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Literatur-Blog

Ralf Isau – interviewt von Werner Karl

Erstellt von Galaxykarl am Montag 24. Oktober 2011

Interview mit Ralf Isau

sfbasar: Schon während Ihrer Lehrzeit zum Datenverarbeitungs-Kaufmann haben Sie ein Sachbuch zur Programmiersprache COBOL und später Ihr erstes belletristisches Buch („Der Drache Gertrud“) für Ihre Tochter Mirjam geschrieben. Parallel dazu arbeiteten Sie an einem Werk, dass man heute als die „Neschan-Trilogie“ kennt und schätzt. Sind Sie ein Naturtalent oder Autodidakt?
RI: Vielleicht beides. Bei mir stand damals im Zeugnis von der ersten Klasse: „Beim bildnerischen Gestalten zeigte er fantasiereiche Einfälle.“ Also die Fantasie, die war schon sehr früh zu beobachten. „Bei dem jungen Schüler“ später standen dann in Aufsätzen so (Bemerkungen) wie etwa: „Du hast eine rege Fantasie.“ Also darin zeigte sich vielleicht das Naturtalent. Ich habe immer gerne Aufsätze geschrieben, das gehört ganz bestimmt auch dazu. Ja, das Schreiben hat sich im Laufe der Zeit immer weiter entwickelt. Auch in meinem früheren Beruf durfte/musste/konnte ich viel schreiben. Natürlich (sind) Computerhandbücher nicht so spannend und ich wollt schon gerne für meine Tochter etwas Spannendes schreiben. Und so kam es dann, dass ich anfing die Geschichte zu schreiben.

sfbasar: Schreiben ist zu einem Teil Handwerk, zu anderen Teil Talent. Wie hat sich Ihre Schreibtechnik – vor allem in den ersten Jahren – verändert und inwieweit tut sie das auch heute noch?
RI: Na, da kommt jetzt der Autodidakt zum Tragen. Wenn man eine Geschichte abgibt beim Verlag, dann sollte ja ein Lektor da sein, der die Geschichte liest und Verbesserungsvorschläge macht. Und ich habe diese Verbesserungsvorschläge nie nur als Kritik an dem einzelnen Manuskript gesehen, sondern immer auch überlegt, was kannst du da jetzt mitnehmen, um dich zu verbessern in deinem Schreibstil. So hat sich das im Laufe der Jahre immer weiter entwickelt und da ja wir in der Zeit auch voranschreiten – also die Leser mögen heute eher Stoffe, die schneller fließen, sag´ ich mal, die Handlung, die Sätze, sollten vielleicht etwas kürzer sein, als wie sie vor 15 Jahren noch waren. Also, man merkt im Leseverhalten auch ´ne gewisse Veränderung. Und wenn der Autor nicht zurückfallen will, dann muss er sich natürlich bis zu einem gewissen Grade auch anpassen. Insofern ist auch heute nach wie vor ein Lernprozess da. Wenn ich Worte sehe, die mir gefallen, dann versuche ich mir die zu merken und Wörter zu verwenden und auch auf diese Weise eben ständig dazuzulernen.

sfbasar: Bei einer Lesung Michael Endes im Jahr 1992 haben Sie ihm einen selbst gefertigten Prototyp von „Der Drache Gertrud“ überreicht und damit einen Volltreffer gelandet. Sowohl bei Herrn Ende als auch beim Thienemann-Verlag. War das Naivität oder Frechheit-siegt?
RI: Ja, vielleicht ein bisschen von Beidem. Also meine Frau hat ja damals gesagt, bevor wir zu der Lesung von Michael Ende gegangen sind: „Du, schenk dem doch den Drachen Gertrud.“ Ich hab dann natürlich den Mut aufbringen müssen, um auf den großen Kollegen zuzugehen; man hat ja auch Ehrfurcht vor so einem bekannten Namen und hab ihm das dann in die Hand gedrückt. Ich hab in dem Moment aber noch gar keine großen Hintergedanken gehabt, einfach weil mir seine Geschichten so gut gefallen haben und der Drache Gertrud so´n bisschen vom Tonfall her, den Jim-Knopf-Geschichten ähnelte, dachte ich, schenkst du ihm das. Ja, und dann der Rest der entwickelte sich dann einfach.

