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Literatur-Blog

SYREN – Eine teuflische Kurzgeschichte von Günther Kurt Lietz

SYREN

Eine teuflische Kurzgeschichte
von
Günther Kurt Lietz

2001 (Original)/2014 (überarbeitet)

Es war spät in der Nacht. Nur noch wenige Gäste saßen in der Bar des Hemshire Hotels. Einer von ihnen war Ben Döring, freischaffender Journalist und Autor. Eine Reportage hatte ihn nach Duisburg verschlagen. Doch der angebliche Knüller hatte sich als Ente entpuppt. Jetzt saß er am Abend vor der Heimreise an der kleinen Bar seines billigen Hotels, schnippte sich salzige Erdnüsse in den Mund und nippte gelegentlich an seinem warmen Bier. Er war niedergeschlagen und überlegte, ob er den richtigen Beruf ergriffen hatte.

Erst als eine atemberaubende Rothaarige die Bar betrat wurden Bens Lebensgeister wieder geweckt. Er sah zu ihr hinüber und ahnte, dass sie diese Nacht ihm gehören würde. Jedenfalls deutete der Blick darauf hin, den sie über den Raum schweifen ließ und der dann eindringlich an Ben hängen blieb.

Die Rothaarige trug ein dunkles, hoch geschlitztes Kleid. Als sie sich auf einen der Barhocker setzte wurde genug von ihren Beinen sichtbar, um jeden Mann in der Nähe auf sich aufmerksam zu machen. Aber außer Ben war niemand sonst da.

Der Journalist nahm sich sein Bier, stand auf und ging zu der Schönheit hinüber. „Ist hier noch ein Platz frei?“ fragte er mit belegter Stimme.

Sie wusste natürlich, dass es genug freie Plätze gab, aber es war ihr egal. Sie lächelte Ben provokant an und meinte: „Noch.“

Er schwang sich mit gespieltem Elan auf den Hocker neben ihr und stellte sein Bier etwas zu heftig ab. Die Frau nahm ihm den Atem. „Ben Döring. Journalist aus Berlin.“

„Syren Lyra. Künstlerin.“ Sie sprach ihren Namen mit einer unterschwelligen Erotik aus, die jedem Mann den Atem raubte.

„Der Name klingt nicht gerade Deutsch“, stellte Ben fest und kam sich augenblicklich unheimlich dumm vor, das gerade wirklich gesagt zu haben. Doch Syren nahm es ernsthaft auf.

„Es ist ein alter Name. Ein sehr alter Name.“ Sie lächelte und ließ dabei ihre makellosen Zähne blitzen.

„Ein geradezu passender Name für eine so wunderbare Frau.“

„Sie gehen aber scharf ran, mein Herr. Ich gebe gerne zu, dass es mir gefällt. Nennen Sie mich doch bitte Syren, Herr …?“

„Ben, Syren. Für Freunde einfach nur Ben.“ Er war froh das alles so reibungslos lief.

„Ben. Das klingt süß. Du kommst aus Berlin?“

„Ja, aber ich bin dort nicht zuhause. Ich bin eigentlich nirgendwo zu Hause. Das bringt der Beruf mit sich.“

„Ich reise auch sehr viel. Und so wie Du, habe ich keine echte Heimat. Ich jage von einer Stadt in die nächste, immer auf der Suche nach neuen Freunden, die mich für ein oder zwei Nächte unterhalten.“

Ben konnte ein erfreutes Grinsen nicht mehr zurückhalten und ihm war bewusst, dass sich gerade einiges an Blut aus dem Kopf auf den Weg unter die Gürtellinie machte. Diese Frau verdrehte ihm alleine durch ihre Anwesenheit den Kopf. „So lange noch in der Stadt?“

„Es hat sich zufällig so ergeben.“ Sie legte dabei spielerisch den Zeigefinger ihrer rechten Hand auf seine Schulter und zog sichtlich gespielt einen Schmollmund. „Wir wollen doch nicht zu neugierig werden, Ben. Wir können uns später noch darüber unterhalten.“

Später, das klang aus ihrem Mund nach einer langen und heißen Nacht. „Gerne“, antwortete er Syren.

