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Literatur-Blog

VON MENSCHEN UND HUNDEN – Eine phantastisch utopische Kurzgeschichte von Günther K. Lietz

VON MENSCHEN UND HUNDEN

Eine phantastisch utopische Kurzgeschichte

von

Günther K. Lietz

Frau Tschoptschop war unterwegs auf der Straße, ein wenig flanieren, ein wenig den kleinen Rudi Gassi führen. Nur an der kurzen Leine, damit er keinen Unfug trieb. In dem Alter waren sie noch wild und ungestüm. Frau Tschoptschop überlegte, Rudi vielleicht kastrieren zu lassen. Frau Biekebiek hatte das mit ihrem Kleinen auch gemacht und seitdem war er handzahm, zutraulich und absolut stubenrein. Letzteres war immer so ein Problem.

„Guten Morgen Frau Tschoptschop!“ rief Frau Loinloin und kam mit ihrer Susi die Straße entlang. Ein reinrassiges Exemplar. Muskulös, guter Körperbau und das seidige Fell ordentlich ausrasiert. Kein wunder, dass die nervige Nachbarin mit ihrer Susi ständig Wettbewerbe gewann. Mit so einem Mischling wie Rudi, war kaum Eindruck zu schinden. Aber Frau Loinloin besaß auch das nötige Kleingeld, um sich eine Gewinnerin wie Susi leisten zu können.

Frau Tschoptschop seufzte neidisch. So wie es aussah, war Frau Loinloin übers Wochenende auf der Wellnessfarm und hatte sich ihre Tentakeln machen lassen. Jedenfalls glitten sie jugendlich behände, ohne Falten, dafür aber an den richtigen Stellen prall aufgepumpt, über den Asphalt. Und natürlich zog dieser Anblick die Aufmerksamkeit der männlichen Spaziergänger auf sich.

„Ursula, Liebes!“ rief Frau Tschoptschop gekünstelt freundlich und gab Frau Loinloin ein Bussi auf die Wange. „Bezaubernd sehen sie aus. Kein Jahr älter als zehn.“

„Ach wirklich?“ stieß Frau Loinloin gespielt überrascht hervor und gab sich erfreut beschämt. „Sagen Sie doch so etwas nicht. Aber ich mache was ich kann. Gesunde Ernährung, viel Sport und bloß keine unnötige Aufregung. Immerhin will ich für meinen Mann die bezaubernde Frau bleiben, die er einst vor den Gammaquader führte.“

Frau Tschoptschop nickte zustimmend. „Als Frau muss man halt auf sich achten, um einen Mann zu behalten. Bevor man sich versieht ist es mit der Schönheit vorbei, der geliebte Angetraute nicht mehr zu erregen und muss ausgetauscht werden. Und bis man sich an den Neuen im Leben gewöhnt, dass kann dauern. Ich weiß wovon ich rede. Ich hatte schon drei Ehemänner.“

„Ach? Wirklich? Das kann ich kaum nachvollziehen. Meiner ist nach all den Jahren noch immer der Erste.“ Es war eine versteckte Spitze und Frau Tschoptschop wusste es. Aber sie hielt ihre Tentakeln still. Es sich mit Frau Loinloin zu verderben war eine schlechte Idee.

„Wie ich sehe führen Sie gerade ihre Susi Gassi. Schön sieht sie aus. So stramm.“ Frau Tschoptschop zog an Rudis Leine. „Rudi, mach Kacki.“ Rudi sprang zum nächsten Baum und hockte sich hin. Seine Augen verengten sich und dann war ein lautes, spratzendes Geräusch zu hören, dem ein durchdringender Geruch folgte. Frau Tschoptschop verzog angewidert das Gesicht. „Er hat es seit einigen Tagen mit dem Gedärm. Vielleicht sind es die Würmer.“

Frau Loinloin sah verständnisvoll zu Rudi runter. „Ja, das kenne ich. Es hat einige Zeit gedauert, bis ich das richtige Futter für Susi gefunden habe. Aber die Mühe hat sich gelohnt.“ Nun war es an Frau Loinloin an der Leine zu ziehen und Susi neben Rudi zu befehligen. Sollten die beiden doch ihr Geschäft zusammen verrichten, dann war die Sache schneller erledigt und es konnte zurück an den Kaffeetisch gehen, wo schon ein großes Stück Torte wartete.

Susi hockte sich neben Rudi und drückte ihr Häufchen. Dabei versuchte sie möglichst vorsichtig zu sein, um so wenig Geräusche und Gestank wie möglich zu machen. Der Versuch scheiterte kläglich und stattdessen löste sich ein besonders großer Pfropfen, dem ein lautes und langes Geplörre folgte. Susi wurde rot im Gesicht, denn Rudi, der räudige Mischling, sah ihr neugierig zu. Und Susi bemerkte zu ihrem Entsetzen, dass sich zwischen Rudis Beinen etwas regte. Vorsichtig zog sie an der Leine, doch ihr Frauchen war beschäftigt und ignorierte das Gezupfe. Susi wusste sich nicht weiter zu helfen und ließ es stattdessen auch noch ungeniert Plätschern. Aus irgendeinem Grund gefiel das Rudi auch. Und das gefiel wiederum, zu ihrer eigenen Überraschung, Susi. Obwohl sie in ihrem Inneren wusste, dass es keine gute Idee war, Nachwuchs mit einem Mischling zu zeugen.

