwängert war, tief ein. Zum wiederholten Mal fragte sie sich, was Jack an sich hatte, dass sie ihn so anziehend fand. An seinem Aussehen, das einem männlichen Topmodel durchaus würdig war, konnte es nicht liegen. Er war bei Weitem nicht der erste gut aussehende Mann, dem sie begegnet war. Doch unter seiner Oberfläche brodelte etwas Geheimnisvolles, das sie zwar nicht benennen konnte, ihr aber eigentümlich vertraut vorkam. Insofern erhoffte sie sich einige Informationen von Mina, die ja gern viel erzählte. Kaum gedacht fühlte sie Schuldgefühle ihrer freundlichen Nachbarin gegenüber, die sie gleich beiseiteschob. Tatsache war, Sara mochte Minas mütterliche Art und fühlte sich in ihrer Gegenwart wohl. Und Jafa erinnerte sie an einen behäbigen Bären. Er strahlte eine Ruhe und Liebenswürdigkeit aus, die sie als überaus angenehm empfand.

Nachdem sie mehrere Minuten erfolglos an der Haustür geklopft hatte und niemand erschien, wollte sie sich schon abwenden, als sie gedämpfte Geräusche wahrnahm, die sie auf die Idee brachten, auf der Rückseite des Cottages nachzusehen. Während sie das Häuschen umrundete, kam sie an den Hecken vorbei, an denen sich bereits die ersten reifen Beeren zeigten, und konnte nicht widerstehen. Genüsslich biss sie in eine der saftigen roten Früchte und blickte sich unterdessen neugierig um.

Von dieser Seite aus konnte sie einen Streifen des Kiesweges erkennen, der außerhalb des Grundstücks hinter den Büschen verlief. Da sie ihn kurz nach ihrem Einzug abgegangen war, wusste sie, dass er sich in einem weiten Bogen um den Ort zog. Außerhalb von Roseend lagen Wiesenflächen, weitläufige Felder und der Wald, der sich wie ein breites Band um die Landschaft legte und gleichsam eine unsichtbare Grenze zu bilden schien.

Beim Näherkommen entpuppten sich die Geräusche als Axthiebe. Sara erblickte Jafa, der mit einer Latzhose und einem kurzärmeligen karierten Hemd bekleidet, an der Rückseite des Cottages stand und so vertieft darin war, mehrere kurze, gespaltene Holzstämme akkurat an der Wand zu stapeln, dass er ihre Anwesenheit nicht sofort bemerkte. Sie nutzte die Zeit, um sich auch hier in Ruhe umzusehen. Ihre Blicke glitten über das Land hinter dem Gartenzaun. Eine Wiese erstreckte sich bis zum Waldsaum, dazwischen schlängelte sich ein von Unkraut überwucherter Pfad, der zwischen den dicht beieinanderstehenden Bäumen verschwand. Sie hätte nicht erwartet, dass Jafa oder Mina lange Spaziergänge mochten, doch dieser Weg, der trotz Unkraut den Eindruck erweckte, als ob er regelmäßig begangen wurde, belehrte sie eines Besseren. Als ihr die plötzliche Stille aufiel, wandte sie sich erneut ihrem Nachbarn zu, der die Axt gegen einen Holzklotz  gelehnt hatte und mit einem Lächeln auf sie zukam. »Hallo Sara, was verschafft mir die Ehre? Mina ist leider nicht da. Sie wollte in der Stadt einige Einkäufe erledigen und war der Meinung, dass ich ihr nur im Weg stehen würde. Somit musst du mit mir altem Mann vorliebnehmen. Wie du siehst, bin ich etwas eingestaubt, würdest du uns etwas Kühles zum Trinken aus der Küche holen?« Sie nickte und betrat den Hintereingang des Cottages.

Mit einem schnellen Blick erfasste sie, dass auch dieses die gleiche Raumeinteilung wie ihr neues Zuhause besaß. Der einzige Unterschied bestand in der Einrichtung. Alte Möbelstücke, Sara vermutete, dass sie aus den Jahren um die Jahrhundertwende stammen könnten, füllten die kleinen Räume fast gänzlich aus. Abgetretene Keshan-Teppiche, die vor langer Zeit sicherlich teuer gewesen waren, bedeckten die hellen Holzböden. Die Wände, rustikal verputzt und in hellen Farben gehalten, rundeten das Bild ab, in eine andere längst vergangene Epoche eingetreten zu sein. Sie kam an einem kleinen Raum vorbei, der ihre Neugier auf sich zog.

