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STERN (2) – Eine Fantasygeschichte von Günther K. Lietz

STERN

Eine Fantasygeschichte
von
Günther K. Lietz

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Kapitel 2: Neue Wege

Nach dem Kampf lagerten sie noch drei Wochen bei der Arena. Schattenklinge war mit einer kleinen Zeremonie dem Sand übergeben worden. Wüstenhauch hatte sich zurückgezogen und kam nur zu den Mahlzeiten ans Feuer. Sie trug nun einen Gesichtsschleier, um ihre Augen zu verdecken. Grasmann verbrachte die meiste Zeit bei Sandfels und pflegte ihn gesund. Der Kämpfer war zäh und seine Genesung machte rasche Fortschritte.

Als Sandfels wieder in der Lage war ohne große Schmerzen auf einem Kamel zu reiten, brachen sie auf. Das Wasser war knapp geworden und sie mussten sich beeilen, um die nächste Oase zu erreichen. Dort trennten sie sich von den meisten Männern, darunter auch dem Koch. Grasmann ließ ihm einen schweren Geldbeutel zukommen und erklärte, dass er auf die Verschwiegenheit eines Wüstenmanns vertraute. Sollte ihm etwas anderes zu Ohren kommen, würde aus dem Koch ein blutiger Braten. Die beiden Männer verstanden sich sofort.

Von der Oase aus reisten sie nach Palmenhain. Die Wasserbeutel waren gut gefüllt und der Proviant mit Datteln aufgefrischt. Sandfels ging es von Tag zu Tag besser und auch Wüstenhauch hielt sich nun nicht mehr nur in ihrem Zelt auf. Sie ritt neben Grasmann und Sandfels, sprach aber kaum ein Wort. Den Kampf in der Arena erwähnte niemand von ihnen. Es war, als hätten sie allesamt Angst dieses Thema anzusprechen.

Je näher sie der Küste kamen, um so unruhiger wurden die Kamele. Sie rochen das Meer und schienen zu ahnen bald am Ziel zu sein. Doch obwohl die Kamele willig waren schneller zu gehen, hielt Grasmann sie zurück.

Einen Tag bevor sie Palmenhain erreichten saßen Grasmann, Sandfels und Wüstenhauch an dem kleinen Lagerfeuer, das einer der Wüstenmänner entfacht hatte, bevor er sich in sein Zelt zurückzog. Nicht weit vom Lager entfernt hielten zwei weitere Männer Wache.

Grasmann wusste, dass sie bald über die Geschehnisse sprechen mussten. Alles hatte sich anders entwickelt als Sandfels gedacht oder sich erträumt hatte. Dieser Zeitpunkt ist so schlecht wie jeder andere, dachte sich der Händler und ergriff in der bisher einsilbigen Runde das Wort: „Wir müssen entscheiden was wird. Schattenklinge ist besiegt und Stern hat einen neuen Besitzer gefunden. Es scheint richtig zu sein, aber es ist anders als wir selbst es wollten.“

Sandfels verzog sein Gesicht zu einer harten Maske die keine Gefühlsregung erkennen ließ. Aber man hörte an seiner Stimme, dass er wütend und enttäuscht war. „Es gibt nichts zu reden. Wüstenhauch besitzt Stern. Die Abmachung zwischen uns beiden, Grasmann, ist also hinfällig.“

„Nichts ist hinfällig“, beteiligte sich nun auch Wüstenhauch an dem Gespräch. „Es ist nur alles anders. Sagt mir, was hattet ihr für Sandfels Sieg geplant?“

„Wir wollten nach Kristallhort und uns dort für einige Jahre niederlassen“, erklärte Grasmann. „Durch Sterns Ruhm wäre ich in der Lage gewesen gute Geschäfte mit reichen Kunden abzuschließen. Viele hätten sich von dem Schwert angezogen gefühlt. Und Sandfels hätte seine Bestimmung erfüllt.“

„Aber das ist noch immer möglich“, erklärte Wüstenhauch. „Ich habe in den letzten Tagen viel nachgedacht. Mir ist einiges bewusst geworden, was ich vorher nicht einmal ahnte. Niemand kennt die ganze Wahrheit um Stern. Niemand außer uns.“

„Behalte sie ruhig für dich“, knurrte Sandfels und legte einen gespaltenen Scheit Holz aufs Feuer. „Mein Werk ist getan.“

„Du verstehst es nicht, Sandfels. Der Träger Sterns muss seiner Bestimmung folgen. Und Stern wählt seinen Träger selbst. Niemand hat Schattenklinge besiegt. Sie wusste das ihr Tod kommen würde, dessen bin ich mir sicher. Und sie wusste, dass du Stern nicht bekommen würdest.“

„Ach ja? Bist du dir so sicher?“

„Ja, Dummkopf!“ fauchte Wüstenhauch ungeduldig. „Ich brauche euch beide noch. Dem Gesetz nach bin ich Grasmanns Sklavin. Und nur du bist in der Lage mich zu schützen. Ich habe nie gelernt mit Waffen umzugehen.“

„Dafür hast du Schattenklinge schnell getötet.“

„Nicht ich habe sie getötet, sondern Stern.“ Jetzt wissen sie es, dachte Wüstenhauch erleichtert.

„Was?“ fragte Grasmann der glaubte, sich verhört zu haben. „Das Schwert hat Schattenklinge alleine getötet?“

„Nein, das Schwert hat gar nichts damit zu tun. Das Schwert gehört wohl zu einem Mythos der über Jahrhunderte entstand. Stern ist keine Waffe. Stern ist der Edelstein.“

„Zeig ihn mir?“ forderte Grasmann ungläubig.

„Du hast schon mehr gesehen als du durftest“, sagte Wüstenhauch und wurde rot vor Scham, als sie sich daran erinnerte. „Stern hat seinen Platz in meiner Brust eingenommen. So wie er einst in Schattenklinges Brust ruhte.“

„Du lügst!“ schrie Sandfels. „Du versuchst nur dein Handeln zu entschuldigen. Als du in den Kampf eingegriffen hast wurde ich entehrt.“

„Das ist nicht wahr, Sandfels. Stern sucht sich seinen Träger selbst. Hättest du der Sieger sein sollen, wärst du es gewesen. Aber es ist alles anders gekommen.“ Wüstenhauchs Stimme nahm ein wenig an Schärfe zu.

„Lügnerin!“

„Dann sieh in meine Augen. Sieh sie dir an!“ Trotzig riss sich Wüstenhauch den Schleier vom Gesicht und starrte Sandfels an. Das grün ihrer Augen war intensiver geworden und funkelte nun wütend. Es unterstrich die exotische Schönheit der Frau.

