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STERN (5) – Eine Fantasygeschichte von Günther K. Lietz

STERN

Eine Fantasygeschichte
von
Günther K. Lietz

(zurück zu Kapitel 4)

Kapitel 5: Die Stimme

Grasmann hatte mit Goldzahn erfolgreich Geschäfte gemacht. Beide waren sehr zufrieden und sprachen dem Wein gut zu. Sandfels hielt jeden Morgen eine Gebetsstunde ab, dann kümmerte er sich um Wüstenhauch. So vergingen viele Tage, in denen Wüstenhauch genug Zeit hatte über die Stimme nachzudenken. Sie war sich sicher eine Aufforderung bekommen zu haben, nur von wem? In ihrem Inneren wusste sie, dass kaum noch Zeit war, das irgendetwas sie drängte. Aber die Vernunft hielt sie zurück einfach loszumarschieren. Sollte sie ihrem Herzen oder ihrem Kopf vertrauen? Wüstenhauch wusste es nicht und ihre beiden Freunde waren keine große Hilfe. Grasmann war andauernd berauscht und Sandfels schien freundlich, aber etwas schien nicht zu stimmen.

Wüstenhauch wartete eines Morgens Sandfels Gebetsstunde ab und schlich sich zum Hinterhof hinaus. Sie trug leichte Kleidung und hatte beide Dolche in den weiten Ärmeln der bunten Tunika verborgen. Ihr Weg führte sie zum Zirkus, der seit dem Attentat auf den Großkanzler geschlossen war. Aber genau hier glaubte sie einige Antworten zu finden. Sandfels hatte ihr verboten mit Grasmann über den Vorfall zu sprechen und es auch strikt abgelehnt jemals wieder den Zirkus zu besuchen oder dort vorstellig zu werden.

Am Eingang stand der Hüne, den Wüstenhauch schon gesehen hatte. Er trug einen dicken Mantel über den nackten Schultern und wirkte bei Tageslicht nur halb so imposant wie Abends im Lampenlicht. Der Mann war damit beschäftigt Feuerholz für den bevorstehenden Winter zu spalten. Als er auf Wüstenhauch aufmerksam wurde, balancierte er die Axt auf der Schulter und wartete still ab, was weiter geschah.

„Sei gegrüßt“, begann Wüstenhauch und versuchte zu lächeln. Doch das grimmige Gesicht ihres Gegenübers machte es ihr schwer. „Ich bin Wüstenhauch. Bei der letzten Vorstellung war ich auch hier.“

„Ich weiß“, erklärte der Hüne. „Mein Name ist Kay. Wie kann ich dir helfen?“ Sein Gesicht wurde um keinen Deut freundlicher.

„Nun, ich weiß nicht recht wie ich anfangen soll. Du erinnerst dich sicher an den Großkanzler und diese fiesen Meuchler. Weiß man schon wer sie geschickt hat?“

„Nein. Und was geht dich das überhaupt an?“

„Ich habe bei euch kleine Männer gesehen. Gehören sie einem eigenen Volk an?“ fragte Wüstenhauch unsicher.

„Weiß ich nicht. Was hat das eine mit dem anderen zu schaffen?“

„Wärst du an meiner Stelle wüsstest du es, aber du bist ja nicht an meiner Stelle.“ Sie versuchte zu lächeln. „Ich bin auf der Suche nach dem Kleinen Volk. Und vielleicht hat das eine mit dem anderen tatsächlich zu tun.“

Kay blickte eine Spur grimmiger und schnaubte wütend aus der Nase. „Wer bist du, dass du mir solche Fragen stellst?“

„Jemand sehr neugieriges der langsam die Geduld verliert. Gibst du mir für Gold Auskunft?“

„Nein.“

Wüstenhauch war es nicht gewohnt das man sich lange ihren Wünschen oder ihren Fragen widersetzte. Das Fragespiel ermüdete sie langsam. „Was muss ich tun damit du endlich wie ein Wasserfall plauderst?“ fragte sie zornig wie ein Kind.

„Es gibt nichts.“

„Verdammt noch mal, ich will endlich ein paar Antworten!“ fauchte Wüstenhauch und blickte ihn wütend an. „Entweder du redest oder ich steche dich ab wie ein Schwein!“ Im gleichen Moment wurde ihr klar das Kay nicht nur größer sondern auch stärker war. Sie bereute ihre Worte augenblicklich, aber es war zu spät, um das Gesprochene wieder zurückzunehmen.

