sfbasar.de

Literatur-Blog

STERN (3) – Eine Fantasygeschichte von Günther K. Lietz

STERN

Eine Fantasygeschichte
von
Günther K. Lietz

(zurück zu Kapitel 2)

Kapitel 3: Wunder einer fremden Welt

Die Überfahrt war ruhiger verlaufen als Wüstenhauch es Sandfels‘ Beschreibungen nach erwartet hatte. Bei den Tiefinseln waren sie zwar Piraten begegnet, aber der Kapitän der Riff kannte die Gewässer wie seinen Tabaksbeutel und führte die Räuber der See in die Irre.

Sandfels schwieg die meiste Zeit über und wenn er den Mund öffnete, sprach er nur ein paar kurze, meist beleidigende Worte. So vergingen die Wochen zur See und Wüstenhauch lernte Grasmann von einer ganz anderen Seite kennen.

Zum einen schwitzte der Händler in der immer kühler werdenden Luft weniger und um so näher sie Kristallhort kamen, um so redseliger wurde er und berichtete von Dingen, die im Norden zum normalen Leben, im Süden aber zu den Wundern gehörten. So erzählte Grasmann von Wasser, dass in weißen Flocken vom Himmel fiel und breiten Flüssen voll kühlen Süßwassers.

Als sie endlich in den gewaltigen Hafen Kristallhorts einliefen, dessen Einfahrt von zwei gigantischen steinernen Walen flankiert wurde, stockte Wüstenhauch der Atem. Sie hatte Grasmanns Erzählungen nur wenig geglaubt, so unvorstellbar schien es. Aber hier hatte sie den Beweis vor Augen, dass der dicke Händler stets die Wahrheit gesprochen hatte.

Die drei Reisenden packten ihre Habseligkeiten zusammen, verabschiedeten sich vom Kapitän und gingen an Land, wo sie augenblicklich von Bettlern und Dieben angegangen wurden. Sandfels ließ mit einem grimmigen Blick kurz seine waffen aufblitzen und vertrieb damit die gierige Meute, dann ging es ins Innere der Stadt.

Kristallhort war vor hundert Jahren von Kauffahrern gegründet worden und innerhalb kurzer Zeit zu einer wohlhabenden Hafenstadt aufgeblüht, die dem Gott der Wale geweiht wurde. Wem Zeit und Material zur Vrfügung stand, konnte sich irgendwo niederlassen und ein Haus bauen. Deswegen glich die Stadt einem engen Labyrinth, vollgestopft mit Menschen, die hastig von einem Ort zum anderen wollten. Während es außerhalb kein Problem war ein geeignetes Stück Land zum Bauen zu finden, so brachen im Zentrum Kristallhorts oft regelrechte Landkämpfe aus. Es gab zwar einen regierenden Händlerrat, aber dieser vertrat die Meinung, jeder solle das Recht haben zu machen was er wolle. Allerdings nur solange er die Händler nicht schädigte und die Tempel in Ruhe ließ. Über den Händlern stand wiederum der Großkanzler. Er befahl die Wachen und sorgte für eine innere Stabilität. Man liebte ihn nicht, aber man brachte ihm Respekt bei.

In Kristallhort gab es drei große Tempel, die weit voneinander entfernt lagen und von großen Fachwerkhäusern dicht umgeben waren. Man respektierte die Priester zwar, aber das gab ihnen kein Recht auf freie Aussicht. Seit kurzem gab es zudem einen vierten Tempel. Er lag etwas außerhalb der Stadt und war bisher nur ein riesiges Rundzelt, das die Priester um ihr Heiligtum errichtet hatten.

Die Priester übten nach außen hin keine Macht aus, aber ihre Anhänger taten was von der Priesterschaft befohlen oder auch nur angedeutet wurde. Der neue Klerus war dadurch mächtig genug, um das Machtverhältnis in Kristallhort gegen den Großkanzler zu richten und so dem Händlerrat die Macht zu nehmen. Aus diesem Grund unterstützten die Händler den Großkanzler mit ihrem Gold und erhielten so das politische Gleichgewicht in der Stadt. Es genügte derzeit ein falscher Stoß, um dieses Gleichgewicht ins Schwanken zu bringen.

Grasmann hatte einen Freund namens Goldzahn in der Stadt. Es handelte sich um einen zwar geldgierigen, aber trotzdem loyalen Mann der für ein geringes Entgelt Unterkunft in seinem Haus bot. Die drei Gefährten nahmen das Angebot gerne an und saßen Abends an einem reich gedeckten Tisch, tranken kühlen roten Wein und erzählten sich Händlergeschichten.