Sandfels war von den Augen wie gefangen. Er versank für mehrere Sekunden in ihrer Pracht, dann wandte er sein Gesicht abrupt ab. „Ich kann es nicht glauben.“

„Aber es ist so“, erklärte Grasmann. „Ich habe es mir schon gedacht als ich Schattenklinges Leiche sah. Etwas schien sich aus ihrer Brust gebrannt zu haben. Es muss der Stein gewesen sein. Der Koch hat es ebenfalls gesehen. Ich habe deswegen sein Schweigen teuer erkauft.“

„Ich will es nicht glauben“, sagte Sandfels leise vor sich hin. „In meinen Träumen sah ich mich das edle Schwert führen und wusste, dass ich Stern beschütze.“ Sein Gesicht verlor die Starre und bekam eine leichte Blässe. „Alles war nur ein Irrtum?“

„Nein“, erklärte Wüstenhauch und legte ihre Hand auf den Arm des hageren Kämpfers. Sandfels zuckte kurz zusammen, lehnte die Berührung aber nicht ab. „Ich brauche einen Beschützer, denn ich kann Stern alleine nicht verteidigen. Es wird viele geben die mich herausfordern oder bestehlen wollen, nur um an das Schwert zu gelangen. Und würde ich die Wahrheit sagen stieße ich auf Unglauben. Oder man würde mir bei lebendigem Leib die Brust aufreißen. Und all diese Kämpfe die sicher kommen werden, ich könnte keinen einzigen davon gewinnen.“

„Und was verlangst du von mir?“

„Nimm die Schwerter Schattenklinges an dich und sei in den Augen der anderen der Träger Sterns. Lass sie glauben, du hättest den Sieg davongetragen.“

„Was du von mir verlangst ist unmöglich.“ Sandfels schüttelte langsam den Kopf. „Das ist -“

„Es verletzt deine Ehre, ich weiß. Aber nur so kannst du deinen Träumen folgen und Stern schützen. Und deine Träume lehrten dich, sich ehrenhaft zu verhalten.“

„Das stimmt.“ Sandfels dachte nach, dann seufzte er. Müde legte er seine Hand auf die Hand Wüstenhauchs. „So sei es. Ich werde deinem Wunsch und meinen Träumen folgen. Ich werde Stern beschützen. Stern und dich. Auch wenn ich es nicht verstehe, so will ich mich vom Schicksal weiterhin leiten lassen.“

„Wie rührend“, erklärte Grasmann spöttisch. Der Händler hatte plötzlich das Gefühl, außerhalb von etwas Großem zu sein, nicht dazuzugehören. „Und was mache ich? Ich habe viel Geld gezahlt, um an diesen Ort zu gelangen. Das Schweigen der Männer über den wahren Sieger des Kampfes wird ebenfalls etwas kosten. Wo bleibt mein Profit?“

Wüstenhauch lächelte. „Der Dicke und sein Geld. Meister, ihr werdet wie geplant mit Sandfels reisen. Ob ihr aber jemals Geld sehen werdet, kann ich euch nicht versprechen. Stern sucht sich seinen eigenen Weg, dass spüre ich. Ich habe vor dem unbekannten Stein zwar Angst, aber gleichzeitig bietet er mir ein Gefühl der Sicherheit. Ich glaube Stern weiß, wohin mich mein weg führt.“

„Dann wird mir wohl nichts übrig bleiben als mit euch zu reisen.“ Grasmann war nicht ganz wohl bei diesem Entschluss, ebenso wie Sandfels. Aber die beiden Männer wollten Wüstenhauch nicht alleine ziehen lassen, denn das wäre sicherlich ihr Verderben. Dessen waren sie sich sicher. Nichts war so wie es sein sollte, aber so war das Leben. Das wussten beide Männer und Wüstenhauch würde es lernen müssen. Sie war noch jung und hatte nicht viel von der Welt gesehen. Aber das sollte sich bald ändern.

Früh am nächsten Morgen brachen sie auf. Grasmann hatte einen erheblichen Teil seiner Geldbeutel an die Wüstenmänner verteilt und sie damit zum Schweigen verpflichtet. Er hoffte sie würden sich an ihre Abmachung halten.

Wüstenhauch übergab Sandfels die Schwerter Schattenklinges. Dem Kämpfer war nicht ganz wohl bei der Sache. Aber als er die Klinge in Händen hielt, war er doch stolz die Waffen tragen zu dürfen. Er hatte Schattenklinge zwar nicht besiegt, aber er hatte sie wenigstens überlebt.

***

Schon von weitem waren der Küstenstrich und die hohe Stadtmauer zu erkennen. Auf den Wehrgängen patrouillierten Soldaten in braunen Gewändern und das bronzebeschlagene Stadttor wurde von einer Handvoll dieser Soldaten bewacht. Es waren nicht viele Reisende unterwegs und die Torwache stellte sich auf einen ruhigen Tag ein. Sie winkten die Neuankömmlinge durch, ohne die Waren oder Waffen zu kontrollieren. Es war ein heißer Tag, der durch Arbeit nicht verdorben werden sollte.

Palmenhain war eine kleine Hafenstadt am Rand der Wüste. Die breite und hohe Stadtmauer umrahmte kaum hundert flache Gebäude, die sich in ihrer Bauweise allesamt glichen. Sie waren mit Kalk verputzt, der in Beinhöhe meist abgesplittert und verdreckt war. Anstelle von Türen gab es nur viereckige Öffnungen, die ein Vorhang verdeckte, und die wenigen Fenster waren nur kopfgroße runde Löcher im Mauerwerk.

Die größten Gebäude der Stadt waren der kleine Palast der Herrschers und das Wirtshaus „Zum Wüstentier“, die beide am Marktplatz lagen. Der Hafen selbst war ein winziges Becken in schlechtem Zustand. Vier alte Fischerboote trieben auf dem Wasser, nur mit alten Stricken befestigt.

Die Einwohner Palmenhains wirkten ärmlich, aber nicht unglücklich. Die Kinder tollten auf den Straßen, die Erwachsenen dösten im Schatten oder versuchten den wenigen Reisenden Waren anzubieten. Die Stadtwache selbst saß zum Großteil vor dem Wüstentier und trank aus kleinen Keramikbechern Dattelschnaps. Der Geruch von Schweiß und Staub lag in der Luft. Nichts ungewöhnliches für eine Stadt am Rande der Wüste.

Als Wüstenhauch die erste Frau sah erschrak sie. Die Frau war unverschleiert, obwohl sie zum Wüstenvolk gehörte. Bei den Männern war es ebenfalls der Fall. Wüstenhauch hatte sich damit abgefunden, dass sich Grasmann und Sandfels mit nacktem Gesicht zeigten, aber von ihrem eigenen Volk hätte sie diese Entblößung nicht erwartet.