Kay begann plötzlich zu grinsen. „Ich mag wütende Frauen. Es gibt nicht viele Frauen die sich trauen mich anzuschreien.“

„Dann sagst du mir jetzt was ich wissen will?“

„Nein.“

Der Mann war zum Verzweifeln, fand Wüstenhauch und starrte ihn mehrere Sekunden wortlos an, bis sie sich wieder gefasst hatte. „Wann macht denn der Zirkus wieder auf?“ fragte sie honigsüß.

„Vielleicht in vier Wochen.“

„Und warum dauert es so lange?“

„Der Hauptmann der Wache sucht noch Spuren in der Halle.“

„Spuren in der Halle? Du weißt also von dem Attentat. Weißt du auch, dass einer eurer Gäste den Großkanzler gerettet hat?“

„Der Großkanzler wurde von dem Priester gerettet. Wir haben dem Priester viel zu Danken.“

Wüstenhauch war verdutzt. „Der Priester?“

„Die ganze Stadt redet davon. Der Großkanzler hat sich mit einer weißen Stute für diesen Dienst bedankt. Wir haben dem Priester viel zu danken.“

Irgendwie klangen die Worte wie einstudiert. Wüstenhauch grübelte darüber nach. Sie kannte politische Winkelzüge von ihrem Vater her, aber das politische Ränkespiel hatte sie nie gekümmert. Sklaven zu kommandieren war ihr wichtiger vorgekommen. Wobei dort auch der ein oder andere Sklave Intrigen gesponnen hatte. Vielleicht war die Welt kleiner als sie dachte. Oder die Menschen ähnelten sich alle. „Du sagst nur das was du sagen sollst. Oder?“

Kay grinste breit. „Ist das so offensichtlich?“

„Nur für jemanden, der sich mit Lügen auskennt. Ich kann aber gut raten. Das kommt auf das gleiche hinaus. Wisst ihr Leute was wirklich passiert ist? Also, wer den Großkanzler gerettet hat?“

„Von der Bühne aus kann man viel sehen, obwohl jemand die Lampen verlöschen ließ.“

„Alle Lampen auf einmal. Wie wurde das gemacht?“

Kay zuckte nur mit den Schultern.

„Kennst du jemanden der zum Kleinen Volk gehört?“

„Vielleicht.“

„Darfst du darüber auch nicht reden?“

„Vielleicht.“

„Würde Gold deine Zunge lockern?“

„Vielleicht.“

„Du raubst mir meinen Verstand!“ fauchte Wüstenhauch und schlug sich gegen den Kopf.

„Bestimmt“, grinste Kay. Ihm machte das Spiel offensichtlich Spaß.

„Willst oder kannst du mir nicht helfen?“

„Das weiß man bei ihm nie“, rief eine grelle, kauzig klingende Stimme. Einer der kleinwüchsigen Clowns sprang hinter dem Holz empor. „Ich bin Stumpf. Unterhalter und Witzehändler, Dieb und Illusionist, Akrobat und Freund!“, rief er aus und machte einen Überschlag, der seine bunte Gewandung zum Flattern brachte.

„Noch einer von euch. Bist du genau so umgänglich wie dein Freund der Riese?“

„Aber nein. Mit mir kommt man besser aus. Ich gehorche nicht dem Befehl des Hauptmanns. Ich gehorche nur mir. Ich bin ich.“

„Gut. Dann kannst du mir sicher sagen wo ich das Kleine…“ Wüstenhauch stockte. „Du gehörst zum kleinen Volk? Damit sind Kleinwüchsige gemeint. Verkrüppelte Menschen wie du einer bist“, rief sie erfreut aus. „Man sieht es ja ganz deutlich.“

Stumpf blickte gespielt beleidigt zu Wüstenhauch auf. „Verkrüppelt? Das zu hören macht mich traurig. Aber vielleicht hast du recht.“

„Schon wieder dieses Wort. Vielleicht habe ich keine Lust mehr auf vielleicht. Vielleicht werde ich dich aufschlitzen wenn du mich ärgerst.“

„So mutig gegen einen Zwergen wie mich?“ jammerte Stumpf, sprang nach vorne und schnaubte Rotz in Wüstenhauchs Tunika. „Entschuldige, das musste raus.“

Angewidert stieß Wüstenhauch Stumpf zurück. „Was fällt dir ein? Ich werde dir zeigen wen die Sonne sticht!“

„Brauchst du das dafür?“ fragte der Zwerg unschuldig und zeigte ihre zwei Dolche vor. „Die fand ich zufällig in deiner Kleidung.“

In diesem Augenblick bekam Kay einen Lachanfall und schüttelte sich. „Das ist zu komisch, Stumpf. Zu komisch.“

„Gib mir meine Waffen zurück!“, befahl Wüstenhauch energisch. „Sofort!“

„Und wenn mich dann die Sonne sticht?“ fragte Stumpf sichtlich amüsiert und jonglierte mit den Dolchen. „Na gut.“ Er fing die Dolche wieder auf und reichte sie Wüstenhauch hinüber. „Warum suchst du das Kleine Volk?“ fragte er unvermittelt ernst.

