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STERN (4) – Eine Fantasygeschichte von Günther K. Lietz

STERN

Eine Fantasygeschichte
von
Günther K. Lietz

(zurück zu Kapitel 3)

Kapitel 4: Religion und Zirkus

Dunkelfreund betrachtete neugierig den hageren Krieger, der vor ihm saß. Er hatte Sandfels in die große Kammer bringen lassen, wo er seine täglichen Gebete verrichtete und die Tätigkeiten der Priester plante. Die Kammer war einfach gehalten und mit schlichten roten Sitzdecken eingerichtet, der Farbe der Götter.

Dunkelfreund selbst trug eine dunkelrote Robe die fast ins Schwarze überging. Er reichte Sandfels nur bis zur Hüfte und galt als kleinwüchsig, doch das tat seiner Macht und seinem Einfluss keinen Abbruch.

Sandfels und Dunkelfreund saßen sich gegenüber. Einer der Priester hatte eine Schale mit kandierten Früchten gebracht und kühlen hellen Wein in hohe Kristallkelche eingeschenkt. Dunkelfreund konnte Wut und Verzweiflung in Sandfels‘ Augen lesen. Und das gefiel ihm. „Du behauptest also nicht der Träger Sterns zu sein. Die Schwerter seien einfache Waffen und Stern ist ein grüner Kristall, der nun im Besitz der Sklavin eines Händlers namens Grasmann ist?“

„Ja. Obwohl ich davon träumte Stern zu beschützen, habe ich ihn nicht erhalten.“

„Das hat zweifellos dein Herz verdunkelt, Sandfels. Aber es ist eine Prüfung der Götter.“

„Eine Prüfung der Götter?“ fragte Sandfels verwundert. „Also glaubt Ihr mir?“

„Natürlich. Das Geheimnis von Stern ist uns bekannt. Wir sind die Boten der Götter, warum sollten sie uns also etwas verschweigen?“ Dunkelfreund lächelte freundlich. „Gut, dass du zu uns gekommen bist. Ich kann dir helfen diese Prüfung zu bestehen. Dein Angebot uns zu helfen die Macht der Priester zu stärken ehrt dich. Doch es ist nicht nötig. Noch stehen die Händler auf Seiten des Großkanzlers, aber wie lange? Immerhin sind es die Gläubigen die ihre Waren kaufen. Du wirst sehen, bald ist Kristallhort die Stadt der Götter und Tempel. Der Großkanzler wird seine Macht verlieren und den Weg der Götter erkennen. Ebenso wie du, Sandfels. Du bist von den Göttern auserwählt Großes zu leisten.“

Sandfels sog die Worte des Priesters auf wie ein trockener Schwamm das Wasser. Alles ergab einen Sinn. Dunkelfreund war weise und so wunderte es Sandfels nicht, dass er ein Bote der Götter war.

„Ich werde dir eine Aufgabe geben, Sandfels. Du wirst Wüstenhauch folgen und sie beschützen. Du wirst dir merken mit wem sie sich trifft und was sie unternimmt. Über all ihre Handlungen musst du mir Bericht erstatten. Ich bin sicher, du findest eine Möglichkeit. Nach einer gewissen Zeit, die von den Göttern bestimmt ist, wirst du mit Wüstenhauch zu mir kommen, um endlich Stern zu erhalten. Hast du mich verstanden?“

Sandfels nickte eifrig. „Ich wusste es, die Götter sind mit mir. Meine Träume haben mich nicht betrogen. Ich werde Euren Worten Folge leisten.“

„Du darfst niemandem von unserem Treffen berichten. Ich werde dir ein Zeichen der Götter mit auf deinen Weg geben. Knie vor mir nieder.“

Freudig ließ sich Sandfels auf die Knie fallen und rutschte über dem Boden zu Dunkelfreund. Der Priester lächelte. Der Krieger erinnerte ihn an einen gut dressierten Hund und das gefiel ihm. Er hob die linke Hand und drückte seinen Siegelring auf Sandfels Stirn. „Nimm dieses Zeichen mit dir. Jeder Priester wird erkennen, dass du in meinem Auftrag handelst. Und jetzt geh.“

„Habt Dank.“ Sandfels erhob sich und verließ mit energischem Schritt die große Kammer. Ein Priester führte ihn aus dem Tempel hinaus.