In ihrem Häuschen gab es ebenfalls ein solches Zimmer, das sie derzeit als Abstellraum nutzte. Allerdings wunderte sie sich, dass die Zimmertür auch hier, nicht wie alle weiteren aus weichen Kiefern, sondern aus stabilem Eichenholz bestand. Sie berührte diese, zuckte mit der Schulter und wandte sich der Küche zu. In dieser dominierte ein wuchtiger Holztisch, der, so wie Sara es als Laie erkennen konnte, von Jafa hergestellt worden sein musste. Die beigefarbene blitzblanke Küchenzeile, die sich über eine ganze Wandbreite erstreckte, machte ebenso einen alten, abgenutzten Eindruck. Das einzig Neue, das ihr ins Auge fiel, war ein großer, klobiger Kühlschrank, der in diesem Raum völlig deplatziert wirkte. Sie öffnete die Tür und entnahm eine Flasche Bier und eine Dose Cola. Gerade, als sie die Küche verlassen wollte, wurde sie von einem Gemälde, das halb verborgen hinter der geöffneten Tür hing, magisch angezogen. Gebannt trat sie näher und musterte das Bild, das in einem verschnörkelten Holzrahmen steckte. Die Farbenvielfalt von Grüntönen in allen Nuancen sah irritierend lebensecht aus.

Sie erkannte den Wald und die Lichtung darauf. Ihr lief eine Gänsehaut den Rücken hinab, obwohl es im Zimmer stickig und dementsprechend warm war. Während sie weitere Details erfasste, sah sie die Schattenumrisse, die mit dem Hintergrund der Bäume verschmolzen, sodass Sara sie fast übersehen hätte. Oder wollte der Maler, dass sie von ungeübten Augen nicht wahrgenommen werden sollten? Dass Sara sie lokalisierte, lag vermutlich daran, dass sie besonders scharf sehen konnte, was dem Erbe ihres Wolfswesens entsprach. Je genauer sie hinsah, umso mehr Einzelheiten lösten sich aus dem Hintergrund. Sie sog die Luft durch die Zähne, als sie fünf Wölfe erkannte, die geduckt auf die Lichtung zu schlichen und sich nur in Größe, Statur und Fellfarbe voneinander unterschieden. Einer der abgebildeten Tiere faszinierte und erschreckte sie gleichermaßen. Er war der größte unter den Wölfen und saß mitten auf der Lichtung. Das Mondlicht hüllte den Wolf in ein fahles Licht. Ein schwarzer Strich, der sich über den gesamten Rücken des Tieres zog, erinnerte sie an die vergangene Vollmondnacht. War es nur ein Zufall? Sie trat dichter an die Malerei heran. Der Wolf blickte geradewegs dem Himmel entgegen. Es sah so real aus, dass Sara meinte, den tiefen, leidenschaftlichen Gesang, den er von sich gab, hören zu können.

Sie schüttelte die Benommenheit, die sich während der Betrachtung über sie gelegt hatte, ab und gab sich einen Ruck. Es konnte auch völlig harmlos sein. Warum sollte nicht jemand Naturverbundenes ein Bild mit einem Wald voller Wölfe an seiner Wand hängen haben? Sie schritt durch die Hintertür in den Garten, blinzelte, bis sich ihre Augen an die Helligkeit gewöhnten, und reichte Jafa sein Bier. Nachdenklich nippte sie an ihrem Getränk. Noch immer waren die Härchen ihrer Arme aufgestellt, doch dies rechnete sie der eiskalten Cola zu und nicht dem mulmigen Gefühl, dass sie beschlichen hatte. »Ich habe in eurer Küche ein Bild gesehen … Es handelt sich dabei um diesen Wald, oder?«, sagte Sara und brach damit das Schweigen. Sie unterstrich ihre Annahme mit einer weitreichenden Geste in Richtung der Bäume und verschwieg, dass sie es eher beängstigend als schön fand, auch wenn der Maler ein begnadeter Künstler gewesen sein musste. Jafa nickte, machte aber keine Anstalten, ihr etwas über das Bild erzählen zu wollen. Sara wiederum war sich nicht sicher, ob sie tatsächlich wissen wollte, was es mit dem Gemälde auf sich hatte und schwieg ebenfalls. Die Stille wurde unangenehm, und sie suchte nach Worten. Das Thema wechselnd fragte sie das Erste, was ihr in den Sinn kam. »Jafa, wie lange ist das Cottage gegenüber meinem eigentlich bewohnt?« Ihr Nachbar blickte sie amüsiert von der Seite an, während sie sich Mühe gab, einen nicht allzu neugierigen Eindruck zu erwecken und den Holzstapel musterte, als würde er jeden Moment in sich zusammenfallen.