Sandfels und Wüstenhauch saßen schweigsam am Tisch und lauschten den Worten der beiden dicken Männer, die sich im Erzählen gegenseitig zu übertrumpfen versuchten.

Wüstenhauch war von den vielen Worten und den merkwürdigen Dingen in Goldzahns Haus gefesselt, während Sandfels seinen eigenen, düsteren Gedanken nachging.

„Und wie fühlt man sich als Träger Sterns?“ fragte Goldzahn plötzlich Sandfels. Der Krieger schreckte aus seinen Gedanken hoch und starrte den Händler durchdringend an.

„Ich weiß es nicht“, sagte Sandfels wahrheitsgemäß. „Aber sobald ich mir darüber im klaren bin, werde ich es euch sagen.“ Es klang zynisch.

„Nun gut“, murmelte Goldzahn und senkte seinen Blick. „Nehmen wir noch einen Becher Wein und begeben uns dann zur Nachtruhe. Ich weiß, dass ihr Morgen einige Besorgungen zu erledigen habt. Und ein müder Händler ist ein schlechter Händler.“

Grasmann nickte bedächtig. „Das stimmt, mein Freund. Das stimmt.“

Sie leerten alle noch einen Becher des köstlichen Weins, dann wünschten sie sich eine angenehme Nachtruhe und zogen sich auf die Zimmer zurück.

Wüstenhauch entkleidete sich und zog eines der seidenen Nachtgewänder über, die Goldzahn ihr geschenkt hatte. Der Händler hatte dabei einige anzügliche Bemerkungen gemacht, doch Grasmann wusste ihn zu zähmen.

Der Stoff war kühl und fühlte sich angenehm an. Wüstenhauch holte die beiden Dolche hervor und blickte lange auf die kunstvoll geschmiedeten Klingen. Die Dolche hatten ihr schon einmal das Leben gerettet. Und wenn sie den Erzählungen der Männer glauben schenken durfte, so würde der Stahl wohl viele weitere Male Leben verteidigen und Leben nehmen müssen. Kein angenehmer Gedanke.

Wüstenhauch legte die beiden Dolche unter ihr Kissen und richtete ein kurzes Gebet an Sonnensturm, den Gott der Wüstenleute. Sie bat ihn um Beistand in diesem fremden Land und hoffte auf seine Hilfe für die Zukunft. Ein kurzes Klopfen an der Türe ließ sie aus dem Gebet aufschrecken.

Sie griff unter das Kissen und zog die beiden Dolche hervor. Leise trat sie neben die Türe. „Wer ist da?“ rief sie und spannte ihren Körper an, um nötigenfalls zur Seite zu springen.

„Ich bin es, Grasmann. Mach die Türe auf. Ich muss mit dir reden.“

Wüstenhauch legte die Dolche weg und zog dann den Riegel zur Seite. Grasmann drückte die Türe auf und trat schnell ein. Sein Atem roch nach Alkohol und sein Blick glitt wohlwollend über Wüstenhauchs Körper. „Das Gewand steht dir“, bemerkte er und schloss die Türe.

„Mach dir keine falschen Hoffnungen, Dicker“, funkelte ihn Wüstenhauch an.

„Keine Sorge. Ich nehme mir Liebe nicht mit Gewalt.“ Er setzte sich auf die Bettkante. Sein Blick fiel auf die Dolche, die nun auf dem Bett lagen. „Du lernst schnell.“

„Mir bleibt nichts anderes übrig. Ich kann nicht immer darauf hoffen, dass Sandfels in der Nähe ist und mich beschützt.“

„Du tust gut daran, meine Kleine. Sandfels hat sich verändert.“

„Wie meinst du das?“

„Zu Beginn der Reise hätte ich mein Leben in seine Hände gelegt. Das würde ich jetzt nicht mehr machen. Das er trotz seinem Traum nicht der Träger Sterns ist hat ihn verändert. Er ist nicht mehr der Mann der er einmal war.“

„Das habe ich gemerkt. Aber ich glaube er wird sein Versprechen halten und mich beschützen.“

„Ich glaube er würde Stern beschützen, aber nicht dich.“

„Was redest du da?“ fauchte ihn Wüstenhauch an. „Sandfels würde seinen Freunden nichts antun.“

„Der alte Sandfels, wohl war. Aber der neue Sandfels? Wir sollten vorsichtig sein.“

„Der Alkohol trübt dein Urteilsvermögen, Grasmann. Deswegen werde ich Sandfels nichts von diesem Gespräch erzählen. Und jetzt geh!“ Wüstenhauch zog die Türe auf und zeigte auf den Flur hinaus. „Sofort!“ Sie war wütend.