Grasmann lächelte als er Wüstenhauchs Verwirrung bemerkte. „Hier in Palmenhain sind die Menschen schon sehr fortschrittlich. Sie haben viel gesehen und erkannt, dass es keinen Grund gibt das Gesicht zu verbergen. Im Gegenteil. Das ehrliche Gesicht eines Händlers kann oft von Vorteil sein. Und wo eine schöne Magd ausschenkt wird auch mehr getrunken, als anderswo. Du solltest dich schnell daran gewöhnen.“

„Es ist eine Tradition unseres Volkes, dass wir uns zu verschleiern haben. Wir wurden so erzogen.“ Wüstenhauch schüttelte es. „Und ich sehe darin keinen Fortschritt, nur einen Schritt in Richtung klingende Münze.“

Grasmann zog die Augenbrauen hoch. „Gerade du solltest es doch verstehen. Immerhin hat bei dir die Erziehung nichts genützt.“

„Halte deinen Mund!“ rief Wüstenhauch wütend aus. „Sie nur wie dreckig die Straßen und Menschen sind.“

„Dreckig?“ Grasmann sah sich um. „Alt und gebraucht vielleicht, aber nicht dreckig. Und die Menschen sind ärmlich gekleidet, aber nicht unsauber.“

„In der Stadt meines Vaters -“, wollte Wüstenhauchh aufbegehren, aber Grasmann schnitt ihr das Wort ab.

„In Salzschlund verrichteten die Sklaven jegliche Arbeit. Aber Palmenhain ist nicht Salzschlund. Hier ist die Sklaverei zwar nicht unbedingt verboten, aber auch nicht willkommen.“ Wüstenhauch schwieg. Sie hatte erkannt, dass sich Grasmann nicht zum Umdenken bringen ließ.

Das ungewöhnliche Trio ritt bis zum Marktplatz. Grasmann und Sandfels waren schon in Palmenhain gewesen und kannten sich aus. Sie übergaben die Kamele einem Knecht des Wirtshauses und traten dann ein. Der Geruch von billige Schnaps und verbranntem Fleisch schlug ihnen entgegen.

Die Schankstube war ein großer Raum mit niedriger Decke. Zu dieser Stunde war nicht viel los und der Wirt lag rücklings auf der groben Holztheke. Seine beiden Mägde dösten an einem der Ecktische. Als der Wirt seine neuen Gäste sah, drehte er sich nur etwas zu ihrer Seite. „Willkommen im Wüstentier, Grasmann.“ Der Wirt war stolz darauf keinen seiner wohlhabenden Gäste jemals vergessen zu haben. „Ihr wollt einkehren?“

„Gut geraten, Wirt.“ Grasmann trat an die Theke und holte drei blitzende Münze hervor. „Drei Zimmer für eine Woche.“

„Natürlich.“

„Und sauber sollen sie sein“, mahnte Sandfels der sich nur mit Unbehagen an die letzte Nacht im Wirtshaus erinnerte.

Der Wirt machte ein bestürztes Gesicht. „Dann müsst ihr mir aber eine Stunde Zeit geben.“

„Gut. Den nächsten Skorpion den ich finde, werfe ich in dein Bett.“

Der Wirt grinste. „Gut. Ihr werdet aber keinen Skorpion finden.“

„Auch keine Schlangen und Läuse?“

„Bin ich ein Zauberer?“ fragte der Wirt mit einem unschuldig Grinsen auf den Lippen. „Wollt ihr etwas essen? Der Braten ist heute sehr gut.“

Wüstenhauch verzog das Gesicht. Der Geruch nach Verbranntem hatte ihr den Appetit verdorben. Grasmann schüttelte verneinend den Kopf. „Wir werden außerhalb speisen. Macht euch keine Mühe.“

„Euer Wunsch ist mir Befehl.“

„Ich werde unsere Sachen dort in die Ecke packen und bei einem Becher Wein darauf achtgeben, bis unsere Zimmer fertig sind“, erklärte Grasmann seinen beiden Freunden. „Leistet mir jemand Gesellschaft?“

Wüstenhauch schüttelte den Kopf. „Ich will mir etwas die Stadt ansehen. Sie ist anders, als das was ich kenne.“

„Und ich suche mir einen Schneider. Meine Kleidung muss ausgebessert werden“, erkärte Sandfels mürrisch und ging, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, aus dem Wirtshaus.

„Dann bleibt wohl alles an mir hängen“, grunzte Grasmann und freute sich schon auf den Wein. Seit seinem letzten Besucht kannte er die besonderen Flaschen, die nur erlesenen Gästen verkauft wurden. „Pass auf dich auf, Wüstenhauch.“

„Beruhige dich, ich weiß wie man mit Pöbel umgeht. Wenn du nichts mehr von mir hörst, habe ich einen besseren Herrn gefunden.“ Sie verneigte sich vor Grasmann zum Abschied, wie es sich für eine Sklavin gehörte. Dann verließ sie das Gasthaus.

„So sei es“, seufzte Grasmann und blickte Wüstenhauch hinterher. „Die Jugend von heute.“

„Ich weiß“, erklärte der Wirt und sah der jungen Frau ebenfalls hinterher. „Sie wartet nur darauf von erfahrenen Männern gepflückt zu werden, nicht wahr?“

Grasmann drehte sich verwundert zum Wirt um und gab ihm einen lockeren Klaps auf die Nase. „Unterstehe dich. Meine Absichten sind alle rein. Sie ist für mich wie eine Tochter. Und jetzt gib mir etwas Wein, aber aus den versteckten Flaschen.“

***

Wüstenhauch ging über den Marktplatz und sog die verschiedenen Anblicke, Düfte und Geräusche tief in sich ein. Sie war fasziniert von der bunten Menschenmenge und dem Sprachgewirr. Anders als in ihrer Heimat schien jeder sein eigener Herr zu sein und über sein Schicksal entscheiden zu dürfen. Selbst die wenigen Sklaven die sie sah, nahmen sich Freiheiten heraus.

Die junge Frau kaufte sich ein kleines Körbchen mit kandierten Feigen und nahm kurzentschlossen den Schleier vom Gesicht. Anfangs fühlte sie sich nackt und beobachtet, doch sie gewöhnte sich schnell daran und fand es schließlich sogar angenehm.

Nachdem Wüstenhauch die letzte Feige gegessen hatte, warf sie das nun leere Körbchen zu Boden und ging zum Hafen. Sie kannte Boote nur von den Geschichten Grasmanns her und war erst erstaunt, dann amüsiert, über die kleinen Schalen aus Holz. Wüstenhauchs Blick schweifte über das endlose Meer und ihre Beine wurden weich. Der Gedanke an so viel Raum ohne festen Boden unter den Füßen machte ihr Angst. Vor allem der Gedanke daran, dass sie dieses große Meer mit einem Boot überqueren würde, sorgte dafür das ihr Magen beinahe revoltierte.

Wüstenhauch schlenderte die Hafenstraße entlang, bis sie zu einer versteckt liegenden Taverne kam. Ein von der Sonne gebleichtes Holzschild hing über der Türe. Man erkannte weder ein Bild, noch einen Buchstaben. Von drinnen waren laute Stimmen zu hören, unmelodischer Gesang und raues Lachen. Die Türe wurde plötzlich aufgedrückt und ein Betrunkener in zerschlissener Kleidung torkelte ins Freie.

