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REKLAMATION – eine Kurzgeschichte von Martin Ott (sfb-Preisträger Platz 2 im Storywettbewerb 1/2014 – geteilter Preis)

REKLAMATION

eine Kurzgeschichte

von

Martin Ott

Die Bildwand schaltete sich ein und ich einen Gang runter. Feierabend, Füße hoch. Es war erst Donnerstag und ich hatte noch drei Schichten vor mir, bevor es Montag wieder von vorne losgehen würde. Im rechten Fuß zog es bereits seit Tagen. Wenigstens ließ mich der Chef eine Stunde früher gehen. So sah ich Junior noch zum Vorabendprogramm.

Da hopste er auch schon auf meinen Schoß.

„Spielen wir Suchen?“

Ich drückte ihn an mich und strich ihm über den Kopf.

„Gerne. Aber weißt Du, mein Fuß tut wieder so weh. Ich musste die letzten Tage einiges schleppen.“

„Och. Dann sag‘ vor und ich laufe.“

„Ja, das ist eine gute Idee.“

Am unteren Rand der Bildwand liefen unablässig Produktnamen und Chargennummern. Die Konzerne hatten Rückrufaktionen längst als kostenloses Werbemittel entdeckt. Die Abendsendungen waren voll davon. Glaubte Junior, wir hätten eines der Dinge im Haus, öffnete er Schränke und Türen und suchte alles ab. Sobald er eines mit einer ähnlichen Nummer fand, kam er wieder zum Vorschein. Bisher gab es keinen Treffer bei uns und wir kannten persönlich niemanden, der einen hatte. Dennoch gab es einem ein sicheres Gefühl, dass sich die Unternehmen kümmerten.

Junior ging alleine nach oben ins Bett. Später, als sich die Bildwand abschaltete, konnte ich kaum mehr auftreten. Der Weg nach oben war eine ziemliche Plackerei. Als ich schließlich auf dem Bett lag, fühlte sich der Fuß immer unangenehmer an und die Gedanken begannen zu kreisen. Hatte ich mir in der vergangenen Woche das Gelenk überdehnt? Wenn der Chef endlich mal den Hol- und Bringservice auslagern würde. Sollten doch die Kunden ihre defekten Geräte zu uns bringen, wie beim Elektromarkt. Oder mittels Online-Reparaturauftrag per Paketdienst schicken. Aber nein! Ich muss unbedingt persönlich zu den Kunden und mich kaputt schleppen. Individuelle Beratung, Zuvorkommenheit, Einfühlungsvermögen. Scheiß Tante Emma Philosophie! Der Chef meint, er könnte damit gegen die Großen anstinken. Irgendwann wird er verlieren, dann lande ich auf dem Abstellgleis.

Am Morgen musste ich auf einem Bein hüpfen. Ein Anruf in der Vertragspraxis ergab, dass ich am Vormittag vorbeikommen könne. Das Funkmobil traf ein, nach dem ich Junior zur Schule verabschiedet hatte. Es fuhr rückwärts an die Haustür und senkte die Heckpartie ab. Eine Begleitperson kam mit einem Rollstuhl bis ins Haus.

In der Zufahrt der Praxis wartete eine junge Frau in Grün. Sie hieß uns Willkommen und übernahm mich samt Rollstuhl. Nach wenigen Minuten erreichten wir einen Behandlungsraum. Dort half sie mir auf die Liege und verließ den Raum mit der Bitte um ein wenig Geduld. Ich legte mich hin, und versuchte zu entspannen. An der Wand hing ein Plakat. Es zeigte das Schema des Körpers mit zahlreichen beschrifteten Punkten. Darunter stand ein Gerät auf Rollen. Eines, wie es am Abend zuvor für einen Rückruf eingeblendet worden war.

Nach einer Weile kam die Frau in Begleitung zurück.

„Guten Tag. Es gibt Probleme mit einem Fuß?“

Er setzte sich ans Ende der Liege, nahm den Fuß in beide Hände und zog, drückte und drehte daran. Die Prozedur nahm ich gelassen hin, bis er den einen Punkt am Knöchel traf. Ich zuckte zusammen und krampfte.

„Ups“, sagte er nur, nachdem ich mich wieder zurechtgelegt hatte.

„Es wird sich um eine Überlastung handeln. Aber ich möchte die Beschädigung des Gelenkes durch eine kleine Untersuchung ausschließen.“

Das erschien mir plausibel und ich gab mein Einverständnis. Mit einer Hand hielt er den Fuß, mit der anderen umfasste er das Schienbein unterhalb des Knies und drückte mit beiden Daumen fest zu. Augenblicklich waren die Beschwerden weg. Der Überraschung folgte ein Gefühl der Entspannung. Doch dann spürte ich auch den Unterschenkel, den Fuß und seine Hände nicht mehr.

”Heh! Was ist jetzt los?” Ich konnte nur den Kopf bewegen.

„Reparatur-Modus, es sind nur ein paar Handgriffe.”

Er nahm ein Skalpell und fuhr damit um den Knöchel. Einige rote Tropfen traten aus. Er klappte die Haut zurück und löste mit einem Dreh eine Kappe. Darunter zeigten sich Metallteile und Kabel. An mehreren Stellen blinkte es.