sfbasar: Vorherige Versuche, Ihren Erstling einem Verlag schmackhaft zu machen, endeten mit monotonen Ablehnungsschreiben. Wie gehen Sie mit Niederlagen um? Gibt es diese heute überhaupt noch für Sie? Haben Sie gedacht, dass der Text verkannt wird? Und haben Sie sich an Ihren Schreibtisch gesetzt und am Text gefeilt?
RI: Also, an dem Text gefeilt habe ich eigentlich nicht, weil ich dachte, der ist schon ganz gut so. Und ich war früher bei einem Computerunternehmen, das Textverarbeitungssysteme verkauft hat. Und ich wusste daher sehr gut, was ein Textbaustein ist. Und ich hab´ gesehen, 99 % der Briefe, die ich bekommen hab´, waren Textbausteine. Da hat entweder einer gar nicht richtig gelesen oder er hat einfach gesagt: „In unser´m Programm, da passt es so nicht rein und dann greif ich eben zum Textbaustein 4711 und klicke mir einen Brief zusammen und den schick´ ich dann dem Herrn Isau.“ Ich hatte ja nie den Riesendrang danach, Schriftsteller zu werden; ich hab´ das einfach akzeptiert. Iss´ halt nicht, muss also auch nicht sein. Dass es danach anders kam, nach Michael Ende, das war dann einfach ein Glücksfall. Aber heute gibt’s natürlich auch Kritiken. Mittlerweile habe ich glaube ich gelernt, ein bisschen locker mit Kritiken umzugehen. Aber grad´ am Anfang hab´ ich mir das schon sehr zu Herzen genommen. Dass z. B. auch der Lektor am Anfang bestimmte Passagen kritisiert hatte, dass er empfohlen hatte, es anders zu machen. Da hatte ich dann einmal zu meiner Frau gesagt: „Also, ich schreib jetzt überhaupt keine Bücher mehr.“ Ich war da erst Mal ein, zwei Stunden lang so demotiviert, dass ich dachte, ich lasse das jetzt. Aber gut, man lernt natürlich nicht, wenn man so denkt, sondern man lernt nur, wenn man versucht das Gute mitzunehmen und sich selber daran zu verbessern.

sfbasar: Apropos Feilen am Text: Wie gestalten Sie Ihre Überarbeitungen? Haben Sie besondere Durchgänge/Kriterien/Schemata nach denen Sie diese durchführen?
RI: Meine Überarbeitungen sind in der Regel so, das ich mir nach dem Schreiben eines Tagewerkes am nächsten Tag den Text noch mal angucke. Gleichzeitig um auch im wieder reinzukommen in …, ja … in den Fluss. Von dort an schreibe ich dann weiter. Wenn der Text fertig geschrieben ist, der Rohtext, dann wird der noch mehrmals, so mindestens zwei Mal, maximal bis zu sieben Mal überarbeitet. Ich hab´ eine Geschichte geschrieben „Pala und die seltsame Verflüchtigung der Worte“. Da ging es um Sprache. Da war es mir sehr wichtig, dass wirklich jedes Wort 100 %ig sitzt. Das ist ein Roman, wo ich mir vorgenommen hab´, das ein „daß“ mit Esszett, heute würde man sagen mit Doppel-s, dass es das in diesem Buch nicht geben darf. Außer bei einem Zitat: „Ach wie gut, daß niemand weiß, daß ich Rumpelstielzchen heiß.“ Da kam´s dann gleich zwei Mal vor. Aber nur an diesen beiden Stellen.

sfbasar: Wie halten Sie es Zuhause? Schotten Sie sich zum Schreiben – auch vor der Familie – ab oder brauchen Sie deren Feedback, Kritik evtl. sogar deren Inspiration?
RI: Wenn ich schreibe, dann zieh´ ich mich schon sehr in mich selbst zurück und natürlich auch in mein eigenes Arbeitszimmer. Oder einmal im Jahr mache ich so eine Schreibklausur. Dann fahr ich nach Mallorca in ´ne Finca. Da setzt ich mich dann von morgens bis nachts hin und schreibe so 15, 16 Stunden am Tag. Sehr intensiv, und da ist natürlich jede Störung dann, ja, ein Rausreißen aus meiner Welt. Also versuch ich dann möglichst wenig Störungen zu haben. Die Familie liest eigentlich erst, wenn ich dann fertig bin. Es kommt schon vor, dass man manchmal zwischendurch über dieses und jenes Problem diskutiert, manchmal hab´ ich auch knifflige technische Probleme, wo ich z. B. die Fachkenntnisse meiner Frau im Kochen brauche oder in anderen Dingen. Oder manchmal liest sie bestimmte Bücher für mich, wo ich sage: „Schau, oder achte mal auf diesen und jenen Punkt. Dass sie also dann da beim Recherchieren mithilft, dass sie den Klebezettel rein macht und ich dann die Passagen, die dann für die Geschichte von Interesse sein könnten, verdichtet lese. Aber ansonsten ist es schon ein sehr abgeschlossener Prozess, wo dann erst, wenn der Rohtext fertig ist, ich es dann einen Schritt weiter gebe und in der Regel dann meine Frau und dann der Lektor die Geschichte lesen.