Als er Wüstenhauch erblickte lehnte er sich schwer gegen die Wand und lallte einige anzügliche Bemerkungen, bevor er die Augen verdrehte und mit einem seligen Lächeln nach unten rutschte, um im Sitzen zu schlafen. Die junge Frau war neugierig geworden und betrat die Taverne. Ihr folgte unbemerkt eine Gestalt in schwarzem Mantel, der wiederum eine weitere Gestalt folgte.

Das Innere der Taverne hielt was sie versprach. Raue Männer und derbe Schönheiten hatten Tische und Theke besetzt. Zwei Schankmädchen waren damit beschäftigt Wein auszuschenken und dabei die Zudringlichkeiten der überwiegend männlichen Gäste abzuwehren. Der Wirt, ein muskulöser Hüne mit nur einem Arm, stand hinter der Theke und bediente geschickt seine Kundschaft.

Hinter Wüstenhauch betrat ein weiterer Gast die Taverne und drängte sie versehentlich nach vorne. Der Mann murmelte eine kurze Entschuldigung und stellte sich dann an die Theke, um einen Wein zu bestellen.

Der Reiz des Abenteuers lockte Wüstenhauch. Sie suchte sich einen freien Tisch am Rand des Schankraums und setzte sich. Sie bestellte bei einem der Mädchen einen Becher Wein, bezahlte wie verlangt im voraus und besah sich die Meute mit glänzenden Augen. Sie hatte die Reise mit Grasmann und Sandfels schon als Abenteuer gesehen, doch das hier überstieg all ihre Erwartungen.

Zwei angetrunkene Männer in abgetragener Reisekleidung setzten sich ungefragt an Wüstenhauchs Tisch. Beide stierten ihr auf die Brust. „Schöne Waren die du feilbietest“, bemerkte der eine, während der andere seinen Geldbeutel zog. „Neu in der Stadt, eh? Keine Sorgen, wir führen dich ein. Oder uns.“ Sie lachten dreckig und schlugen dabei vor Freude auf die grobe Tischplatte.

„Ich bin keine Hure“, erklärte Wüstenhauch selbstbewusst und im Glauben, diese Männer würden ihren Worten Folge leisten: „Verschwindet!“

Die Männer sahen sich kurz an, dann lachten sie wieder. „Entschuldigung. War eine Verwechslung.“ Der Redeführer erhob sich. „Wenn du keine Hure bist, ist es natürlich umsonst.“ Der Mann schlug unerwartet zu und traf Wüstenhauch im Gesicht.

Blut schoss ihr aus der Nase, doch Wüstenhauch hatte andere Probleme. Durch die Wucht des Schlags kippte der Stuhl nach hinten. Sie ruderte zwar mit den Armen wild umher, um das Gleichgewicht wiederzufinden, aber vergebens. Wüstenhauch schlug hart mit dem Hinterkopf auf und sah nur noch helle Punkte vor Augen. Angst machte sich rasend in ihr breit.

Der Angreifer machte einen Schritt nach vorne, beugte sich nach unten und packte Wüstenhauch grob an der Schulter. Mit einem heftigen Ruck zog er sie wieder auf die Beine. „Jetzt gehen wir erst mal in den Hof.“ Sein Freund kicherte heiser. „Dort zeigen wir dir unsere Schwerter.“ Der Mann wollte sein Opfer zum Hinterausgang stoßen, wurde aber daran gehindert. Eine zweischneidige Klinge lag locker auf seiner rechten Schulter. Nicht bedrohlich, aber jederzeit in der Lage den Hals seitlich aufzuschlitzen.

„Lass das Mädchen in Ruhe!“ befahl eine wütende Männerstimme. Wüstenhauch versuchte die Stimme jemanden zuzuordnen, war aber zu benommen dafür. „Sie wird jetzt gehen und ihr werdet sie nicht daran hindern!“

Der zweite Mann war zu angetrunken, um die Lage zu erkennen. Er sah nur einen Mann in dunklem Umhang, der ein schäbiges Kurzschwert auf die Schulter seines Freundes legte. Kurz entschlossen zog er einen langen gebogenen Dolch und wollte auf den Fremden losgehen, doch dieser hielt in der anderen Hand plötzlich ebenfalls ein Schwert und blockte den Stoß mit verspielter Leichtigkeit ab. „Meine letzte Warnung“ erklärte der Fremde gelassen.

Wüstenhauchs Sinne hatten sich nun soweit geklärt, dass sie endlich die Stimme erkannte. „Sandfels, du hier? Was für ein Glück.“

Der Redeführer ließ sich plötzlich nach unten sacken, um den Schwert zu entgehen. Doch die Klinge folgte ihm und ritzte die Haut des Halses auf. Blut quoll hervor und der Angetrunkene stoppte sofort die Bewegung. Er Schluckte schwer und Schweiß trat ihm auf die Stirn. „In Ordnung. Sie kann gehen.“

„Schade, jetzt wurde es lustig“, maulte Wüstenhauch trotzig, obwohl sie über die unverhoffte Rettung ganz froh war. „Aber wenn es ein Befehl ist …“, sie ging leicht benommen an Sandfels vorbei auf die Türe zu. „…gehe ich halt.“

„Und ihr solltet uns lieber nicht folgen“, sagte Sandfels drohend. Mit einer geschmeidigen Bewegung glitten die beiden Schwerter wieder unter den Mantel.

Ohne sich weiter um die Männer zu kümmern, drehte sich Sandfels zur Türe und verließ ebenfalls die Taverne. Sein Auftreten hatte für einige Aufmerksamkeit gesorgt, aber niemand stellte sich ihm in den Weg. Seine Demonstration von Mut und Überlegenheit, in dem er den Feinden den Rücken zudrehte, hatte für Respekt gesorgt. Vor allem die dunkle Gestalt an der Theke, machte sich darüber ihre Gedanken.