Dunkelfreund sann noch einige Augenblicke über den hageren Krieger nach, dann beschloss er die anderen Tempel zu informieren. Heute waren sie dem Rätsel um Stern ein Stück näher gekommen. Sie hatten einen Teil des Geheimnis gelüftet. Wenn es ihnen gelang den Mantel der Unwissenheit ganz wegzuziehen, sollte es möglich sein alle Artefakte zu benutzen.

Doch jetzt musste Dunkelfreund dringendere Geschäfte erledigen. Der Gefangene wartete sicherlich schon ungeduldig auf seine tägliche Folter. Die Fremden waren sehr zäh und ausdauernd, aber bisher hatte in der Geschichte der Tempel jeder Gefangene orgendwann sein Schweigen gebrochen.

Als Sandfels zum Haus zurückkehrte hatten Wüstenhauch und Grasmann gerade ihr Frühstück beendet. Goldzahn war in der Stadt unterwegs und wollte sich am Abend mit ihnen treffen.

„Wo warst du?“ fragte Grasmann mit gespielter Freundlichkeit. Sandfels Verhalten war ihm in der letzten Zeit nicht mehr geheuer. Der Krieger hatte sich verändert.

„Einkaufen“, antwortete Sandfels ruppig, wurde aber sofort wieder freundlich. „Es hat sich gelohnt. Nun, was planst du weiter?“ fragte er an Wüstenhauch gewandt. „Irgendwie muss es weitergehen, oder nicht?“

„Ich weiß nicht wie es weitergeht“, erklärte Wüstenhauch. „Doch irgendwie glaube ich, dass mich Stern irgendwohin führen wird. Langsam glaube ich ihn zu verstehen“, sagte sie und fügte unsicher hinzu: „Irgendwie.“

„Nun, das ist eine gute Nachricht. Lass dich von Stern leiten, dann wird alles gut. Ich werde dir helfen. Du musst nur sagen was du brauchst, Wüstenhauch“, bot Sandfels an.

„Dein Angebot nehme ich gerne an. Ich habe von einem Zirkus gehört, den es in Kristallhort gibt. Den will ich mir ansehen.“

„Akrobaten, Schauspieler und Feuerschlucker gab es auch im Palast deines Vaters“, sagte Grasmann verwundert. „Du wirst nichts Neues sehen.“

„Aber das ist doch was ganz anderes“, fuhr Sandfels dazwischen. „Die hiesigen Schausteller sind sicher ganz anders, als die des Wüstenvolks. Wüstenhauch sollte tun was sie will, mein Freund.“

Wüstenhauch freute sich über die unerwartete Unterstützung, doch Grasmann wurde misstrauisch. Etwas musste vorgefallen sein, dass sich Sandfels plötzlich so anders gab. Und Grasmann glaubte nicht, dass es gut für Wüstenhauch war. „Gut, wenn ihr beide wollt. Ich werde aber hier bleiben und mit Goldzahn reden. Das Gold für unseren Lebensunterhalt muss ja schließlich irgendwie verdient werden. Und ich glaube, es ist eine gute Idee ein wenig Handel in Kristallhort zu treiben.“

„Und ich glaube rote Kissen und Decken werden bald in Mode kommen“, meinte Sandfels. „Nur so eine Vermutung.“ Der Krieger machte sich über den Händler lustig. Und das gefiel diesem überhaupt nicht.