sfbasar: Haben Sie die Ideen zu Ihren Büchern immer selbst gefunden oder kam auch schon mal ein Verlag zu Ihnen und sagte: „Lieber Herr Isau, wir haben hier eine tolle Idee. Machen Sie doch daraus einen noch tolleren Roman.“ Kam das vor und wenn ja, wie gehen Sie mit Auftragsarbeiten um? Wenn nicht, wir würden Sie reagieren? Mit Feuereifer oder mit Ablehnung?
RI: Also, das gab´s bisher noch nicht. Bisher waren immer meine eigenen Ideen farbig, interessant, spannend genug, um zu sagen, daraus machen wir Geschichten. Was Verlage manchmal machen, das sie sozusagen eine Richtung vorschlagen. Mein früherer Jugendbuchverlag hatte mal gesagt: „Schreib doch mal einen Roman aus deinem Metier, du bist doch Computerfachmann. Wieso nicht mal das verbinden, Computer mit einer spannenden Geschichte?“ Und so ist dann „Das Netz der Schattenspiele“ entstanden. Also, die Idee war völlig meine, aber sozusagen die grobe Richtung ist vorgeschlagen worden. Das mag´s schon mal geben, aber ansonsten sind alle Ideen, alle Stories, auf meinem Mist gewachsen. Wie ich damit umgehen würde? Hhm, ich glaub´ es hängt auch von dem Stoff ab. Also, wenn er sehr, sehr spannend ist, dann könnt´ ich mir auch vorstellen, dass ich das mal mache. Das müsste dann wirklich im Einzelfall mal überlegen.

sfbasar: Wie gehen Sie beim Schreiben vor? Laut Ihrer Website sammeln Sie sehr lange, basteln sich ein Exposé von manchmal 30 oder 40 Seiten und strukturieren Kapitel und Handlungsablauf schon ausgiebig vor. Bis zu welchem Grad praktizieren Sie das konsequent und halten sich an Ihren Plan und wie viel Spontanität gestehen Sie sich dann noch bei der Arbeit zu?
RI: Also diese ausführlichen Konzepte sind bei mir Standard. Für meinen nächsten Jugendroman hab´ ich gerade ein 40-Seiten-Konzept fertiggestellt. In diesem Konzept sind dann auch schon grobe Recherchen mit eingeflossen. Weil das gehört einfach dazu, wenn man einen historischen Hintergrund hat oder einen wissenschaftlichen. Da muss man im Groben schon mal Bescheid wissen, um dann die Geschichte auch an der Realität entlang zu entwickeln. Beim Schreiben gibt’s dann einmal von den Fakten her Feinrecherche. Manchmal entwickeln bestimmte Figuren auch ein so starkes Eigenleben, dass sie sich nicht so schnell abschütteln lassen. Also, den Fall hatte ich erst jüngst wieder. Da sollte sich diese Figur eigentlich viel früher wieder ausklinken. Hat aber nicht geklappt. Sie ist mit dran geblieben. Soviel Freiheit gehört dann auch dazu, weil ich denke, diese Spontanität die merkt vielleicht auch der Leser. Das was mich in dem Moment überzeugt hat, die Figur mitzunehmen, ist vielleicht auch das, was den Leser überzeugt.