„Ah ja, ich sehe schon. Womöglich ein fehlerhaftes Ersatzteil bei der letzten Wartung. Das haben wir gleich.“

„Was?!“

„Ein einfacher Austausch. Heute Abend können Sie bereits wieder ihre Funktion erfüllen. Ihr Arbeitgeber hat uns gestern Mittag über Probleme an ihrem Fußgelenk verständigt und erwähnte Ihre Vorschläge, Betriebsabläufe verändern zu wollen.“

Die Assistentin schob das Gerät aus dem gestrigen Rückruf heran. Auf dem Monitor erschien das Logo des Chirotronik Konzerns.

“Ich spiele Ihnen auch ein Software Update ein. Das wird defekte Teile besser abfangen und vor unnötigen Gedanken schützen.“

Er zog ein Kabel aus dem Gerät und steckte das Ende in den Fuß.

Die Daten flossen aus mir heraus.

Leere breitete sich aus.

Sie erreichte den Kopf.

Dann war alles Nichts.

Ich kam in Bauchlage wieder zu mir. Jemand massierte den Fuß. Angenehm. Ich sortierte meine Gedanken. Alles schien gut.

Die Assistentin half mir auf und lächelte mich an.

„Mit dem Fuß ist alles in Ordnung. Ihr Arbeitgeber hat Ihnen für den Rest des Tages freigegeben. Muss ein toller Chef sein.“

Ich ließ mich zögerlich von der Liege herab. Tatsächlich! Der Fuß war wie neu. Und auch sonst fühlte ich mich topfit.

„Ja, er ist sehr menschlich. Vielen Dank und auf Wiedersehen.“

Der Wagen wartete vor dem Haupteingang. Die Fahrt nach Hause verlief ruhig. Angenehme Musik erfüllte den Fahrgastraum. Irgendwann legte sich eine Wohlfühlstimme darüber.

„Vielen Dank für Ihren Besuch in Ihrer Vertragspraxis. Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Tag und freuen uns, dass sie ab morgen wieder Ihren Aufgaben nachkommen können.“

Ich freute mich auch. Den Arbeitsrückstand des Tages würde ich noch vor Montag locker aufholen. Vom Wagen aus nahm ich Verbindung mit dem Hort auf und bat darum, Junior früher nach Hause zu bringen.

Das Funkmobil hielt vor dem Haus. Die Begleitperson brachte mich bis zur Haustür. Individueller Hol- und Bringservice, perfekt integriert! Im selben Moment traf das Hortmobil ein. Die Wagentür öffnete sich und der Betreuer stieg aus. Junior blieb in der Wagentür stehen und schaute mich zögernd von oben nach unten an.

Ich lachte und rief, „Alles wieder heile. Manchmal vergessen wir einfach nur, wer wir sind. Heute sagst Du vor und ich suche.“

* ENDE *

Copyright © 2012 by Martin Ott

Reklamation, erstmals  erschienen 2013 in den „Andromeda Nachrichten 241“ des SFCD e.V., www.sfcd.eu,

jetzt in der Bibliotheca Forticana bei www.forticus.de

Bildrechte: Coverillustration “Überraschungsgeschichten-der-besonderen-Art1.jpg ” () © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildrechte: “Künstliche Menschen” (Zeichnung-Cyborgs.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

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Dick, Philip K.
Blade Runner

Roman
(Fischer Klassik)

Übersetzt von Nagula, Michael
Verlag :      FISCHER Taschenbuch
ISBN :      978-3-596-90559-1
Einband :      Paperback
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Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 19.11.2013
Seiten/Umfang :      ca. 272 S.
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 22.05.2014
Aus der Reihe :      Fischer Klassik 90559

›Blade Runner‹, der Film von Ridley Scott, beruht auf dem Roman von Philip K. Dick aus dem Jahr 1968, in dem Androiden von elektrischen Schafen träumen. Denn in der postapokalyptischen Gesellschaft definiert der Besitz von Tieren den Status und eine Person im Fernseher wird beinahe göttlich verehrt. Vom Mars zurückgekehrte Androide bedrohen aber die radioaktive Idylle, und ein Kopfgeldjäger – im Film Harrison Ford – macht Jagd auf sie. Mit höhnischem Scharfsinn und schwarzem Humor erkundet Dick die Grenze, die den Menschen von den Androiden, die er geschaffen hat, unterscheidet. Eine Lektion in Sachen Ethik der Technik.

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Updated: 16. Februar 2015 — 15:01

3 Comments

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  1. Was sagt Ihr? Für mich eindeutig ein Anwärter für den ersten Platz im Storywettbewerb. Ich bin gespannt auf Eure Meinung!

  2. Da bekommt Frau Gänsehaut. Big Brother aus einer ganz, ganz anderten Perspektive. Super-Idee

  3. Nö, nicht Big-Brother, sondern eher wie der Buchtipp; sehr gut gewählt.

    Wäre bloß schön, wenn so ein Krankensystem auch für echte Menschen machbar wäre. An „Vertragspraxen“ sind wir doch ohnehin schon dran (Hausarzt, Zahnarzt vs. Bonusheft der BKK).

    Die Story gefällt mir auch. Ich breche hier mit einer selbst auferlegten Regel: Bewerte nicht im laufenden Wettbewerb. Aber Martin hat (m)einen Punkt schon mal sicher.

    mgg
    Werner 😉

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