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NOTIZEN EINER VERLORENEN – Leseprobe (Teil 2) aus dem gleichnamigen Roman von Heike Vullriede

NOTIZEN EINER VERLORENEN

Leseprobe (Teil 2) aus dem gleichnamigen Roman

von

Heike Vullriede

Ich nippte mein Glas leer, während Alex mit dem Finger auf ein paar Leute zeigte. »Sieh mal, unser Kevin!«

Kevin hockte mit zwei jungen Männern zusammen und studierte ein großes Blatt Papier.

»Sie schmieden heimlich Pläne«, zwinkerte Alex mir zu.

»Was denn für Pläne?«

»Ach komm schon, tue doch nicht so!« Er stieß mich kumpelhaft mit dem Ellenbogen an. Dann rief er quer durch den Saal: »Nein, wirklich edel sind hier nicht alle im Verein. Es hat schon Leute gegeben, die anderen die Ideen geklaut haben!«

Augenblicklich fixierten uns sämtliche Augenpaare. Diesmal nicht sonderlich wohlwollend.

»Na, Alex! Was soll denn das heißen?«, mahnte Franziska, die ganz in der Nähe stand und offensichtlich auf Harmonie bedacht war.

»Aber sonst«, vertraute Alex mir an, »sind wir ein ganz normaler Haufen von Spinnern.«

»Ich dachte, Spinner dürfte ich nicht einmal denken?«, bemerkte ich nicht ohne Unterton.

»Als du meine Gemälde gesehen hast, was hast du da gedacht?«

»Jedenfalls nicht Spinner! In den geplatzten Köpfen fand ich mich durchaus wieder.«

»Dich? Interessant! Die Migräne?«

»Ich weiß nicht, was du dir unter Migräne vorstellst. Hier geht es um Attacken, während derer man seinen Kopf gegen die Wand schlagen möchte.«

Er sah irgendwie erwartungsvoll aus, fragte aber nicht weiter nach.

»Mit so etwas kann man genauso hierher gelangen, wie Jens mit seiner Depression«, erklärte ich.

»Um was zu tun?« Er wartete.

»Na was? Suizid! Ihr seid doch so eine Art Suizidhelfer, oder?«

»Ich wusste es doch! Die kleine Sarah weiß ganz genau, worum es hier geht.«

Larissa, Franziska und vier weitere Mitglieder, kaum ein paar Meter von uns entfernt, horchten erneut auf und schlenderten jetzt neugierig zu uns herüber.

»Sie weiß, worum es uns geht?« Franziska wirkte besorgt.

»Sag es doch!«, drängte Alex. Er stieß mich an.

»Suizid?«, sagte ich.

Sie blickten einander wortlos an. Ich wollte es Alex ja gerne recht machen mit meinen Antworten, doch im Grunde wusste ich ja nichts weiter von ihnen, als das, was sie mir selbst erzählt hatten. Ich hatte auch nicht Suizidhelfer gemeint, sondern Helfer für Suizidgefährdete.

»Und sie kann uns durchaus verstehen, nicht wahr? Erzähl ihnen von deiner Migräne!«

»Was soll ich denn da erzählen?«

Es war mir peinlich, dass sie mich jetzt alle anstarrten.

»Vielleicht den Vergleich mit den geplatzten Köpfen?«, forderte Alex mich auf und er grinste Franziska triumphierend an.

»Naja, das kann man eigentlich nur verstehen, wenn man es selbst erlebt hat. An manchen Tagen denke ich durchaus, ich halte die Qual in diesem Leben nicht mehr aus!«

Leider gesellte sich nun auch Buchheim zu uns, wahrscheinlich angelockt von der kleinen Traube von Neugierigen um mich herum.

»Jens hat doch mit ihr gesprochen«, Alex legte seine Hand auf meine Schulter. »nicht wahr?«

Ich geriet immer mehr in Bedrängnis. Alle, einschließlich Buchheim und Marc, forderten nun stumm eine Antwort auf Alexanders Behauptung. Was sollte Jens mir schon anvertraut haben? War es nur eine Prüfung herauszufinden, ob ich überhaupt etwas wusste? Ich hatte nicht die geringste Ahnung. Alexander aber sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen und zusammengepressten Lippen so zuversichtlich an, dass ich endgültig das Gefühl bekam, meine heimliche Liebe nicht enttäuschen zu dürfen. Aus irgendeinem Grund wollte er mich unbedingt im Haus der Verlorenen sehen. Den Pullover der Verlorenen trug ich ja schon. Besonders aber Marcs ablehnende Haltung hinter dem Tresen provozierte mich, weiter mitzuspielen. Es wäre auch die Gelegenheit gewesen, mehr über Jens‘ Leben kurz vor seinem Tod zu erfahren und vor allem sehr viel mehr über Alexander. Und ja, verdammt noch mal, ich wollte gerne dazugehören!