sfbasar: Nach der „Sammlung von Ideen, Zeitungsartikeln, Lektüre von passenden Büchern, Meldungen in Rundfunk und Fernsehen“ sagen Sie, dass jetzt die Arbeit im Team beginnt. Ein Team? Wer ist das? Sie, der Lektor, der Agent, Ihre Frau? Sie sagen, dass Sie die Vorschläge „wohlwollend überdenken, fallen lassen oder in modifizierter Form übernehmen.“ Wie stark lassen Sie sich Ihre Grundidee, Ihren Plot davon beeinflussen?
RI: Diese Ideen muss man runterbrechen, oder diese Aussage muss man runterbrechen auf verschiedene Bücher. Es gab z. B. bei dem „Kreis der Dämmerung“ – einer Tetralogie -, die auf der Geschichte des 20. Jahrhunderts basiert, sehr viel Input auch von Seiten der Familie, das eben Zeitungsschnipsel gesammelt wurden, alles was Highlights des 20. Jahrhunderts waren. Es war viel Input da. Der Plot selbst aber, die Story, die hab´ ich alleine entwickelt. Teamarbeit hat man aber natürlich bei jedem Buch, weil bis ein Buch letztlich im Buchhandel auf dem Tisch liegt, da muss ja viel gemacht werden: Da muss ein Umschlag entwickelt werden, da ist der Lektor, der den Text liest, da sind Marketing- und Werbemaßnahmen erforderlich. Das meine ich auch mit Teamarbeit. Die Geschichte ist ganz allein von mir. Aber bis das fertige Produkt dann da ist, da müssen sehr viele Leute ran. Und da versuch´ ich auch immer, sehr verzahnt zu arbeiten, d. h. ich möchte z. B. von meinem Umschlagentwürfen sehr früh Skizzen sehn, um dann vielleicht mit Anregungen zu geben. Und vielleicht auch mal zu sagen: „Das gefällt mir nicht so.“ Da kommt´s auch mal vor, das ich sage: „Nee, das geht jetzt gar nicht.“ Da hab´ ich dann auch das Interesse dran, an dem Gesamtprodukt, an dem Gesamtkunstwerk Buch, was dann zum Schluss rauskommt, ganz mitzuwirken.

sfbasar: Inwieweit haben Sie als Autor Einfluss auf die Covergestaltung? Ist hier gerade ein so starker Verlag so dominant, das er sagt: „Wir wollen das Cover aber so haben, weil es in diese Serie, dieses Genre hineinpasst. Aber so – nach jetzt glaube ich 30 Büchern, die Sie veröffentlicht haben -, ist ihr „Stand“ so gut, dass sie sagen können, sie haben ein deutlichen Mitspracherecht am Cover?
RI: Ja. Man muss unterscheiden von der vertraglichen Situation, die bei den meisten Autoren wohl die ist, dass der Verlag den Titel und das Cover bestimmt. Aber die Praxis ist die – auch bei Randomhouse/cbj -, dass wir sehr eng zusammenarbeiten, dass das Mitspracherecht nach wie vor groß ist und ich – wie gesagt – auch schon Umschläge abgelehnt habe, wo der Verlag hätte sagen können: „Nö, wir haben jetzt das Recht, wir drücken das durch.“ Aber wenn ich dann sag´: „Nee, damit kann ich nicht mit leben, mit diesem Buch lass´ ich mich nicht fotografieren.“, dann freut die das natürlich auch nicht. Und dann hat man bisher immer den Weg gefunden, mit dem letztlich alle zufrieden waren.

sfbasar: Wurden Sie schon mal von einem eigenen Text überrumpelt, dass dieser sich anders entwickelte, als Sie zu Beginn geglaubt haben? Konkret: Lief es beim Schreiben mal so gut und deutlich besser als in Ihrem eigenen Exposé, dass Sie selbst überrascht waren?
RI: Das ist immer phasenweise. Wenn man eine Geschichte schreibt, dann ist das wie ein Fluss. Es gibt Stromschnellen, wo es sehr schnell fließt, also auch das Schreiben, manchmal regelrecht ekstatisch schreibt man. Da kommen am Tag mal 25 Seiten heraus als Output. Und dann gibt´s Tage, an denen schreibt man nur vier Seiten. Von einer ganzen Geschichte möchte ich nicht sagen, dass sie mich so überrascht hat. Es gibt natürlich Bücher, wo ich im Rückblick sagen kann: „Das ist jetzt so´n tolles Buch geworden, das ist auch so erfolgreich gewesen, und wenn ich überlege, in wie kurzer Zeit ich das geschrieben habe, dann staune ich heute noch.“ Aber woran das liegt, da müsste man mal eine wissenschaftliche Untersuchung drüber machen, ich kann es nicht erklären.

