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SYLVESTERFEIER – Eine Kriminalkurzgeschichte von Barbara Wegener (sfb-Preisträger Platz 3 im Storywettbewerb 4/2012)

SYLVESTERFEIER

Eine Kriminalkurzgeschichte

von

Barbara Wegener

Vier Stunden hab ich in der Küche gestanden und das Essen gekocht. Zwanzig Minuten hat es gedauert, bis sie es in sich hineingeschaufelt haben.

Der Mund wurde abgewischt, man hat es sich auf dem Sofa bequem gemacht und lässt sich von mir weiter bedienen. Kein „Danke“, kein „das hat gut geschmeckt“. Ich könnte…

Naja, egal. Ich muss erst einmal den Tisch abräumen, das Geschirr in die Spülmaschine packen, das Chaos in der Küche beseitigen und dann werde ich mir auch etwas Ruhe gönnen.

Was murmelt Schwiegermutter ihrem Mann da zu? Ich sehe aus, als wenn ich zu oft feiern gehen würde? Und meine Kleidung ist für eine Frau meines Alters zu jugendlich?

Warum sehe ich wohl so müde aus? Weil ich seit drei Tagen, seit mein Mann freudestrahlend erklärt hat, dass seine Eltern mit uns Sylvester feiern wollen, herumgewirbelt bin, um das Haus so sauber zu haben, dass Schwiegermutter nichts zu meckern hat.

Und meine Kleidung? Die geht sie doch wohl überhaupt nichts an. Soll ich mich etwa in ein Korsett zwängen und in einem engen Schneiderkostüm rumlaufen? So alt bin ich doch wirklich noch nicht. Und mein Mann tut so, als ob er nichts gehört hätte. Typisch!

So. Die Küche ist wieder sauber. Jetzt werde ich mir ein gutes Glas Wein gönnen.

„Liebling, meine Eltern haben grade beschlossen, heute Nacht hier zu bleiben. Ist das nicht toll?“

Mein Mann steht fröhlich neben mir in der Küche. Er ist glücklich und ich stehe am Rande eines Nervenzusammenbruchs.

Also kein Glas Wein, stattdessen auf in die obere Etage und die Gästebetten frisch beziehen und zusätzliche Handtücher ins Bad hängen.

„Habt ihr noch kaltes Bier?“ Schwiegervater steht unten an der Treppe. Warum fragt er nicht seinen Sohn? Der ist näher am Kühlschrank als ich. Und warum kann er nicht selbst die fünf Schritte gehen und sich ein Bier aus dem Kühlschrank holen. Also runter in die Küche.

„Bringst du mir ein Glas Mineralwasser?“ Natürlich hat Schwiegermutter gewartet, bis ich mich hingesetzt habe.

Wieder ab in die Küche, Mineralwasser und ein Glas geschnappt, ein Lächeln aufgesetzt und vor Wut an der Wohnzimmertür stehen geblieben.

Schwiegermutter fährt mit ihren Fingern über die obere Kante des Wohnzimmerschranks und überprüft, ob ich da oben Staub gewischt habe.

Sie sieht enttäuscht aus. Ihre Finger sind sauber geblieben.

Sie hat gesehen, dass ich ihre Aktion bemerkt habe, trotzdem scheint sie kein schlechtes Gewissen zu haben. Seelenruhig setzt sie sich neben ihren Mann und wartet, dass ich ihr das Wasser reiche.

Kurz vor elf. Endlich kann ich mich hinsetzen. Meine Füße brennen und langsam bekomme ich Kopfschmerzen. Trotzdem versuche ich weiter, meine Gäste anzulächeln. Mit mir unterhält sich niemand. Stattdessen werde ich gefragt, ob es nicht noch kleine Häppchen gibt.

Schwiegermutter meint mit belehrendem Ton, dass das doch wohl zu einer Sylvesterfeier gehört.

Ich koche vor Wut. Die Drei glauben wohl, dass ich hier nur die Bedienung wäre. Gut. Sie sollen ihre Häppchen bekommen. Ich habe da etwas ganz besonderes für sie.

Um kurz nach elf bin ich wieder im Wohnzimmer und stelle eine Platte mit Canapés auf den Tisch. Wie ausgehungert stürzen sie sich auf die Häppchen, dabei haben sie beim Abendessen auch schon mächtig zugeschlagen.

Niemanden fällt auf, dass ich mir nichts nehme.

„Ich hole schon einmal den Sekt und die Gläser, damit wir nachher auf den Jahreswechsel anstoßen können.“ Nur Schwiegervater nickt, die Übrigen vertilgen die letzten Brotscheiben.

Einige Minuten später kommt Schwiegervater in die Küche. Er ist sehr bleich.

„Krankenwagen“, stammelt er. „Herzinfarkt.“ Dann bricht er zusammen.

Ich steige über seinen Körper und gehe ins Wohnzimmer. Schwiegermutter und mein Mann liegen, mit weit offenen Augen, auf dem Teppich.