„Ich bin froh, dass in diesem Punkt zwischen uns Klarheit herrscht. Hast du Familie?“

„Nein, ich bin alleine auf der Welt. Und immer wieder Single. Die Frauen mögen es nicht, auf mich zu warten. Und ich will wegen ein wenig Privatleben meinen Job nicht aufgeben.“

„Du hast wohl viel Freude daran?“

„Ja. Es ist meistens eine spannende und abwechslungsreiche Arbeit. Und irgend jemand muss ja im Dreck wühlen und Innen nach Außen kehren.“ Das klang um einiges wichtiger, als es seine Arbeit tatsächlich war. Aber Ben wollte Eindruck schinden.

„Du würdest wohl viel dafür geben, um Deinen Job noch spannender gestalten zu können, oder?“

Ben zögerte keine Sekunde bei der Antwort. „Ja.“ Er überlegte zwar immer wieder die Arbeit hinzuschmeißen, aber der Zwang, wieder zu Kamera und Stift zu greifen, war zu groß. Er liebte seinen Job.

Syren lächelte ihn wissend an. „Ich kann Dir vielleicht helfen, Ben. Aber Du musst mir vertrauen.“

„Mit Dir gehe ich bis in die Hölle“, kam es Ben schnell über die Lippen. Er würde alles sagen, nur um Syren ins Bett zu bekommen.

„Eine Exklusivreportage mit dem Teufel persönlich? Alles lässt sich arrangieren.“

Ben sah Syren verwundert an, dann lachte er über ihre Art von Humor. Sie stimmte etwas leiser mit ein. Syren legte ein paar Euroscheine auf den Tresen. „Ich zahle, Ben. Und wir sollten gehen. Ich bin schon ziemlich heiß auf Dich.“

Ben und Syren verließen das Hotel und nahmen sich ein Taxi. Unterwegs redeten sie nicht viel. Syren gab ihm Streicheleinheiten und Ben hatte Mühe den Fahrer davon abzuhalten, sie beide aus dem Taxi zu werfen.

Syren lebte in einem modernen Wohnblock. Als sie Syrens Wohnung erreichten, schafften es die beiden nur mit Mühe und Not bis zum Schlafzimmer. Ben war sich sicher, diese Nacht niemals zu vergessen. Die nächsten Stunden gehörten zum Schönsten, was er je erleben durfte. Er erfuhr von Stellungen und Praktiken, von denen er nicht einmal etwas geahnt hatte.

Als der Morgen graute, lagen sie beide schwer atmend und erschöpft nebeneinander. Syren hatte sich eine elegante Mentholzigarette angezündet und blies kleine Ringe in Richtung Decke.

„Das war wirklich gut“, erklärte Ben seufzend. „So etwas habe ich noch nicht erlebt.“

„Mit mir erlebt man viele Dinge, Ben. Sehr viele Dinge.“ Sie ritzte ihm mit dem Nagel ihres Zeigefingers in seine behaarte Brust und hinterließ dabei einen feinen roten Strich aus Blut. Ben erschauerte.

„Du meintest, mir bei meinem Job helfen zu können.“

„Ja, das meinte ich. Mein Angebot steht. Aber ich verlange auch einen Preis.“

„Was willst Du?“ Ben merkte wie die Situation langsam ins geschäftliche abglitt.

„Dein Schweigen.“

„Mein Schweigen? Worüber?“ Er war erstaunt.

„Über den Teufel.“

Er setzte sich lachend auf. „Was?“

Syren warf ihm einen gespielt wütenden Blick zu. „Ich zeig dir den Teufel persönlich. Du kannst über ihn schreiben, aber du darfst niemandem verraten wer oder was er ist. Du kannst seine Gestalt nennen, aber nicht seinen Namen.“

„Und was passiert, wenn ich es doch tue?“

„Dann verlierst Du deine unsterbliche Seele an die Hölle.“

„Das klingt nach Faust.“ Er seufzte. Syren schien abgehoben zu sein. Manche Künstler waren drogenabhängig, das wusste Ben. Er selbst hatte auch schon den ein oder anderen Joint geraucht. Also wollte er Syren keinen Vorwurf machen. Und vielleicht konnte sie ihm wirklich helfen. Was hatte er schon zu verlieren? „Aber ich bin einverstanden.“ Ben war sich sicher: Nur wer an Gott glaubte, hatte Angst seine Seele zu verlieren. Und er glaubte an nichts. Also hatte er auch keine Angst.