sfbasar: Sie haben mittlerweile einen Agenten und arbeiten mit verschiedenen Verlagen. Sie sprechen auf Ihrer Website „von einem Freund“, der Sie dabei unterstützt hat. Ist er Ihr Agent geworden oder haben Sie sich – wann? – einen Profi gesucht? Ist man ohne irgendeine Hilfe schutzlos den Verlagen ausgeliefert oder war das wieder ein Glücksfall?
RI: Ja, man kann schon sagen, es war ein Glücksfall. Weil mein heutiger Literaturagent ist der ehemalige Lektor von Michael Ende, der ihn 17 Jahre lang betreut hat. Und er war der erste im Verlag, der meinen Drachen Gertrud, mein Kinderbuch, in die Hand bekommen hat. Von daher ist es also schon in meinem literarischen Leben eine Bindung, die sozusagen von Geburt an bis heute besteht. Sie begann so richtig intensiv zu werden, wo ich anfing, auch Erwachsenenbücher zu schreiben, so 2002 rum war das. Und mittlerweile vertritt mich Roman Hocke (Literaturagentur AVA international)  auch im Jugendbuchbereich, also d. h. bei allen Büchern die ich schreibe.

sfbasar: Die Liste der deutschen „Vollschriftsteller“, also der Schriftsteller, die ausschließlich von ihrer Schreibarbeit leben können, ist relativ kurz. Auch andere Kreative wie Schauspieler, Maler, Bildhauer stehen wahrscheinlich vor einem gleichen Problem: Sie müssen sich selbst um ihre Rente kümmern. Denn Erfolg ist auch in der Literatur keine lebenslange Garantie. Man kann plötzlich „weg-vom-Fenster“ sein. Haben Sie für diesen Fall einen Plan B oder entsprechend jetzt in „guten Zeiten“ vorgesorgt?
RI: Natürlich kümmert man sich um seine Altersvorsorge und zum Glück gibt´s ja mittlerweile eine Künstler-Sozialversicherung. Die gab´s vor einigen Jahren noch nicht, bzw. wurde auch nicht so intensiv propagiert. Der Staat hat wegen der vielen Schauspieler und Autoren, die bettelarm waren gesagt, da müssen wir mehr tun. Von daher bin ich auch für den Lebensabend abgesichert. Es ist natürlich so, man weiß nie, wie sich das weiter entwickelt. Vorgenommen hab´ ich mir, bis ins hohe Alter zu schreiben, weil, ich hab´ ja mein Hobby zum Beruf gemacht und ein Hobby kann man auch im Alter noch weiter betreiben. Also, wenn ich meine Leser finde, werd´ ich das noch lange weiter machen. Aber es ist auch noch so, das ich nach wie vor Bücher schreibe, um davon zu leben. Also, ich schwimme noch nicht im Geld (lacht).

sfbasar: Oder ist es so, dass wenn man rund drei Dutzend Bücher veröffentlicht hat, es leicht ist, auch nach einer längeren Pause oder im Alter – sagen wir mal mit 70 oder noch später – ohne Weiteres einen Verlag für ein neues Buch zu finden? Ich bin da ein wenig skeptisch.
RI: Ja, mittlerweile hat es ganz gut geklappt. Wenn mal die Frage da war, was für einen Verlag nimmt man. Es ist allerdings so, dass sich das natürlich ändern kann und zwar die Schnelllebigkeit der heutigen Zeit ist da der Knackpunkt. Meine ersten Thienemann-Bücher, die waren 10 Jahre lang und länger in der Backlist drin. Heutzutage gibt´s im Erwachsenenbuchbereich oft Bücher, die nach 6 Wochen im Buchhandel abverkauft sind, dann werden sie nicht mehr nachbestellt. Es ist sehr brutal geworden und deswegen kann man sich auch – wenn man nicht wirklich den ganz, ganz großen Namen hat, nicht darauf ausruhen, das man sagt, im Alter habe ich dann soundsoviel Bücher geschrieben und das ernährt mich dann. Man muss heute leider oder auch zum Glück, je nach dem, – ich find´s eigentlich ein bisschen bedauerlich – ständig am Ball bleiben. Bedauerlich deshalb: Man hat ja sehr viel Herzblut in die Bücher gesteckt, und das die dann oft nach relativ kurzer Zeit – ich rede jetzt auch von anderen Kollegen – einfach wieder weg sind von der Bildfläche, das ist eigentlich schade, das haben die Bücher nicht verdient.