»Oh, du meinst Jack? Er wohnt dort seit Ewigkeiten. Wenn ich mich recht entsinne, kaufte damals sein Vater dieses Stück Land und bebaute es einige Jahre später.« »Sein Vater? Ich dachte mein Häuschen gehört Marc, immerhin hat er es mir vermietet.« »Klar gehört es Marc, er besitzt die Hälfte des Landes, die andere Hälfte besitzt Jack. Sie sind Halbbrüder.« Nun war Sara völlig verwirrt. Erst das Gemälde und jetzt sollten die beiden Brüder sein? Vor ihrem geistigen Auge verglich sie die zwei Männer miteinander. Marcs rundes, offenes Gesicht, umrahmt von dunkelblonden Locken, glich nicht dem seines Bruders, auch wenn es sich nur um einen Halbbruder handelte. Zugegeben, er war nicht unattraktiv, aber doch unscheinbar im Vergleich zu Jacks offensichtlicher Männlichkeit. Sie besaßen allerdings die gleichen tiefblauen Augen, wie sie sich jetzt erinnerte. Dass es ihr zuvor nie aufgefallen war, musste an dem Umstand liegen, dass sie durch Jacks dunkles Aussehen eher hervorstachen als bei Marc, der einen wesentlich helleren Teint aufwies, als ob er nicht allzu viel Zeit im Freien verbringen würde. Sara schwieg und versuchte, das Gehörte zu verdauen. Sie war erleichtert, als Jafa kurz darauf zu alltäglichen Dingen überging. Seine lebendige Erzählung, wie man ohne nennenswerte Verletzungen davonzutragen, einen dicken Baumstamm zersägte, spaltete und anschließend professionell aufstapelte, gehörte zwar nicht unbedingt zu ihren Interessengebieten, doch anstandshalber hörte sie ihm zu und verabschiedete sich bei der nächstbesten Gelegenheit, die sich ihr bot. Sie war insgeheim froh, dass sie eines von Marcs Cottages gemietet hatte. Sara konnte noch nicht einmal sagen, wieso das so war. Möglicherweise lag es daran, dass sie selbstständig agieren und vor allem unabhängig gegenüber einem Mann sein wollte, der sich klammheimlich in ihr Leben geschlichen hatte und ihr etwas zu bedeuten begann.

An diesem Abend trug Sara eine ausgeblichene Röhrenjeans und ein farblich passendes T-Shirt. Ganz bewusst hatte sie sich lässig gekleidet, um Jack nicht auf falsche Gedanken zu bringen. Das einzige Zugeständnis an ihre Weiblichkeit betraf ihre Haare, die zu einer kunstvollen Hochsteckfrisur frisiert waren. Leicht gewellte Strähnen, die sich vorwitzig aus ihrer Frisur gelöst hatten, umrahmten ihr fein geschnittenes Gesicht und betonten ihre dunklen Augen.