Ich beuge mich hinunter und untersuche sie. Kein Puls.

Auch Schwiegervater ist nicht mehr am Leben. Die drei haben mit den Häppchen so viel Digitalis zu sich genommen, dass auch ein ausgewachsener Elefant einen anaphylaktischen Schock bekommen und daran gestorben wäre.

Die Fingerabdrücke der Schwiegermutter sind schnell auf der Schüssel mit dem Thunfischaufstrich, dem Kochlöffel und dem Herzmittelfläschchen verteilt, das offene Fläschchen lege ich auf das Küchenboard über der Arbeitsfläche, so dass die letzten Tropfen in die Schüssel fallen.

Nun noch die mit weniger Digitalis präparierten Canapés gegessen und dann kann ich den Notarzt anrufen.

„Müller, Rotenstraße 12. Hilfe! Bitte kommen sie schnell! Vier Personen sind…“ Dann lege ich auf.

Ah! Mitternacht. Ich öffne die Haustür, nehme mein Glas Sekt und proste mir vor dem Spiegel lächelnd zu.

„Ein frohes neues Jahr.“

Dann lege ich mich mit dem Telefon in der Hand neben die geöffnete Tür, schließe die Augen und warte.

Copyright © 2012 by Barbara Wegener

Bildrechte: Lustige und satirische Geschichten aus dem sfbasar” (Lustige-in-schwarz.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

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Ewige #1
von Barbara Wegener

eBook
Medium: EPUB
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Produktdetails
ISBN-10: 3-8450-0592-0
EAN: 9783845005928
Erschienen: 10.01.2012
Verlag: Satzweiss.com-chichili agency
Einband EPUB
Sprache(n): Deutsch
Erschienen bei: Satzweiss.com-chichili agency
Medium: EPUB

9 Comments

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  1. Günther, sag doch mal Beschied, ob du die Geschichte in deine Anthologie reinstellst. Wer möchte denn mal was zu dieser Geschichte sagen? Die Autorin hatte mich am Telefon schon gefragt, warum sie kein Feedback mehr bekommt.

  2. Hätte gerne an der Feier teilgenommen und der Gastgeberin schon viel früher bei den Morden geholfen, hähahähä. (Wie ist eigentlich der Smilie für ein gehässiges Grinsen?). Sehr schön, Barbara.

    Sollte die Story seine Wurzeln in der Realität haben, dann empfehle ich hier mal ein ernstes und selbstbewusstes Gespräche mit allen Schmarotzern, Ehemann inbegriffen. Geht gar nicht! Ein Hoch auf emanzipierte Ehemänner (mich; Achtung! Selbstlob), die fähig sind zu kochen, zu servieren und abzuräumen. Gerüchten zufolge motzten die Nachkommen (Söhne), fügen sich aber in ihr Schicksal (Anteil an der Hausarbeit) und werden später ihren Ehefrauen ein besserer Ehemann sein, als einer deiner Protagonisten. Eltern müssen soziales Miteinander vorleben.

    Allerdings hätte mir an der Story noch das Eintreffen der Sanka interessiert. In etwa so:

    Der Notarzt fand Trost in der Tatsache, dass wenigstens die Hausfrau überlebt hatte. Allerdings fielen ihm zwei Dinge auf, die er nicht so recht einordenen konnte: Ihr Atem roch nach Sekt, die Leichen nicht. Und sie schien zu lächeln. Er war sich aber nicht sicher; es konnte auch ein verzerrtes Zucken der Mundmuskeln sein …

  3. Da kann ich nur hoffen, dass es bei dir, Barbara, nicht so zugeht ;-). Hihi, schaurig.

    An ein paar Stellen bin ich über die Zeiten gestolpert, und es hat sich für mich nicht so ganz richtig angehört. Beispiel:

    Zwanzig Minuten hat es gedauert, bis sie es in sich hineingeschaufelt haben.

    Es schein zwar mit den Zeiten alles in Ordnung zu sein, aber irgendwie holpert es bei mir. Vielleicht geht’s auch nur mir so.

  4. Jede Wette, jetzt spuren deine Gäste :-).

    Die Protagonistin ist sich allerdings ein bisschen zu selbstsicher, als sie das Neue Jahr begießt. Denn selbst mit den fingierten Fingerabdrücken, dürfte es nicht lange dauern, bis die Gute selbst in den Knast wandert.

    Sei’s drum, Prosit Neujahr! 🙂

  5. Schön, dass euch die Geschichte gefällt.

    @Micha Ich habe nochmal alles gelesen. Die Zeiten sollten eigentlich korrekt sein.

    @Leon Ich denke, wenn sie bei ihrer Vernehmung geschickt ist, könnte sie durchkommen.

    @all Meine Familie hat überlegt, zu Weihnachten Essen kommen zu lassen.^^

  6. Stellst du das bitte noch in deine Krimi-Anthologie, Günther?

  7. Wann stellst du diese Geschichte in die Krimi-Anthologie?

    Bitte gib mal kurz Bescheid!

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