„Das zu erklären ist etwas schwer. Jemand hat mich gebeten das Kleine Volk zu suchen. Warum weiß ich nicht.“

„Gut, du hast mich gefunden. War das alles?“

„Ich – ich glaube nicht. Aber ich weiß nicht was ich weiter machen soll.“

„Das wird ja immer schöner“, mischte sich nun Kay wieder ein. „Du stellst nur Fragen und weißt gar nicht was du willst. Glaubst du wir haben unsere Zeit gestohlen?“

Stumpf blickte zu Kay hoch und grinste. „Der Scherz war gut, mein Freund. Wirklich gut. Zeit gestohlen – das werde ich mir merken.“

„Ich – ich habe einen Freund. Er ist der Träger Sterns“, versuchte Wüstenhauch einen erneuten Versuch, um weiterzukommen. Erst hatte sie die Stimme auf eine Suche geschickt und nun schwieg die Stimme. Vielleicht war es doch nur Einbildung.

Der Zwerg blickte Wüstenhauch erschrocken an. „Stern? Sei ruhig. Flüstere nicht einmal. Ich weiß was du willst. O ja, ich weiß es. Aber sei bloß still.“

„Du weißt was ich will?“

„Unsere Ahnen geben von Generation zu Generation eine Geschichte weiter. Sie handelt von dem mächtigsten Schwert dieser Welt.“

„Erzähl sie mir“, bat Wüstenhauch voller Neugierde.

„O je, das kann ich nicht“, sagte Stumpf traurig.

„Du kannst nicht?“

„Siehst du, ich bin schon lange von meinem Volk getrennt. Eigentlich habe ich nie bei ihm gelebt. Ich bin früh zum Zirkus gekommen und habe hier viel Spaß. Der Zirkus ist meine Familie, aber niemand hier kennt die Geschichte vom Schwert. Niemand.“

„Und die anderen Krüppel?“

Stumpf trat Wüstenhauch gegen den Knöchel, so das sie aufschrie. „Schon wieder dieses böse Wort. Aber es stimmt, die anderen sind Krüppel. Aber ich nicht.“

„Unter den Blinden ist der Einäugige König“, erklärte Kay. „Er hat es mir erzählt.“

„Das stimmt. Das mit dem König meine ich“, fügte Stumpf hinzu. „Es liegt in meinem Blut, dass ich klein bin. Es ist meine Art. Aber die anderen sind einfach passiert. Deswegen sind sie neidisch. Sie wissen, dass ich besser bin. Aber sie leben damit. Sehr gut sogar. Aber nur der Zirkus weiß es.“

„Was, verdammt noch mal?“ hakte Wüstenhauch ungeduldig nach. „Was?“

„Das Kleine Volk lebt Abseits der Menschen. In tiefen Stollen. Weit weg von hier. Wir sind alle klein, aber wir können auch im Dunkeln sehen. Das ist der Unterschied. Wir passieren nicht einfach. Das Kleine liegt uns im Blut. Ich weiß, dass wir von den Boten der Götter abstammten. Aber das ist lange her.“

Wüstenhauchs Gesicht hellte sich auf. „Dann ist es wirklich der Priester der mir helfen kann. Sandfels hat in seinem Glauben recht.“

„Nein!“ schrie Stumpf auf und wurde sofort leiser. „Pass auf was du sagst. Die Priester haben ihre Ohren überall. Ihre Augen sehen was verborgen bleiben muss. Sie sind böse. Denn sie lieben die Macht. Zu spät haben sie gesehen, dass die Armen noch mehr sehen als sie selbst.“

„Das hat die Bettlerin auch gesagt., sagte Wüstenhauch, aber mehr zu sich selbst als zu den beiden Männern. „Aber ich kann nicht glauben das die Priester so schlimm sind.“

„Glaube kann in die Irre führen. Aber er kann auch stärken und den Weg zeigen.“

„Das alles sei dahingestellt. Aber wer kann mir nun die Geschichte des Schwerts erzählen?“

„Der König des Kleinen Volks. Ihn musst du suchen.“ Die Stimme des Zwergs war nur noch ein dramatisches flüstern.