Kurz bevor Jack herüberkam, hatte sie zwei Rattansessel nebst einem kleinen, runden Tisch, auf dem jetzt eine Schüssel italienischer Salat, ein frisches Baguettebrot in einem länglichen Bastkorb und eine gekühlte Flasche Wein standen, unter den alten Apfelbäumen platziert. Ihr Nachbar trug abgeschnittene Jeans und ein weißes kurzärmeliges Hemd, das seine gebräunte Haut vorteilhaft zur Geltung brachte. Nach einem kurzen »Hallo, ich bin hoffentlich nicht zu spät«, machte er sich am Grill zu schaffen. Warum übte ein offenes Feuer eine solche Faszination auf die Männerwelt aus? Sara lächelte und kuschelte sich in einen der Sessel, zog die Knie bis unter das Kinn und beobachtete jeden seiner Handgriffe. Anstelle der Holzkohle, die sich in einer braunen Papiertüte neben dem Grill befand, klaubte Jack unter einem der Bäume ein Reisigbündel und eine Handvoll trockenes Moos zusammen. Mit geschickten Händen, die verrieten, dass er dies nicht zum ersten Mal tat, schichtete er alles zu einer kleinen Pyramide auf und entzündete sie mit seinem Feuerzeug. Nach und nach legte er etwas Holzkohle nach und pustete mehrmals, um das auflackernde Feuer zu schüren.

»Möchtest du vielleicht ein Glas Wein?«, fragte Sara, während sie sich aus ihrem Sessel erhob. Sein abwesendes Nicken in ihre Richtung interpretierte sie als Zustimmung und füllte den gekühlten, süßen Weißwein in schmale, hohe Gläser. Anschließend trat sie neben ihn und reichte ihm eines der Gläser. Mit seinen langgliedrigen Fingern umschloss er den bauchigen, oberen Teil und schenkte ihr ein wirklich fantastisches Lächeln. Augenblicklich geriet sie ins Schwitzen, und dass, obwohl die Hitze des Tages mittlerweile einer angenehmen, warmen Brise gewichen war. Ihr Blick heftete sich auf seine Hand, die das Glas hielt.

»Ich möchte dir auf keinen Fall zu nahe treten, aber könnte es sein, dass du kein Weintrinker bist? Du musst ihn nicht trinken, ich kann dir auch ein Bier bringen.« Dieses Mal war er es, der irritiert schien. Seine Augenbrauen hoben sich unmerklich. »Äh, nein, es stimmt schon, dass ich normalerweise ein Ale bevorzuge, aber das bedeutet nicht, dass ich keinen guten Wein zu schätzen weiß. Wie kommst du darauf, dass es so sein könnte?« Ein feines Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie auf seine Hand deutete. »Normalerweise umfasst man das Glas niemals am bauchigen Teil, da deine Hand den Wein erwärmt.« »Und wenn ich vorhatte, ihn schnell auszutrinken?«, schoss Jack zurück und zwinkerte ihr zu. »Dann hätte sich meine Frage erübrigt und du wärst ein Banause.« Er kapitulierte, hob die Hände und trat einen Schritt näher an Sara heran, sodass sie das amüsierte Funkeln in seinen Augen bewundern konnte. »Und wie trinkt man deiner Meinung nach einen guten Wein?« Seiner Stimme war die Belustigung deutlich anzuhören. »Also, zuerst riecht man am Wein, um das Bouquet aufzunehmen. Dann nimmt man einen kleinen Schluck und lässt den Aromen Zeit, sich zu entfalten. Nicht nur der Geruch und das Aussehen geben Aufschluss, ob es sich um einen ausgezeichneten Wein handelt, sondern alles zusammen. Woran willst du sonst erkennen, dass es sich tatsächlich um einen guten Tropfen handelt?«, fragte sie und entlockte ihm ein breites Grinsen. Er trat einen weiteren Schritt  auf sie zu und stand nun dicht vor ihr. Die zuvor unverfängliche Situation drohte, zu kippen, und Sara musste sich beherrschen, nicht zurückzuweichen. »Ich habe das Preisschild gelesen. Für das Geld, das du für diese Flasche hingelegt hast, kann es sich unmöglich um die Marke Pennerglück handeln.« Seine Stimme hatte sich verändert und war eine Nuance dunkler geworden. Sein leises Lachen entlockte ihr ein breites Grinsen. »Okay, eins zu null für dich.« Dass er Humor besaß, gefiel ihr außerordentlich gut, dass er ihr gefährlich nahe stand, eher weniger. Mit einem Blick auf den Grill und dem Hinweis, dass sie langsam Hunger bekäme, zog sie sich zurück und aus der Gefahrenzone.