Im Grunde war es nur ein kleines gelogenes Zugeständnis, das ich aussprach, ohne mir die Konsequenzen auszumalen.

»Ja stimmt, Jens hat mir vor seinem Tod so manches über das Haus der Verlorenen anvertraut, was niemand sonst erfahren sollte.«

Mehr sagte ich gar nicht. Welchen Umfang mein Wissen hatte, malten sie sich doch selbst aus, und dass es derartig gefährlich für sie sein könnte, um mich der Vorsicht halber für immer an sie zu binden, konnte ich mir wiederum nicht vorstellen.

Buchheim versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, doch seine Anspannung konnte er nicht verleugnen. Es gefiel mir, zu sehen, wie seine Stirn mit den Geheimratsecken zu schwitzen begann. Gleichzeitig beunruhigte mich sein Schwitzen, weil ich das Geheimnis fürchtete, das sich hinter dieser glänzenden Stirn verbarg.

»Was genau hat er Ihnen denn nun anvertraut? Kommen Sie mal zur Sache!« Buchheim wurde ungeduldig.

Ich hoffte, dass die Röte meiner Haut mich nicht verraten würde.

»Nun ja …« Es sollte geheimnisvoll wissend klingen. »… er redete mit mir über … seinen Plan.«

Marc horchte auf. Er glaubte mir nicht, ich sah es sofort.

»Wann soll er dir das denn erzählt haben? Du bist doch auf seinen Plan genauso hereingefallen, wie ich.«

»Ich sprach ihn im Krankenhaus – bevor er starb.«

Ich wusste genau, dass Marc ihn nicht vor mir im Krankenhaus besucht hatte.

Er schüttelte ungläubig den Kopf.

»Ich hatte bisher nicht den Eindruck, dass du mehr vom Haus der Verlorenen wusstest als ich.«

Marc ließ nicht locker. Ich versuchte, meine Begründung so allgemein wie möglich zu halten. Noch mit genügend Andeutungen, dass ich etwas wissen könnte, aber auch nicht zu viel, um mich nicht in Lügen zu verstricken.

»Ehrlich gesagt, war ich auch nicht sicher, ob ich das glauben konnte, was Jens mir da erzählte. Es glich eher einer Beichte. Wovon ich rede, wisst ihr hier doch ganz genau!«

Wenn Buchheim jetzt nach dem genauen Wortlaut von Jens‘ angeblicher Beichte gefragt hätte, wäre ich entlarvt gewesen, denn im Lügen war ich noch nie gut gewesen. Doch er stellte eine andere Frage. »Und wie stehen Sie zu den Zielen unseres Vereins?«

Nun war ich ungewollt doch gefangen in einem Lügenkonstrukt.

»Ich …« Was sollte ich sagen? Ich kannte ihre Ziele nicht. »… ich finde sie gut.«

Alexander legte vereinnahmend seinen Arm um mich. Ich sah zu ihm hoch und fand ihn erfreut in die übrigen Gesichter lachen.

»Ich sage doch die ganze Zeit: Sie denkt wie wir! Ist es nicht so?«

Leise räusperte ich mich. »Ja, schon.«

Ich schaffte es nicht, mich da herauszuwinden. Scheinbar reichten ja meine Anspielungen aus, alles in ihnen zu vermuten. Fast hätte ich mir gewünscht, sie hätten mich doch enttarnt und dem Ganzen ein schnelles Ende gemacht.

»Nun, Frau Look …« Buchheim holte tief Luft. Seine Stirn glänzte noch immer. »Alexander und ich hätten Sie nicht eingeladen, wenn wir nicht etwas in der Richtung erwartet hätten. In diesem Sinne ist es sicher das Beste, Sie als Mitglied in unsere Gemeinschaft aufzunehmen, damit Sie in die Rechte, aber vor allem auch in die Pflichten des Hauses eingeweiht werden. Wir werden den heutigen Abend dazu nutzen, mit den anderen Mitgliedern Ihren Fall zu diskutieren. Dazu können wir Sie jedoch leider nicht einladen, wie Sie sicher verstehen werden.«

Ich verstand nicht wirklich, fügte mich aber allem, was sie meinten und war nur froh, meine Ruhe zu haben. Alexander drückte mich mehr als zufrieden an sich, was ich leider nicht so genießen konnte, wie ich es unter anderen Umständen getan hätte. Im Grunde fühlte ich mich wie seine Marionette.

Er brachte mich mit seinem Wagen nach Hause.