„Und wo finde ich ihn?“

„Keine Ahnung“, erklärte Stumpf und machte einen Überschlag nach hinten. „Zeit gestohlen. Das ist gut.“ Er sprang hinter das Holz und verstummte.

Wüstenhauch setzte ihm nach. Doch dort wo der Zwerg hätte stehen müssen war nur matschiger Boden. „Wo ist er hin?“

„Er kennt viele Tricks um den Geist zu verwirren“, erklärte Kay.

„Aber was soll ich nun tun?“

Kay zuckte mit den Schultern. „Es gibt in der Stadt noch einen seiner Art. Stumpf hat mir von dem Mann erzählt. Er heißt Grell und besitzt ein Gasthaus am Hafen. ‚Zum Freund‘ heißt es wohl. Vielleicht findest du dort einige Antworten. Ich selbst war dort noch nie.“

„Danke für deine Auskunft.“ Wüstenhauch zog eine Münze aus der Tasche und warf sie Kay zu. „Für deine Dienste.“

Die Münze prallte gegen die breite Brust des Hünen und fiel zu Boden. „Ich habe dir aus Gutmütigkeit geholfen. Ich bin kein Angestellter oder Bettler der eine Bezahlung oder einen Almosen verlangt.“

„Dann soll sich der Abschaum um das Geld kümmern“, erklärte Wüstenhauch herablassend und ging.

Die letzte Hafenkneipe die sie besucht hatte war ein sehr gefährlicher Ort. Deswegen beschloss sie Grasmann und Sandfels um Hilfe zu bitten. Die beiden Männer wollten anfangs nicht, vor allem da Wüstenhauch ihnen beharrlich den Grund verschwieg, was sie in diesem einem bestimmten Gasthaus wollte. Trotz einigem hin und her sagten die Männer dann doch ihre Begleitung zu und gemeinsam ging es in den Hafen. Wüstenhauch hatte bis zum Abend warten wollen, doch Sandfels war überzeugt, dass ein Besuch zur Mittagszeit sicherer war.

Das Gasthaus ‚Zum Freund‘ war ein dreistöckiger Schuppen der schon viele Stürme kommen und gehen sah. Ein im Wind wankendes Holzschild wies das Gasthaus als beste Unterkunft vor Ort aus, aber Grasmann bezweifelte das es zutraf.

Als die drei den Schankraum betraten waren keine Gäste da. Zwei junge Frauen, wohl die Schankmädchen, fegten den Boden und streuten sauberen Sand aus. Als sie die frühen Besucher bemerkten hielten sie in ihrer Arbeit inne und schienen zu warten was verlangt wurde.

Da weder Sandfels noch Grasmann den Grund ihres Hierseins kannten ergriff Wüstenhauch das Wort: „Ich will zu Grell. Ein Freund schickt mich.“

Grasmann und Sandfels blickten sich verwundert an, wusste doch niemand auf was für einen Freund Wüstenhauch anspielte. Doch die beiden Männer schwiegen.

„Grell war die ganze Nacht unterwegs. Er schläft noch. Kommt heute Abend wieder, wenn er wach ist.“

„Die Angelegenheit duldet keinen Verlust an Zeit. Weck ihn. Ich will nur kurz mit ihm reden, mehr nicht.“

„Ich weiß nicht ob ich…“

„Tu was ich dir gesagt habe, Frau!“ befahl Wüstenhauch ärgerlich. „Ich habe es eilig.“

Die Frau funkelte ihr Gegenüber wütend an. „Du hast mir nichts zu befehlen, Fremde. Hau ab und komm wieder wenn auch die anderen Gäste da sind. Für jemanden wie dich werde ich Grell nicht aus dem Schlaf schrecken.“

„Das reicht!“ rief Sandfels aus und trat einen Schritt vor. „Meine Freundin weiß sich zwar nicht zu benehmen, aber ihr ebenfalls nicht. Ich selbst will auch schnell weiter. Also beeilt euch“, erklärte er, „oder ich töte eure Kollegin.“ Mit diesen Worten zog er seine beiden Schwerter. „Hol nun diesen Grell oder du wirst Blut aufwischen!“

Die beiden Frauen wurden blass. „Nur einen Augenblick“, hauchte die Schankmagd und rannte zur Treppe, um nach oben zu verschwinden.