„Dann lass uns den Pakt besiegeln.“ Sie ritzte ihren Unterarm mit dem Fingernagel ein wenig auf, bis ein Tropfen Blut herausquoll. „Ist es wirklich Dein freier Wille?“

„Ja.“ Er lachte und fühlte sich in seine Kindheit zurückversetzt, als er sich mit seinen Freunden Blutsbrüderschaft geschworen hatte.

„So sei es.“ Sie presste ihren Unterarm gegen seine Brust und ihrer beide Blut vermischte sich. „Jeder bekommt was er verdient.“

Ben spürte wie sich etwas in seinem Bauch zusammenzog. Im war plötzlich unbehaglich, aber das Gefühl verflog rasch.

Mit einer katzenhaften Bewegung schwang Syren ihre Beine aus dem Bett und zog sich an. „Wir müssen gehen.“

„Wohin?“

„Das weißt du doch. Der Teufel erwartet dich.“

Ihr Wesen, ihre ganze Art, faszinierte Ben. Wie in Trance zog er sich an und folgte ihr. Syren besaß einen eleganten Sportflitzer, mit dem sie beide aus der Stadt fuhren.

Syren steuerte eine verräucherter Pommesbude an, in der sich ausschließlich Berufskraftfahrer und Rocker einfanden. Der Wirt begrüßte sie mürrisch. Ben fühlte sich unbehaglich.

„Hi, Freddy“, grüßte Syren und schob lässig einen Geldschein zu dem Mann hinüber. „Wer von den Jungs muss schnell weiter?“

Der Wirt nickte zu einem der Stehtische hinüber, zu einem Kerl, der gerade auf die Schnelle eine Portion Pommes mit Niergengulasch verdrückte.

Syren schob Ben an die Theke. „Warte hier!“ Dann ging die schöne Rothaarige dem Mann am Stehtisch. „Hi, Trucker“, säuselte sie verführerisch.

Er sah Syren mit unverhohlenem gierigen Blick an und fixierte dann ihren Busen. „Hi, Süße. alleine unterwegs?“

„Leider. Ich suche noch eine Fahrt in die Stadt rein.“ Ihre Augen versprachen mehr als eine gemütliche Tour zu zweit.

„Gehört der Kleine da drüben zu Dir?“ Der Fahrer blickte kurz zu Ben.

„Ja, aber das macht nichts.“ Syren fuhr mit der feuchten Zunge über ihre roten Lippen. „Er ist nur ein kleiner Junge, aber Du bist ein Mann. Und das ist die Hauptsache.“

„Auf dem Platz? Auf meinem Bock?“ Er schob sich die letzte Pommes in den Mund.

„Natürlich. Und je schneller um so besser, wenn Du verstehst was ich meine.“

Der Kerl lachte. „Klar verstehe ich dich, Süße.“

Ben hatte dem Gespräch schweigend zugehört. Er glaubte erst, seinen Augen und Ohre nicht trauen zu können. Ben meinte etwas sagen zu müssen, doch seine Stimme versagte ihm den Dienst.

„Komm in fünf Minuten nach“, flüsterte Syren Ben im vorbeigehen zu und verließ mit dem Fahrer die Pommesbude. Der Journalist starrte beiden perplex hinterher und wusste nicht mehr, wie er sich verhalten sollte. Doch dann siegte die Neugierde in ihm.

Ben wartete einige Minuten, dann verließ er ebenfalls die Bude. „Hinterm Haus, bei den Toiletten!“ rief ihm kurz vorher der Wirt zu und zwinkerte verschwörerisch.