sfbasar: Sie publizieren unter Ihrem echten Namen Ralf Isau. Genau wie Markus Heitz, Andreas Eschbach, Kai Meyer, Frank Schätzing. Gerade bei deutschen Autoren wurden noch vor einigen Jahren gerne angloamerikanisch klingende Pseudonyme verwendet. Gerade wenn man wie Sie in verschiedenen Literaturwelten (Kinderbuch, Jugendbuch, Erwachsene, ggf. verschiedenen Genre) veröffentlicht. Hatten Sie nie von Seiten der Verlage diese „Vorgabe“ oder gar selbst den Wunsch sich mit einem Pseudonym abzugrenzen?
RI: Bis jetzt sind bis auf eine Ausnahme alle meine Bücher im Genre der Phantastischen Literatur angesiedelt. Nicht alles Fantasy, aber doch Phantastik. Und das hat dann bisher immer noch gepasst. Sollte ich mich je entscheiden, einen Liebesroman zu schreiben oder irgend etwas völlig anderes, dann denke ich, müsste man auch über ein Pseudonym nachdenken. Weil das Schubkastendenken heute tatsächlich sehr stark ausgeprägt ist. Nicht nur Verlage, teilweise auch Leser, erwarten einfach von einem bestimmten Namen etwas ganz Spezifisches und die würden dann vielleicht gar nicht dazu greifen, zu dem Buch, weil sie denken: „Der schreibt mir zu fantastische Sachen, ich bin aber Realist. Also nee, mach ich lieber nicht.“ Aber bisher war das noch nicht nötig.

sfbasar: Oder anders gefragt: Wenn Sie jetzt plötzlich mit einem Krimi oder Science-Fiction Roman ankämen. Würde Ihr Agent automatisch und selbstverständlich einen anderen Verlag suchen und Ihr jetziger (Fantasy) Verlag die Hände über den Kopf zusammenschlagen und fürchten, Sie wanderten ab?
RI: Das ist natürlich eine hypothetische Frage und deswegen kann ich darauf schwer was sagen, wie das sein würde. Da müsste man dann abwarten, bis ich die Krimi-Idee hätte und dann sehen, was dabei herauskommt. Und dann machen wir noch mal ein Interview, OK?

sfbasar: Oder ist es mittlerweile so, dass ein Autor eher seine Vielseitigkeit damit dokumentiert, dass er eben alle seine Werke unter seinem Realnamen veröffentlicht? Sind Verlage und die Kunden dazu bereit oder reif?
RI: Ich denke, da ist ein Lernprozess im Gange, der durchaus noch im ersten Drittel steht. Also, das was ich gerne als Phantagon bezeichne, ein Buch, das eben nicht in eine Schublade passt, sondern das von jedem Leser auch unterschiedlich gewichtet wird, in verschiedenen Genres wahrgenommen wird. Denn jeder Leser nimmt den Roman nun einmal anders wahr – das macht ein Phantagon aus. Das ist etwas, was man dem Buchhandel nicht so leicht vermitteln kann wie ein genre-reines Buch, also ein reiner historischer Roman beispielsweise. Dann haben die ihr Regal dafür und fühlen sich ganz wohl, wenn sie das Buch in dieses Regal stellen können. In dem Moment, wo es in zwei, drei Regale rein müsste, da haben manche dann … ich will nicht sagen, was sie nicht haben, aber sie tun´s dann eben nicht. Es gibt einzelne Buchhandlungen, die machen´s dann tatsächlich; die stellen das dann in mehrere Regale ein und andere, die zögern dann eben einfach. Deswegen hat man´s da vielleicht etwas schwerer, aber mir kommt´s immer auch darauf an, dass die Geschichte packend und überzeugend ist und das sie mir selber gefällt. Und da hab´ ich dann auch lieber für die Geschichte und gegen den Kommerz entschieden. Dass mir die runde, die tolle Geschichte wichtiger war, als dass ich sag´ jetzt verkauf ich noch mal soundso viel Tausend mehr.