„Ich hoffe der Anlass ist den Ärger wert“, knurrte Sandfels.

Es dauerte nicht lange und ein verschlafener Mann von geringer Körpergröße kam langsam die Treppe hinunter. Er trug ein dickes Nachthemd und eine bunte Schlafmütze. Er gähnte als ginge in seinem Gasthaus alles mit rechten Dingen zu und blickte seine Besucher gelangweilt an. „Was wollt ihr, dass es rechtfertigt meine Angestellten zu erschrecken?“

Wüstenhauch musterte den Mann kurz. „Du bist Grell? Kay hat mir deinen Namen genannt.“

„Kay? Ich dachte immer er sei verschwiegen. Aber für eine Nacht mit dir würde ich auch einiges ausplaudern, Schönheit. Was willst du nun von mir? Ich bin müde und will schnell ins Bett.“

„Ich will die Geschichte des Schwerts hören. Kennst du sie?“

„Jeder des Kleinen Volks kennt diese alte Geschichte. Aber was willst du damit? Du gehörst nicht zu dem Kleinen Volk.“

„Das weiß ich selbst. Aber ich will sie hören.“

„Aber ich will sie dir nicht erzählen.“

„Sag ihr was sie hören will!“ befahl Sandfels und schwenkte drohend seine Schwerter in Richtung des Zwergs. „Sofort!“

„Ich lass mir nicht drohen, Fremder. Von niemandem. Dazu bist du auch gar nicht in der Lage.“

„Ist dir dein Leben so wenig wert?“

„Ich habe so viele Jahre auf meinem alten Buckel, dass ich sie gar nicht mehr zählen kann. Glaubst du ernsthaft das ich noch sehr am Leben hänge? Ich, der von den Großen Krüppel genannt wird?“

„Dann werde ich einen anderen finden der diese Geschichte kennt.“

„Niemand kennt sie. Nur mein Volk. Und wenn du mich tötest dann ist das auch vorbei.“

„Dein Volk?“ fragte Sandfels verwundert.

„Er gehört zum Kleinen Volk“, erklärte Wüstenhauch. „Das Kleine liegt ihnen im Blut. Sie haben sogar einen König. Und der kennt diese Geschichte ebenfalls.“

„Also kann ich dich töten ohne die Geschichte zu verlieren“, grinste Sandfels überlegen. „Dein Pech, mein Glück.“

„Ich bin der letzte der diese Geschichte kennt“, erwiderte Grell und grinste schadenfroh zurück. „Nun bis du der Mann mit dem Pech und ich derjenige mit dem Glück.“

„Wenn er der Letzte ist der diese Geschichte kennt muss er der König dieses Volks sein“, mischte sich Grasmann plötzlich ein. „Oder nicht?“

„Gut geraten, Großer.“ Grell lachte laut auf. „Du bist gar nicht auf die Nase gefallen.“

„Dann erzähl mir die Geschichte des Schwerts“, sagte Wüstenhauch. „Es ist für mich wichtig.“

„Mag sein, mag nicht sein.“

„Wenn wir dich nicht zwingen können, dann gibt es sicherlich einen Preis für den du mir sagen wirst was ich wissen will. Nenn ihn mir.“

„Der Preis ist viel zu hoch als das du ihn bezahlen könntest.“

„Vielleicht kann ich es doch.“ Grasmann lächelte gerissen.

„Dann gib mir mein Volk zurück.“

„Dein Volk?“

„Wir lebten viele Jahre in Frieden in unserem kleinen Königreich. Das Kleine Volk wurde von den Göttern selbst erschaffen. Aber es gab so viele Große die uns zwar als ihresgleichen ansahen, aber als verkrüppelt und somit minderwertig betrachteten. Die jungen Leute wollten deswegen weg und verließen das Reich. Das war der Anfang vom Ende. Es waren harte Jahre, die wir nicht überstanden. Ich nahm meine Krone, hängte sie an den Meißel und ging ebenfalls. Was soll ein König ohne Volk denn auch sonst machen? Eben.“

„Ihr könnt euch doch sammeln und in euer Reich zurückkehren“, schlug Wüstenhauch vor.