Ben ging über den Parkplatz und folgte einem verwitterten Wegweiser um das Gebäude herum zu den Toiletten. Eine nackte Glühbirne beleuchtete zwei schäbig aussehende Türen. Auf beiden war mit zu großen Nägeln notdürftig ein Schild mit der Aufschrift „Herren“ befestigt.

Ben probierte zuerst die rechte Türe, doch die war abgeschlossen. Dann drückte er die linke Türe auf. Der Geruch von Fäkalien schlug ihm atemraubend entgegen und ließ ihn würgen.

Die Toilette bestand aus einem einzigen kleinen Raum. Eine kaputte Neonröhre spendete unruhig flackerndes Licht und zauberte bizarre Schatten an die verschmierten und beschriebenen Kacheln. Ein schriller Schrei war zu hören, der Ben zusammenschrecken ließ. Er stürmte vor um zu helfen und erstarrte.

Der Fahrer lag auf dem Boden. Seine linke Hand war mit Handschellen an ein stabiles Metallrohr befestigt. Der Mann hatte die Beine fest zusammengepresst und wimmerte nur noch. Schweiß stand auf seiner Stirn. Über ihm hockte Syren und kicherte. „Wenn ich wollte, könnte ich dich bepissen“, sagte sie heiser und starrte Ben mit kalten Blicken an. „Hi Ben, bist ein wenig unpünktlich.“

„Was hast du mit dem Mann gemacht?“ Ben war fassungslos und entsetzt.

„Noch nichts. Ich werde erst noch. Du wolltest doch ein Interview mit dem Teufel. Du kannst es haben. Eine Exklusivreportage.“ Sie kicherte.

„Du bist krank“, kam es Ben leise über die Lippen und er presste sich, plötzlich vollkommen kraftlos, gegen die Wand.

„Und du bist blass. Wir haben einen Vertrag, Ben. Vergiss das nicht.“

Der Fahrer sah flehentlich zu Ben auf. „Mann, bitte, hilf mir. Die Braut ist irre.“

Syren sprang auf und trat dem Mann dabei in den Unterbauch. Er schrie auf. „Halt die Schnauze, du Mistkerl!“

„Syren, mach ihn wieder los“, flehte Ben. In seinem Inneren wusste er, dass er eigentlich etwas unternehmen musste, aber etwas hinderte ihn daran. Etwas, das er nicht beschreiben konnte.

Sie setzte ein unschuldigen Blick auf. „Ich habe gar keinen Schlüssel, Ben.“ Syren seufzte. „Aber Dir zuliebe, kann er sich selbst losmachen. Ich hole nur noch das passende Werkzeug.“ Wie aus dem Nichts lag plötzlich eine rote Kerze in ihrer Hand. Nein, es war keine Kerze. Ben bekam Panik.

„Was willst du mit dem Dynamit?“ Er ging einen Schritt zurück.

„Weißt Du, ich bin Motivationskünstlerin.“ Die Lunte entzündete sich von selbst.

Der Fahrer riss verängstigt die Augen auf. „Hey, mach keinen Scheiß“, beschwor er Syren.

„Die Lunte brennt genau zehn Minuten, dann macht es Bumm.“ Syren warf das Dynamit zu Boden, außerhalb der Reichweite des Truckers. „Zehn Minuten. Das ist eine lange Zeit.“ Sie griff in ihre Jacke, holte ein Springmesser vor und warf es dem Angeketteten zu.

Der Mann griff nach dem Messer und ließ die Klinge vorspringen. „Wenn ich dich erwische, Du Aas, dann bist du tot!“ schrie er ihr wütend entgegen. „Tot!“

„Komm nicht auf die Idee das Messer zu werfen, Mann. Denn dann hast Du keine Chance mehr.“ Sie lächelte ihn an. „Ich habe die Klinge extra geschliffen. Du hast nun zehn, nein, neun Minuten Zeit, um Dich zu befreien. Da Du die Handschellen nicht durchschneiden kannst, bleibt Dir nur Dein Handgelenk. Denn sonst bist Du tot.“

Syren fasste Ben hart an der Schulter und zog ihn mit raus. Ein verzweifelter, klagender Schrei verfolgte sie.