Auf der Straße trat Sandfels auf Wüstenhauch zu und drückte sie grob gegen die Hauswand. „Was ist dir eingefallen in so eine Taverne zu gehen? Du hättest sterben können.“

„Lass mich los!“ fauchte Wüstenhauch und löste sich aus seinem Griff. „Ich wollte mir etwas die Stadt ansehen. Hier ist alles ganz anders.“

„Und genau das macht dich auffällig. Wenn die Gauner denken du kennst dich nicht aus, dann bist du nur ein Opfer für sie. Mehr nicht.“

„Dann werde ich mich anpassen“, erwiderte Wüstenhauch trotzig. „Dann wird so etwas nicht nochmals geschehen. Wo bist du eigentlich hergekommen?“

„Ich habe dich zufällig alleine auf der Straße gesehen und beschlossen dir zu folgen. Es war eine weise Entscheidung.“

„Wäre es anders gekommen, würdest du dir nun ziemlich dumm vorkommen.“

„Warum?“

„Weil ich dann keinen Beschützer bräuchte.“

Sandfels schnaubte wütend. „Du kannst das aber vorher nicht wissen. Das Leben steckt voller Unwägbarkeiten. Bist du so dumm oder willst du mich nur reizen.“

Wüstenhauch wollte etwas entgegnen, schluckte die Antwort aber hinunter. „Ich soll mich also anpassen?“ fragte sie statt dessen in plötzlich ernsterem Tonfall. „Und wie stelle ich das am besten an?“

„Keinen Schleier, kürzere Haare und andere Kleidung. Du musst auf jeden Fall zum Schneider bevor wir uns einschiffen. Hier ist es noch warm, aber weiter nördlich wird es kälter. Dort kann eine kühle Nacht den Tod bringen.“

„Begleitest du mich zu den Händlern? Ich werde versuchen mein Äußeres zu verändern. Obwohl es mir nicht sehr behagt.“ Wüstenhauch freute sich innerlich. Sie hatte sich schon immer entgegen den Wünschen ihres Vaters kleiden wollen. „Ich hoffe du hast Geld“, fügte sie hinzu und schlüpfte an Sandfels vorbei, um die Straße hinunter zu schlendern. „Komm.“

„Eine Waffe wirst du auch brauchen“, knurrte Sandfels und folgte ihr. Er war sich sicher, das Wüstenhauch weitere Probleme mit sich bringen würde, aber er hatte sein Wort gegeben sie zu beschützen und das würde er machen. Koste es auch sein Leben.

Sandfels folgte Wüstenhauch langsam und warf einen vorsichtigen Blick zur Taverne zurück. Die Gestalt, die er beim eintreten bemerkt hatte, schien Wüstenhauch nicht weiter zu verfolgen. Es konnte ein Zufall sein, aber der hagere Kämpfer beschloss aufmerksam zu bleiben.

***

Wüstenhauch wurde von den teuren und kostbaren Kleidern angelockt, die luftig und locker auf dem Körper lagen. Doch Sandfels setzte sich schlussendlich durch und kaufte dicke, warme Kleidung. Beim Barbier ließ die dunkelhäutige Schönheit ihre Haare zu einem Pagenkopf schneiden und wählte einige erlesene Parfüms, bevor sie von Sandfels zum Waffenschmied geführt wurde.

„Ich kann mit Dolchen gar nicht umgehen“, erklärte Wüstenhauch und blickte skeptisch auf die beiden langen schmalen Klingen die Sandfels kaufte.

„Ich werde es dir beibringen. Zweischneidige Dolche eignen sich gut zum Werfen und der Umgang mit ihnen ist nicht so schwer, wie mit den gebogenen Dolchen, die dein Volk benutzt.“ Zwei geölte Dolchscheiden wurden dem Gepäck zugeführt, dann gingen die beiden zurück zum Wirtshaus.

Grasmann hatte die verstrichene Zeit genutzt um einige Weinflaschen zu leeren. Als seine Freunde die Schankstube betraten war er sehr fröhlich und begrüßte sie mit einem lauten Rülpsen. Der Wirt hatte derweil die Zimmer gereinigt und gemeinsam trugen sie erst das Gepäck und dann Grasmann hinauf.

Die Zimmer waren klein und nur mit einem alten Bett und einer einfachen Truhe eingerichtet. Die Fensterläden und die Türe konnten von innen mit Querstangen verriegelt werden und gaben den Anschein von Sicherheit. Der Geruch von modrigem Stroh lag in der Luft und von der Latrine am Flurende wehte ein beißender Geruch herüber.

„Wir sollten vor der Stadt in unseren Zelten wohnen. Hier ist es dreckig.“, sagte Wüstenhauch angeekelt. „Ich dachte hier sei es sauber und ordentlich.“

„Ist es doch auch.“, erklärte Sandfels und verbarg nur mühsam seine Schadenfreude. „Die Unterkünfte im Norden sind manchmal schlimmer als dieses Wirtshaus. Falls wir überhaupt immer eine Unterkunft finden.“

„Ich hoffe das Schiff trifft bald ein.“

„Das hoffe ich auch. Mich zieht es nach Norden zurück. Wobei ich dir vorher sage, dass die Unterkunft auf dem Schiff noch übler sein wird.“

„Noch übler?“ fragte Wüstenhauch entsetzt. „Du scherzt.“

„Nein. Ich mache keinen Scherz. Aber die Fahrt wird nur wenige Wochen dauern.“

„Was?“ rief Wüstenhauch aus und der Gedanke an ein dreckiges Loch und die Gesellschaft von stinkenden Matrosen bereitete ihr Bauchschmerzen. „Ich glaube wir bleiben lieber hier.“

„Dafür ist es jetzt zu spät. Unsere Ziele liegen im Norden. Du hast deinen Weg gewählt und musst ihn bis zum Schluss gehen.“

„Ich bin eher gewählt worden“, entgegnete Wüstenhauch. „Ich würde gerne mit dir tauschen, aber das ist unmöglich.“

Sandfels blickte sie grimmig an, dann bemühte er sich freundlicher dreinzuschauen. „Ruh dich etwas aus. Wir treffen uns zum Abendessen unten in der Stube. Verlass nicht das Wirtshaus. Ich will mich ein wenig in der Stadt umsehen und kann nicht auf dich achten. Und Grasmann ist dazu nicht in der Lage.“

„Mit seinem Bauch wird er das auch nie sein.“

Sandfels verließ das Zimmer. Er beauftragte den Wirt auf seine Gefährten zu achten, dann ging er in die Stadt. Als er in den engen Gassen eintauchte, bemerkte er nicht die Gestalt die ihm heimlich folgte.

Der hagere Kämpfer suchte Tintenmann auf, den Kartenzeichner Palmenhains. Bei ihrer Ankunft hatte ihnen dieser alte und unscheinbare Mann schon sehr geholfen. Er kannte die Geschichte des Landes, wusste vieles über die Götter und ihre Tempel und besaß eine umfassende Kenntnis der umliegenden Region.

Sandfels wurde von einem Gehilfen des Kartenzeichners empfangen und in das Empfangszimmer gebracht. Dort bot man ihm auf einem der großen Kissen Platz an und bat ihn zu warten. Das Zimmer war groß und hell. Bauchige Kissen und bunte Teppiche sorgten für eine gemütliche Stimmung. In einer Ecke stand eine alte Wasserpfeife mit bronzenen Verzierungen, in einer anderen Ecke stand ein abgenutztes Spielbrett für Schande, einem derzeit beliebten Taktikspiel.