„Es gibt nur noch wenige von uns. Wir haben uns mit den Großen vermischt und dadurch unseren Untergang herbeigeführt. Das Kleine Volk bestand nie aus vielen Leuten. Es gibt uns nicht mehr. Und man will uns gar nicht. Für die Großen sind wir nur Krüppel. Oder siehst gerade du das anders?“

Wüstenhauch war versucht zu lügen, aber sie konnte es nicht. „Es stimmt.“

„Wenigstens bist du ehrlich. Aber die Geschichte des Schwerts kann ich dir nicht erzählen.“

„Warum nicht? Soll die Überlieferung mit dir sterben? Ist das von den Göttern so gedacht worden?“

„Nein, das nicht. Aber die Geschichte darf nur dem wahren Träger Sterns erzählt werden. Darauf warten wir schon lange, aber der Träger kam niemals zu uns. Uns jetzt gibt es nur noch mich, der die Geschichte kennt. Und wenn ich sterbe wird der Träger meinen Worten niemals lauschen können.“

„Sieh, ich trage Stern!“ rief Sandfels aus und zeigte das Schwert vor. „Erzähl mir die Geschichte.“ Sandfels war sich sicher das etwas Wichtiges seinen Anfang genommen hatte. Etwas, das auch Dunkelfreund erfahren musste. Der Zwerg durfte sein Wissen noch nicht mit in den Tod nehmen.

Grell blickte Sandfels in die Augen und kicherte. „Lügner!“ fauchte er plötzlich. „Willst du mich beleidigen? Nicht nur die Geschichte wurde weitergegeben, sondern auch woran man den Träger erkennt. Du bist es nicht.“

„Aber ich bin es“, sagte Wüstenhauch und sah dem Zwergen unverwandt ins Gesicht. „Oder willst du mich auch als Lügner beschimpfen?“

Grell stutzte, dann ging ein Leuchten über sein Gesicht. „Du bist es wirklich. Du bist es wirklich.“

„Dann erzähl mir die Geschichte.“

„Nicht hier“, sagte Grell entschlossen. „Folge mir in meine Gemächer.“

„Ich werde sie begleiten“, warf Sandfels ein. „Ihr Leben steht unter meinem Schutz.“

„Nein, ich werde alleine gehen“, widersprach Wüstenhauch.

„Aber…“

„Kein aber. Du bleibst mit Grasmann hier unten und passt auf, dass wir nicht gestört werden.“

„Wenn du wirklich willst“, knurrte Sandfels enttäuscht. „Pass bloß auf dich auf.“

„Das werde ich.“ Wüstenhauch folgte Grell nach oben.

Die Gemächer des Zwergs waren mit kleinen, einfachen Möbeln eingerichtet. An einer Wand hingen mehrere kunstvoll geschmiedete Schwerter, Schilde und Rüstungsteile, die offensichtlich für das Kleine Volk gemacht waren.

„Setz dich“, sagte Grell und öffnete eine schwere Truhe. Er nahm eine einfache Eisenkrone heraus, die einem Metallreif ähnelte. „Das ist das Zeichen des Königs. Wenn er mit dem Träger zusammentrifft werden die Götter sprechen. Nach langer Zeit zum ersten mal.“ Grell legte die Krone auf den Tisch. „Und nun werde ich die Geschichte erzählen, damit du verstehst was zu tun ist.

Vor langer Zeit kamen die Götter mit ihren Tempeln. Sie schufen das Kleine Volk als ihre Diener und Herolde, das Große Volk als ihre Diener und Kinder und das Schlank Volk als ihre Diener und Freunde. Doch Streit entbrannte zwischen den Göttern, denn sie waren sich uneinig. Damit ihre Diener nicht leiden sollten, nahmen sie ihre Tempel und verschwanden vom Antlitz der Welt, bis es bessere Zeiten gäbe.

Sie ließen dem Kleinen Volk das Wissen, dem Großen Volk das Schwert der Sterne und dem Schlanken Volk den Glauben. Für die Dauer von zehn Generationen sollte das Schwert weitergereicht werden, bis es sich mit dem Wissen und dem Glauben vereinen sollte. Das ist alles.“

„Das ist alles?“ wiederholte Wüstenhauch enttäuscht.

„Das ist alles.“

„Zehn Generationen…“, murmelte Wüstenhauch Gedankenverloren. „Stern wird schon seit Anbeginn der Zeit weitergegeben. Das sind weitaus mehr als zehn Generationen.“ Sie war entsetzt.