Ben riss sich von ihr los und starrte sie entgeistert an. „Du bist ein Monster. Wir müssen dem Mann helfen.“

„Nein. Wenn du wieder zurückgehst kommst du nicht mehr lebend raus. Die Lunte ist kürzer als ich sagte.“

„Was?“

Syren lächelte ihn unschuldig an. „Ben, beruhige dich. Es ist nur ein Spiel. Das Dynamit ist nicht echt. Nur ein Spielzeug. Die Lunte brennt zehn Minuten und dann wird nichts passieren.“

Ben sah gehetzt zur Türe hin. „Das weiß der Mann aber nicht.“ Ein langgezogener Schrei ließ ihn erschauern. Es klang als würde einem Tier bei lebendigem Leib die Haut abgezogen. „Wir müssen ihm helfen.“

Ben wollte nach vorne stürmen, aber Syren packte ihn mit einer Hand bei der Schulter. Ihre Fingernägel gruben sich tief in sein Fleisch. Mit einem Aufschrei ging er in die Knie.

Syren drückte noch etwa fester zu, mit einer Kraft, die unmenschlich war. „Du wolltest den Teufel sehen und ich zeige ihn Dir“, flüsterte sie zärtlich. „Jetzt lass uns gehen, Ben.“ Sie ließ ihn los.

Ben wollte aufspringen und wegrennen, doch etwas hielt ihn zurück. Mit einem mal ekelte er sich vor den Berührungen Syrens, doch zugleich sehnte er sich danach. Er wusste, sie war gefährlich und doch wollte er ihr nahe sein.

„Wer bist Du? Was bist Du?“ stieß er gepresst hervor.

„Die Antwort kennst Du doch, Ben.“ Sie ging auf ihren Flitzer zu und er folgte ihr wie ein dressierter kleiner Schoßhund. „Ich halte mich an meine Abmachung. Und du solltest es auch.“

Sie fuhr auf die Autobahn und raste über den heißen Asphalt. Syren war eine unvorsichtige und aggressive Fahrerin. Mehr als einmal glaubte Ben sie würden einen anderen Wagen rammen oder unter die Räder eines Lastwagens kommen, aber wie durch ein Wunder passierte nichts.

Ben war wie betäubt, überlegte wie er fliehen konnte und nichts fiel ihm ein. Sie hatte ihn in ihren Bann gezogen. Er verabscheute ihr Wesen und doch war sie plötzlich ein Teil von ihm. Der Teil, vor dem er Angst hatte. Der Teil, den er ausschließen wollte.

„Der Mann ist tot“, meinte Syren plötzlich. „Er hat gerade sein Leben beendet. Der Süße wurde Ohnmächtig als er an die Knochen kam. Und als man ihn fand, war er schon fast tot. Jetzt ist er es ganz. Die Ärzte haben sich garantiert gewundert, warum er das gemacht hat.“

„Woher willst Du wissen, das er tot ist?“ fragte Ben und im selben Augenblick ahnte er, dass Syren nichts verborgen blieb. „Der Wirt hat dich gesehen. Die Polizei wird dich suchen.“

„Und? Selbst wenn der Wirt auspackt, so kann man mir nichts nachweisen.“

„Ich habe es gesehen.“ Ben Worte klangen trotzig, wie die eines beleidigten Kindes.

Syren lachte auf. „Du kannst über ihn schreiben, aber Du darfst niemandem verraten wer oder was er ist. Du kannst seine Gestalt nennen, aber nicht seinen Namen. Wir haben eine Abmachung, Ben. Es steht Dir natürlich frei, sie zu brechen. Der Preis ist Dir ja bekannt.“ Schweigen breitete sich im Wagen aus.

Nach einer Stunde fuhren sie von der Autobahn ab. Der Sportwagen heizte über eine Straße voller Schlaglöcher. Plötzlich stieg Syren auf die Bremse und Ben wurde nach vorne geschleudert. Er schlug mit der Stirn gegen die Windschutzscheibe und schrie vor Schmerz auf. Blut rann aus einer Platzwunde über seiner Stirn.