Es dauerte nicht lange und Tintenmann kam hereingeschlurft. Er trug wie üblich einen weiten weißen Kaftan und hatte sich hinter das Ohr eine unförmige Zigarette gesteckt. Der alte Mann lächelte seinen Gast an und setzte sich Sandfels gegenüber. „Willkommen in meiner bescheidenen Bleibe“, grüßte er und klatschte in die Hände. „Zeit für einen Kakao.“

Zwei hagere Eunuchen erschienen. Der eine trug eine silberne Kanne vor sich, aus der heißer Dampf aufstieg. Der andere balancierte ein hölzernes Tablett mit zwei einfachen Tonbechern, auf dessen Grund sich ein braunes Pulver befand.

„Nur keine Umstände“, wehrte Sandfels verzweifelt ab, der den Kakao von seinem letzten Besuch kannte. Es handelte sich um ein Gebräu aus geröstetem Korn, braunem Zucker und heißem Wasser. Das Getränk war in Palmenhain sehr beliebt und wurde meist mit Feigenschnaps veredelt. Doch Tintenmann trank den Kakao lieber pur und ließ den für ihn unvergleichlichen Geschmack auch seinen Gästen zukommen.

„Aber nicht doch. Das sind keine Umstände“, erklärte Tintenmann. Er schickte die beiden Eunuchen wieder fort und ließ es sich nicht nehmen, persönlich den Kakao aufzugießen. „Lasst es euch schmecken.“

„Danke.“ Sandfels machte gute Miene zum bitteren Spiel und trank einige Schluck des braunen Gebräus. Dann setzte er die Tasse ab und ergriff das Wort: „Habt ihr Neuigkeiten über den Tempel in Kristallhort?“ Tintenmann lächelte wissend und nickte mit dem Kopf. Sandfels Augen leuchteten auf.

„Ja, aber es ist nicht viel. Es heißt der Tempel sei von den Göttern selbst geschickt worden, um die Menschen zu belohnen. Die Priester haben ein Zelt um den heiligen Ort errichtet und Arbeiter angeworben, Mauern aus Stein zu errichten. Man berichtete mir von neuen Wundern die mit dem Tempel kamen. Einige der Priester sollen nun mächtiger sein als der Großkanzler selbst.“

„Unmöglich!“ entfuhr es Sandfels. „Der Großkanzler besitzt mehr Macht als alle Priester zusammen.“

„Nun nicht mehr.“ Tintenmann nahm einen großen Schluck Kakao und verzog entzückt das Gesicht. „Es ist wie immer, wenn der Träger Sterns zum Kampf herausgefordert wird. Die Kräfte verlagern sich und der Sieger bestimmt wer an der Macht bleiben wird. Bisher hat sich der Träger immer für die Priesterschaft entschieden. Was aber wirst du tun?“

Sandfels Mine verfinsterte sich. „Ich glaube nicht, dass ich darüber entscheiden kann.“

„Ah, ja. Ich habe davon schon gehört. Das Schwert bestimmt wohl den Weg des Auserwählten. Ich hatte wirklich nicht geglaubt das du siegen würdest. Aber ich bin angenehm überrascht. Du bist ein guter Mensch und hast es verdient.“

„Pah, ich habe sicher mehr verdient.“

Tintenmann sah Sandfels erstaunt an. „Du bist unzufrieden? Jetzt wo du alles erreicht hast wovon du träumtest? Ich verstehe dich nicht.“

„Lassen wir es dabei bewenden, Tintenmann. Erzähl mir lieber etwas von dem Tempel.“

„Nun, der neue Tempel soll mächtiger sein als alle anderen zuvor. Aber diesmal soll ihm kein Gott innewohnen. Und man fand keine Schriftzeichen an seinen silbernen Wänden.“

„Nein? Seltsam.“ Sandfels hatte in den vergangenen Jahren viel über die Tempel erfahren und war durchaus in der Lage die Situation zu beurteilen. Er überlegte ob es etwas mit dem seltsamen Kampf in der Arena zu tun hatte. Standen die Götter vielleicht in ständigem Kontakt mit Stern? Sandfels war so tief in Gedanken versunken, dass er gar nicht bemerkte wie die Eunuchen eine kristallene Schale mit frischem Obst hereintrugen. Erst als Tintenmann ihm freundlich eine Zitrone anbot schrak der Kämpfer aus seinen Überlegungen.

„Ich würde eines meiner Bücher für deine Gedanken geben“, sagte Tintenmann neugierig. „Hat dich das Schwert weiser oder stärker gemacht? Wie fühlt es sich an? Redet Stern mit dir?“

Sandfels winkte ab. „Nichts ist so wie es scheint, Tintenmann. Stern ist anders als du denkst. Mehr kann ich nicht dazu sagen.“

„Weil du nicht mehr weist?“

„Nein. Ich habe es versprochen. Und nun frage nicht weiter.“ Sandfels biss in die Zitrone und ließ den sauren Geschmack genüsslich über die Zunge rollen. Dabei verzog er keine Mine. „Nichts geht über die Frische einer Zitrone. Sie ist so klar und rein wie keine andere Frucht.“

„Sandfels, du bist ein gelehriger Schüler der Götter“ Tintenmann lachte erfreut.

„Sag mir, wenn der neue Tempel keinem Gott geweiht ist, könnte er durch den Träger Sterns einem Gott geweiht werden?“

„Das würde den Bestimmungen widersprechen. Der Träger war immer eine Person die den Göttern diente. Die Legenden erzählen es uns doch.“

„Hätten die Priester die Macht selbst einen Gott zu bestimmen?“ fragte der Krieger.

„Sicher. Die Legenden berichten, dass die Priester mit den Göttern reden und manchmal einer der ihren zu den Göttern entsandt haben, damit er dort seinen Platz einnimmt.“

Sandfels dachte nach. Er kannte Wüstenhauchs Ablehnung den Priestern und Göttern gegenüber. Sie würde in Kristallhort wahrscheinlich dem Großkanzler die Macht zusprechen. „Tintenmann, könnten die Priester auch einen neuen Träger für Stern bestimmen?“

„Worauf willst du hinaus? Glaubst du jemand könnte dir Stern streitig machen wollen?“

„Nein, das nicht. Aber ich will auf alles vorbereitet sein.“

„Die Priester können keinen neuen Träger bestimmen. Aber den Göttern wäre es möglich.“

Ein Plan reifte in Sandfels heran, der immer mehr Gestalt annahm. Seine verletzte Eitelkeit brachte ihn dazu Gedanken zu hegen, die er nie für möglich gehalten hatte. „Du hast mir sehr geholfen.“

„Willst du schon gehen?“, fragte Tintenmann sichtlich bestürzt. „Es wurde doch gerade gemütlich. Ich habe zwei neue Tänzerinnen eingestellt. Frauen bei denen der Verstand verloren geht.“

„So eine Frau ist mir schon bekannt. Ich glaube sie bringt mich sogar gerade in diesem Augenblick um meinen Verstand.“ Sandfels erhob sich und reichte Tintenmann freundlich die Hand. „Vielleicht sehen wir uns bald wieder.“

„Ich glaube nicht. Das Land bietet nichts was du brauchst, Sandfels. Und so gute Freunde sind wir nicht, als das du eine so anstrengende Reise auf dich nehmen würdest, nur um mit mir einen Kakao zu trinken.“

„So dann, lebe wohl.“

„Lebe wohl, Träger Sterns. Lebe wohl. Und ich hoffe du erreichst deine Ziele, wo immer sie sein mögen.“

„Hab Dank, Tintenmann.“ Sandfels verließ das Haus des Schreibers und machte sich auf den Weg zum Hafen. Dort erkundigte er sich nach dem nächsten Handelsfahrer und erfuhr, dass die Riff erst die nächsten Tage erwartet wurde. Sandfels bedankte sich mit einigen Münzen für die Information und ging zum Wirtshaus zurück.