Grell nickte traurig. „Ich weiß. Deswegen ist viel von dem Wissen verloren gegangen. Wir wurden immer weniger und verloren das Vertrauen in die Götter. Irgend etwas geschah. Erst jetzt gelangt das Wissen zum Schwert. Der Glaube“, Grell zuckte mit den Schultern, „ist verloren. Ich weiß nichts vom Schlanken Volk. Mit meinem Onkel starb auch dieses Wissen.“

„O nein. Ich wollte Stern nicht. Und nun wird es immer schwerer das Rätsel zu lösen. Ob Schattenklinge das wusste?“

„Ich habe sie gesucht, aber nie gefunden. Schattenklinge dachte wohl jeder wolle ihren Tod, um Stern zu erhalten. Sie hat meine Boten immer getötet, bis ich es aufgab Kontakt zu suchen.“

„Und nun?“

„Woher soll ich das Wissen? Mein Teil ist getan.“

Wüstenhauch blickte zur Krone. „Sie gehört dir. Du musst wissen was zu tun ist.“

„Ich weiß es aber nicht. Versuch einfach dein Glück.“

„Gut“, nickte Wüstenhauch und griff vorsichtig nach vorne, um die Krone zu greifen. Kaum hatte sie das warme Eisen berührt, durchströmte sie ein angenehmes Kribbeln. „Es scheint etwas zu geschehen.“

Im Zentrum des Rings bildete sich ein kleiner Zylinder aus weißem Nebel. In diesem Nebel stand ein Mann. Hochgewachsen, mit einem ovalen, haarlosen Kopf, dem selbst die Augenbrauen fehlten. Ein glatter silberner Umhang umfloss den schlanken Körper des Manns. Als das kleine Abbild plötzlich zu sprechen begann, zuckten Wüstenhauch und Grell erschrocken zusammen, trauten sich aber nicht zu bewegen.

„Ihr habt den Schlüssel gefunden und zusammengefügt, um unsere Gefangenschaft zu beenden. Das bedeutet es sind zehn Generationen vergangenen und euch, unseren Kindern, droht keine Gefahr mehr. Die Herolde führen, die Kinder begreifen und die Freunde helfen, so war es gedacht, so soll es geschehen. Eilt nun zusammen nach Sterntor und weckt uns aus dem langen Schlaf. Ohne unsere Führung hattet ihr eine schwere Zeit, doch dies ist endlich vorbei. Eilt euch, denn jede Minute ist kostbar.“

Die Stimme erstarb und der Mann verschwand. Wüstenhauch und Grell blickten ehrfürchtig auf die Krone. Sie standen viele Minuten nur stumm da, bis Wüstenhauch die Sprache wiederfand: „Das muss ein Gott gewesen sein.“

„Ja, sicher. Ich habe noch nie so etwas wunderbares gesehen. Kannst du ihn nochmals rufen?“

„Ich versuche es.“ Wüstenhauch griff erneut nach vorne, doch nichts geschah. „Vielleicht schläft er wieder?“

„Was machen wir jetzt?“ fragte Grell.

„Das was der Gott verlangt hat. Wir wecken die Götter.“

„Aber wie? Dafür brauchen wir jemanden vom Schlanken Volk.“

„Dich habe ich auch schnell gefunden.“

„Das Schlanke Volk hat sich nie unter die Menschen gemischt. Sie hielten sich für was besseres. Als wir zuletzt einen von ihnen trafen war ich noch nicht einmal geboren. Und wir leben sehr lange. Das liegt uns im Blut.“

„Dann reisen wir nach Sterntor und versuchen alleine unser Glück.“

„Und wo liegt Sterntor? Ich habe von diesem Ort nie gehört.“

Wüstenhauch blitzte Grell erbost an. „Du stellst nur Fragen auf die es keine Antworten gibt. Wir müssen mit den Priestern reden. Immerhin sind sie die Freunde der Götter, also das schlanke Volk.“

„Irrtum, die Priester sind die Diener der Götter, also gehören sie zum Großen Volk. Sie sind das Schwert und können auch ins eigene Fleisch schneiden. Ich vertraue den Priestern nicht.“

„Merkwürdig, entweder hasst man die Priester oder man liebt sie“, murmelte Wüstenhauch.