sfbasar: Überhaupt fällt auf, dass in den letzten Jahren mehr und mehr deutsche Autoren eine Chance bekommen, die sie vorher nur in Ausnahmefällen erhielten. Hängt das mit den gestiegenen Kosten der angloamerikanischen Autoren/Verlage/Lizenzen zusammen oder schlichtweg mit der gestiegenen Qualität deutscher Texte?
RI: Ich denke, die deutschen Texte waren auch schon früher gut, nur ist es oft nicht so wahrgenommen worden. Wenn wir es historisch betrachten – wir kommen aus dem 2. Weltkrieg, wir hatten da die USA, die Deutschland vom NS-Regime befreit hat – und die USA waren das große Vorbild in allem, auch eben Hollywood im Film, dazu gehört sicherlich dann auch die Unterhaltungsliteratur. Das Sichfreischwimmen ist einfach ein zeitlicher Prozess gewesen, der gar nicht mal so sehr mit der Qualität zu tun hatte, sondern einfach mit der Mündigkeit des Lesers, der jetzt immer mehr deutsche Autoren auch für sich entdeckt hat und mit der Bereitschaft der Verlage auch wieder mehr auf Originalautoren aus Deutschland zu vertrauen.

sfbasar: Auf welche Projekte dürfen sich Ihre Fans denn in nächster Zeit freuen? Wie viel dürfen und wollen Sie hier darüber verraten?
RI: Man kann vielleicht soviel verraten, dass ich bei cbj einen fantastischen Roman schreibe, wo wieder Geschichtliches mit einem fantastischen Stoff verbunden wird. Der Roman spielt Ende des 18. Jahrhunderts in England und in Frankreich, also es ist die Zeit der französischen Revolution. Und da passieren auch wieder sehr fantastische Dinge. Ebenso im Erwachsenenbereich. Da geht´s bei mir um die Suche nach dem ewigen Leben. Und auch hier gibt´s wieder eine Vermischung von Realem mit Fantastischem – mein Markenzeichen, wenn man so will. Ich habe mich in meinen Recherchen intensiv mit alten Legenden vom Lebenswasser, dem Jungbrunnen und anderen mitteln zur Erlangung der Unsterblichkeit beschäftigt. Wer sich für diese Thematik interessiert, wird manch Bekanntes wiederfinden, das mit einer fantasievollen, spannenden Geschichte verwoben wird.
 
sfbasar: Herr Isau; herzlichen Dank für Ihre Zeit und die interessanten Einblicke in Ihre Arbeit. Wir wünschen uns noch viele, viele herrliche Bücher von Ihnen.

http://www.isau.de/index.html
http://www.ava-international.de/startseite.php

Copyright © 2011 by Ralf Isau und Werner Karl

Pala und die seltsame Verflüchtigung der Worte, ISBN 978-3404154128
Das Netz der Schattenspiele, ISBN 978-3-522-17257-8 als HC
Das Netz der Schattenspiele, ISBN 978-3-551-35323-8 als PB
Kreis der Dämmerung I, ISBN 978-340415318
Kreis der Dämmerung II, ISBN 978-3522173353
Kreis der Dämmerung III, ISBN 978-3522174015
Kreis der Dämmerung IV, ISBN 978-3-522-17474-9

 

16 Kommentare zu “Ralf Isau – interviewt von Werner Karl”

  1. Corinna Klebe sagt:

    Tolles Interview und so schön lang und ausführlich! Genial! Mehr von sowas, sfbasar!

  2. Corinna Klebe sagt:

    Warum gibt es eigentlich so wenige Buchkritiken auf sfbasar und buchrezicenter? Kann nicht mal einer der vielen Kritikern sich diesem Autor widmen? Wäre doch bestimmt toll, oder?

  3. Corinna Klebe sagt:

    Bei dem Bestellink: “Kreis der Dämmerung I, ISBN 978-340415318″ scheint sich ein Fehler eingeschlichen zu haben!

  4. Galaxykarl sagt:

    Jou, da war der kleine Fehlerteufel wieder am Werk; hab´s korrigiert. Danke für den Hinweis.

    mgg
    galaxykarl ;-)

  5. Helmut Brenner sagt:

    Geniales Interview! Da muß man wirklich den Hut vor ziehen, da können sich manche Seiten eine Scheibe abschneiden! Weiter so! Wie heißt der nächste Interviewpartner? :)

  6. Galaxykarl sagt:

    Wahrscheinlich Nicole Steyer …

    mgg
    galaxykarl ;-)

  7. Martina Möchel sagt:

    Wir sind alle gespannt!