Grasmann erhob sich schwerfällig und folgte der Aufforderung. „Pass im Haus deiner Freunde stets auf deinen Rücken auf“, sagte er im vorbeigehen. „Eine alte Händlerweisheit.“

* * *

Am nächsten Morgen war Sandfels als erster auf den Beinen. Noch bevor die Sonne aufging hatte er seine Waffen gegürtet und unter einem schweren Mantel verborgen. Als er das Haus verließ achtete er darauf, dass ihm niemand folgte. Über Umwege verließ er die Stadt in Richtung des neuen Tempels.

Unterwegs begegnete Sandfels einigen einsamen Pilgern und verschlafenen Wegelagerern, aber ein Griff nach seinem Schwert schreckte übles Gesindel stets ab.

Der hagere Krieger schritt weit aus, bis er nach einer halben Stunde den Tempel erreichte. Auf einer großen Grasfläche war ein riesiges Rundzelt aus blauen und roten Stoffbahnen errichtet worden. Das Zelt schützte das Heiligtum des neuen Tempels. Mit Knüppeln und Stecken bewaffnete Priester in weißer Robe hielten Wache und sorgten dafür, dass niemand den Tempeloberen zu nahe trat oder in das Zelt hinein kam.

Sandfels näherte sich langsam dem Tempel und beobachtete neugierig die Priester. Ihm war nicht klar wie sie mit ihren primitiven Waffen Räuber, Ungläubige und Diebe abhalten wollten. Ein gut ausgebildeter Krieger würde keine Probleme haben sich die Heiligtümer zu nehmen und wieder ungehindert zu gehen.

„Halt!“ befahl eine energische Stimme. Ein Priester in roter Robe stellte sich Sandfels in den Weg. „Bis hierhin und nicht weiter.“ Die Stimme klang weich und einnehmend. Sandfels war in Versuchung dem Wunsch des Priesters sofort nachzukommen, aber die Gedanken an seine Schmach in der Arena und die Ausführung seines Plans ließen ihn die Worte ignorieren.

„Ich möchte zu dem Hohepriester“, forderte der Krieger.

„Er ist für niemanden zu sprechen, aber du kannst mir deine Sorgen anvertrauen.“

„Nein! Es handelt sich um eine dringende Angelegenheit, die nur den Hohepriester etwas angeht.“

„Ich darf nur die Boten des Kanzlers einlassen. Also gehe bitte.“ Der Priester lächelte bei diesen Worten freundlich.

„Nun gut“, sagte Sandfels und drehte dem Priester den Rücken zu, nur um so gewaltiger wieder zurückzuschnellen. Mit einem gewaltigen Hieb schlug er den Mann nieder. Einige Priester in weißer Robe waren versucht ihrem Bruder zu helfen, unterließen es jedoch.

Zufrieden mit sich wollte Sandfels weiter gehen, als neben ihm zwei weitere Priester in roter Robe aus dem Nichts auftauchten. Von einem Augenblick zum anderen standen sie vor ihm. Beide waren unbewaffnet und versuchten Sandfels zu berühren, doch dieser sprang verwirrt einen Schritt zurück. Er hatte in Märchen schon von Zauberei gehört, aber noch nie hatte jemand wahre Magie erlebt. Bis jetzt.

Sandfels zog seine beiden Schwerter und ging in Angriffsstellung. Er wusste zwar nicht wozu die Priester noch in der Lage waren, aber er hoffte, dass seine beide Klingen ihm helfen würden, sich gegen ihre Zauberei zu wehren. „Zurück!“ knurrte er. „Ich will euch nur ungern töten.“

„Er trägt die Schwerter von Schattenklinge“, meinte ein Priester erschrocken und verharrte in seiner Bewegung.

„Er ist aber nicht Sterns Träger“, fügte der zweite Priester verwundert hinzu.

„Gut beobachtet. Ihr seht ich habe eurem Oberhaupt einiges zu berichten, also hinfort mit eurer Zauberei und lasst mich durch!“

„Warte hier“, bat der einer der Priester und verschwand vor Sandfels Augen.

Priester und Krieger standen sich nun schweigend gegenüber, noch hatte niemand die seltsame Szene beobachtet, also entschloss sich Sandfels die Schwerter unter den Umhang gleiten zu lassen, denn er wollte keine unnötige Aufmerksamkeit erwecken. Aber er war jederzeit bereit sie erneut zu ziehen, sollte es die Lage erfordern. Grimmig sah er die Priester an, die daraufhin eingeschüchtert ihren Blick senkten.