Während er die Steaks auflegte, sah er Sara von der Seite an. »Jetzt, da wir uns besser kennen, den Gartenzaun vor dem Verfall gerettet, zusammen grillen und uns über Weine ausgetauscht haben, könnten wir uns ebenso gut beim Vornamen nennen.« Sie musste über seinem neckischen Unterton schmunzeln und nickte. »Wie kommt es, dass in Roseend so wenige Leute wohnen?«, stellte sie eine ihrer Fragen, die ihr bereits geraume Zeit durch den Kopf ging. Einen Moment hielt Jack in seiner Handbewegung inne. »Marc und ich haben damals nach der Fertigstellung der Cottages beschlossen, dass dieser Ort nur wenige Einwohner beherbergen sollte. Dadurch war es möglich, die besondere Ausstrahlung, die dieser Ort besitzt, zu erhalten. Alle, außer dir natürlich, leben bereits seit vielen Jahren hier. Jafa und Mina zum Beispiel, an die zehn Jahre. Wir sind zu einer Gemeinschaft geworden, zu der auch du jetzt gehörst.«

Sara blickte ihn nachdenklich an. Wie meinte er das, dass sie ebenfalls dazugehörte? Sie öffnete den Mund, um nachzufragen, und wurde von dem Duft des saftigen Fleisches, der verführerisch durch den Garten zog, abgelenkt. Während des Essens erkundigte sich Jack, wo sie früher gelebt hätte, und Sara gab sich alle Mühe, ihm zufriedenstellende, wenn auch ausweichende Antworten zu geben. Sie habe früher mit ihrer Familie in Südengland gelebt und vor zwei Jahren beschlossen, dass sie etwas Neues kennenlernen wollte. Aus diesem Grund sei sie mit nur einem Koffer losgezogen, um einen Ort und eine Arbeitsstelle zu finden, die ihr gefielen. Dies erzählte sie so, als ob sie die Abenteuerlust gepackt hätte.

***

Jack beobachtete Sara aufmerksam und bemerkte, wie sich ihre Augen vor Trauer verdunkelten. Menschen wie er und sie, verließen ihr sicheres Zuhause und die Menschen, die sie liebten, nicht ohne einen triftigen Grund, außer etwas Durchgreifendes, das ihr Leben veränderte oder zur Bedrohung machte, war vorgefallen. Kurz fiel ihm ihre panische Reaktion am Morgen ein, und er war sich sicher, dass Letzteres bei ihr der Fall gewesen sein musste. Zu gern hätte er mehr darüber erfahren, doch Sara glich einem scheuen Reh, das ausbrechen würde, wenn man es in die Enge trieb. Er würde sich in Geduld üben müssen. Früher oder später, wenn sie Vertrauen zu ihm gefasst hatte, würde sie es ihm erzählen.

Das schwache Licht der untergehenden Sonne lag über dem Garten und hüllte alles in einen weichen Schimmer. Im Anschluss an das Essen hatte sich tiefes Schweigen zwischen ihnen ausgebreitet, eine Spannung lag in der Luft. Reglos saß Sara in ihrem Sessel und starrte in die zusammenfallende Glut der Holzkohle. Ihre Gedanken glitten in die Vergangenheit zurück. Jack ließ sie nicht aus den Augen, als er sich erhob und hinter sie trat. Sie drehte sich nicht um, um zu sehen, was er vorhatte.

Eine warme Hand legte sich federleicht auf ihre Schulter und begann ihre verkrampften Nackenmuskeln zu massieren. Im ersten Moment wollte sie seine Hand zur Seite schieben, doch der schöne Abend, der Wein und der alte Schmerz in ihrem Inneren bewirkten, dass sie nichts dergleichen tat, sondern seine Berührungen zuließ und genoss. Sie überließ sich seinen erfahrenen Händen, schloss die Augen und lehnte sich zurück. Seine Finger strichen über die empfindliche Partie ihres Nackens und wanderten höher, bis er mit langsamen Bewegungen ihr Haar von den Nadeln befreite, die ihren Knoten zusammenhielten. Kaum, dass es wie eine Kaskade über ihren Rücken fiel, vergrub er sanft seine Finger darin und massierte stattdessen ihre sensible Kopfhaut. Die wohltuende Entspannung der Massage schlug bei Sara bald in Erregung um. Sie hielt ihre Augen weiterhin geschlossen, doch ihr Atem wurde schwer und eine Hitze, die sie seit Langem nicht mehr gespürt hatte, breitete sich in ihrem Körper aus. Die Grillkohle glomm ohne Kraft vor sich hin, während sich die Dunkelheit über den Garten legte. Sie roch die Veränderung, bevor sie ihr bewusst wurde. Jacks Geruch hatte sich verändert, eben noch nach Wald riechend, wurde dieser inzwischen von einem wilden, schweren Geruch überlagert. Überdeutlich spürte sie seinen heißen Atem, der an ihrem Nacken entlangstrich, um sich anschließend auf eine hinter dem Ohr gelegene Stelle zu konzentrieren. Sie hielt unwillkürlich den Atem an, als sie seine warmen Lippen auf ihrer elektrisierten Haut spürte. Ein Knistern lag in der Luft, das nicht mehr zu leugnen war.