Frau Tschoptschop und Frau Loinloin waren ins Gespräch vertieft und besprachen gerade die politische Situation auf dem Mars. „Ich glaube nicht, dass Präsidentin Jambajamba so schnell nachgibt und das Sonnensystem kampflos an die neue Regierung abgibt“, erklärte Frau Loinloin weltgewandt. „Schlussendlich wäre das eine Katastrophe. Da könnte man die Regierungsgeschäfte gleich einem Mann übergeben“, fügte sie hinzu. Die beiden Frauen schwiegen unvermittelt, sahen sich gegenseitig an und begann lauthals zu prusten.

„Ursula, Sie sind mir ja Eine. Immer wieder gut für einen Scherz.“ Frau Tschoptschop schüttelte ihr giftgrünes Haar und die leicht faltigen Tentakeln klopften unkontrolliert auf den Boden. „Männer und Politik, die Vorstellung ist beinahe so lustig wie Männer im Krieg oder bei der Arbeit. Na ja, ich bin froh, dass meiner daheim sitzt und auf den Nachwuchs aufpasst.“

„Ach, Bella, Sie Glückliche.“ Frau Loinloins Blick trübte sich leicht und die runden Fischpupillen bekamen einen leichten Blaustich. Ihre Stimme klang traurig. „Nachwuchs wird mir und meinem Männlein wohl verwehrt bleiben.“

Frau Tschoptschop war schlagartig ganz betroffen. „Oh, das wusste ich ja nicht. Das tut mir so leid, meine arme Ursula.“ Verständnisvoll legte sie eine Tentakel um Frau Loinloins Schulter. Eine vertrauliche, aber in diesem Augenblick dennoch angebrachte Geste. „Es liegt an ihm, oder?“

„Ja, leider. Seine Pustelzahl ist einfach zu niedrig. Und wir bekommen sie auch nicht in die Höhe getrieben.“

„Schon mal über einen anderen Mann nachgedacht?“

Frau Loinloin nickte langsam. „Ja, aber ich liebe ihn halt. Er sollte mindestens noch ein Jahr bei mir bleiben. Dann werde ich weitersehen. Aber wenn ich keinen Nachwuchs haben kann, dann kann es wenigstens jemand anderes. Ich spiele mit dem Gedanken einer kleinen Zucht.“ Ursula Loinloin zwinkerte verschwörerisch mit drei Augen.

„Oh, meinen Sie etwa…“ Frau Tschoptschop blickte lächelnd zu Rudi und Susi hinüber. Und erstarrte. Ebenso wie Frau Loinloin, die von dem Anblick gleichfalls überrascht wie entsetzt war.

Susi lehnte schwer atmend mit dem Rücken an dem Baum, die Leine von ihrem Hals bis hin zu den Tentakeln ihres Frauchens straff gezogen. Rudi hockte vor ihr, mit dem Mund an ihrer steil aufragenden Zitze saugend, während die rechte Hand zwischen Susis Schenkeln verschwunden war und unterhalb des ordentlich ausrasierten Fells kreisende Bewegungen vollführte.

„Rudi! Aus!“ rief Frau Tschoptschop entsetzt und zog heftig an der Leine. Rudi wurde davon überrascht und gab einen jaulenden Ton von sich, während er durch die Luft segelte und dann hart hinter Bella Tschoptschop auf dem Asphalt aufkam. „Böser Junge!“

Frau Loinloin wurde ganz gelb im Gesicht und atmete tief durch. „Bei den nebulanischen Göttern, das hätte in die Augen gehen können. Einen Augenblick später nur und meine Susi wäre vielleicht trächtig gewesen.“

„Entschuldigen Sie vielmals, liebste Ursula. Ich hätte viel besser auf meinen Rudi achten sollen.“ Panik schwang in Frau Tschoptschops Stimme mit. Sie wollte mit Frau Loinloin keinen Ärger haben. Aber danach sah es gerade aus.