  8. Irene Schmidt sagt:

    Gut gemacht! :o

  9. Galaxykarl sagt:

    Ihr treibt mir schon wieder die Röte ins Gesicht … Ich hab doch nur dumm gefragt und Herr Isau hat intelligent geantwortet. Ist doch einfach.

    mgg
    galaxykarl ;-)

  10. Micha sagt:

    Solche Interviews mag ich :D .

    Zu meiner Schande muss ich gestehen, noch nie etwas von Ralf Isau gehört zu haben, aber ich werde mir gleich mal seine Titel anschauen.

  11. Galaxykarl sagt:

    Womit unsere Hoffnung Früchte trägt. Denn wir machen das ja nicht nur aus Jux und Tollerei, hahaha.

    mgg
    galaxykarl ;-)

  12. Corinna Klebe sagt:

    Stimmt, Interviews sind ein schöner Weg neue Autoren zu entdecken! :)

  13. Micha sagt:

    (…) Das ist ein Roman, wo ich mir vorgenommen hab´, das ein „daß“ mit Esszett, heute würde man sagen mit Doppel-s, dass es das in diesem Buch nicht geben darf. (…)

    Wieso, ist das schlechter Stil? Habe ich nie so empfunden, außer, wenn es zu häufig vorkommt. Aber das ist mit allen Konstruktionen so.

    Habt ihr davon schon gehört?

  14. Sandra sagt:

    Tolles Interview, sehr ausführlich!
    Aber man merkt, dass der Interviewer Spaß hatte, oder?

  15. Galaxykarl sagt:

    @Micha
    Nene, das ist kein schlechter Stil, “Esszett” zu verwenden – oder eben nicht -, sondern Herr Isau wollte einfach mal durch diesen Kniff dem Buch einen gewissen Klang geben. Solche sprachliche Experimente/Ideen/Stile können einen ganz eigenen Ton annehmen, der sich aus der Masse der Texte hervorhebt.

    @Sandra
    Ja, Interviews machen live sicher Spaß, sind aber 3x soviel Arbeit: Das Band abhören, x-mal zurückspulen, abtippen, dem Autor zur Freigabe schicken und erst danach online stellen. Ein Email-Interview ist da deutlich entspannter. Man (ich) hat seine Fragen erstellt und schickt sie dem Autor, der antwortet, fertig.

    Es ist allerdings schwer, langjährigen Autoren Fragen zu stellen, die sie nicht schon zig-mal beantwortet haben. Und die Gefahr sie zu langweilen ist immer gegeben. Ich bemühe mich wirklich, mich auf den/die Autor/in einzustellen, die persönliche Karriere/Schaffenswerk zu berücksichtigen und nicht immer die gleichen Fragen zu stellen.

    Bei Aileen/Stephan war es der Reiz, ein Ehepaar im gleichen Genre zu befragen.
    Bei Lea Korte war es ein Genre, dass nicht eines “meiner” Genre war und ist.
    Bei Hubert Haensel tat ich mir leicht, da ich als alter PR-Fan da ohnehin hunderte Fragen hätte stellen können.
    Bei Ralf Isau wars die Tatsache, das er Phantastik für verschiedene Zielgruppen (Kinder, Jugendliche, Erwachsene) schreibt.

    Ich werde darauf achten, auch zukünftige Autoren nach solchen Kriterien auszusuchen. Denn ich möchte nicht, das jedes Interview irgendwie gleich (langweilig) klingt. An dieser Stelle möchte ich hier mal erwähnen, dass ich ja kein gelernter Journalist bin, der hier mit allen Wassern gewaschen ist. Ich bin (und hoffe, man nimmt mir das ab) ein ganz normaler …
    Wahnsinniger …
    Bücherwurm …
    Autor …
    Optimist …
    “realistischer Phantast” (so hat man mich tatsächlich mal betitelt)
    also ein ganz normaler Mensch ;-) )))))))))))))

    Mit galaktischen Grüßen
    galaxykarl

    P.S. Ach ja, Galaktiker bin ich auch noch ;-)

  16. sfbasar.de » Blog Archiv » Autorenporträt Werner Karl sagt:

    [...] auch wenn es etwas gruslig ist. Jon Interviews 2011 H Haensel, Hubert – Perry-Rhodan-Autor I Isau, Ralf K Korte, Lea R Roberts, Aileen P. und Lössl, Stephan S Steyer, [...]

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