***

Wüstenhauch saß in der Stube bei einem mit Wasser versetzten Wein. Als Sandfels eintrat und sie erblickte, kam Wüstenhauch ihm veränderter vor. Mit der neuen Frisur und der anderen Kleidung wirkte sie jünger und abenteuerlustiger als zuvor. Wüstenhauch saß vor einem Teller Brei und stocherte lustlos darin herum. Der Becher Wein sagte ihr mehr zu. Sie hatte bei Grasmann einiges gelernt.

Mit schwerem Schritt trat Sandfels an ihren Tisch und blickte zornig auf Wüstenhauch hinab. „Was tust du hier unten?“ fragte er laut.

Wüstenhauch schreckte zusammen und stieß beinahe den Becher um. „Was? Du hast doch gesagt, wir treffen uns zum Abendessen.“

„Ich habe aber nicht gesagt, dass du dich betrinken sollst“, fuhr sie der hagere Kämpfer an. „Oder?“

„Sei nicht so schroff. Ich lasse mir nicht vorschreiben was ich zu esse oder zu trinken habe.“

„Davon wird aber vielleicht dein Leben abhängen. Stell dir vor jemand würde deinen Brei und deinen Wein vergiften? Was dann? Du hast keine Ahnung, wie es in der Welt zugeht. Du hast -“ Sandfels brach im Satz ab und biss sich auf die Lippen. Er hatte sagen wollen: „Du hast Stern nicht verdient“, aber er unterließ es. Mit ein wenig Glück würde er bald nicht nur die Schwerter, sondern auch den Kristall tragen. Er wollte im Vorfeld lieber nichts riskieren. „Tut mir leid, ich war nur um deine Sicherheit besorgt.“

„Der Kampf hat dich schwerer mitgenommen, als du zugeben willst, Sandfels. Ich hoffe zu erholst dich schnell. Ich mache mir große Sorgen um dich.“

„Heute mal nicht beleidigend?“ schnaubte Sandfels böse. „Das passt nicht zu dir. Seit wann machst du dir Sorgen? Hör auf zu heucheln und iss den Brei. Morgen machen wir uns schon reisefertig. Der Handelsfahrer wird wahrscheinlich die nächsten Tage eintreffen und ich will keine Zeit vergeuden. Heute Abend wird früh geschlafen, damit wir ausgeruht sind. Hast du das verstanden?“

„Ja, allwissender Meister und Herr der Klugheit“, antwortete Wüstenhauch sarkastisch. Er hatte sie wütend gemacht und das steigerte ihren Zorn noch mehr. Wie gerne hätte sie ihm eine schallende Backpfeife für sein Benehmen gegeben, aber Sandfels war in letzter Zeit sehr merkwürdig und sie wusste nicht ob er es mit einem gutmütigen Lächeln hinnehmen würde, so wie er es früher getan hatte.

„Hör auf so zu reden und tu was ich dir gesagt habe!“

„Nur die Ruhe, Sandfels.“

Beide gingen auf ihr Zimmer und legten sich schlafen. Während Sandfels sofort in einen traumlosen Schlaf fiel lag Wüstenhauch noch einige Zeit wach. Sie dachte über die letzten Tage nach und was sich alles verändert hatte. Sie spürte die Wärme des Kristalls in ihrer Brust und spürte den Drang, sich irgend etwas zu nähern. Es war wie ein undeutlicher Ruf aus weiter Ferne, den sie nicht verstehen konnte. Noch nicht. Sandfels‘ Veränderung beunruhigte sie. Er schien wie ausgewechselt und Wüstenhauch wusste nicht wie weit sie ihm noch trauen konnte. Zwar gab es nun eine Abmachung zwischen ihnen, aber wer konnte sagen was der Kämpfer wirklich dachte.

Ein kratzendes Geräusch am Fenster ließ Wüstenhauch aufschrecken. Im ersten Moment dachte sie es sei eine Wüstenratte, aber dann wurde ihr klar, dass dieses Geräusch etwas ganz anderes bedeutete. Irgend jemand versuchte von außen in ihr Zimmer einzudringen und machte sich an den Fensterläden zu schaffen. Als Wüstenhauch die Spitze einer Dolchklinge sah die sich von außen unter den Riegel schob und ihn langsam anhob, wurde sie sich ihrer eigenen Waffen bewusst.

Wüstenhauch glitt leise aus dem Bett und ging zu ihrem Gepäck. Sie fand die beiden Dolche obenauf und zog sofort eine der schmalen Klingen blank. Etwas selbstsicherer schlich sie zur Türe. Es war besser Sandfels oder Grasmann zur Hilfe zu holen, als sich dem Eindringling alleine zu stellen. Doch gerade als sie die Zimmertüre öffnen wollte, hörte sie auf dem Flur ein leises Husten. Entweder war so spät noch jemand auf den Beinen oder jemand gab acht, dass niemand das Zimmer verließ.

In dem Moment polterte der Riegel am Fensterladen zu Boden. Der Eindringling achtete nun nicht mehr darauf ob er Lärm machen würde oder nicht. Eine dunkle Gestalt in schwarzen Gewändern sprang ins Zimmer und warf sich lautlos aufs Bett. Doch das erwartete Opfer war weg.

„Sandfels! Grasmann!“ schrie Wüstenhauch so laut sie konnte und warf sich auf den Rücken der Gestalt. Der Dolch bohrte sich fast ohne Widerstand in weiches Fleisch. Jemand schrie vor Schmerz laut auf. Die Gestalt rollte sich zur Seite, den Dolch noch immer im Rücken. Fahles Mondlicht fiel ins Zimmer und zeigte für einen kurzen Augenblick das verzerrte Gesicht eines jungen Mannes, der über dem rechten Auge die Tätowierung einer Spinne trug. In seiner Hand lag ein Dolch mit breiter Klinge, dessen Spitze zu beiden Seiten wie zwei Widerhaken geformt war.

„Stirb!“ stieß der Mann keuchend aus und machte einen Schritt vor. Doch sein Körper verweigerte den Dienst. Bevor er die erstarrte Wüstenhauch erreichte knickte er ein. Seine Augen waren für einen Augenblick ungläubig geweitet, bis sie brachen und er tot nach vorne fiel.