Nur widerwillig hob sie die Lider und starrte in die Dunkelheit jenseits des Gartenzaunes. Der Sternenhimmel kam ihr wie ein Spiegelbild ihrer Gefühle vor und schien heller zu funkeln als zuvor. Bedächtig drehte sie sich Jack zu, der sogleich ihren Blick einfing. Wie gebannt sah sie in seine goldenen Augen, in denen sich die letzten Funken des Feuers widerspiegelten. Das Wissen, dass sich seine Augenfarbe verändert hatte, sickerte zu ihr durch, doch in diesem Augenblick kam ihr die Veränderung völlig normal vor, so als ob sich hinter einer Fassade die Wirklichkeit für einen Moment offenbart hätte. Wie hypnotisiert versank sie in flüssigem Gold. Seine Augen hielten sie in seinem Bann, als er sich vorbeugte und ihre Lippen zu einem zarten, tastenden Kuss aufeinandertrafen. Da die scheinbar erwartete Abwehr ausblieb, vertiefte er seinen Kuss. Seine Zungenspitze glitt über ihre Unterlippe, und sie schmeckte den herben Geschmack des Weins auf ihrer Zunge. Seine warmen Hände glitten seitlich an ihrem Rücken entlang und legten sich um ihre schmalen Hüften. Als er den Gartenstuhl mit einem Bein zur Seite schob und sie an sich zog, konnte sie deutlich seine Erregung spüren, die sich gegen ihren Bauch presste. Sara wurde von lang vergessenen Gefühlen überrollt. Sehnsucht vermischte sich mit Begierde und dem Bedürfnis, sich fallen zu lassen. Sie lösten ihre Lippen und hielten einander umschlungen, bis sich Jack mit einem bedauernden leisen Seufzer von ihr löste. Zärtlich strich er ihr eine Strähne aus dem Gesicht, trat einen Schritt zurück und räusperte sich. »Sara, du weißt, was passieren würde, wenn wir es jetzt nicht hier und sofort beenden. Es ist besser, ich gehe. Es war ein wunderschöner Abend. Danke«, sagte er leise mit einer Stimme, die erkennen ließ, wie es um ihn stand. Er lächelte sie zum Abschied liebevoll an und wandte sich ab. Sie brachte kein Wort heraus, sie war viel zu aufgewühlt, um etwas erwidern zu können. Mit einem leisen Seufzer ihrerseits beobachtete sie benommen, wie er ihren Garten durchquerte, die Gartenpforte hinter sich zuzog und in der Dunkelheit verschwand.

In dieser Nacht lag sie lange Zeit wach und dachte darüber nach, wie es dazu kommen konnte, dass sie Jacks Berührungen gierig in sich aufgesogen und genossen hatte. Bisher hatte sie geglaubt, nie wieder solche Gefühle empfinden zu können. Nicht noch einmal hatte sie sich von einem Mann verletzen lassen wollen, und nun waren ihre Vorsätze von einem außerordentlich gut aussehenden und geheimnisvollen Mann über Bord geworfen worden, und kein Rettungsring war in Sicht. Es war nicht mehr zu leugnen, nicht nach diesem Abend, sie fühlte sich zu Jack magisch hingezogen. Seine Augen … als er ging, waren seine Augen wieder blau, war ihr letzter Gedanke, als der Schlaf endlich kam.