„Sie sind wie alle anderen Menschen auch. Sie wollen nur Macht.“

„Nicht alle Menschen sind so, Krüppel.“

„Deine freundliche Art schlägt wieder durch, Mädchen.“

„So bin ich nun mal.“

Grell dachte einen kurzen Augenblick nach, dann nickte er bedächtig. „Es gibt einen Ort wo wir vielleicht die Lösung finden. Aber ich kann dich nicht begleiten. Nur du und deine Freunde dürfen zu diesem Ort.“

„Warum kannst du uns nicht begleiten?“ fragte Wüstenhauch. „Wir brauchen dich. Du weißt so vieles.“

„Nicht so viel wie du glaubst. Ich kann dir nicht sagen warum ich diesen Ort meide. Aber wenn ihr ihn erreicht, wirst du es wissen.“

„Was ist das für ein Ort?“

„Es ist ein alter Tempel der Götter.“

„Ein Tempel der Götter? Dann müssen wir uns doch mit den Priestern abgeben.“

„Nein, denn sie wissen nicht, dass dieser Tempel existiert. Er steht schon seit das Kleine Volk denken kann. Wir haben niemandem etwas verraten, denn in dem Tempel schläft ein Gott. So jedenfalls berichtet es die Legende. Es ist der Tempel der Vergangenheit. Dort sollen angeblich alle Fragen unserer Ahnen eine Antwort gefunden haben. Steinhaut reiste einst zu diesem düsteren Ort und kehrte nie zurück. Deswegen meiden wir den Tempel. Ein Fluch liegt auf ihm.“

„Deswegen kannst du nicht mit uns kommen?“

„Nein, ich habe keine Angst vor so einem Fluch. Es hat andere Gründe, die ich nicht nennen will.“

„Dann behalte sie für dich“, sagte Wüstenhauch trotzig. „Sag mir lieber wo ich den Tempel finde.“

„Der Tempel der Vergangenheit liegt weit im Norden. Die letzte Siedlung in diesem Gebiet ist Eisstein. Aber ihr müsst noch weiter gehen. In den namenlosen Bergen liegt der Tempel verborgen.“

„Kein Wunder, dass ihr so klein seid. Das kalte Klima kann euren Gliedern nicht bekommen.“

Grell grinste breit. „Du kannst es nicht sein lassen, Mädchen. Aber das gefällt mir irgendwie an dir. Du weißt nicht viel von der Welt, aber das stört dich nicht. Du fällst deine Entscheidungen aus dem Bauch heraus. Vielleicht ist das der Schlüssel zum Erfolg. Immerhin bist du weitergekommen als jeder andere Träger Sterns es je vermochte. Wir beide haben einen Gott gesehen. Das kann nicht jeder von sich behaupten.“

Wüstenhauch grinste zurück. Der Zwerg gefiel ihr langsam. Er schien sie als gleichwertig akzeptiert zu haben. „Du hast vielleicht recht. Außerdem komme ich so endlich dazu, mehr von der Welt zu sehen.“

Fortsetzung folgt

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BUCHTIPP DER REDAKTION:

Silberflügel (Roman) (Kartoniert)(Tb)
von Oppel, Kenneth

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Verlag:  Beltz GmbH, Julius
Medium:  Buch
Seiten:  352
Format:  Kartoniert
Sprache:  Deutsch
Erschienen:  Juli 2015
Auflage:  Neuauflage.
Sonstiges:  ab 12 J.
Originaltitel:  Silverwing
Maße:  297 x 210 mm
Gewicht:  340 g
ISBN-10:  3407786816
ISBN-13:  9783407786814
Verlagsbestell-Nr.:  78681

Beschreibung
Die fantastischen Abenteuer einer jungen Fledermaus, die die Wahrheit wissen will über die Geheimnisse ihrer Vorfahren und die ewige Feindschaft zwischen Eulen und Silberflügeln.

„Schatten“ gilt als der Schwächste unter den jungen Fledermäusen der Silberflügel-Kolonie. Um seinen Mut zu beweisen, wagt „Schatten“ den verbotenen Blick in die Sonne. Er bricht damit das uralte Gesetz, wonach das erste Tageslicht den Eulen gehört und zieht deren Zorn auf sich. Doch „Schatten“ rettet seine Kolonie aus höchster Gefahr und wird ihr Anführer. Und als Greif, Schattens Sohn, nach einem schweren Erdbeben verschwindet, begibt sich Schatten furchtlos auf eine neue Reise voller Abenteuer und Gefahren.

Autor
Der Kanadier Kenneth Oppel gilt als literarisches Phänomen. Er veröffentlichte sein erstes Kinderbuch, von Roald Dahl dazu ermutigt, mit 14 Jahren. Inzwischen Veröffentlichungen von zahlreichen Romanen und Drehbücher. Er lebt mit seiner Familie in Toronto.

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2 Comments

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  1. Danke. 🙂

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