»Du wirst sehen, wir werden eine gute Zeit miteinander verbringen«, schwärmte er. »Und du wirst sehr interessante Leute und Schicksale kennenlernen. Aber das kannst du dir ja denken, nicht wahr? Jens hat dir ja alles gebeichtet.«

Er sagte das mit einer seltsamen Betonung. Glaubte er mir etwa nicht? Warum hatte er mich dann so bedrängt, es zu sagen?

Zum Abschied tat er das, wonach ich mich gesehnt hatte. Er küsste meine Lippen, weich, warm … und kurz. Es war mehr der Hauch eines Kusses, aber es war ein Kuss, der meine letzten Bedenken dahin schmelzen ließ. Alleine das, fand ich, war meine Lüge wert. (…)

(wird fortgesetzt!)

Copyright (C) 2013 by LUZIFER-Verlag. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autoren und des LUZIFER-Verlages

Wer wissen möchte, wie die Geschichte weitergeht, erfährt dies in folgendem Buch der Autorin:

Vullriede, Heike
Notizen einer Verlorenen

Verlag :      Luzifer-Verlag
ISBN :      978-3-943408-22-5
Einband :      Englisch Broschur
Preisinfo :      12,99 Eur[D] / 13,99 Eur[A] / 17,25 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung.
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 10.11.2013
Seiten/Umfang :      ca. 264 S. – 20,5 x 12,0 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Produktform (detailliert) :      Geklebt
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 28.11.2013
Erstverkaufstag :         28.11.2013
Gewicht :      300 g

KLAPPENTEXT
Im dämmrigen Licht alter Petroleumlampen in einer verlassenen Scheune entdeckt ein Unbekannter die Leiche von Sarah. Fliegen schwirren um ihren Kopf, der unter der Last eines schweren Ofens – Teil einer bizarren Maschinerie – zerquetscht wurde. Unter ihrem Körper findet sich ein rotes Notizbuch. Es enthält Aufzeichnungen der letzten Wochen ihres jungen Lebens: die Notizen einer Verlorenen …

Nach ihrem erfolgreichen Debüt DER TOD KANN MICH NICHT MEHR ÜBERRASCHEN entführt Heike Vullriede in den NOTIZEN EINER VERLORENEN ihre Leser in eine bizarre Welt, wie sie in Ihrer – ja, auch IHRER – Nachbarschaft bestehen könnte. Mit leisen Tönen umschreibt sie das Unfassbare … spannend, ergreifend – und realistisch.

AUTORIN
Heike Vullriede wurde 1960 in Essen geboren und lebte 47 Jahre im ‚Pott‘. Seit 2008 wohnt sie im münsterländischen Reken und ist Mitglied in der Autorinnenvereinigung e.V. sowie der Künstlervereinigung Rekener Farbmühle e.V. Sie ist verheiratet und Mutter von drei Kindern.
Ihr Debüt-Roman „Der Tod kann mich nicht mehr überraschen“ erschien im Sommer 2012 im LUZIFER-Verlag Steffen Janssen. 2013 folgte mit „Notizen einer Verlorenen“ ein weiterer spannender Roman im selben Verlag.

Geschichten zieht sie an wie Kleider, die so eng sitzen, dass sie sich kaum wieder ablegen lassen. Auf ihrer Internetseite www.Heike-Vullriede.de veröffentlicht sie Texte, die, genau wie ihre Seele, mal gewichtig und mal federleicht sind. Das Leben hält sie für einen Traum von Gestern und Morgen, aus dem man nur schwer zur Gegenwart findet.

hausderverlorenen.de ist die Internetseite zum Roman Notizen einer Verlorenen. Dort gibt es Bonus zum Buch: Einige Bilder aus Alex’ Atelier zum Beispiel. Und Sarahs Jugendtagebuch. Hier erfahrt man mehr über Sarahs Vergangenheit. Der zweite Teil ihres Tagebuchs wird bald veröffentlicht!

Als Initiatorin von www.LitBorken.de geht sie auf literarische Spurensuche im Kreis Borken und Umgebung.

Titel erhältlich bei Amazon.de
Titel erhältlich bei Buch 24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de
Titel erhältlich bei eBook.de

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Updated: 4. Dezember 2014 — 13:32

2 Comments

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  1. Ich weiss schon, warum ich mich von solchen Leuten und auch Menschen, die in Psychatrien einsitzen und auch dort arebiten, fernhalte. Ich will etwas menschenbejaendes lesen, nicht so einen kranken Hirnschiß. Also wirklich! Warum muß sich jemand, der offensichtlich schreiben kann, mit so einem Thema beschäftigen. Werd ich nie verstehen.

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