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STILLE INVASION – Eine SF-Kurzgeschichte von Miriam Kleve

Stille Invasion

Eine Science-Fiction-Kurzgeschichte

von

Miriam Kleve

Es war heiß und stickig in dem bauchigen Raumschiff. Dicke Rohre verliefen über die Metallplatten und an undichten Stellen wurde unregelmäßig heißer Plasmadampf ausgestoßen, der sich feucht und klebrig auf alles legte, was an Bord war.

Okkupai schnaubte und stieß scharf die Luft durch seine Nasenschlitze, bevor er mit lyrischem Tenor einen leisen Fluch über seine wulstigen Lippen presste: „Verdammte Scheiße, die Dinger scheuern wie wahnsinnig. Ich bin froh, wenn die mir abgenommen werden.“ Der Tandorianer rüttelte an seinen Ketten.

Er war einer von drei Gefangenen in der kleinen Zelle und nun war es der Rizoraner, der fluchte. Dabei zitterten die massigen Fettlappen und sein kupiertes Nasenhorn stieß unwirsch in die Luft. Sein eigentlicher Name war für die meisten Spezies unaussprechlich und so wurde der Rizoraner von allen nur Mia genannt. Jedes seiner Worte wurde von einem kleinen Schwall übel riechendem Methan begleitet und die marode Filteranlage der Zelle arbeitete deswegen auf Hochtouren, denn Mia neigte zum Plappern.

„Die Ketten werden uns erst abgenommen, wenn wir Hansa 14 erreichen. Und zwar wenn sie uns hier raus holen und in die Hinrichtungskammer führen“, erklärte der Rizoraner.

Okkupais Augen quollen zustimmend ein Stück weit aus den tiefliegenden Augenhöhlen hervor, während er seine Atemschlitze vor dem Methan verschloss. „Ich bete, dass mein Gnadengesuch angenommen wird. Ich hoffe der Rat der Roten sieht ein, dass ich gegen kein Gesetz meines Heimatplaneten verstoßen habe.“

„Das kümmert den RdR nicht, glaub mir. Wir sind nur Tropfen in der Unendlichkeit.“ Mia schüttelte schnaubend den Kopf. Noch mehr Methan verteilte sich in der kleinen Zelle und die Filteranlage arbeitete quietschend auf Hochtouren. „Der RdR misst alles nach seinen Maßstäben. Und niemand traut sich ihm mutig entgegenzutreten und der Sache Einhalt zu gebieten. Sieh mich an. Die Todesstrafe, nur weil ich drei Frauen mein Eigen nenne und mir mein Planet das Recht gibt, nach belieben eine zu verspeisen. Für meine Frauen ist das eine große Ehre, für den Rat eine Straftat.“ Mia war eindeutig erbost. „Ist das Gerechtigkeit?“

Okkupai schnatterte zustimmend und verdrehte die Augen. „Nein. Das ist es nicht. Ich werde in die Hinrichtungskammer geschickt, weil ich aktiv gegen natürliche Fortpflanzung bin. Ich meine, da sind die Risiken doch viel zu groß. Was da alles schief gehen kann. Alleine die Evolution. Ich kenne Spezies, die haben sich einfach schrecklich entwickelt.“

Die beiden nickten sich stumm und zustimmend zu, in ihrem gemeinsamen Leid vergessend, dass Tandorianer und Rizoraner seit mehr als dreißig Jahren einen erbitterten Krieg gegeneinander führten.

„Und was hat er ausgefressen?“ fragte Mia und nickte mit seinem Horn in eine Ecke der Zelle, in der ein weiterer Gefangener seinem Schicksal harrte. Schlank, hochgewachsen, mit einem vielblättrigen grünem Haarschopf. Die Ketten lagen um seine Biokapsel, die bis zum Rand mit Nährstoffboden gefüllt war und in die sich die Wurzeln des Gefangenen tief vergruben.

„Ein besonders harter Bursche“, erklärte Okkupai. „Niemand kennt seine Spezies. War Passagier auf einem Raumpiratenschiff der Nitratiten. Soweit ich weiß, hat er die Aussage verweigert und dadurch den Zorn des RdR auf sich gezogen.“

Mia schnaubte respektvoll. „Mutig, mutig. Hey, Kumpel. Was für eine Spezies bist du?“

Keine Antwort, noch nicht einmal der Hauch einer Reaktion. Stattdessen antwortete Okkupai nach einigen Sekunden stellvertretend: „Weiß niemand. Sturer Kerl, sagt nicht ein Wort. Er heißt Ficus. Das stand jedenfalls auf seinem Ausweis an der Biokapsel, als sie ihn festnahmen. Sonst nichts. Keine Herkunft, kein weiterer Name, keine ID oder ähnliches.“

„Verdammt mysteriöser Knabe.“ Mia drückte sich gegen die Wand. Ein Schauer überlief den Rizoraner. „Wer so schweigt – ich mag mir kaum vorstellen, was für Verbrechen er begangen hat.“ Mia schluckte. „Nichts für ungut, Ficus. Kein böses Blut zwischen uns, in Ordnung?“

Ficus schwieg und seine beiden Mitgefangenen wussten nicht, ob das gut oder schlecht war. Seine ignorierende, abweisende Art erschreckte sie.

Der plötzliche, schiffsweite Alarm riss Mia und Okkupai aus ihren Gedanken. Etwas war geschehen. Ein schrilles Pfeifen erfüllte die Zelle und das grüne Notlicht entflammte über der Türe.

„Was hat das zu bedeuten?“ schrie Okkupai erschrocken auf und seine Augen zogen sich tief in die Augenhöhlen zurück. „Bei den Göttern von Tharuni und den Götzen von Kababis, wir werden alle sterben!“

Da ging auch schon ein heftiger Schlag durch das Raumschiff und Schwerelosigkeit trat ein. Das schürte bei Mia und Okkupai besondere Angst, denn sie wussten genau, dass das, unter anderem, ein Zeichen für den Ausfall des Trägheitsdämpfers war.

Schon geriet das Raumschiff ins Trudeln und mit beachtlicher Geschwindigkeit nahm die Schwerkraft wieder zu, wurden die drei Gefangenen auf den Boden gepresst und der Innenraum der Zelle immer heißer.

„Wir stürzen ab!“ schrie Mia und versuchte sich irgendwo festzuhalten.

Okkupai spritzte panisch aus allen möglichen Drüsen wohlduftende Sekrete, um eventuelle Fressfeinde friedlich zu stimmen, während nur Ficus die Ruhe behielt und stoisch sein Schicksal erwartete.

Er war es auch, der Jahre später, als einziger Überlebender, an der Absturzstelle stand und mehr als zwanzig Meter über den Erdboden aufragte, sich verzweigte und auf seine Nachkommen hinabblickte, die um einiges kleiner, aber ebenso emsig bei der Sache waren, den neuen Planeten zu erobern. Kleine, wespenartige Kreaturen krochen in die Blüten hinein und wieder heraus. Einst war ihnen Ficus als Bedrohung erschienen, doch dann hatten sie den wohlschmeckenden Charakter erkannt, der von ihm Ausging.

Es war eine stille und ruhige Invasion, die Ficus angestrengt hatte. Aber dennoch eine sehr erfolgreich. Und wer genau hinhörte, konnte ein zufriedenes Rascheln im Wind vernehmen.

ENDE

Copyright (c) 2013 by Miriam Kleve, all rights reserved

Bildrechte: Coverillustration “Invasionsgeschichten1.jpg ” () © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

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Updated: 2. Dezember 2013 — 22:14

2 Comments

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  1. Und was ist mit Ficusblätter-Tee? 🙂

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