Copyright (c) 2003/2015 by Günther K. Lietz, all rights reserved

(vor zu Kapitel 4)


Liebe Besucher, Leser und Unterstützer unseres Literaturblogs, wenn Ihr unseren Autoren ein wenig Unterstützung bieten möchtet, so gibt es jetzt die Möglichkeit eine kleine Summe über den unten stehenden Button per Paypal in die Kasse einzuzahlen, aus der dann die Preisgelder für die Gewinner des nächsten Storywettbewerbs mitfinanziert werden:

Herzlichen Dank auch im Namen aller unserer Autoren!

Buchtipp der Redaktion:

Hannibal Mériadec und die Tränen des Odin 4 – Alamendez, Jäger und Kannibale (Gebunden)
Band 4 – Alamendez, Jäger und Kannibale
von Istin, Jean-Luc

Verlag:  Bunte Dimensionen
Medium:  Buch
Seiten:  47
Format:  Gebunden
Sprache:  Deutsch
Erschienen:  März 2015
Maße:  218 x 294 mm
Gewicht:  452 g
ISBN-10:  3944446194
ISBN-13:  9783944446196

Beschreibung
Die Legende erzählt, dass der Göttervater Odin sieben Tränen vergoss, als er seine Tochter verlor. Diese sieben Tränen fielen auf die Erde und wurden zu sieben Diamanten von unvergleichlicher Reinheit. Hannibal Mèriadec, Kapitän der „Mac Lir“, Pirat und Hexer, begibt sich auf die Suche nach diesen wertvollen Edelsteinen. Aber auch ein uralter Geheimorden begehrt sie brennend: der Orden der Asche. Auch wenn Meriadecs Mannschaft sich schon im Gold schwimmen sieht, möchte er die Steine aus einem ganz anderen Grund: Die Liebe seines Lebens reist mit ihm an seiner Seite … Selina … Die Erinnerung an ihre Schönheit verfolgt ihn, auch wenn heute nur ihre maskierte Gestalt auf dem Deck der „Mac Lir“ wandelt.

Verlagsseite

Titel bei amazon.de
Titel bei buch24.de
Titel bei Booklooker.de
Titel bei Libri.de

ACHTUNG! So verdoppeln Sie Ihre Chancen bei Titeln unter Storys unserer Community-Autoren, bei denen es zu einer Verlosung kommt: Geben Sie mindestens einen Kommentar zu diesem Beitrag ab. Das ist ganz einfach: Nur auf den Button “(keine) Kommentare” klicken und Ihre Meinung zum Thema abgeben. Dafür werfen wir ein 2. Los in die Lostrommel. Sobald Sie dann in der nächsten Meldung mit dem Preisrätsel zu diesem Buch PER E-MAIL (!) an der Verlosung teilgenommen haben, verdoppeln Sie Ihre Gewinnchance. Natürlich sollte Ihre Antwort PER E-MAIL (!) beim Preisrätsel richtig sein. Der Rechtsweg ist wie immer ausgeschlossen!

5 Comments

Add a Comment
  1. Martina Müller

    War der Buchtipp ok so, Günther?

  2. Martina Müller

    Lieber Günther, ich habe mal ein passendes Cover für deine Story von unserem neuen Grafiker Wolfgang Sigl raussuchen lassen. Der Copyrighteintrag folgt noch, damit es für ihn auch einen gewissen Werbeeffekt hat. Sag mal wie dir die Grafik gefällt. Ich habe deine Grafik mal unter die Überschrift und näher an den Text verschoben und die neue Grafik über die Überschrift gesetzt. Ich glaube, so kommt das alles besser zur Wirkung. Sag mal Bescheid, ob es dir gefällt und ob wir für Teil 1 und 2 auch noch was von Wolfgang raussuchen lassen sollen!

    Hoffe du bist zufrieden!

    Natürlich möchten wir auch gerne von Euch anderen Eure Meinung wissen, wie Euch das Teil gefällt! Also Kommentar eintragen!

    Übrigens: Wenn man das Teil in voller Grösse sehen will: einmal auf das Bild klicken! – Viel Spass!

  3. Danke, sehr nett. Hilfe bei den Buchtipps nehme ich immer gerne an. ^^

    Was Illustrationen zu meinen Stories angeht, fertige ich die aber lieber selber an. Die Illu von Wolfgang Sigl ist zwar sehr schick, aber pack sie doch bitte in eine andere Story rein. Danke. 🙂

  4. Martina Müller

    Erledigt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

sfbasar.de © 2016 Frontier Theme