„Pst, leise“, flüsterte Syren und zeigte nach vorne. „Sieh mal was wir da haben.“ Ben sah aus dem Wagen und erschauerte. Seine Schmerzen waren augenblicklich vergessen.

Zehn Meter vor ihnen stand ein kleines Haus. Es lag idyllisch im Grünen und war von einem niedrigen Zaun umgeben. Auf dem großen, fein geschnittenen Rasen spielten zwei kleine Kinder mit einem großen roten Ball. Sie rollten ihn sich vergnügt zu und waren in ihr Spiel vertieft.

„Nein“, presste Ben tonlos vor. „Nicht die Kinder. Nicht die Kinder.“ Er versuchte beschwörend zu klingen, aber seine Stimme war mehr ein schrilles Quiecken.

„Aber Ben, das wäre doch viel zu einfach. Die Kinder gehen mich nichts an, denn sie werden zu IHM kommen.“ Syren spie das Wort „IHM“ fast aus. „Aber sobald sie ihre kindliche Unschuld verloren haben, gehören sie mir. Man muss sie nur auf den richtigen Weg bringen.“

Ein plötzlicher Windstoß erfasste den Ball und trug ihn über den Zaun auf die Straße, wo er liegen blieb. Die beiden Kinder waren zuerst erstaunt, dann liefen sie auf den Zaun zu. Bitte nicht, dachte Ben. Bitte nicht!

Eine helle Frauenstimme hielt die beiden Kleinen vor dem Überklettern des Zauns zurück. Eine junge Frau in einem geblümten Sommerkleid trat aus dem Haus. Sie lief auf die beiden Kinder zu, schalt sie kurz und stieg dann selbst über den Zaun. Sie blickte sich gut um. Als sie Syrens Wagen am Straßenrand stehen sah winkte sie ihnen kurz zu und lief dann lächelnd auf die Straße, um den Ball zu holen.

„Mütter können ja so besorgt sein“, murmelte Syren fröhlich. „Und so nützlich.“

„Du bist ein Teufel!“ spie Ben ihr entgegen und Syren lachte nur laut.

„Genau!“ schrie sie als Antwort und beschleunigte den Wagen …

ENDE

Copyright (c) 2001/2014 by Günther Kurt Lietz, all rights reserved

Buchtipp:

Patrick Senécal
7 Tage der Rache

Festa Verlag
ISBN: 978-3-86552-300-6
Einband: Paperback
Seiten/Umfang: ca. 384 S. – 19,0 x 12,5 cm
Erscheinungsdatum: 1. Aufl. 28.04.2014

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Titel erhältlich bei ebook.de

Was würdest Du tun, wenn Du den Mörder Deiner Tochter in die Finger bekommst?

Bruno Hamel ist 38 Jahre und Chirurg. Er wohnt mit seiner Frau Sylvie und der sieben Jahre alten Tochter Jasmin im eigenen Haus. Wie viele glückliche Menschen führt er ein unauffälliges Leben. Bis Jasmin an einem schönen Herbstnachmittag vergewaltigt und getötet wird.

Nach diesem Ereignis zerfällt Brunos Leben. Als der polizeibekannte Kinderschänder gefasst wird, lässt Bruno ihn bei einem Transport kidnappen. Bruno will ihn für seine Tat sieben Tage lang büßen und leiden lassen, dann soll er sterben. Sieben Tage Rache. Sieben Tage Folter. Sieben Tage, in denen das Opfer zum Täter und der Täter zum Opfer wird …

Ein erschütternder Rache-Thriller von konsequenter Härte.

Québec français: »Ohne Stephen Kings Stil zu imitieren, schafft es Patrick Senécal die Leser genauso zu fesseln wie der amerikanische Horrormeister.«

Der Roman wurde 2010 unter dem Titel 7 Days verfilmt.