Wüstenhauch schlug entsetzt die Hände vor den Mund. Sie wollte schreien, konnte es aber nicht. Draußen auf dem Flur wurden Rufe und feste Schritte laut. Jemand warf sich mit Gewalt gegen die Zimmertüre. Der Riegel brach und die Türe flog auf. Sandfels stand einen Augenblick später im Zimmer. Er trug nur einen einfachen Lendenschurz und in seinen Händen lagen die beiden Schwerter. Jede Faser seines gestählten Körpers war angespannt.

Sein Blick fiel auf den am Boden liegenden Toten. Mit zwei Schritten war er am offenen Fenster und blickte auf die Straße hinaus. „Was ist los?“ fragte er und drehte sich wieder ins Zimmer. „Wer hat den Mann getötet?“

Wüstenhauch musste erst schlucken bevor sie antwortete. „Ich“, kam es ihr leise über die Lippen. Die Tatsache einen Menschen getötet zu haben nahm sie schwer mit. Sie war zwar mit dem Tod aufgewachsen, aber es war niemals jemand von ihrer Hand oder durch ihren Befehl gestorben. „Er kam durchs Fenster. Ich erinnerte mich an die Dolche und …“ Sie stockte und begann lautlos zu weinen. Krämpfe schüttelten ihren jungen Körper.

Sandfels wollte sie im ersten Moment in die Arme nehmen und trösten, aber dann erinnerte er sich wieder daran wie sie ihm seine Bestimmung raubte und ließ es bleiben. „Hör auf zu flennen wie ein Straßenweib und erzähl mir lieber genau was passiert ist!“ fuhr er sie hart an.

„Lass Wüstenhauch in Ruhe!“ knurrte Grasmann, der plötzlich in der Türe stand. Er hatte einen einfachen Mantel übergeworfen und war mit einem schlichten Kurzschwert bewaffnet. Sein Atem roch nach Alkohol, aber war bei klarem Verstand. „Du siehst doch, dass sie der Tote mitnimmt. Mag sein, dass er sie töten wollte und ein Feind war, aber das macht es nicht besser. Oder hast du etwas anderes bei deinem ersten Toten gefühlt?“

Sandfels schwieg. Er wandte sich stumm ab und ging in den Flur, wo der aufgeregte Wirt erschien und ihm neugierige Fragen stellte. Sandfels drückte den Mann zur Seite und überließ es Grasmann die Situation zu erklären.

Ende Kapitel 2

(vor zu Kapitel 3)

Text und Eingangsgrafik Copyright (c) 2003/2015 by Günther K. Lietz, all rights reserved

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BUCHTIPP DER REDAKTION:

Die Macht der Sechs (Kartoniert)
Das Erbe von Lorien
von Lore, Pittacus

Verlag:  Aufbau Verlag
Medium:  Buch
Seiten:  368
Format:  Kartoniert
Sprache:  Deutsch
Erschienen:  Januar 2015
Maße:  135 x 215 mm
Gewicht:  496 g
ISBN-10:  3351041551
ISBN-13:  9783351041557

Beschreibung
Nummer Sieben lebt in Spanien. Von dort verfolgt sie die Ereignisse in Paradise. Sie ist sicher: John Smith ist einer der ihren. Als sie sich auf die Suche nach ihm macht, wird sie von den Mogadori aufgehalten. Währenddessen kämpft auch John gegen die Mogadori und gegen seine Gefühle für Nummer Sechs. Ist er dazu bestimmt, mit einer Frau von Lorien zusammen zu sein? Was ist mit Sara? Wird Nummer Sieben die anderen der Garde aufspüren? Endlich der zweite Band: Packend und elektrisierend!

Autor
Pittacus Lore ist der Anführer des Planeten Lorien. Die letzten zwölf Jahre hat er auf der Erde verbracht, um den Krieg vorzubereiten, der über das weitere Schicksal jeglicher Existenz entscheiden wird. Sein aktueller Aufenthaltsort ist unbekannt.

Übersetzer

Andreas Brunstermann übersetzt Romane und Sachbücher aus dem Norwegischen und Englischen. Er lebt in Berlin.

Titel bei amazon.de
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6 Comments

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  1. Soll ich einen buchtipp reinstellen?

    Machst du keinen Link zum vorherigen Teil?

  2. Durch Sterns Ruhm wäre ich in der Lage gewesen(,) gute Geschäfte mit reichen Kunden abzuschließen

    Es wird viele geben(,) die mich herausfordern oder bestehlen wollen, nur um an das Schwert zu gelangen.

    Und würde ich die Wahrheit sagen(,) stieße ich auf Unglauben

    Und all diese Kämpfe(,) die sicher kommen werden, ich könnte keinen einzigen davon gewinnen

    Aber als er die Klinge(en?) in Händen hielt

    Sie haben viel gesehen und erkannt, dass es keinen Grund gibt(,) das Gesicht zu verbergen

    „Und sauber sollen sie sein“, mahnte Sandfels(,) der sich nur mit Unbehagen an die letzte Nacht im Wirtshaus erinnerte.

    Den nächsten Skorpion(,) den ich finde, werfe ich in dein Bett

    Selbst die wenigen Sklaven(,) die sie sah, nahmen sich Freiheiten heraus

    Es heißt(,) der Tempel sei von den Göttern selbst geschickt worden, um die Menschen zu belohnen

    und der Sieger bestimmt(,) wer an der Macht bleiben wird.

    Jetzt wo du alles erreicht hast(,) wovon du träumtest

    Er überlegte(,) ob es etwas mit dem seltsamen Kampf in der Arena zu tun hatte

    Der Träger war immer eine Person(,) die den Göttern diente

    Hätten die Priester die Macht(,) selbst einen Gott zu bestimmen

    Seine verletzte Eitelkeit brachte ihn dazu(,) Gedanken zu hegen

    Frauen(,) bei denen der Verstand verloren geht

    Ich lasse mir nicht vorschreiben(,) was ich zu esse oder zu trinken habe

    Stell dir vor(,) jemand würde deinen Brei und deinen Wein vergiften

    Als Wüstenhauch die Spitze einer Dolchklinge sah(,) die sich von außen unter den Riegel schob und ihn langsam anhob, wurde sie sich ihrer eigenen Waffen bewusst.

  3. Sorry, bin gerade ziemlich krank, da komme ich nicht zum Buchtippen. 🙁

  4. Ich habe hier jetzt mal einen Buchtipp drangehängt von dem ich hoffe. dass er irgendwie thematisch passt.

    Ausserdem habe ich für bei Teile durchgeschleift, so dass man jetzt vor und zurückspringen kann von Teil 1 zu 2 und wieder zurück.

    Schau auch mal etwas hoher, dort habe ich einige Kommafehler gefunden, Günther!

    Gib mal bescheid!

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