-ENDE-

Copyright © der Leseprobe 2013/2015 by Christa Kuczinski (mit freundlicher Genehmigung des Verlages und im Auftrag der Autorin)

Bildrechte: LYKANTHROPIE – Werwolfgeschichten aus dem sfbasar” (werwolfgeschichten.jpg) © 2013 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

Rezension “Wölfin des Lichts – Roseend 1″

  • Titel: Wölfin des Lichts – Roseend 1
  • Autorin: Christa Kuczinski
  • Format: mobi-Datei
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe: 188 Seiten
  • Verlag: Bookshouse (Februar 2015)
  • Sprache: Deutsch
  • Genre: Paranormal Romance
  • Preis: 2,99€ (eBook) 11,99€ (P-Book)

Die junge Sara ist seit Jahren auf der Flucht vor ihrem Exfreund Simon. In dem kleinen, abgelegenen Ort Roseend findet sie endlich ein neues Zuhause. Die netten, zuvorkommenden Einwohner scheinen auch irgendwie anders zu sein – genau so wie sie.
Sara verliebt sich in Jack, der offenbar eine Vormachtstellung im Ort hat. Doch ganz so einfach, wie sie es sich erhofft, ist die Beziehung nicht. Der Vollmond verändert nicht nur die Dorfbewohner und Jack, er verändert auch Sara, und es zeigt sich, dass sie doch nicht so ist wie die anderen.
Werden Sara und Jack den Kampf um ihre Liebe gewinnen? Oder werden Saras Vergangenheit und ihr Geheimnis um ihre Andersartigkeit alles zerstören?
Irgendwie kann ich mich in letzter Zeit den magischen Wesen nicht verschließen und so landete ich erneut in einer Geschichte der etwas anderen Art.
Wie man an dem Cover und Titel schon erahnen kann, geht es um Wölfe, besondere Wölfe.
Der Schreibstil war bemerkenswert leicht verständlich und das Geschehen wurde wunderbar beschrieben, weshalb es für mich ein leichtes war, das Buch an einem Vormittag zu verschlingen.
Das Geschehen wurde aus der Sicht der beiden Hauptprotagonisten geschildert, wobei das Hauptaugenmerk hauptsächlich auf Sara gerichtet war.
Ich bekam so einen sehr guten Einblick in ihre Gefühlswelt und konnte ihre Bedenken und Ängste weitestgehend nachvollziehen. Ihr Geheimnis und somit der Grund ihres vorsichtigen Verhaltens anderen Menschen und Artgenossen gegenüber blieb allerdings bis kurz vor Ende der Geschichte im Dunkeln.
Diesen Umstand empfand ich als äußert spannend, wollte ich doch unbedingt erfahren, ob meine Spekulationen zu ihrer Person zu trafen.
Doch auch die anderen Protagonisten wurden sehr gut ausgearbeitet, wodurch ich meine Sympathien sehr schnell verteilen konnte.
Sehr interessant fand ich auch die Verhaltensregeln unter Wölfen. Diese unterschieden sich doch sehr von denen der Menschen und ich hoffe sehr, künftig noch mehr über diese Unterschiede zu erfahren.
Da wir uns mit diesem Buch in dem Genre Romance bewegen ist eine aufkeimende Liebesgeschichte wohl keine große Überraschung, allerdings wartet dieses Buch auch mit einigen spannenden Szenen auf, die mich total gefangen nahmen.
Etwas schade fand ich, dass man nicht allzu viel über die Vergangenheit der anderen Bewohner von Roseend erfuhr, aber das wird sich in dem nächsten Band hoffentlich ändern.
Ein wundervoller Trilogie-Start, der unglaubliche Lust auf mehr macht und mir wieder einmal verdeutlichte, warum ich Geschichten  über diese Wesen so gern lese.
Christa Kuczinski, geboren 1971, verbrachte ihre Kindheit an der Mosel. Seit über zehn Jahren lebt sie mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen auf dem Hunsrück.
Im Jahr 2009 begann sie ernsthaft mit dem Schreiben. Die Roseend Trilogie ist ihr erstes großes Projekt.

Eingestellt von vom 18.2.15 auf http://winterteufelstraumland.blogspot.de wir danken der Autorin und der Bloginhaberin für die Abdruckrechte!
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2 Comments

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  1. Liebe Christa,
    Herzlichen Glückwunsch.
    Ein Award, ich weiß für Dich geht ein Traum in Erfüllung.
    Weiter so.
    Ganz liebe grüße
    Deine Petra

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