Sandfels verbrachte den Tag damit, sich um Wüstenhauch zu kümmern. Er zeigte ihr einige einfache Kampfübungen und unterwies sie darin die Dolche zu werfen.

„Du lernst schnell“, meinte Sandfels und zog die Dolche aus dem Holzbalken. „Arbeite noch etwas an deiner Balance. Und versuche die Dolche nur aus dem Handgelenk zu werfen.“

„Ja.“ Wüstenhauch nickte eifrig und nahm die Dolche entgegen. „Aber erst morgen. Ich will einige von den kleinen Kuchen probieren, die Goldzahns Köchin heute morgen gebacken hat. Und dann muss ich mich noch für den Zirkus umziehen.“

Sandfels kniff verärgert die Augen zu, entspannte sich aber augenblicklich. „Wenn du willst, einverstanden. Aber bis zum Zirkus dauert es noch einige Zeit.“

„Mag sein, Sandfels. Aber ich will gute Plätze bekommen. Also werden wir früh genug aufbrechen. Du scheinst auch etwas Abwechslung gebrauchen zu können, oder irre ich mich?“

„Du hast wohl recht. Der Kampf in der Arena hat mich sehr mitgenommen. Vor allem was nach meiner Niederlage geschah. Aber ich verstehe langsam denn Sinn hinter dem Ganzen und vertraue auf die Götter. Sie werden uns auf unserem Weg begleiten und leiten.“

Wüstenhauch blickte Sandfels erstaunt an. Sie wusste, dass er an seine Träume und an die Götter glaubte. aber sie hatte nicht in Erinnerung, das sein Glaube so ausgeprägt war. Sie meinte kurz ein fanatisches Leuchten in seinen Augen zu sehen, verdrängte diese Beobachtung aber sofort wieder. „Wenn du das sagst.“

Beide gingen ins Haus, um dort den Kuchen zu probieren. Dann nahm Wüstenhauch ein warmes Bad. Der Gedanke mit Wasser so verschwenderisch umzugehen ließ sie frösteln, was wiederum eine angenehme Empfindung war. Sandfels wechselte nur seine Tunika und steckte zwei Wurfmesser ein. Er kannte den Trubel eines Zirkus von früher und wollte sichergehen, auf alles vorbereitet zu sein.

Als die Sonne hinter dem Horizont versank, machten sich beide auf den Weg zur großen Halle, wo die Schausteller ihr Können darboten. Grasmann war noch nicht heimgekehrt, aber das hatte er bereits angekündigt.

Der Zirkus war eine große Attraktion in der Stadt. Er sorgte mit seiner exotischen Umgebung für allerlei Kurzweil und hielt das Volk bei Laune. Deswegen hatte der Großkanzler sofort zugestimmt, als der Zirkus darum bat ein festes Lager aufschlagen zu dürfen. Gegen geringes Entgelt hatten sie die alte Stadthalle gekauft und umgebaut.

Die Stadthalle lag auf einem kleinen Hügel und eine gepflasterte Straße führte hinauf. Viele Bürger waren unterwegs. Feuerschlucker und Jongleure hatten sich unter die Menschen gemischt, um für eine heitere Stimmung zu sorgen. Einige Hornäffchen aus den südlichen Dschungeln waren unterwegs und wurden von ihren Besitzern angehalten, mit ihren elektrisch geladenen Hörnern kleine Blitze zu erzeugen, die bei den Leuten in nächster Umgebung ein angenehmes Kitzeln hervorriefen.

Am Eingang der Halle gab es ein großes Gedränge. Sandfels bemühte sich in Wüstenhauchs Nähe zu bleiben. Ein Hüne mit nur einem Auge wurde als stärkster Mann der Welt angepriesen und verbog dicke Eisenstangen. Zwei bunt geschminkte Frauen mit vollem Busen flankierten den Eingang und verlangten Eintritt.