Patrick Senécal: »Für mich muss ein guter Horrorroman verstören. Er muss den Leser am Ende über das Böse, das Grauen, das Leiden und den Wahnsinn nachdenken lassen, über die sehr dünne Grenze zwischen seelischem Gleichgewicht und Ungleichgewicht, wie sie sich so unheimlich in bestimmten Äußerungen von Irren offenbart. Was mir am meisten Angst macht sind nicht Monster, Werwölfe oder Vampire – es sind die Menschen.«

11 Comments

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  1. Bitte noch unter Storys eintragen!

  2. Warum ist eigentlich der erste Absatz kein Blocksatz?

  3. Keine Ahnung, ich Doktor schon die ganze Zeit daran herum. Ich glaube ich gehe gleich schlafen und gucke Morgen mit wachem Verstand, was das Problem ist. Derzeit ist es ziemlich nervig. 🙂

  4. Also jetzt sehe ich es im blocksatz.

    mgg
    Werner

  5. Er schwang sich mit gespieltem Elan auf den Hocken – Hocker?

    Du kommt aus Berlin?” – kommst?

    habe ich eine keine echte Heimat – (eine) keine?

    das sich gerade einiges an Blut – dass?

    Ich bin froh das in diesem Punkt zwischen uns Klarheit herrscht – froh, dass?

    Ihr Wesen, ihre ganze Art, Ben faszinierte Ben. – Ihr Wesen, ihre ganze Art, (Ben) faszinierte Ben. ?

    Wenn ich wollte, könnte ich die bepissen – Wenn ich wollte, könnte ich (dich) bepissen?

    Und als man ihn fand war er schon fast tot – Und als man ihn fand(,) war er schon fast tot ?

    Als der Morgen graute lagen sie beide schwer atmend und erschöpft nebeneinander. – Als der Morgen graute(,) lagen sie beide schwer atmend und erschöpft nebeneinander. ?

    das Syren nichts verborgen blieb – das(s) Syren nichts verborgen blieb ?

    Es steht Dir natürlich frei sie zu brechen – Es steht Dir natürlich frei(,) sie zu brechen ?

    Aber sobald sie ihre kindliche Unschuld verloren haben gehören sie mir – Aber sobald sie ihre kindliche Unschuld verloren haben(,) gehören sie mir ?

    dem überklettern des Zauns zurück – dem (Ü)berklettern des Zauns zurück ?

    DIESE GESCHICHTE PASST IN DIE ANTHOLOGIE „DAS BÖSE – Dämonen-, Exorzismus- & Teufelfsgeschichten“, KANN SIE DA REIN?

  6. Dr. Heinz-Theo Ullrichs

    ohh, das war wohl auf den letzten Drücker?

  7. Dr. Heinz-Theo Ullrichs

    Gefällt mir aber sehr gut, muß ich sagen …

  8. Christa Kuczinski

    Eine tolle Geschichte, düster und doch allgegenwärtig. Der Kern, dass jeder eine dunkle Seite in sich trägt die verführt und jeder Zeit hervor brechen kann, ist beängstigend. Zum Glück ist es nur eine Geschichte. 😉

  9. Nicht unbedingt letzter Drücker. Aber mein Zeitplan ist leider total durcheinandergekommen und dann habe ich mich mit dem ersten Absatz herumgeärgert, der einfach nicht in den Blocksatz wollte. Ich hoffe etwas Zeit zwischen des Redax-Konfis zu finden, um die Story zu korrigieren und den Buchtipp einzufügen. ^^

  10. Und überleg dir das mit der Teufelsgeschichten-Antho, passt dort extrem gut rein!

  11. Cover zugefügt, Buchtipp zugefügt und ein paar Fehler ausgebügelt. Sieht schon um einiges besser aus, oder?

    Die Story habe ich mal vor Jahren geschrieben und fand es spannend, sie aus heutiger Sicht zu bearbeiten. Ich war schon erstaunt, wie sehr sich mein Stil verändert hat und vor allem, was ich an der Geschichte alles ändern musste, damit sie mir selbst überhaupt wieder gefällt. Aber ich bin eh jemand, der immer wieder an seinen Sachen herumdwerkelt, sobald er sie vor der Nase hat. Wenn ich mir nicht selbst einen Schlussstrich verordne, dann werde ich nie fertig. 😀

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