Doch Ursula Loinloin gab sich beherrscht. Sie atmete tief durch. „Keine Sorge, liebe Bella. Es ist ja nichts passiert. Wir haben der Sache rechtzeitig ein Ende gesetzt. Meine arme Susi. Nicht auszudenken, was Ihr Rudi mit meinem Rasseweibchen angestellt hätte. Susi wäre für ihr restliches Leben als Zuchtmensch ruiniert. Die Arme ist ja ganz verschreckt. Hören Sie nur, wie schwer sie atmet. Und ganz rot ist sie im Gesicht. Sie wurde noch nie bestiegen. Erstklassiger Stammbaum, so etwas will man doch nicht ruiniert wissen.“ Frau Loinloin atmete tief durch und legte den Kopf schief. „Aber, wie gesagt, wir haben rechtzeitig reagiert.“

Die beiden Frauen blickten still und betreten zu Boden, dann wandten sich ihre Köpfe dem Schaufenster des Ladens zu. Dort wurden Bildschirme verkauft und gerade liefen die Nachrichten, als Beispiel für die herausragende Bildqualität. Durch die Glasscheibe war der Ton allerdings nicht zu hören. Rudi stemmte sich unbeholfen hoch und hielt sich die Rippen. Bei dem Sturz waren einige geprellt worden.

Das wird ein teurer Menschenarztbesuch, dachte sich Frau Tschoptschop, die ihm dabei zusah. Nachgucken lassen ob er sich bei dem Sturz was getan hat und anschließend kastrieren. Das wird teuer. Aber was macht man nicht alles für seinen Liebling.

In den Nachrichten wurde gerade das anstehende Handelsabkommen zwischen Mars und Orion thematisiert. Den stummen Bildern nach ging es um das leidige Thema Biofleisch versus industrielle Schlachtung. Der Mars bestand darauf, zukünftig auch Chlormensch nach Orion verkaufen zu dürfen. Gespielt interessiert sahen die beide Frauen den Bildern zu. Gerade wurden einige Körper an langen Ketten in ein großes Chlorbecken getunkt. Kopf, Hände und Füße bereits abgeschnitten. Wahrscheinlich ging es darum, dass dadurch alle gesundheitsschädlichen Keime abgetötet wurden.

„Ich muss nach Hause“, sagte Frau Loinloin unvermittelt in die peinliche Stille hinein. „Schönen Tag noch.“

Frau Tschoptschop blickte ihr lange hinterher. „Schlampe!“ zischelte sie leise, dann drehte sie sich um und fischte mit einer ihrer Tentakeln geschickt eine Plastiktüte hervor, um Rudis Haufen einzupacken und später in der Fäkalientonne zu entsorgen. Dann ging auch sie nach Hause.

ENDE

Copyright (c) 2014 by Günther Kurt Lietz, all rights reserved

Buchtipp:

Joy, Melanie
Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen

Karnismus – eine Einführung

Übersetzt von Stammberger, Achim. Vorwort von Sezgin, Hilal
Verlag :      compassion media
ISBN :      978-3-9814621-7-3
Einband :      Paperback
Preisinfo :      20,00 Eur[D] / 20,00 Eur[A] / 26,00 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
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Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 30.01.2013
Seiten/Umfang :      ca. 230 S. – 20,0 x 14,0 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      3. Aufl. 15.05.2013
Gewicht :      440 g

In ihrem bahnbrechenden Buch Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen untersucht Melanie Joy, wie wir dazu kommen, manche Tiere als Freunde zu betrachten, andere dagegen als Nahrung – ohne dass wir diese Unterscheidung plausibel begründen könnten. Joy erläutert die komplexen sozialen und psychologischen Mechanismen, durch die bestimmte Lebewesen in unseren Augen zu Lebensmitteln werden. Und sie zeigt, dass diese Mechanismen unterschwellig wirken, ähnlich wie bei anderen Formen der Diskriminierung. Für das unsichtbare Glaubenssystem, das darin wurzelt, hat sie einen eigenen Begriff geprägt: „Karnismus“. Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen ist also kein weiteres Buch, das uns erklärt, weshalb wir kein Fleisch essen sollten. Stattdessen erfahren wir hier, warum wir es tun, und erhalten so die Möglichkeit, unsere Konsumentscheidungen aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

Melanie Joy ist Professorin für Psychologie und Soziologie an der Universität von Massachusetts in Boston. Die promovierte Sozialpsychologin und Harvard-Absolventin engagiert sich seit 20 Jahren in der Tierrechtsbewegung und berät Aktivisten auf der ganzen Welt zu Themen wie effektive Interessenvertretung, gewaltfreie Kommunikation und Strategien für gesellschaftlichen Wandel.

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4 Comments

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  1. Hallo Günther, klasse Geschichte! War mal so frei und habe einen Buchtipp druntergestellt. Gib mal dein OK, damit ich mich mit dem Verlag zwecks Verlosungsexemplaren in Verbindung setzen kann!

  2. Guter Buchtipp, besser als der, den ich im Kopf hatte. Danke. 🙂

  3. Diese Story ist weder beim Storywettbewerb nominiert noch ist der Autorennamen bei den Schlagwörtern eingetragen. Ist das Absicht?

  4. Spendest du uns diese Story für die Anthologie „TABUBRECHER“, Günther?

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