Sandfels zahlte einige Münzen und betrat mit Wüstenhauch zusammen den Eingang. Er drängte sie sachte nach links zu einer breiten Treppe, die von einigen Bewaffneten bewacht wurden. „Ich habe für einen Balkon gezahlt. Lass uns dort hinauf gehen, Wüstenhauch.“

Die Treppe führte zu einem breiten Gang, in dem Räucherstäbchen für einen angenehmen Duft sorgten. Ein Dutzend Türen führten zu verschiedenen Balkons. Ein dicklicher Mann in Dienstbotenuniform arbeitet als Platzanweiser und führte Wüstenhauch und Sandfels zu ihren Plätzen. Der Balkon war mit vier bequemen Sesseln ausgestattet. Auf einem kleinen Glastisch standen einige Schalen mit gebrannten Mandeln und einem Krug Wein.

Wüstenhauch nahm Platz und Sandfels schloss die Türe. Er warf einen Blick über den unten liegenden Saal und auf die Bühne. Der Zirkus war gut besucht und Clowns sorgten mit ihrer tollpatschigen Kunst für genügend Kurzweil, bis zum Beginn der Vorstellung.

„Wer ist dieser Mann dort?“ fragte Wüstenhauch und zeigte nach rechts.

Sandfels wandte seinen Blick in diese Richtung und eine freudige Erregung nahm von ihm Besitz. Vier Soldaten umringten einen ältlichen Mann in weißer Robe, der goldene Abzeichen trug. Auf seinem schütteren Haar trug er eine einfach Silberkrone und seine Ohren waren mit Diamantnadeln durchstoßen. Es war der Großkanzler, aber das war für Sandfels unwichtig.

Neben dem Großkanzler saß Dunkelfreund. Zwar herrschte zwischen beiden Männern eigentlich eine bittere Rivalität, aber in der Öffentlichkeit zeigte man sich gerne freundschaftlich verbunden. Das gab den Bürgern Sicherheit und sorgte für eine stabile Wirtschaftslage. Nur wenige Menschen wussten, dass diese Sicherheit sehr trügerisch war.

„Der Großkanzler und der Hohepriester“, erklärte Sandfels.

„Hast du sie schon einmal gesehen?“

Sandfels zögerte einen Augenblick mit der Antwort und versuchte es dann mit einer Halbwahrheit: „Der Großkanzler ist an seiner Robe und der Krone zu erkennen. Den Hohepriester habe ich einst in einem der Tempel gesehen, als er zu den Gläubigen sprach. Der Abend ist nun bereits vollkommen. Ich muss dir danken.“

Wüstenhauch zuckte mit den Schultern und blickte auf die Bühne hinab. Die Clowns hatten sich zurückgezogen, die Tore waren geschlossen und die Arbeiter löschten so viele Lampen, bis nur noch die Bühne beleuchtet war. Mit einem Trompetenstoß begann die Vorstellung.

Zuerst traten Feuerschlucker und Tänzerinnen auf. Ihnen folgten bunt kostümierte Turner die eine Pyramide bildeten, die fast bis zur Decke reichte. Dann kamen Hellseher und Messerwerfer, Jongleure und Zauberkünstler, abgerichtete Hunde und Schlangenbeschwörer.

Wüstenhauch war von dem Geschehen auf der Bühne fasziniert, aber Sandfels dachte nur an Dunkelfreund. Wollte der Priester den Großkanzler bekehren? Oder war er gar im Zirkus um ihn, Sandfels den Krieger, zu beobachten? Immerhin kannte er nun das Geheimnis von Stern. Aber woher sollte er wissen, dass sie heute Abend im Zirkus waren? Wohl durch die Götter selbst. Dunkelfreund stand den Göttern immerhin so nahe wie kein anderer Mensch auf dieser Welt.

Plötzlich erlosch das Licht und Dunkelheit hüllte die Halle in tiefste Finsternis. „Zündet die Lampen wieder an!“ rief jemand von unten und Flüche wurden laut. Vom Balkon des Großkanzlers her waren ein leiser Schrei und würgende Laute zu hören.

Sandfels zog sein Kurzschwert und tastete nach der Brüstung des Balkons, um einen Anhaltspunkt in der Dunkelheit zu haben. Er hörte einen leisen schleifenden Ton und wusste das Wüstenhauch nun ihre Dolche bereit hielt. Sie lernt wirklich schnell, dachte Sandfels. Er machte sich zudem Sorgen um Dunkelfreund.

„Auf dem Balkon des Großkanzlers geschieht etwas“, flüsterte er Wüstenhauch zu. „Wir sollten ihnen helfen.“

„Aber wie?“

Sandfels spürte die Brüstung unter seinen Fingern. „Halte mir einfach den Rücken frei.“ Er schloss die Augen und rief sich ein Bild der Halle vors geistige Auge. Er schätzte die Entfernung ab, kletterte rechts hoch und stieß sich ab.

Der Sprung kam ihm wie eine Ewigkeit vor, dann spürte er einen Widerstand gegen seine Brust stoßen und griff mit der Hand nach vorne. Er fasste in den dicken Stoff eines Vorhangs, spürte wie ihn die Schwerkraft nach unten zog und hoffte das Beste.

Tatsächlich hielt der Stoff und Sandfels hörte genau vor sich ein leises Würgen. Mit einem kräftigen Zug zog er sich nach oben und fiel über die Brüstung auf festen Boden. Sofort schnellte er in die Hocke.

„Wer da?“ rief jemand aus der Dunkelheit. Ein schwerer Gegenstand polterte zu Boden und Wasser ergoss sich plätschernd aus einer Karaffe.

„Ein Freund der Götter“, erklärte Sandfels mit dunkler stimme und wechselte sofort seinen Standort. Gerade rechtzeitig, denn er spürte einen Lufthauch neben seinem Ohr, als eine Schwertklinge an ihm vorbei strich. Der hagere Krieger stach mit dem Kurzschwert in die Dunkelheit, dorthin wo er den Feind vermutete. Ein Schmerzensschrei erklang.

„Macht endlich Licht! Ah, endlich!“ rief jemand und die ersten Lampen flackerten wieder auf. Gelbes Licht hüllte den Balkon in Dämmerung und Sandfels erkannte, dass er einen schwarz gekleideten Mann verletzt hatte, der eine Maske trug. Ein weiterer Mann in solcher Gewandung drückte dem Großkanzler die Kehle zu. Die Soldaten lagen mit durchstoßener Brust auf dem Boden und Dunkelfreund saß regungslos neben der Türe. Sein Gesicht war blass und er presste die linke Hand auf eine blutende Wunde am Oberschenkel.

Als der Maskierte Sandfels erblickte, stürzte er sich auf ihn, aber seine lange Klinge war in der Enge des Balkons nur ein Hindernis. Sandfels duckte sich unter dem Schlag hinweg und stach erneut zu. Diesmal tödlich.

Der Angreifer des Großkanzlers ließ sein Opfer augenblicklich los und sprang über die Brüstung in die Tiefe. Kein Laut kam über seine Lippen. Selbst dann nicht, als er auf dem Boden der Halle seinen Tod fand. Um so lauter schrien nun die Besucher. Allen voran die Damen, die sich an ihre männliche Begleitung klammerten, obwohl diese selbst einen sicheren Halt brauchten. Es hatte einen Anschlag auf den Großkanzler gegeben und nun griff die Angst um sich.

Sandfels ging zu Dunkelfreund hinüber und besah sich die Wunde. „Es ist nicht tief.“

„Kümmert euch um den Großkanzler, Fremder!“ fauchte Dunkelfreund und versuchte aufzustehen. Doch die Beine versagtem ihm den Dienst. „Sofort!“ Seine Augen funkelten wütend.

Sandfels war im ersten Augenblick verwirrt, doch dann Begriff er. „Entschuldigt“, murmelte der Krieger und steckte sein Schwert weg. Er schüttelte den Großkanzler solange, bis dieser zu sich kam. Dann ging Sandfels zur Brüstung und sprang zu seinem eigenen Balkon zurück.

Wüstenhauch hatte sich ängstlich gegen die Wand gepresst und nach dem aufflackern der Lampen das Geschehen mit großen Augen beobachtet. „Du hast das Leben des Großkanzlers gerettet“, sagte Wüstenhauch bewundernd. „Du bist jetzt sicher der Held der Stadt.“

Sandfels packte Wüstenhauch unwirsch am Arm. „Steck die Dolche weg. Wir müssen sofort gehen.“

„Aber warum denn? Der Großkanzler wird sich bei dir bedanken wollen. Und ebenso der Priester.“

„Ich will aus der Halle sein bevor jeder weiß wer ich bin. Und darauf solltest du ebenfalls achten. Die Attentäter könnten uns beide als nächste Opfer auswählen. Willst du das etwa?“

„Der Großkanzler hat Soldaten die uns schützen können. Stell dir vor, wir beide in den kostbaren Gemächern des Palastes. Was mein Vater wohl sagen würde.“ Wüstenhauchs Begeisterung ließ sich kaum bremsen.

„Die vier Soldaten auf dem Balkon sind tot. Und das könnten wir auch bald sein, falls du dich nicht langsam in Bewegung setzt.“

Wüstenhauch wollte etwas erwidern, aber der Gedanke an die Toten ließ sie verstummen. Beide gingen vom Balkon und verließen im Schutz der hinausströmenden Menschenmenge die Halle.

Sandfels führte sie durch die Gassen der Stadt und über Umwege zum Haus Goldzahns. Er wollte sichergehen, dass ihnen niemand folgte und hoffte, dass keiner die kurze Szene auf dem Balkon beobachtet hatte. Dunkelfreund hatte verlangt, dass ihre Bekanntschaft geheim blieb und er, Sandfels, hatte schon am ersten Abend gegen diese Abmachung verstoßen. Die Götter würden zornig sein, aber er hatte auch Dunkelfreunds Leben gerettet.

„Meinst du wirklich man wird uns zu töten versuchen?“ fragte Wüstenhauch keuchend und hielt sich die linke Seite. Sie war am Ende ihrer Kräfte und konnte nicht mehr. Nur die Angst vor eventuellen Verfolgern ließ sie weitergehen.

„Der Verstand eines Mörders ist merkwürdig verformt und sein Geist umnebelt. Man weiß nie was geschehen wird. Nur noch ein paar Meter, dann werden wir uns ausruhen und über einen kleinen Umweg zum Hinterhof des Hauses gelangen.“

„Gut. Ich brauche unbedingt eine Pause“, stöhnte Wüstenhauch wehleidig.

Sandfels bog in eine stinkende Gasse ein und lehnte sich dort gegen die Wand. Er lauschte in die Dunkelheit hinein, konnte aber nur Wüstenhauchs Atmung hören, die sich langsam beruhigte.

„Wovor rennt ihr denn weg?“ fragte plötzlich eine krächzende Stimme.

Sandfels zog die beiden Schwerter und wirbelte gleichzeitig herum. Vor ihm stand eine alte, in Lumpen gehüllte Frau. Ihr Rücken war krumm und die Lumpen stanken nach Kot. Als sie die Schwerter sah, schrak sie zusammen und ihre Augen weiteten sich. „Lasst mich am Leben“, wimmerte sie bettelnd und begann am ganzen Körper zu zittern.

„Wir werden dir nichts tun“, versicherte Wüstenhauch und stellte sich zwischen die Frau und Sandfels. „Beruhige dich. Wir bewundern nur die Stadt bei Nacht.“

„Ihr solltet lieber zur alten Stadthalle gehen. Dort ist der Zirkus und viel Aufregung.“

„Aufregung?“ fragte Sandfels und schob Wüstenhauch energisch zur Seite. „Rede!“

„Mein Herr, verschont mein Leben“, bettelte die Alte. „Ich werde euch erzählen was ich weiß. Es gab einen Anschlag auf den Großkanzler. Doch jemand rettete ihm das Leben. Der Hohepriester war auch dabei, diese Schlange.“

„Schlange?“ fuhr Sandfels wütend auf. „Was meinst du damit?“

„Die Priester verachten uns arme Leute und morden in unseren Reihen. Wir glauben an keine Götter. Wir leben im Dreck und Abfall der Stadt. Und dort finden wir mehr als wir sollten. Wir wissen vieles was lieber im Dunkeln verborgen bleibt. Deswegen fürchten uns die Priester, denn sie haben am meisten zu verbergen.“

„Lass uns gehen“, knurrte Sandfels, packte die Waffen weg und zog Wüstenhauch mit sich. „Du findest den Weg alleine. Ich werde die Alte für ihre Hilfe entlohnen.“

„Sie ist eine Bettlerin und verdient unsere Beachtung nicht. In meiner Heimat werden sie einfach ignoriert. Es ist eine Schande diesem Abschaum Schaden zuzufügen und deswegen tolerieren wir auch die meisten ihrer Diebstähle. Aber wir geben ihnen auch nichts, denn sie haben sich ihr Los selbst ausgesucht.“

„Das mag sein. Doch die Frau hat mein Herz gerührt, Wüstenhauch.“

„Das ist deine Sache. Ich sehne mich nach einem warmen Bad. Komm schnell nach. Vielleicht werden wir doch noch verfolgt.“

„Ich glaube nicht.“ Sandfels wartete bis Wüstenhauch außer Sicht war, dann ging er in die Gasse zurück. Die Alte hatte mit zwei Brettern an einer Hauswand einen notdürftigen Windschutz errichtet. Als sie den Krieger erneut sah, schrak sie wieder zusammen.

„Keine Angst. Ich will dir etwas geben“, erklärte Sandfels und ließ einige Münzen zu Boden fallen.

„Habt Dank, edler Herr“, stieß die Frau hervor und stürzte sich auf die Münzen. Sie bemerkte kaum den Schlag, den Sandfels mit seinem Langschwert ausführte. Ohne einen Laut fiel sie zur Seite, Futter für Ratten jeder Art.

Sandfels ließ Frau und Münzen zurück. Sollten sich andere um die Tote kümmern. Wer gegen Dunkelfreund sprach hatte nichts besseres als den Tod verdient, glaubte Sandfels.

* * *

Wüstenhauch war schon fast am Haus als sie eine Stimme hörte. Die Stimme war sanft und keinem bestimmten Geschlecht zuzuordnen. Sie sagte nur einen Satz: „Suche das Kleine Volk.“ Dann war Stille.

Erschrocken zog Wüstenhauch ihre Dolche und drehte sich um, doch es war nur Sandfels zu sehen der mit großen Schritten näher kam. „Willst du mich erstechen?“ fragte er knurrend und drückte die Dolche nach unten. „Oder hast du jemanden gesehen?“

„Nein, nein“, antwortete Wüstenhauch verwirrt. Sie war sich sicher jemanden gehört zu haben. „Lass uns gehen. Ich habe heute genug erlebt.“

Fortsetzung folgt

(vor zu Kapitel 5)

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2 Comments

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  1. Hallo Günther, ich habe mir den kompletten Text durchgelesen und finde ich recht gut. Für den Buchtipp habe ich mir was besonderes einfallen lassen. Schau doch mal ob es passt und deinen Ansprüchen genügt!

  2. Jip, megageil. Danke. ^^

    Die Zwischenillus nehme ich aber wieder raus. Da gehört nichts hin.

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